Chapter 13: Chapter 13
Die Augustluft stand dick und schwer über Oberhausen, ein tiefes Brummen von Autobahn und Hitze. In Simons Zimmer hatte sich eine neue Art von Stille eingenistet, staubig und akzeptiert. Er funktionierte: Arbeit, Essen, gelegentliche Familiengespräche. Alles andere war zugeschüttet. Der Gebrauch von Lina war vergilbt, sein Handy nur noch ein Apparat für Absprachen.
Dann, an einem Freitagabend, kurz nach seinem Auftritt, brach das Schweigen.
Finn: Abenteuer heute? Hab was Besonderes besorgt. Nicht nur weißes Zeug. Den ganzen Cocktail.
Simon hielt das Telefon in der Hand, spürte das vertraute Zucken in seinem Unterleib. Er antwortete nicht sofort. Er ging in den Garten, wo Alex mit einer Gießkanne hantierte.
„Du zuckst,“ sagte Alex, ohne sich umzudrehen. „Weniger denn je, aber manchmal zuckst du doch.“
Simon lehnte an der Tür. „Ich geh vielleicht raus.“
„Mit wem?“
„Mit Finn.“ Der Name hing lautlos in der Luft.
Alex stellte die Gießkanne ab. Sein Gesicht war ruhig, aber angespannt. „Der Typ mit dem Kreuz auf der Schulter.“
„Woher willst du…?“ Simons Stimme brach ab. Er hatte nie ein Detail erzählt.
„Leon hat mal nach dir gesucht. Als du so... verschwunden warst. Irgendwann vor Monaten. Er sah dich in die Wohnung von dem Jungen gehen. Hat recherchiert.“
Die Welt kippte leicht. Er war nie unsichtbar gewesen.
„Geh nicht,“ sagte Alex einfach. Es war keine Forderung. Es war eine Tatsache, wie ein Stück Tisch.
Aber genau das war der Auslöser. Das Bedürfnis, alles zu durchbrechen, war größer als die Hoffnung, sich zu halten. „Ich muss,“ sagte Simon. Die Worte fielen schwer. Er holte seine Jacke.
Finns Wohnung roch anders: nach abgestandenem Bier, süßlichem Rauch und etwas Chemischem, das an Nagellackentferner erinnerte. Auf dem Wohnzimmertisch stand eine wahre Apotheke: eine Flasche billiger Wodka, daneben leere Bierflaschen, ein kleines Plastikröhrchen mit zwei dunkelroten Pillen, der bekannte Spiegel mit weißen Linien und etwas Neues, ein kleines Glasfläschchen mit einer klaren Flüssigkeit. Der Fernseher lief stumm, eine grelle Musikshow flackerte vor sich hin.
„Endlich,“ grinste Finn. Sein Gesicht war schmaler geworden, seine Augen lagen tiefer. Er trug nur Jogginghosen, die Schweißflecken unter den Achseln waren dunkel. „Wir machen heute eine Rundreise, Kumpel.“
Simon starrte auf die Auslage. „Was ist das?“ Er deutete auf die Pillen und das Fläschchen.
„Die roten Dinger sind Pilze. Synthetisch oder so. Kicken richtig rein. Und das hier,“ er schüttelte das Fläschchen, „ist G, Verflüssigung. Macht dich weich wie Gummi und geil wie ein Ferkel. Besorgen wir später noch die Hauptshow.“ Er griff zur Wodkaflasche, schraubte den Deckel ab und hielt sie Simon hin. „Erst mal ein Fundament. Trink.“
Es war kein Glas. Simon setzte die Flasche an die Lippen. Der Wodka brannte wie Feuer den Rachen hinunter, hinterließ einen öligen Pfad in seinem Magen. Er würgte, trank wieder. Finn riss ihm die Flasche aus der Hand und trank lange, dann stellte er sie krachend auf den Tisch.„So. Jetzt erst mal die Nase putzen.“ Er klatschte den Spiegel hin.
