Chapter 60: Chapter 60
Die Tür war zu. Das Schweigen, das folgte, war anders als alles zuvor. Es war kein volles, dröhnendes Schweigen, es war ein dünnes, gespanntes Ding, wie eine zu weit gezogene Saite. Jannis blieb im Flur stehen, die Hände an der kühlen Holztür, und lauschte auf Leos Schritte, die draußen verhallten. Nichts. Nur das eigene Blut, das in seinen Ohren rauschte.
Er drehte sich um. Das Haus sah ihn an. Die leeren Bilderrahmen an der Wand, die fleckenlosen Oberflächen, die polierte Stille. Lukas’ Tür war geschlossen. Kein Licht darunter. Jannis ging in die Küche, machte sich einen Kaffee, den er nicht trank. Er stand am Fenster und beobachtete, wie ein Vogel in der kahlen Linde herumhüpfte. Sein Telefon lag ausgeschaltet auf der Theke.
Gegen Mittag schaltete er es ein. Es vibrierte und zuckte wie ein gefangenes Tier.
Eine Nachricht von Leo, zwei Stunden alt: Bin zuhause. Alles ok. Meine Mutter fragt, wo ich war. Hab gesagt, bei einem Freund.
Dann, fünf Minuten später: Du bist ein Freund, oder?
Dann, eine Stunde später: Mir ist langweilig.
Dann, vor zehn Minuten: Denkst du an mich?
Jannis stützte sich auf die Arbeitsplatte. Ein Gefühl, scharf und schmerzhaft, durchschnitt seine Brust. Es war keine Lust. Es war nicht einmal Wunsch. Es war reine, ungefilterte Anhänglichkeit. Er vermisste den Geruch von Leos Haut. Das unbeholfene Gewicht seines Kopfes auf seiner Schulter. Die Art, wie er Jannis sagte, als wäre der Name ein kostbares Geheimnis.
Er tippte zurück: Ich denke an dich.
Die Antwort war sofort da: Kann ich wieder kommen?
Nein.
Warum nicht?
Weil es falsch ist. Weil du gehen musstest.
Du hast mich weggeschickt. Das ist nicht dasselbe.
Jannis schloss die Augen. Der Junge hatte recht. Es war eine Flucht gewesen, keine Befreiung. Eine Panik vor dem, was zwischen ihnen wuchs.
Lukas?, schrieb Leo.
Ist in seinem Zimmer. Sagt nichts.
Tommy?
Keine Ahnung. Jannis atmete tief ein. Leo, das hier… was zwischen uns passiert… es wird dich kaputt machen.
Die drei Punkte tanzten. Endlos.
Ich bin schon kaputt. Du hast mich zusammengeflickt. Jetzt passt nur noch du in die Form.
Poetisch. Betrunken von Gefühlen, nicht von Alkohol. Jannis lächelte, ein trauriges, schiefes Ding. Seine Finger bewegten sich von alleine.
Wann?
Jetzt. Sofort. Ich lauf einfach los.
Nein. Warte bis es dunkel ist. Komm zum Gartenzaun hinten. Der mit der kaputten Latte.
Ok. Und dann?
Dann sehen wir weiter.
Er schaltete das Telefon wieder aus. Die Pläne mit Leo waren wie eine Untergrundoperation, ein Widerstandsakt gegen die Regeln des Hauses, gegen die Logik der Erwachsenenwelt, gegen Lukas. Dieser Gedanke ließ ihn gleichzeitig erschauern und erwachen. Es war eine klare, einfache Richtung in einem Leben, das seit Jahren im Kreis ging.
Den Rest des Tages verbrachte er damit, das Haus zu beobachten. Lukas kam gegen drei Uhr nachmittags heraus, bleich und in Jogginghose. Er machte sich einen Smoothie, trank ihn stehend am Spülbecken, spülte das Glas und ging zurück in sein Zimmer. Kein Wort. Kein Blick. Nur die körperliche Präsenz einer unausgesprochenen Abmachung, die zu bröckeln begann.
Die Dämmerung kam früh, eine graue, nasse Decke, die über Oberhausen fiel. Jannis zog eine dunkle Jacke an und ging in den Garten. Die Luft roch nach feuchter Erde und verfaulten Blättern. Er trat an den alten Holzzaun, drückte gegen die morsche Latte. Sie gab nach, ließ einen Spalt, gerade groß genug für einen schmalen Körper.
Er wartete. Die Kälte kroch durch seine Jeans. Seine Hände zitterten.
Dann sah er eine Gestalt, die durch die Schatten der benachbarten Gärten huschte. Leo, in einer schwarzen Kapuzenjacke, die das Gesicht verbarg. Er blieb auf der anderen Seite des Zauns stehen, atmete weiße Wolken in die kalte Luft.
„Hey,“ flüsterte Leo.
„Hey.“
Sie standen einen Moment da, getrennt durch die holprigen Latten, und sahen sich an. Leo grinste, ein aufgeregtes, jugendliches Grinsen, das alles wegwischte: den Morgen, die Scham, die Angst.
„Du siehst aus wie ein Spion,“ sagte Jannis.
