Chapter 29: Chapter 29
Die Wände in Leipzig waren dünn, und Theo lernte sie aus einer neuen Perspektive kennen. Von außen. Immer um drei, halb vier Uhr morgens, mit schwankendem Schwerpunkt und einem Mann im Schlepptau, dessen Namen er bereits vergessen hatte oder nie gewusst hatte. Seine Gedanken waren dann eine Suppe aus Wodka Energy, Zigarettenrauch und dem dumpfen Bass, der immer noch in seinen Knochen vibrierte.
Der Schlüssel fand selten auf Anhieb das Schloss. Scheiße. Still jetzt. Ganz leise. Das Klicken der Tür war ihm ein Explosionsgeräusch. Die Wohnung lag in tiefer Dunkelheit, nur das Notlicht über dem Herd warf einen blassen Schein. Sein Atem ging schwer, sein Herz schlug ihm bis in den Hals. Die Schuhe zog er schon im Flur aus, damit sie nicht polterten. Sein Begleiter für die Nacht – Markus? Mathias? – tat es ihm nach, stolperte über die Schuhe und musste sich an der Garderobe festhalten. Ein unterdrücktes Lachen. Theo funkelte ihn an. „Psst, verdammt. Die schlafen.“
Es waren nie die Gleichen. Der Typ heute Nacht war groß, blond, mit den Händen eines Mechanikers. Sie hatten sich an der Theke der „Fäss“ zugelächelt, sich über die lächerliche Preise für ein Berliner Pils unterhalten, und dann hatte einer dem anderen eine Zigarette angeboten. Mehr brauchte es nicht. Die Unterhaltung verlief sich im Lärm, die Blicke wurden länger, die Begründungen flacher. Komm mit, ich hab Bier da. Keiner von beiden dachte an Bier.
Theo führte den Mann – es war Mathias, sein Name fiel Theo jetzt wieder ein – ins Gästezimmer. Der Raum war schmutzig, unordentlich, aber das störte Mathias nicht. Er sah nur Theo an, griff sofort nach ihm, zog ihn grob an sich. Sein Mund schmeckte nach Bier und Menthol. Theo erwiderte den Kuss, öffnete die Lippen, ließ die Zunge des anderen eindringen. Es war ein Wettkampf, keine Zärtlichkeit. Hände fuhren ihm unter das Hemd, kratzten über seine Brust, knebelten seine Brustwarzen hart. Er stöhnte gegen den fremden Mund.
„Zeig’s mir“, keuchte Mathias und grub seine Finger in Theos Hinterbacken, zog ihn gegen seine eigene, schon harte Erektion. Theo knöpfte hastig dessen Jeans auf, grub die Hand in die Boxershorts und umfasste den prallen, heißen Schwanz. Er war gerade, dick, die Haut straff gespannt. Theo bückte sich, ohne zu zögern, und nahm ihn in den Mund. Salz, Vorflüssigkeit, ein Hauch von Urin. Der Geschmack der Nacht. Er saugte kräftig, ließ ihn tief in seine Kehle gleiten, würgte, als die Eichel seinen Rachen traf.
„Ja, so ist’s gut, du geile Sau“, fauchte Mathias und schob seine Hüfte vor. Sein Schwanz stieß ungeduldig gegen Theos Gaumen. Theo bewegte den Kopf auf und ab, die Hände des anderen in seinen Haaren, eine feste, beinahe schmerzhafte Führung. Seine eigene Hose spannte schmerzhaft. Er hörte sich selbst, ein gedämpftes, würgendes Geräusch, während er den Fremden blies. Das Geräusch seiner eigenen Gier, ekelerregend und erregend zugleich.
Dann schob Mathias ihn weg, ließ ihn mit einem nassen, schmatzenden Geräusch los. „Jetzt du“, knurrte er und drehte Theo um, drückte sein Gesicht in die kühle, muffige Bettdecke. Theo hörte das Ratschen einer Kondompackung, das Knacken des Gummis. Dann kalte, glibbrige Finger an seinem Eingang, die ihn nur flüchtig bearbeiteten, bevor sich die viel größere, gummibehüllte Spitze gegen ihn drückte.