Die Linien waren dick und sauber gezogen. Simon, den Wodka bereits in den Schläfen pochend spürend, beugte sich vor. Das scharfe Ziehen, der metallische Geschmack. Ein sofortiger, eiskalter Energieschub durchfuhr ihn, der den Alkohol wie Nebel beiseite schob. Alles wurde scharf, zu scharf. Die Farben des Fernsehers schrien.
„Gut, oder?“ Finn schniefte seine eigenen Linien, rieb sich dann die Nase. „Jetzt die Pille. Nimm. Für die Reise.“
Simon schluckte die rote Pille trocken. Sie blieb wie ein Klumpen in seiner Speiseröhre stecken. Finn schluckte seine ebenfalls, dann griff er zu den Bierflaschen. „Spülung. Runter damit.“
Sie tranken Bier im Stehen, schweigend, während das Koks ihre Kiefer mahlen ließ. Dann begann es. Zuerst nur ein Kribbeln in den Fingerspitzen. Dann änderte sich die Lichtqualität im Raum. Die Wände schienen zu atmen, sich leicht zu dehnen und zu schrumpfen. Die Musik auf dem stummen Fernseher begann, sich in farbigen Wirbeln zu manifestieren, die aus dem Bildschirm wogten.
„Fuck,“ sagte Simon und lachte, ein überraschter, glasiger Klang. „Die Welle...“
„Siehst du?“ Finns Stimme klang weit weg und ganz nah. Seine Züge flossen, wurden zu einem fleischigen, sich bewegenden Gemälde. „Jetzt kommt das G.“
Finn füllte eine winzige Plastikspritze aus dem Fläschchen, tropfte ein paar Tropfen der klaren Flüssigkeit auf Simons Handrücken. „Leck es ab. Vorsichtig.“
Simon führte seine Hand zum Mund. Der Geschmack war salzig, scheußlich. Kaum hatte er ihn geschluckt, breitete sich eine warme, schwere Wolke in seinem Körper aus. Die scharfen Kanten des Koks wurden weich, der optische Rausch wurde sanfter, weicher. Eine tiefe, idiotische Glückseligkeit übermannte ihn. Er sackte in das alte Sofa, fühlte sich an wie geschmolzenes Wachs.
Finn war plötzlich neben ihm, seine Hand auf Simons Oberschenkel. „Geil, oder? Jetzt bist du schön locker.“ Seine Stimme war sirrend. Auch bei Finn glätteten sich die Züge, eine alberne Zufriedenheit stand in seinem Gesicht. Er zog Simon hoch. „Tanz mit mir.“
Es gab keine Musik, nur das Summen in ihren Köpfen. Sie wankten, ineinander verhakt, durch das Wohnzimmer, stießen gegen Möbel, lachten über nichts. Dann drückte Finn ihn gegen die Wand, sein Atem roch nach Wodka und Chemie. „Ich will dich,“ sagte er, aber seine Worte waren schleppend, fast sanft. „Ganz weich bist du jetzt. Ganz offen.“
Finns Mund war auf seinem, feucht und ungeschickt. Seine Hände zogen an Simons Hose. Simon half ihm, war in einer rosa Wattewolke der Euphorie gefangen. Seine Hose rutschte zu Boden. Die Kälte der Luft auf seiner Haut fühlte sich wie fließendes Wasser an. Finn ging vor ihm in die Knie, nahm seinen bereits halbsteifen Schwanz in den Mund. Die Umhüllung war warm, aber Simons Empfindungen waren gedämpft, als ob Watte zwischen ihm und der Welt läge. Der rhythmische Sog fühlte sich fremd und beruhigend an. Er starrte auf Finns Haare, die sich zu einem sich drehenden, sich verändernden Biest zu verwandeln schienen.