„Du wie ein Gangster, der auf sein Geld wartet.“ Leo schob seine Hand durch den Spalt. Jannis nahm sie. Sie war eiskalt. Er rieb sie zwischen seinen eigenen, brachte sie zum Leben.
„Komm durch,“ sagte Jannis.
Leo zwängte sich durch die Lücke, die Kapuze blieb an einem Nagel hängen. Er kicherte, befreite sich, und dann stand er im Garten, auf Jannis’ Seite des Zauns. Sein Atem traf Jannis’ Gesicht. Sie küssten sich nicht. Sie umarmten sich nicht. Sie standen einfach da, nah, und die Welt schrumpfte auf diesen nassen Fleck Rasen.
„Ich hab den ganzen Tag an nichts anderes gedacht,“ sagte Leo. Seine Stimme war leise und ernst. „An dich. An uns. Im Bad.“
„Das war…“
„Es war gut,“ unterbrach Leo ihn. „Es war das einzige Gute. Scheiß auf den Rest.“ Er nahm Jannis’ Hand. „Zeig mir das Haus. Dein richtiges Haus. Nicht nur die Zimmer.“
Jannis führte ihn hinein, nicht durch die Haustür, sondern durch die Terrassentür zum Wohnzimmer. Im Dunkeln wirkten die hohen Decken noch höher, die Möbel wie große, schlafende Tiere. Leo blieb stehen, sah sich um, beeindruckt und eingeschüchtert.
„Es ist wie ein Museum,“ flüsterte er.
„Ein sehr leeres Museum.“
Sie gingen durch die Räume. Jannis zeigte ihm die Küche, den riesigen Kühlschrank, der nur Mineralwasser und alte Soßen enthielt. Sie gingen in den Flur, vorbei an Lukas’ geschlossener Tür. Leo hielt den Atem an, bis sie vorbei waren. Sie stiegen die Treppe hinauf in den Ostflügel, in Jannis’ privaten Bereich: ein riesiges Schlafzimmer mit ungemachtem Bett, ein Ankleidezimmer voller teurer, ungetragener Kleidung, ein Arbeitszimmer mit einem staubigen Computer.
„Du lebst hier nicht,“ stellte Leo fest. „Du campierst.“
„Ja.“
In Jannis’ Schlafzimmer roch es nach ihm: teures Aftershave, Schweiß, der süße, harzige Geruch von Cannabis. Leo setzte sich auf die Kante des riesigen Bettes, ließ sich zurücksinken. „Das ist besser als das Gästezimmer.“
„Es ist nur ein Bett.“
„Nein.“ Leo sah ihn an. Seine Augen glänzten im schwachen Licht der Straßenlaterne, das durch das Fenster fiel. „Es ist deins. Das macht einen Unterschied.“
Jannis blieb in der Tür stehen, unfähig, sich zu bewegen. Die Anziehungskraft zwischen ihnen war ein physisches Feld. Er spürte sie in seinen Zähnen. Leo zog seine Kapuzenjacke aus, dann sein T-Shirt. Seine Brust war blass, mit ein paar dunklen Haaren um die flachen Brustwarzen. Er stand auf, öffnete seine Jeans, ließ sie zu Boden fallen. Dann seine Unterhose. Nackt stand er da, ganz ruhig, und bat ohne ein Wort.
„Leo,“ sagte Jannis, eine letzte, schwache Warnung.
„Jannis,“ antwortete Leo einfach. „Komm her.“
Jannis gehorchte. Er zog sich aus, ließ seine Kleider auf den Boden fallen, und trat vor den Jungen. Sie waren jetzt gleich nackt, gleich verletzlich. Ihre Schwänze waren schlaff, aber das spielte keine Rolle. Es ging nicht um das. Nicht jetzt.
Leo legte seine Hände auf Jannis’ Brust, spürte die Behaarung, den hartschlagenden Herzschlag darunter. „Ich will dich spüren,“ sagte er. „Nicht nur deinen Schwanz. Dich.“
Jannis zog ihn an sich. Haut auf Haut. Eine Gänsehaut überlief sie beide. Der Kontakt war elektrisch, aber auch zutiefst beruhigend. Sie sanken auf das Bett, ineinander verschlungen, wie Gestrandete, die sich aneinanderklammerten. Leo vergrub sein Gesicht in Jannis’ Hals, atmete ihn ein.
„Ich bin hier,“ flüsterte Jannis auf Deutsch. Seine Stimme war rau. „Ich lasse dich nicht los.“
„Versprich es,“ hauchte Leo auf Deutsch zurück. Seine Lippen bewegten sich gegen Jannis’ Haut. „Versprich mir, dass du bleibst.“
„Ich verspreche es.“
Es war ein leeres Versprechen. Sie wussten es beide. Aber in der Dunkelheit des fremden Schlafzimmers, mit dem Geruch des anderen in der Nase, fühlte es sich wahrer an als alles andere.
Ihre Körper begannen sich zu bewegen, ein langsames, fast schmerzhaft sanftes Reiben. Schwänze hart geworden, drückten sich gegeneinander. Hände, die über Rücken und Arsch glitten, nicht gierig, sondern forschend, als würden sie eine Landschaft kartografieren, die sie auswendig lernen wollten.