Theo atmete aus, versuchte sich zu entspannen. Der Druck war intensiv, ein brennendes Reißen, das langsam in einen dumpfen, füllenden Schmerz überging. Mathias drang mit einem langsamen, aber rücksichtslosen Stoß ein. „Fuck, du bist eng“, stöhnte er. Dann begann er zu ficken. Hart. Schnell. Das Bett schlug rhythmisch gegen die Wand, ein vertrautes, anklagendes Geräusch. Bum. Bum. Bum. Theo vergrub sein Gesicht tiefer in die Decke, um seine eigenen Stöhner zu ersticken. Jeder Stoß schob ihn vorwärts auf der Matratze. Die Luft roch nach Schweiß, Sperma und billigem Duschgel.
Mathias‘ Hände gruben sich in seine Hüften, zogen ihn zurück auf jeden Stoß. Seine Atemzüge wurden zu kurzen, keuchenden Explosionen. „Nimm’s, du kleine Schlampe, nimm meinen Schwanz“, fuhr er ihn heiser an. Die Worte waren krude, abgespult, ein Drehbuch, das beide kannten. Theo stöhnte, ein hohes, gequältes Geräusch, und forderte mehr. Er wollte es spüren, wollte, dass es wehtat, wollte, dass es ihn ausfüllte und alles andere übertönte – die Stille der Wohnung, den Klang von Bens und Noahs gleichmäßigem Atem hinter der nächsten Wand, das eigene Grübeln in seinen wachen Momenten.
Es dauerte nicht lange. Mathias‘ Stöße wurden unregelmäßig, hektisch. Er versteifte sich, drückte Theo mit letzter Kraft tief in die Matratze und stieß einen unterdrückten Schrei aus, ein heiseres „Fuck!“, als er kam. Theo spürte das Pulsieren durch das Gummi hindurch, das Zucken des fremden Körpers. Er selbst war nah dran, sein eigener Schwanz war hart und klopfte schmerzhaft gegen die Matratze. Mathias zog sich zurück, ließ ihn leer und ausgelaugt zurück. Das Kondom landete mit einem feuchten Plumps im Papierkorb.
Ohne ein Wort stand Mathias auf, zog sich an. Theo blieb liegen, das Gesicht noch immer in der Decke vergraben. Er hörte das Rascheln der Kleidung, das leise Schnalzen der Gürtelschnalle.
„Also dann“, sagte Mathias, seine Stimme war jetzt neutral, fast fremd. „Bis dann.“
Die Zimmertür öffnete und schloss sich. Kurz darauf die Haustür. Eine bleierne Stille breitete sich aus, durchbrochen nur von dem eigenen rasenden Herzschlag in Theos Ohren und dem leisen Summen des Kühlschranks in der Küche.
Er drehte sich auf den Rücken, starrte an die schmutzige Decke. Der Geruch von Sex hing schwer in der Luft. Er war klebrig, sein Arsch brannte, sein Schwanz war immer noch steif. Er packte sich selbst, ein paar harte, ruckartige Stöße, und kam mit einem erstickten Seufzer in seine eigene Hand. Die Erleichterung war minimal, eine flüchtige chemische Entladung. Dann kam die Leere, kälter als das Zimmer.
Am nächsten Morgen war der Kater sein treuester Begleiter. Ein hämmernder Schmerz hinter den Augen, ein bleierner Magen, der sich bei jedem Geruch von Kaffee empörte. Er schlich in die Küche. Ben war schon dort, schnitt Gemüse für eine Pfanne. Er nickte Theo nur zu, sein Gesicht war undurchdringlich.
„Laut gestern Nacht“, sagte Ben schließlich, ohne aufzublicken. Sein Ton war sachlich, nicht vorwurfsvoll.