Dann stand Finn auf, zog seine eigene Jogginghose aus. „Dreh dich um,“ murmelte er. „Zeig mir deinen Arsch.“
Simon drehte sich gehorsam um, lehnte die Stirn gegen die vibrierende Wand. Die Risse in der Tapete wurden zu tiefen Canyons, zu zerklüfteten Landschaften, die zu summen begannen. Finn spuckte in seine Hand, schmierte sich damit ein. Dann spürte Simon die plumpe, feuchte Druck seines Schwanzes gegen sein Loch.
Die G- und Pilz-Kombination hatte seinen Körper zu Pudding gemacht. Es gab keinen Schmerz, nur ein tiefes, unendliches Nachgeben. Finn drang mit einem einzigen, langen, gleitenden Stoß ein. Simon stieß einen langen, gelassenen Seufzer aus. Er war voll. Er war ein Gefäß.
„Oh ja... so weich... du saugst mich ganz rein,“ stöhnte Finn und begann sich zu bewegen. Seine Stöße waren schwerfällig, langsam, fast wie im Zeitlupentempo. Simon spürte jede Bewegung als wabernde Welle in seinem aufgeweichten Körper. Der Raum drehte sich um sie herum. Der Fernseher wurde zu einer Sonne, die farbige, schmelzende Lava ausspuckte.
„Fick mich... füll mich...“ murmelte Simon in die wand. Die Worte waren keine Erregung, sondern eine dunkle, bestätigende Zauberformel.
Finns Bewegungen wurden schneller, seine Atemzüge keuchten. Seine Finger gruben sich in Simons Hüften. „Ich sehe Farben... wenn ich dich ficke...“ Sein Kopf schwankte. Plötzlich zog er sich ruckartig heraus. „Scheiße... mir wird... komisch.“
Er taumelte zurück, stolperte über seine eigenen Füße und fiel schwer auf den Rücken. Sein Schwanz, schlaff und nass, lag auf seinem Bauch. Er starrte an die Decke, wo sich nun auch die Risse zu bewegen schienen. „Die Decke... sie atmet...“
Alles drehte sich. Simons Beine gaben nach. Er rutschte die Wand hinunter, landete auf dem staubigen Boden. Die anfängliche Euphorie kippte langsam. Das große, weiche Wohlgefühl des G wurde klebrig, unbequem. Die halluzinogenen Muster an den Wänden wurden fressend, bedrohlich. Das Lächeln auf Finns Gesicht wurde zu einer Fratze, die sich zu einem angstvollen Kreis verzog.
„Finn,“ murmelte Simon. Seine Zunge fühlte sich an wie ein Fremdkörper. „Mir ist kalt.“
Die Bilder jagten sich nun, nicht mehr lustig, sondern bedrohlich. Leon und Alex erschienen als entstellte, anklagende Schatten in den Tapetenmustern. Lina schrie ihm leise in die Ohren. Der Boden unter ihm fühlte sich an wie Schlamm, der langsam über ihn hinwegschwappte.
„Ich kann nicht... atmen... richtig,“ rang Finn aus seinem Stocken heraus. Seine Augen waren starr vor Panik, weit aufgerissen. Er versuchte sich aufzusetzen, fiel zurück. Er begann zu zittern, feine, heftige Zuckungen durchliefen seinen Körper. Eine Reihe von unfreiwilligen Tönen entfuhr ihm, ein gurgelndes Keuchen.
Das ist nicht gut. Der Gedanke durchschnitt Simons wolligen Kopf wie eine scharfe Glasscherbe. Er robbte auf allen vieren über den schmutzigen Boden zu Finn. Das Zimmer neigte sich, als wäre es auf einem Schiff in einem Sturm. Er legte eine Hand auf Finns Brust. Sein Herz hämmerte wie verrückt, ein schneller, unregelmäßiger Trommelwirbel.
„Bist... du okay?“ Die Worte waren schlammig.