„Ich will dich in mir,“ sagte Leo, sein Deutsch holprig, aber leidenschaftlich. „Jetzt. Sanft. Nur um zu spüren, dass du da bist.“
Jannis nickte, erreichte nach dem Gleitgel auf dem Nachttisch. Er bedeckte seinen dicken, steifen Schwanz mit dem kalten Zeug, dann rieb er mehr um Leos enges Loch. Leo lag auf dem Rücken, die Beine gespreizt
Er bedeckte seinen dicken, steifen Schwanz mit dem kalten Zeug, dann rieb er mehr um Leos enges Loch. Leo lag auf dem Rücken, die Beine gespreizt, und sah ihm mit einer schmerzlich offenen Hingabe entgegen, die Jannis’ Atem stocken ließ.
„Langsam,“ hauchte Leo auf Deutsch, seine Hände krallten sich in die Laken. „Aber komplett, ja? Ich will alles spüren.“
Jannis nickte, unfähig zu sprechen. Er positionierte sich, die Eichel drückte gegen den Widerstand. Er schob sich hinein, einen Zentimeter nach dem anderen, während Leos Gesicht eine faszinierende Mischung aus Schmerz und Hingabe zeigte. „Alles gut,“ murmelte Jannis, seine Stimme heiser. „Atme einfach.“
„Ist gut,“ stöhnte Leo. „Ist so voll. Du füllst mich so aus, verdammt.“
Jannis war ganz in ihm, bis zu den Hoden. Die Enge war atemberaubend, heiß und pulsierend. Er blieb einen Moment reglos, ließ Leo sich anpassen, spürte, wie sich die Muskeln um seinen Schaft lockerten. Leos Blick glitt über ihn hinweg, glasig und konzentriert. „Beweg dich,“ flüsterte er. „Bitte.“
Also bewegte Jannis sich. Langsame, tiefe Stöße, die ein nasses, schmatzendes Geräusch erzeugten. Jeder Vorstoß brachte ein leises, kehliges Stöhnen aus Leo hervor. Jannis beugte sich vor, küsste ihn, schmeckte seinen eigenen Schweiß auf Leos Lippen. Ihre Zungen fochten einen schlammigen Kampf aus, während ihre Hüften einen immer schnelleren Rhythmus fanden.
„Härter,“ bettelte Leo, brach den Kuss ab. „Fick mich richtig, Jannis. Zeig mir, dass ich dir gehöre.“
Das war der Funke. Jannis packte Leos Oberschenkel, drückte sie auseinander, und hämmerte in ihn hinein. Das Bett schlug gegen die Wand, ein dumpfes, regelmäßiges Stoßen. Der Geruch von Schweiß und Gleitgel und Sex füllte den Raum, ein kochender, animalischer Duft. Leo schrie auf, ein kurzer, abgerissener Laut bei jedem brutalen Stoß.
„Sag es,“ knurrte Jannis, sein ganzes Gewicht in jede Bewegung legend.
„Ich gehöre dir!“ keuchte Leo, seine Augen rollten nach hinten. „Scheiße, ja, ich gehöre dir!“
Jannis’ Kontrolle brach. Er rammte ihn mit roher, ungehobelter Gewalt, besessen von dem Geräusch, dem Gefühl, dem Besitzanspruch. Seine Hände gruben sich in Leos Fleisch. Er sah zu, wie sein eigener Schwanz in dem jungen Körper verschwand und wieder auftauchte, glänzend und aufgeweitet. „Mein Junge,“ keuchte er, eine Erkenntnis, die sowohl erschreckend als auch erregend war. „Mein verdammter Junge.“
Leo kam ohne Berührung, sein Samen schoss in heißen Strömen über seinen Bauch und spritzte bis auf seine Brust. Das Pulsieren seiner inneren Muskeln zog Jannis mit. Mit einem letzten, brutalen Stoß rammte er sich fest und ergoss sich tief in Leo, ein langes, zitterndes Stöhnen aus seiner Kehle pressend.
Sie erstarrten. Jannis zusammengebrochen über ihm, beide keuchend, bedeckt mit Schweiß und Erschöpfung. Die Stille danach war absolut, nur durchbrochen vom Rauschen ihres Blutes in den Ohren.
Leo umschlang ihn, seine Arme schlossen sich fest um Jannis’ Rücken. Seine Finger krallten sich in die Haut, als fürchte er, Jannis könnte verschwinden. „Bleib hier,“ flüsterte er ins Ohr gelegt, auf Deutsch. Seine Stimme war brüchig und kindlich. „Bitte. Einfach hier bleiben.“
Jannis rollte zur Seite, zog Leo mit sich, hielt ihn eng an seine Brust geklammert. Sie lagen in der Dunkelheit, nass und klebrig, ihre Körper noch miteinander verbunden. Er strich Leo über die Haare. „Ich bin ja hier.“
„Nein.“ Leo presste sein Gesicht gegen Jannis’ Brust. „Hier. In mir. Für immer.“
Diese Worte ließen Jannis erstartern. Eine Ewigkeit klang nach nichts, was er kannte. Er wollte sie korrigieren, sie zurücknehmen. Stattdessen küsste er Leos Schläfe. „Ich kann nicht für immer versprechen.“
„Dann versprich bis morgen.“ Leo sah ihn an, seine Augen glänzten im Dunkeln. „Und dann wieder bis zum nächsten Morgen.“
Das war ein Deal, den Jannis nicht ablehnen konnte. Er nickte, zog die Decke über sie. Ihr Atem synchronisierte sich langsam. Leo schlief schnell ein, erschöpft von der Emotion und der Anstrengung. Jannis blieb wach und lauschte den Geräuschen des Hauses.
