Chapter 56: Chapter 56
Die Tür zur Wohnung in der Kartoffelstraße stand einen Spalt offen. Ein gelber Zettel klebte auf dem groben Holz. Lukas drückte sie weiter auf. Das einzige Geräusch war das dumpfe Hämmern seiner eigenen Pulse in den Schläfen. Die Wohnung war leer. Nicht ausgeräumt leer, aber entkernt. Joe’s Matratze war weg. Die verschmierten Decken, der stinkende Eimer – alles fort. Nur die kahlen Pritschen, der wackelige Tisch und die aschgraue Kühle der Vergangenheit blieben.
Auf dem Tisch lag ein einzelner Schlüsselbund neben einem zusammengefalteten Zettel. Jannis hob ihn auf, entfaltete das raue Papier. Joe’s handschriftliche, blockige Buchstaben, mit einem stumpfen Bleistift gekratzt.
Jungs.
Das hier ist jetzt eure Bude. Miete ist für ein Jahr vorbei. Ich hab nix mehr hier. Nix mehr überhaupt. Mein Bruder schickt Ticket. Gehe zurück nach Lagos. Vergesst den Namen Joe. Vergesst alles.
Der Fleischerhaken hängt an der Wand. Behaltet ihn. Zur Erinnerung.
Keine Unterschrift. Nur eine leere Stelle, wo die Tinte hätte sein sollen.
Sie sagten nichts. Die Stille war eine dritte Person im Raum. Sie atmete den Staub der verlassenen Träume ein. Lukas ging zum Fenster, blickte hinunter auf die Straße. Irgendwo da draußen war Joe jetzt, unterwegs zu einem Hafen, zu einem Flugzeug, zu einem Kontinent, der sie niemals kennen würden. Er hatte sie nicht verraten. Er hatte sie zurückgelassen. Es war dasselbe und doch anders.
Jannis drehte den Lottoschein in seinen Taschen. Das bunte Papier raschelte leise. Ein blauer Vogel, ein Kleeblatt. Er zog ihn heraus, betrachtete die Zahlenreihe wie eine fremde Sprache. „Scheiß drauf,“ murmelte er. Er nahm sein Handy, das Billigding mit dem gesprungenen Display, und tippte die Zahlen von der Website ab. Sein Finger schwebte über der Eingabetaste. Ein kurzer, abgehackter Lacher. „Für Joe.“
Er drückte auf Senden.
Das Gerät schien einen Moment zu überlegen. Dann blinkte es weiß. Eine neue Seite lud sich. Eine Überschrift, riesig und unanständig rot: GEWINNEN!
Danach eine Zahl. Eine lange, absurd lange Reihe von Nullen.
Jannis sah darauf. Sein Gesicht zeigte keine Regung. Er drehte das Handy zu Lukas. Lukas sah die Zahlen. Seine Gedanken stolperten, versuchten, die Nullen zu zählen, gaben auf. Es war kein Geld mehr. Es war eine Macht. Eine atomare, lautlose Druckwelle, die durch den leeren Raum der Wohnung fegte und alles darin wegblies – den Gestank, die Erinnerungen, die Niedertracht.
„Heilige Scheiße,“ sagte Jannis. Seine Stimme war ein gehauchtes Kratzen.
Die nächsten Tage waren ein surrealer Albtraum aus Papierkram, anonymer Kleidung und schlechten Entscheidungen. Ein Anwalt mit scharfen Augen und schärferem Anzug wickelte alles ab. Das Geld landete auf anonymen Konten. Sie blieben in der Wohnung. Warum? Sie wussten es nicht. Es war ein Gewohnheitsnest aus Elend. Sie kauften neue Matratzen, teure, mit orthopädischem Kern. Sie ließen sie in den leer geräumten Raum liefern, wo Joe’s Gestank noch in der Luft hing. Es roch immer noch nach Schiff.
Eine Woche später, mit dicken Bündeln Hunderter in den Jackentaschen, standen sie wieder vor der Tür der Pension Cosmopolitan. Das rosafarbene Licht wirkte schmuddeliger, die Farbe blätterte vom Schild. Jannis drückte die Klingel.
Die selbe Frau mit den erschöpften Augen öffnete. Sie erkannte sie nicht. Warum auch? Sie waren nur zwei von unzähligen Gesichtern in der nächtlichen Masse. „Zimmer oder Begleitung?“
„Beides,“ sagte Jannis, seine Stimme fester als je zuvor. „Zwei Zimmer. Nebeneinander.“ Er zog ein Bündel Scheine hervor, ließ es locker in der Hand liegen. „Und wir wollen Linda und Marina.“
Die Frau sah das Geld. Ihr Blick wurde wach, berechnend. „Belegt sind sie nicht. Kostet extra, Reservierung.“
„Machen wir,“ sagte Lukas. Das Wort „Reservierung“ fühlte sich absurd an in diesem Flur, der nach billigem Parfüm und Verzweiflung roch. Sie warfen Scheine auf die Theke. Die Frau schob zwei Schlüssel hinüber. „Zimmer drei und vier. Bier im Kühlschrank, extra. Benutzt Kondome.“
Der Flur. Der rote Teppich. Die geschlossenen Türen. Es war eine Wiederholung, aber auf einem anderen Gelände. Sie waren nicht mehr die Jungs, die ihr letztes Geld verschleuderten. Sie waren die Männer, die bezahlten. Der Unterschied lag wie ein metallischer Geschmack auf ihrer Zunge.