Finn antwortete nicht. Sein Blick war nach innen gerichtet, auf eine private Hölle. Sein Zittern wurde schlimmer. Dann krümmte er sich abrupt zur Seite und erbrach sich. Ein Strahl aus halbverdautem Bier, Wodka und schleimigem Magensaft schoss aus ihm heraus und spritzte auf den Teppich. Der saure, widerliche Geruch füllte Simons Sinne und schien das letzte bisschen Raumgefühl in ihm zu zerstören. Selbst das Koks jetzt nur noch ein scharfes Angstsignal im Hintergrund seines Denkens.
„Finn!“ Simon schrie es, aber es klang nur wie ein Flüstern. Mit letzter Willenskraft kroch er zum Wohnzimmertisch, wo sein Handy lag. Er packte es, die Zahlen auf dem Display tanzten vor seinen Augen. Er drückte auf den Notruf.112.
Eine Stimme antwortete. Sie klang metallisch, künstlich. „Notruf, was ist Ihr Notfall?“
„Mein Freund... er zittert... hat gefressen... wir haben genommen... verschiedene Sachen... Wodka, Koks, Pilze, GHB... bitte...“ Er würgte die Adresse heraus.
Die Stimme am anderen Ende blieb ruhig, gab Anweisungen. Simon verstand sie nicht. Er ließ das Telefon zu Boden fallen. Das Summen in seinem Kopf war nun ein Dröhnen. Er kroch zurück zu Finn, der nun still dalag, keuchend, weiße Schaumbläschen in seinen Mundwinkeln. Seine Augen waren nach oben gerollt, zeigten nur das Weiße. Sein kahler Bauch, fleckig von Erbrochenem, hob sich in unnatürlich schnellen, flachen Stößen.
Simon kniete neben ihm. Die Wand farben und Muster vereinten sich zu einem einzigen, wirbelnden Strudel, der direkt in Finns offenen Mund zu fließen schien. Ein Loch. Er starrte hinein. Das Dröhnen wurde laut, alles andere hörte auf. Die letzten Dinge, die Simon wahrnahm, waren das bläuliche Flackern des stummen Fernsehers über ihnen, der immer noch seine farbige Lava spuckte, und das gedämpfte Hupen der Sirenen, die von sehr weit weg zu kommen schienen, durch Watte und Meerwasser.
Dann löste sich alles auf in ein hochfrequentes, elektrisches Weiß.
Dann löste sich alles auf in ein hochfrequentes, elektrisches Weiß.
Es gab keine Dunkelheit, nur diese lückenlose, blendende Helligkeit. Sie währte endlos. Aus ihr tauchten stückweise, grell beleuchtete Fragmente auf: ein fluoreszierender Krankenhausflur, durch den er auf einer Bahre gerollt wurde, das Gummiknattern von Reifen auf Asphalt, das verzerrte Gesicht eines Sanitäters mit weit aufgerissenen Lippen, der keine Laute hervorbrachte. Dann nichts. Dann wieder das Weiß.
Sein nächster kohärenter Gedanke kam gefangen im Rhythmus eines langsam piependen Monitors. Ein harter, plastikbeschichteter Widerstand lag unter seiner Zunge. Seine Augenhinter schmerzten vor großer Müdigkeit. Er zwang die Lider auf. Ein klinisch heller Raum, schmale Plastikjalousien ließen Streifenlicht herein. Eine Infusion hing an einem Ständer, ihr Schlauch mündete in seinem Handrücken, fixiert mit weißem Klebeband.
Neben dem Bett, in einem engen Besucherstuhl, saß Alex. Er hielt nicht seine Hand. Er sah nicht einmal auf. Sein Blick war auf einen Punkt auf der weißen Wand gerichtet, seine Gesichtszüge waren zu einer unbewegten, gehärteten Maske geglättet. Er atmete tief und sehr langsam, als würde er an einem Abgrund balancieren.