Das Knacken einer Fußbodenbrett. Ein leises Surren des Kühlschranks unten. Nichts von Lukas. Diese Stille war das Schlimmste.
Seine Gedanken wirbelten. Er war noch nie jemandem gegenüber so aufgelöst gewesen. Er hatte Leute gekauft, bezahlt, benutzt. Das war sauber, transaktional. Leo fühlte sich an wie ein natürliches Unglück, eine Lawine, die ihn begrub und reinigte. Er roch seinen Duft auf der eigenen Haut, unter dem Schweiß. Zahnpasta und Jugend.
Leo murmelte etwas im Schlaf und schmiegte sich enger an ihn. Jannis’ Arm schlief ein unter dem Gewicht, aber er bewegte sich nicht. Die Taubheit war eine angemessene Strafe.
Am frühen Morgen, als ein blasses Licht das Fenster erhellte, wachte Leo auf. Er streckte sich, ein katzenhafter, unbeschwerter Zug, und grinste Jannis an. Sein Haar stand wild ab. „Ich bin steif,“ verkündete er fröhlich. „Überall.“
„Das nennt man Sex,“ sagte Jannis trocken.
„Nein.“ Leo setzte sich auf, die Decke fiel auf seine Hüften. „Das nennt man viel Sex.“ Seine Hand wanderte unter die Decke, fand Jannis’ schlaffen Schwanz. Er begann ihn langsam zu streicheln, seine Augen auf Jannis gerichtet. „Willst du mehr?“
Jannis schnappte nach Luft. Sein Körper reagierte sofort, hart unter Leos Berührung. „Du bist unersättlich.“
„Ich bin achtzehn.“ Leo beugte sich vor, seine Lippen knapp über Jannis’. „Und ich hab noch viel nachzuholen.“
Diesmal war Leo der Antreibende. Er schob Jannis auf den Rücken, rutschte zwischen seine Beine und nahm seinen halbharten Schwanz komplett in den Mund, ohne zu zögern. Jannis stöhnte auf, überwältigt von der plötzlichen Wärme, der geschickten Zunge. Leo blieb nicht passiv; er saugte, leckte, nahm ihn tiefer, bis Jannis an seinen Schamhaaren würgte.
„Leo, warte…“
Leo hob den Blick, sein Mund glänzte feucht. „Nein.“ Er grinste. „Ich füttere dich einfach.“ Dann verschwand er wieder zwischen Jannis’ Beinen, sein Kopf bewegte sich auf und ab in einem rücksichtslosen Rhythmus. Seine Hand massierte Jannis’ Hoden, drückte sie sanft, dann härter.
Es war zu viel, zu schnell. Jannis krümmte sich, seine Hände gruben sich in Leos Haar. Die Kontrolle schmolz dahin. Er kam mit einem heiseren Schrei in Leos Mund, sein ganzer Körper zuckte in der Entladung. Leo schluckte, hustete leicht, ließ ihn dann mit einem letzten, langsamen Lecken los.
Er schaute auf Jannis hinunter, triumphierend und verstrubbelt. „Mein Chef.“
Später, unter der Dusche, wusch Leo ihm den Rücken. Das Wasser war heiß, der Dampf verdichtete sich an den Fliesen. „Was macht Lukas eigentlich den ganzen Tag?“ fragte Leo beiläufig, während er den Seifenschaum über Jannis’ Schultern verteilte.
Die Frage traf Jannis wie ein kaltes Brett. Er zuckte zusammen. „Ich weiß es nicht.“
„Ihr redet nie?“
„Nein.“
Leo schwieg eine Weile. Das einzige Geräusch war das Prasseln des Wassers. „Das ist traurig.“
„Das ist die Art, wie wir überleben.“ Jannis drehte sich um, nahm Leo das Duschgel ab. „Sprich nicht über ihn. Nicht jetzt.“
Nachdem sie angezogen waren, gingen sie hinunter. Die Küche war leer, aber Spuren von Lukas waren da: eine leere Kaffeetasse im Spülbecken, eine offene Schublade. Jannis spürte eine plötzliche, irrationale Wut. Warum konnte der Mann nicht einfach verschwinden?
Sie aßen Toast, standen am Küchenfenster. Die Welt draußen sah normal aus. Autos fuhren. Ein Vogel baute ein Nest. Leo lehnte seine Schulter gegen Jannis’. „Heute Abend?“ fragte er einfach.