Theo grunzte, nahm eine Flasche Wasser aus dem Kühlschrank. „Tut mir leid wegen der Wand.“
„Die Wand hat’s überlebt. Du?“
Die Frage hing in der Luft. Theo trank einen großen Schluck Wasser. „Mir geht’s gut.“
Ben ließ das Messer sinken, sah ihn an. Seine Augen waren warm, aber müde. „Theo. Du musst nichts tun. Du musst niemandem sein. Hier nicht.“
„Weiß ich“, schnauzte Theo, dann bereute er es sofort. „Es ist… es ist nur simpler so. Verstehst du?“
Ben betrachtete ihn einen langen Moment. „Ja“, sagte er dann leise. „Das verstehe ich.“ Er drehte sich wieder zu seinem Gemüse. „Es gibt Reste von gestern im Kühlschrank. Wenn du was runterkriegen kannst.“
Die Routine setzte sich fort. Bewerbungen verschickt, Absagen kassiert, gelegentlich ein Vorstellungsgespräch, das im Nichts verlief. Die Nächte in der „Fäss“ oder im „Institut für Zukunft“. Der gleiche Blickkontakt, die gleiche nonverbale Absprache, der gleiche Weg nach Hause durch die leeren, nach Urin und abgestandenem Bier riechenden Straßen. Die Männer waren austauschbar: der Bartrasierte mit den traurigen Augen, der Muskelprotz mit dem unsicheren Lachen, der Student, der zu viel redete. Die Sexakte waren Variationen des gleichen Themas: roh, funktional, laut genug, um die Stille zu übertönen, aber stets hinter der geschlossenen Tür.
Eines Abends saß Noah auf dem Sofa und lernte Schaltpläne, als Theo sich fertig machte. „Du gehst raus?“, fragte Noah, ohne aufzublicken.
„Ja.“
„Pass auf dich auf, okay?“
Theo blieb stehen. „Wovor?“
Noah sah nun auf. Sein Blick war klar, frei von Vorwurf. „Vor nichts. Und vor allem. Einfach nur… pass auf.“
An diesem Abend trank Theo mehr als sonst. Die Welt wurde weicher, die Kanten verschwammen. Der Mann, mit dem er endete – er hieß Finn, sagte er, ein Kellerlagermitarbeiter – war breit gebaut und still. In Theos Zimmer wurde es dunkel und stiller als sonst. Finns Küsse waren langsamer, seine Berührungen behutsamer. Als er Theo umdrehte und in ihn eindrang, war es kein stürmischer Angriff, sondern ein tiefes, beinahe zögerliches Vordringen.
„In Ordnung?“, flüsterte Finn gegen Theos Nacken.
Theo nickte, sein Gesicht in das Kissen gedrückt. Aber etwas war anders. Die Berührung, die Frage – sie schafften es, die betäubende Mauer zu durchdringen. Plötzlich spürte er mehr als nur den physischen Akt. Er spürte die Einsamkeit des Fremden, die seine eigene widerspiegelte. Er spürte eine verzweifelte Zärtlichkeit, die ihn erschreckte. Als Finn kam, war es mit einem langen, zitternden Stöhnen, nicht mit einem Triumphschrei. Er blieb liegen, sein Gewicht auf Theo, sein Atem warm gegen seine Schulter.
Theo wartete auf das übliche Rascheln, auf das „Bis dann“. Es kam nicht. Finn blieb einfach liegen, sein Arm um Theos Taille. Und Theo, betrunken, erschöpft und von einer plötzlichen, überwältigenden Welle von Menschlichkeit überrollt, ließ es zu. Er schmolz in die Berührung, schloss die Augen. Für einen Moment war es nicht laut. Es war still. Und in dieser Stille hörte er das leise, anhaltende Knacken seiner eigenen Verteidigungsmauern.
Am Morgen war Finn weg. Aber die Erinnerung an das Gewicht, die Stille, blieb. Theo saß auf der Kante seines ungemachten Bettes, den Kopf in den Händen, und spürte den Anflug von etwas, das sich sehr nach Schmerz anfühlte. Nicht der oberflächliche Schmerz eines Katers oder eines wunden Muskel, sondern etwas Tieferes, Gefährlicheres. Etwas, das nach Verlangen roch. Nicht nach einem Körper in der Nacht, sondern nach etwas mehr. Die Aussicht darauf war beängstigender als jede Einsamkeit. Draußen in der Küche hörte er Ben lachen, ein warmes, klares Geräusch. Theo stand auf. Er würde sich duschen, Kaffee machen, eine weitere Bewerbung schreiben. Der Tag würde weitergehen. Aber etwas in der Luft hatte sich verschoben. Die Stille in seinem Zimmer war nicht mehr nur Abwesenheit von Lärm. Sie war eine Frage geworden.