„Al…,“ Simon kratzte den Namen aus seinem ausgedörrten Hals.
Alex drehte den Kopf. Seine Augen waren die einzigen lebenden Dinge in seinem Gesicht, zwei tiefe, ausgebrannte Krater.„Simon.“ Sein Ton war flach. „Du bist aufwacht. Gut.“
Die Tür öffnete sich, ein junger Arzt im weißen Kittel kam herein, überflog die Patientenakte auf einem Tablet. „Ah, der Patient ist wach. Das ist ein Anfang.“ Er trat ans Bett, leuchtete Simon mit einer Taschenlampe in die Pupillen. „Sie hatten eine ziemlich bunte Mischung im System, junger Mann. Sie und ihr Freund. Man könnte fast von einem russischen Roulette mit Substanzen sprechen.“
„Finn,“ sagte Simon, und die Silbe fühlte sich an wie Schiefer in seinem Mund.„Wo ist…?“
Der Arzt sah ihn über den Rand des Tablets an. Sein Ausdruck wurde kühler, professionell distanziert. „Ihr Freund wurde in die Universitätsklinik Essen verlegt. Seine Situation war… kritischer. Multiorganversagen, ausgelöst durch die toxische Mischung. Er liegt im künstlichen Koma. Die Prognose ist ungewiss.“ Er klappte das Tablet zu. „Sie hatten schlichtweg Glück. Ihr Körper hat die Kombination halbwegs toleriert. Sie bleiben noch ein, zwei Tage zur Überwachung. Dann entlassen wir Sie.“ Seine Augen gingen zu Alex, dann zurück zu Simon. „Es gibt einen Polizeibeamten draußen. Der möchte eine Aussage. Wenn Sie soweit sind.“
Simon nickte mechanisch. Der Arzt verließ den Raum. Die Stille, die er hinterließ, war schwerer als jede Beruhigungsspritze.
„Leon telefoniert unten,“ sagte Alex endlich, seine Worte kühl und genau gesetzt. „Er organisiert. Er spricht mit der Polizei, mit dem Vermieter von diesem Jungen, vielleicht auch bald mit seinen Eltern. Er ist der, der alles in Ordnung bringen kann. So macht er das.“ Er schluckte. „Ich kann das gerade nicht. Ich sitze einfach hier und versuche, nicht zu denken. Weil wenn ich denke, denke ich daran, wie ich dir die Tür aufhalte. Wie ich immer wusste, dass du hingehst. Und ich habe nicht die Worte gefunden, die dich aufhalten konnten. Keine Worte, keine Türen.“ Er stand auf, ging zum Fenster, starrte auf die heruntergelassenen Jalousien. Seine Schultern zuckten ein einziges Mal, stumm.
„Es tut mir leid,“ flüsterte Simon. Die Worte waren so winzig, so bedeutungslos gegen das, was in Alex’ Rückenlinie stand.
„Das Wort ist leer geworden, Simon. Es gilt nicht mehr.“ Alex drehte sich nicht um. „Wir werden dich mit nach Hause nehmen. Das steht fest. Aber was danach kommt… das weiß ich nicht. Wir können nicht… ich kann nicht noch einmal neben dir sitzen und auf dein Sterben warten.“ Er öffnete die Tür. „Ich hole jetzt Leon. Und den Polizisten.“
Die Vernehmung war eine Farce. Ein junger, sehr ernster Beamter stellte Fragen in einem leisen, sachlichen Ton. Simon antwortete mit Ein-Wort-Sätzen: Finn.Ja. Wodka. Koks. Pillen. GHB. Nein, kein Dealer. Eigenbedarf. Nein, mir wurde nichts aufgezwungen. Der Beamte notierte, nickte. „Sie waren nahe dran, sich selbst und einen anderen umzubringen. Mit Glück bleibt es bei schwerer Körperverletzung, falls Ihr Freund überlebt.“
Simon blickte auf seine eigene, eingeschüchterte Hand. Der Beamte klappte sein Notizbuch zu. „Wir werden das einstellen, mangels öffentlichen Interesses. Sie sind offenbar selbst das größte Opfer. Sorgen Sie dafür, dass das so bleibt.“
Leon war an diesem Abend die praktische Stütze. Er packte Simons wenige Sachen ein, hörte die Entlassungsanweisungen der Schwester an, füllte Rezept für Beruhigungstabletten aus, die Simon nie einnehmen würde. Im Auto saß Simon auf dem Rücksitz wie ein Packgut. Die Straßen von Oberhausen glitten lautlos vorbei. Keiner sprach.