„Du kannst nicht jede Nacht hier sein.“
„Warum nicht?“
Jannis wandte sich ihm zu. Leos Blick war offen, frei von Ironie oder Furcht. Er meinte es ernst. „Deine Eltern. Die Schule.“
„Meine Eltern denken, ich lerne fürs Abi bei einem Freund.“ Leo zuckte mit den Schultern. „Und die Schule… die ist unwichtig.“
„Nein, ist sie nicht.“
„Doch.“ Leos Stimme wurde leiser. „Vor dir war alles unwichtig.“
Dieses unerschütterliche Vertrauen war wie ein Messerstich. Jannis wandte den Blick ab. „Das ist nicht gesund.“
„Was weißt du schon, was gesund ist?“ Es war keine Anklage, nur eine einfache Frage. „Dein ganzes Leben hier ist krank.“
Die Haustür öffnete sich. Sie erstarrten beide. Schritte im Flur. Nicht Lukas’. Zu leicht, zu schnell. Eine Frau.
Linda betrat die Küche, eine Designer-Einkaufstasche in der Hand. Sie blieb stehen, als sie sie sah. Ihr Blick pendelte zwischen Jannis und Leo, nahm ihre Nähe auf, den halb gegessenen Toast in Leos Hand, die intimere Stille, die sie unterbrachen.
„Ah,“ sagte sie, ihr Lächeln war kühl und professionell. „Du musst Leo sein. Jannis hat von dir erzählt.“
Leo erstarrte. Seine Hand, die den Toast hielt, sank langsam herab. „Hallo,“ murmelte er.
„Linda,“ sagte sie und stellte die Tasche ab. „Ich bin die Frau, die hier eigentlich wohnt.“ Sie musterte Leo wie ein uninteressantes Möbelstück. „Studierst du?“
„Abitur,“ sagte Leo.
„Wie charmant.“ Sie ging zum Kühlschrank, nahm eine Flasche Wasser. „Lukas ist oben?“ Die Frage war an Jannis gerichtet.
„Ich glaube schon.“
„Gut.“ Sie drehte sich um, warf einen letzten Blick auf Leo. „Versuch, das Geschirr zu benutzen. Es kostet mehr als dein Vater im Jahr verdient.“
Dann war sie weg. Ihre Schritte hallten die Treppe hinauf.
Leo atmete aus, ein zischender Laut. „Scheiße.“
„Ja,“ sagte Jannis. Die Illusion der Abgeschiedenheit war zerplatzt. Das Haus hatte wieder Grenzen aufgezeigt. „Du musst gehen.“
„Aber…“
„Jetzt, Leo.“
Leo nickte, seine Offenheit war einer steinernen Entschlossenheit gewichen. Er ging zur Terrassentür, drehte sich aber noch einmal um. Seine Augen waren dunkel. „Du hast versprochen. Morgen und wieder morgen.“
„Ich weiß.“
„Dann halt dich dran.“ Er schlüpfte hinaus in den kalten Morgen und verschwand zwischen den kahlen Büschen.
Jannis blieb in der leeren Küche zurück. Lindas Wasserflasche stand auf der Theke, ein Zeichen ihrer Rückkehr. Der Krieg, der Waffenstillstand, war vorbei. Tommy. Linda. Lukas. Sie waren wieder alle da. Und Leo war das hilflose Kind im Niemandsland zwischen den Fronten.
Er wusste, er sollte ihn beschützen, indem er ihn weit weg schickte. Aber als sein Telefon später am Tag vibrierte und eine einzelne Nachricht von Leo zeigte – Denk an dein Versprechen –, antwortete er nur mit einem Wort: Komme. Es war keine Entscheidung. Es war ein Reflex, tief wie Atmen.
Es war ein Reflex, tief wie Atmen.
Zwei Nächte vergingen in einem bleiernen, schweigenden Rhythmus aus Heimlichkeit und Erschöpfung. Leo kam nach Einbruch der Dunkelheit, schlüpfte durch den morschen Zaun, verbrachte die Stunden in Jannis’ Bett und verschwand vor dem Morgengrauen. Sie sprachen wenig. Sie berührten sich viel. Es war, als versuchten sie, eine alternative Sprache aus Haut, Schweiß und Stöhnen zu erlernen. Linda blieb ein gespenstischer Eindringling, deren teurer Parfümduft in den Fluren hing. Lukas blieb unsichtbar, seine geschlossene Tür ein monolithisches Schweigen.
Am dritten Abend stand Leo nicht im Garten. Sein Kopf erschien nicht im Zaunspalt. Stattdessen vibrierte Jannis’ Telefon um neun.
Komm raus. Hauptstraße, Ecke Bahnhof. Ich will nicht nur das Haus. Ich will was von DIR.
Jannis starrte auf die Nachricht. Draußen. In der Öffentlichkeit. Es war eine dumme, gefährliche Idee. Er tippte nein. Löschte es. Tippte warum?
Weil ich dich in der echten Welt sehen will. Bevor alles wieder scheiße ist. Bitte.
Das „Bitte“ tat es. Jannis zog eine schwarze Jeans und ein einfaches Hemd an. Er ging die Treppe hinunter, lauschte. Leises Fernsehgeräusche aus Lindas Zimmer. Nichts aus Lukas’. Er schloss die Haustür leise hinter sich. Die kalte Nachtluft schlug ihm ins Gesicht.
Leo wartete an der Ecke, unübersehbar nervös, in einer zu dünnen Jacke. Sein Gesicht hellte sich auf, als er Jannis sah. „Du bist gekommen.“
„Was ist das für ein Quatsch, Leo?“
„Kein Quatsch.“ Leo packte seine Hand, zog ihn energisch die belebtere Straße entlang. „Du hast mir versprochen, mir alles zu zeigen. Bisher kenne ich nur dein Schlafzimmer und dein Bad. Das ist kein Leben. Das ist ein Versteck.“
„Wir sind im Versteck.“
„Nicht heute.“ Leo blieb vor einem schmalen, schwarz gestrichenen Eingang stehen. Ein dumpfer Bass pulsierte unter ihren Füßen. Ein roter Neonstreifen bildete das Wort „BOHÈME“. „Hier rein.“
„Ein Club? Leo, das ist…“
„Mein erstes Mal.“ Leo drehte sich zu ihm um. Sein Blick war eine Herausforderung, vermischt mit einer verzweifelten Bitte. „Ich will tanzen. Ich will einen Drink, den ich nicht auskotze. Ich will mit dir unter Leuten sein, wo uns keiner kennt. Nur einmal. Einfach nur normal scheiße besoffen werden. Bitte, Jannis.“
Jannis wollte widerstehen. Er sah die Tür, den kalten Dampf, der aus dem Spalt zischte. Er sah Leos Gesicht. Die „Bohème“ war kein nobles Lokal; es war ein schmuddeliger Technokeller für Studenten und Nachtschwärmer, die sich billig wegschießen wollten. Genau der richtige Ort, um unterzutauchen. Er nickte. „Ein Drink. Dann gehen wir.“
Die Treppe hinunter führte in eine betäubende Wand aus Sound. Der Bass war ein physischer Druck auf der Brust. Stroboskopblitze zerrissen die Dunkelheit, erfischten Gesichter, die sich in tranceartiger Bewegung verloren. Die Luft roch nach billigem Bier, menschlichem Dunst und dem süßlichen Rauch von E-Zigaretten. Leo blieb wie angewurzelt stehen, seine Augen weit aufgerissen, sein Mund leicht geöffnet. Er sah aus wie ein Mann, der gerade das Meer zum ersten Mal sieht.
„Scheiße,“ schrie er gegen den Lärm an. „Das ist es also!“
Jannis schob ihn zur überfüllten Theke, bestellte zwei Wodka Energy. Leo nahm sein Plastikglas, roch daran, verzog das Gesicht. „Sieht aus wie Benzin.“
„Ist es fast. Runter damit.“
Leo stürzte den Drink. Sein Gesicht verkrampfte sich, dann lachte er, ein lautloses, aufgerissenes Lachen. „Okay! Noch einen!“
„Leo, langsam…“
„Nein!“ Leos Augen blitzten. Er war bereits hochgradig aufgedreht, elektrisiert von der Menge, dem Lärm, der Befreiung. „Bestell mir noch einen. Und einen Shot. Was ist der widerlichste Shot, den ihr habt?“
Der Barkeeper, ein müder Mann mit Tattoos, griff nach einer Flasche mit grünlichem Inhalt. „Absinth mit Wodka. Nennt sich Grüne Schlange.“
„Zwei!“ rief Leo.
Sie tranken die Shots. Ein brennendes, anisverseuchtes Inferno den Rachen hinunter. Leo krümmte sich, lachte dann wieder, klammerte sich an Jannis’ Arm. „Mein Magen brennt! Das ist geil!“
Die Musik zog sie auf die Tanzfläche. Leo hatte keinen Rhythmus, keine Ahnung. Er bewegte sich einfach, wild und ungehemmt, wirbelte, sprang, warf den Kopf zurück. Sein Sweatshirt klebte schon am Körper. Fremde Menschen stießen an ihn, lächelten, tanzten mit ihm. Leo strahlte. Er war nicht mehr der versteckte Junge im Garten. Hier war er sichtbar. Existierte. Jannis beobachtete ihn, trank sein zweites, dann drittes Wodka Energy. Die stumpfe Wärme breitete sich in ihm aus, glättete die scharfen Kanten seiner Angst.
Leo torkelte zu ihm zurück, schlang die Arme um seinen Hals. Sein Atem roch süß-sauer. „Tanzt du nie?“
„Nein.“
„Tu’s jetzt. Für mich.“ Leo zog ihn ins Gewühl. Der Druck der Körper, der Schwitzgeruch, der dröhnende Beat. Jannis ließ es zu. Bewegte sich steif, dann weniger. Der Alkohol durchtränkte sein Gehirn. Er zog Leo enger an sich, ihre Hüften pressten sich im Halbdunkel aneinander. Leo rieb sich gegen ihn, offen, fordernd, ein aufreizendes Grinsen auf den Lippen.