Zu Hause roch es nach Desinfektionsmittel und frisch gewaschenen Handtüchern. „Du gehst direkt unter die Dusche,“ sagte Leon, nicht unfreundlich, aber mit einer Endgültigkeit, die keinen Widerspruch duldete. „Alles, was du anhast, kommt in die Tonne.“
Simon stand lange unter dem heißen Strahl, schrubbte seine Haut, bis sie rot und brennend war. Er konnte den Geruch nicht abwaschen, diesen süßlich-chemischen Hauch von Angst und Erbrochenem, der tief in seine Nasennebenhöhlen eingebrannt schien. Er zog frische Kleidung an, die auf seinem Bett bereitlag.
Als er in die Küche kam, saßen Alex und Leon am Tisch. Vor ihnen standen zwei volle Weingläser. Kein drittes. Leon nahm einen großen Schluck, stellte das Glas hart ab. „So. Wir reden jetzt. Endlich.“
Alex blickte starr auf seine eigenen Hände.
„Die Sache mit dem Mädchen, Lina, das haben wir halbwegs verstanden,“ begann Leon, seine Stimme war ruhig, aber angespannt, wie ein überdehnter Draht. „Trauer, Einsamkeit, die Suche. Aber das hier?“ Er machte eine kurze, abgehackte Bewegung mit der Hand. „Das war kein Suchen mehr, Simon. Das war eine langsame, methodische Selbstzerstörung. Und du hast uns zu Komplizen gemacht. Weil wir dich haben lassen. Weil wir dachten, du brauchst Raum.“
„Ich habe…“, Simon setzte an, aber Leon unterbrach ihn scharf.
„Du hast nichts! Du hast nur genommen und dich fallen lassen. Bis fast nichts mehr von dir übrig war. Und weißt du, was das Schlimmste ist?“ Seine Augen glitzerten feucht vor unterdrückter Wut. „Das Schlimmste ist, dass ich diesen Typen, diesen Finn, fast verstehe. Weil er das von dir wollte, was du von dir selbst wolltest: dich kaputtmachen. Er war nur das Werkzeug. Du warst der Architekt.“
Alex hob langsam den Kopf. Sein Gesicht war aschfahl.„Warum?“ Die Frage war nicht laut, aber sie füllte den ganzen Raum.„Warum dieser Weg? Warum dieser Junge? Warum diese Gewalt gegen dich selbst?“
Simon blieb am Türrahmen stehen, stützte sich daran. Die Wahrheit, die sich in ihm zusammenbraute, war keine einfache. Es war kein Sehnen nach Liebe oder Vergessen. Es war etwas Hässlicheres, Selbsterkanntes.