„Siehst du?“ brüllte Leo ihm ins Ohr. „Niemand interessiert es! Niemand guckt! Wir sind niemand!“
Es war wahr. In diesem brodelnden Chaos waren sie nur zwei weitere Körper. Die Erkenntnis war berauschender als der Wodka. Jannis’ Hände glitten unter Leos Sweatshirt, fühlten die heiße, feuchte Haut seines Rückens. Er küsste ihn, brutal und durstig, eine Zunge in den Mund schiebend. Leo stöhnte in den Kuss, seine Finger gruben sich in Jannis’ Haare.
„Ich muss pissen,“ rief Leo, als sie sich trennten. Seine Augen glitzerten glasig.
Die Toiletten waren ein vandalisiertes Höllenklo. Der Gestank von Urin und Desinfektion war scharf. Sie quetschten sich in eine Kabine, schlossen das wackelige Schloss. Die Enge war erdrückend. Leo drückte ihn sofort gegen die Tür, seine Hände öffneten Jannis’ Jeans.
„Ich will dich blasen,“ sagte Leo, seine Stimme heiser und voller Alkohol. „Hier. Jetzt. Hörst du die Musik? Die macht alles gut.“
Jannis wollte protestieren, aber sein Schwanz war bereits steif, drängte gegen seinen Slip. Leo knöpfte ihn auf, ließ die Hose hinuntergleiten. Er sank auf die Knie, auf den nassen, ekelerregenden Boden, und nahm Jannis ohne jedes Vorspiel komplett in den Mund.
„Scheiße, Leo…“ keuchte Jannis. Der Kontrast war surreal: der ekelhafte Geruch, das Dröhnen der Bässe durch die Wände, der heiße, unerfahrene Mund, der ihn tief in den Rachen nahm. Leo würgte, ließ ihn nicht los. Seine Hände umklammerten Jannis’ Arsch, zogen ihn tiefer in seinen Schlund.
Jannis stöhnte, sein Kopf schlug gegen die Kabinentür. Er blickte hinunter, sah sein eigenes dicke Glied in Leos jungem Gesicht verschwinden. Es war schmutzig. Erniedrigend. Aufregend. Er packte Leos Haar, begann seinen Hüften zu schieben, seinen Schwanz in den feuchten Mund zu stoßen. „Schluck ihn,“ knurrte er, die Worte von Alkohol und Lärm verzerrt. „Schluck alles, du gierige kleine Sau.“
Leo stöhnte begeistert, seine eigenen Hände öffneten seine Jeans. Er wichste sich selbst, wild und hektisch, während er weiter an Jannis’ Schwanz saugte. Der Geräuschpegel war entsetzlich: das schmatzende Blasen, ihr keuchendes Atmen, der gedämpfte Bass.
„Ich komm,“ warnte Jannis, seine Muskeln spannten sich.
Leo antwortete, indem er ihn noch tiefer nahm. Die Ejakulation schoss Jannis in heftigen Stößen in Leos Rachen. Leo schluckte, hustete, schluckte wieder, ließ ihn erst los, als er ganz leer war. Dann richtete er sich auf, sein eigenes Kommen war ein spärlicher Schauer auf dem schmutzigen Boden. Er lehnte sich schwer atmend an die Wand, ein trunkenes, triumphierendes Grinsen im Gesicht.
„In einer Klokabine,“ kicherte er. „Jetzt hab ich wirklich alles gemacht.“
Sie stolperten aus der Kabine, zogen sich notdürftig zurecht. Jannis’ Beine waren wacklig, sein Kopf schwirrte. Die Musik klang jetzt wie ein einziges surrendes Geräusch. Leo klammerte sich an ihn. „Noch ein Drink. Bitte. Nur einen letzten.“
An der Theke bestellte Jannis zwei große Wasser und zwei Kurze, Korn. Sie kippten den Schnaps. Das Wasser tranken sie nicht. Die Welt begann zu verschwimmen, die Kanten zu zerfließen. Leo’s Kopf sank auf Jannis’ Schulter. „Ich fühl mich… komisch.“
„Du bist komplett fertig. Ich auch. Wir gehen.“
„Nein. Noch nicht.“ Leo blickte ihn an, seine Pupillen waren riesige schwarze Löcher. „Ich liebe diesen Abend. Ich liebe dich dafür.“
Die Worte trafen Jannis mitten in den betäubten Rausch. Sie waren zu groß, zu viel. Er erstarrte. „Sprich so was nicht.“
„Warum nicht? Es ist wahr.“ Leos Grinsen wurde schief, dann traurig. „Ist das schlimm?“
Jannis konnte nicht antworten. Er zog Leo zur Treppe, stieg mühsam hinauf, stolperte in die kalte Nachthuft. Es hatte zu regnen begonnen, ein feiner, eisiger Niesel. Leo taumelte, Jannis fing ihn auf. Sie gingen, stützten sich gegenseitig, eine Reihe von Zickzacklinien durch die verlassenen Straßen.
„Wo gehen wir hin?“ fragte Leo, seine Worte waren eine schleimige Masse.
„Nicht nach Hause. So nicht.“ Linda. Lukas. Das war unmöglich. Jannis’ Gedanken drehten sich träge. Er führte sie in eine kleine Seitenstraße, zu einem schäbigen Hotel mit einer beleuchteten „VACANCY“-Schrift. Er zerrte Leo durch die Tür zum winzigen Empfang. Der Nachtportier, ein alter Mann mit einer Zeitung, musterte sie über seine Brille hinweg.