„Weil es einfach war,“ sagte er, seine Stimme ein trockenes Blatt. „Weil es keine Fragen gab bei ihm. Keine Erwartungen an jemanden, der ich nicht sein kann. Nur das blanke… Nehmen. Er hat mir alles abgenommen. Jede Entscheidung. Jede Verantwortung für mich selbst. Er hat mich auf meine einfachste Funktion reduziert: ein Loch, das gefüllt werden will.“ Die obszönen Worte hingen in der Küchenluft, roh und entblößend. „Bei euch muss ich… ich muss sein. Bei ihm musste ich nur ertragen. Und ich war so verdammt müde vom Sein.“
Leon stieß ein kurzes, hartes Lachen aus, das kein Lachen war.„Du dummer, egoistischer Junge. Das ist der billigste Ausweg von allen.“
Alex schloss die Augen. Als er sie wieder öffnete, schien eine Entscheidung darin gefallen zu sein. Sie war traurig und schwer.„Du kannst hierbleiben. Das ist dein Zuhause. Aber es gibt neue Regeln. Keine Freiheiten mehr. Du findest ab nächster Woche einen Therapeuten, ich mache die Termine. Du lädst dein Handy jeden Abend um acht bei mir im Schlafzimmer. Du gehst nirgendwo hin, ohne es zu sagen. Und du siehst diesen Jungen nie wieder. Wenn er überhaupt noch aufwacht.“ Er stand auf. Seine Müdigkeit war eine fast physische Präsenz. „Wenn du diese Regeln brichst, musst du gehen. Das ist kein Ultimatum, Simon. Das ist eine Grenze. Und ich kann sie nur einmal ziehen.“
Er verließ die Küche. Seine Schritte auf dem Flur waren langsam und endgültig.
Leon leerte sein Weinglas, stand ebenfalls auf. Vor der Tür drehte er sich noch einmal um. „Er liebt dich so sehr, dass er seine eigene Grenze überschritten hat, um dich hier zu behalten. Und du hast diese Liebe mit Füßen getreten, bis sie nur noch aus Regeln besteht.“ Er schüttelte den Kopf. „Mach was draus. Oder geh. Aber dann endgültig.“
Die nächsten Tage vergingen in einem Nebel aus Scham und stumpfem Gehorsam. Simon aß, schlief, sah fern. Alex und Leon sprachen mit ihm, wenn es nötig war, über praktische Dinge. Die Wärme war weg. Ein frostiger, höflicher Abgrund hatte sich aufgetan. Das Rufen des Handys am Abend wurde zu einem demütigenden Ritual.
Dann, zwei Wochen später, während Alex bei der Arbeit war und Leon in seinem Homeoffice saß, klingelte die Haustür. Simon öffnete. Draußen stand ein Mann in den Fünfzigern, mit zusammengekniffenen Augen und dem gleichen, nun verhärmten Gesichtsschnitt wie Finn.
„Simon?“ Seine Stimme war heiser.
„Ja?“
„Ich bin Frank, Finns Vater.“ Der Mann atmete schwer.„Kann ich reinkommen? Nur für eine Minute.“
Simon trat zur Seite. Finns Vater blieb im Flur stehen, wollte offenbar nicht weiter ins Haus.„Finn ist gestern aufgewacht. Aus dem Koma.“ Er schaute Simon direkt an, und in seinem Blick war nichts als unverhohlener Abscheu. „Er hat bleibende Schäden. Nierenschäden. Neurologische Störungen. Er wird sein Leben lang Medikamente nehmen, wird vielleicht nie wieder richtig klar denken können.“ Der Mann zitterte leicht vor unterdrückter Wut. „Er hat Ihren Namen gesagt. Immer wieder. Ihre Nummer war die letzte in seinem Telefon.“
„Ich… es tut mir leid…,“ stammelte Simon.