„Wir brauchen ein Zimmer. Für eine Nacht,“ sagte Jannis und warf seinen Ausweis und ein Bündel Scheine auf den Tresen. Die Frage nach zwei Betten oder einem stellte er nicht.
Der Portier sagte nichts. Er reichte ihm einen Schlüssel. Zimmer 4, erste Etage.
Das Zimmer war eine Zelle: ein Doppelbett mit durchgelegener Matratze, ein bröckelndes Waschbecken, ein Fernseher aus den neunzigern. Es roch nach altem Rauch und Feuchtigkeit. Jannis ließ Leo aufs Bett fallen, der sofort auf dem Rücken liegen blieb und zu dem fleckigen Deckenventilator aufstarrte.
„Das ist das beste Hotel der Welt,“ verkündete Leo feierlich, dann drehte er sich abrupt auf die Seite und würgte. Nichts kam. Er schluckte schwer. „Fast.“
Jannis sank neben ihn. Die Decken drehten sich. Er zog Leo an sich, roch den Alkohol, den Schweiß, den widerlichen Parfümgeruch des Clubs in seinen Haaren. „Du idiotisches Kind.“
„Dein idiotisches Kind,“ korrigierte Leo schläfrig. Er schmiegte sich an Jannis’ Brust. „Versprochen.“
Sie schliefen so ein, bekleidet, verdreckt, im Dreh eines fremden, abgewrackten Zimmers. Jannis’ letzter kohärenter Gedanke, bevor der Alkohol ihn in die Bewusstlosigkeit zog, war, dass er Leo niemals zu diesem Club hätte mitnehmen dürfen. Und dass er es, genau so, morgen Nacht wieder tun würde.
Der Morgen kam mit der Subtilität eines Vorschlaghammers. Ein grelles, graues Licht fiel durch die billigen Jalousien. Jannis’ Mund fühlte an wie ausgestopft mit altem Filz und rostigen Nägeln. Jedes einzelne Geräusch – das Summen des Kühlschranks auf dem Flur, das Tropfen des undichten Wasserhahns – bohrte sich direkt in seinen Schädel.
Leo stöhnte neben ihm, sein Gesicht im Kissen vergraben. „Ich sterbe. Wirklich diesmal.“
Jannis zwang sich aufzustehen. Die Bewegung ließ seinen Magen kippen. Er erreichte das Waschbecken, trank gierig Wasser aus seinen Händen, spuckte den metallischen Geschmack aus. Sein Blick fiel auf sein Handy, das aus seiner Hosentasche gerutscht auf dem staubigen Boden lag. Der Bildschirm zeigte sieben verpasste Anrufe.
Vier von einer unbekannten Nummer. Drei von Lukas.
Die letzte Nachricht von Lukas, um 4:37 Uhr: Wo bist du? Tommy war hier. Es gab eine Szene. Linda ist außer sich. Ruf mich an.
Eiswasser schoss durch Jannis’ Adern, durchbrach den Alkoholnebel. Tommy. Im Haus. Nachts. Eine Szene. Sein Herz begann zu hämmern, ein dumpfer, schmerzhafter Schlag hinter den Augen.
„Leo,“ sagte er, seine Stimme klang gebrochen und rauh. „Wir müssen sofort gehen.“
Leo drehte sich um, blinzelte mit roten, geschwollenen Augen. „Was ist?“
„Ärger. Zu Hause.“ Jannis warf ihm seine Jacke zu. „Steh auf. Jetzt.“
Sie verließen das Hotel wie Diebe, schlichen an dem Portier vorbei, der sie mit demselben gleichgültigen Blick musterte. Draußen war es eiskalt und nass. Der Weg zurück zum Villenviertel war eine endlose, qualvolle Pilgerfahrt. Jannis ging schnell, sein Kopf pochte im Takt seiner Schritte. Leo konnte kaum mithalten, taumelte nebenher, immer noch halb betrunken und übel.
„Was glaubst du, was passiert ist?“ keuchte Leo.
„Keine Ahnung. Nichts Gutes.“ Tommy, der nachts auftauchte. Lukas, der Anrufe tätigte. Linda, die „außer sich“ war. Es bildete sich ein Bild in Jannis’ Kopf, ein Bild von Explosionen und enthüllten Geheimnissen. Ihre kleine, private Hölle hatte vielleicht gerade Luft bekommen.
Als sie die Straße hinunter auf das Haus zugingen, sahen sie es sofort. Ein kleines, zerknülltes Stück Papier, das in den Gitterstäben der Hoftür steckte. Jannis riss es heraus. Es war eine Rechnung vom italienischen Lieblingsrestaurant von Lukas und Tommy, auf deren Rückseite eine Nachricht gekritzelt war.
Du hast eine Woche, um deine Sachen zu packen. Linda will dich nicht mehr sehen. Ich kann sie nicht aufhalten. Es ist vorbei. - L
Er stand da und hielt das Papier in der Hand, der eiskalte Wind peitschte um