„Halten Sie den Mund!“ fauchte der Vater.„Ihre ‚Entschuldigung‘ bringt meinen Sohn nicht zurück. Sie waren der Ältere. Der mit dem Zuhause. Der mit der… der mit der Familie.“ Das Wort ‚Familie‘ spuckte er aus wie etwas Bitteres. „Sie haben ihn in Ihren Dreck gezogen. Und dann haben Sie überlebt, während er das ist, was übrig bleibt.“ Er trat einen Schritt näher, sein Atem stieß gegen Simons Gesicht.„Wenn ich könnte, würde ich Ihnen den Hals umdrehen. Stattdessen sage ich Ihnen nur eins: Bleiben Sie weg. Kommen Sie nicht in seine Nähe, wenn er irgendwann entlassen wird. Kreuzen Sie seinen Weg nie wieder. Wenn Sie das tun… dann gibt es kein Gesetz, das Sie vor mir schützen wird.“
Er drehte sich auf dem Absatz um und ging, die Tür hinter sich krachend zugeschlagen. Simon blieb im Flur stehen, die Drohung im Ohr, das Bild eines zerstörten Finns vor Augen, ein lebendiges Mahnmal seiner eigenen Zerstörungskraft. Dies war kein halluzinierter Albtraum mehr. Dies war die unausweichliche, endgültige Konsequenz.
Er sank an der Wand zu Boden. Das Zuhause um ihn herum, das sichere, geordnete Zuhause von Alex und Leon, fühlte sich plötzlich an wie eine Lüge. Er war der toxische Fleck darin. Der Fremdkörper, der alles, was er berührte, infizierte und ruinierte. Seine Schuld war keine innere Qual mehr. Sie hatte Fleisch angenommen, lag in einem Krankenhausbett und atmete nur noch mit Hilfe von Maschinen.
Ihm war klar, was er tun musste. Es war nicht Flucht. Es war eine einfache, konsequente Schlussfolgerung. Er stand auf, ging leise in sein Zimmer. Er packte einen Rucksack. Nur das Nötigste. Kleidung. Seine Papiere. Das Geld, das er von seinem letzten Gehalt noch hatte. Er schrieb keinen Zettel. Worte hatten alles nur noch schlimmer gemacht.
Zum letzten Mal ging er durch die Wohnung. Er berührte die Tür zu Alex und Leons Schlafzimmer nicht. Er blieb nur einen Moment in der Küche stehen, atmete den vertrauten Geruch nach Kaffee und Pfefferminze ein, der nun nach Verlust schmeckte.
Dann öffnete er die Haustür und trat hinaus in den grauen Nachmittag. Er ließ sie offen stehen, ein klares, unmissverständliches Symbol. Der kalte Wind von der Autobahn her griff ihn sofort an. Er zog die Kapuze tief ins Gesicht und begann zu gehen, ohne ein Ziel, nur weg von dem Schaden, den er angerichtet hatte.
Am Hauptbahnhof kaufte er ein Ticket zum nächstmöglichen Zug, der weit wegfuhr. Es ging nach Berlin. Die Zahlen auf dem Fahrschein bedeuteten nichts. Er stellte sich an das Gleis, den Rucksack schwer auf seinen Schultern. Das Dröhnen der großen Halle, die anonymen Gesichter, der scharfe Geruch von Bremsstaub und Desinfektion – alles war laut, alles war zu viel.
Als der einfahrende Zug eine Windwelle vor sich hertrieb, spürte Simon einen letzten, körperlichen Impuls, eine primitive Warnung vor dem endgültigen Abschneiden. Er ignorierte sie. Die automatischen Türen glitten auf. Er stieg ein, suchte sich ein leeres Abteil. Der Zug setzte sich ruckelnd in Bewegung.
Draußen zogen die vertrauten grauen Vororte von Oberhausen vorbei, dann wichen sie Feldern und dem sich verdunkelnden Himmel. Simon lehnte den Kopf an das kalte Fenster. In der reflektierten Scheibe sah er sein eigenes, blasses Gesicht, einen Schatten, der allmählich mit der hereinbrechenden Nacht verschmolz. Die einfache, dumme Erleichterung, die ihn erfüllte, war schwerer zu ertragen als jede Scham. Er war endlich fort. Und der Schaden blieb genau dort, wo er hingehörte: hinter ihm, in dem Leben, das er zurückließ, ungeheilt und für immer gezeichnet durch seine bloße Anwesenheit.