Lukas betrat Zimmer drei. Es war identisch: das gleiche schmale Bett, das gleiche rissige Waschbecken. Marina stand am Fenster, rauchte. Sie drehte sich um. Ihr Kimono war derselbe. Ihr Blick war derselbe: distanziert, professionell, müde.
„Du,“ sagte sie, und in ihrer Stimme lag ein Hauch von Wiedererkennen. Oder vielleicht war es nur ein Trick des Lichts.
„Ich,“ sagte Lukas. Er zog die Jacke aus, warf sie auf den einzigen Stuhl. Das Geldbündel in seiner Innentasche machte ein deutliches Klumpen. Er zog es heraus, legte es auf den Nachttisch. Mehr, als sie in einem Monat hier verdienen würde.
Marina sah das Geld. Ihre Augen weiteten sich für eine Sekunde, dann schlossen sie sich zu Schlitzen. Sie nahm einen letzten Zug von ihrer Zigarette und drückte sie aus. „Was willst du?“
„Das Gleiche wie letztes Mal,“ sagte Lukas. „Nur diesmal hörst du auf, wenn ich es sage.“
Nebenan, in Zimmer vier, hörte Jannis die Tür ins Schloss fallen. Linda, die Blonde, lehnte gegen die Wand. Ihr Blick war herausfordernd, nicht müde. „Bist wieder da. Mit mehr Taschengelb, hm?“ Sie deutete mit dem Kinn auf seine Jacke.
Jannis sagte nichts. Er zog sein eigenes Bündel heraus, legte es sichtbar hin. „Zieh dich aus.“
Linda lächelte, ein kühles, gewerbliches Lächeln. „Immer direkt zur Sache.“ Sie löste den Knoten ihres Kimonos. Darunter trug sie nichts. Ihr Körper war makellos, gebräunt, eine perfekte Maschine. Er ließ seine Klamotten auf den Boden fallen. Sein Körper war immer noch der des Decksarbeiters: muskulös, vernarbt, schmutzig unter der Haut. Ihr Anblick ließ ihn hart werden, sofort, ein reflexartiges Steifwerden, das nichts mit Lust zu tun hatte.
Lukas’ POV
Marina ließ den Kimono zu Boden gleiten. Ihre Unterwäsche war weiß, spartanisch. Sie kam zum Bett, ihre Hände waren kühl, wie damals. Sie berührte seine Brust, ließ die Hand nach unten gleiten, umfasste ihn. Ihr Griff war routiniert. Er schloss die Augen. Durch die dünne Wand hörte er ein Geräusch: ein leises, rhythmisches Klopfen. Bumm. Bumm. Bumm. Jannis’ Bett, das gegen die Wand schlug. Schnell. Zornig.
Marina beugte sich vor, nahm ihn in den Mund. Ihre Technik war präzise, geübt. Die Zungenspitze sammelte das austretende Präejakulat, saugte, ließ mit einem leisen Pop los. Lukas grub die Finger in die grobe Bettdecke. Aus Zimmer vier drang ein Stöhnen. Tief, männlich. Jannis. Es klang nicht nach Vergnügen. Es klang nach einer Art verzweifelter Anstrengung.
„Stop,“ sagte Lukas.
Marina zog sich zurück, ein Faden Speichel riss zwischen ihren Lippen und seiner Eichel. „Was?“
„Dreh dich um.“ Seine Stimme war rau.
Sie gehorchte, legte sich auf den Bauch, ihr Arsch ragte in die Luft. Er positionierte sich hinter ihr, spuckte grob in die Hand, rieb sich ein. Es war das Gleiche. Immer das Gleiche. Der Druck, der Widerstand, das schmatzende Geräusch, als er eindrang. Sie war enger als das letzte Mal, oder vielleicht täuschte ihn seine Erinnerung. Ein leiser, erstickter Schrei von nebenan. Linda. „Ja! So! Fick mich!“ Ihre Stimme war hoch, gespielt erregt.
Marina blieb still unter ihm. Ihr Gesicht war in das Kissen gedrückt. Er packte ihre Hüften, zog sie auf seine Stöße. Bumm. Bumm. Bumm. Sein Rhythmus synchronisierte sich unwillkürlich mit dem Klopfen von nebenan. Er fickte sie nicht. Er hämmerte gegen etwas ein. Gegen die Wände. Gegen die Erinnerung an Joe’s zuckenden Rücken. Gegen den Gestank des Lagerraums vier. Gegen seinen eigenen widerlichen, hart werdenden Körper, der auch jetzt, mit all dem Geld, nur dies kannte.
Sein Orgasmus kam wie eine Niesattacke – heftig, unkontrollierbar, leer. Er stieß einen Laut aus, ein kurzes, tierisches Grunzen, und blieb in ihr liegen, keuchend. Marina bewegte sich nicht.
Jannis’ POV
Linda war wilder, als er in Erinnerung hatte. Sie ritt ihn, ihre Hüften kreisten, ihre Brüste wippten in seinem Gesicht. Ihr Gesicht war eine Grimasse konzentrierter Anstrengung. „Ist das gut, Baby? Fickst du mich gut?“ rief sie, und ihre Worte waren für die Wände bestimmt, nicht für ihn.
Durch die Wand hörte er das tiefe, regelmäßige Stöhnen von Lukas. Ein dumpfes, rhythmisches Dröhnen. Es vermischte sich mit dem Knarren seines eigenen Bettes. Sein Blick glitt über Lindas Schulter, über die schmuddelige Tapete, zu dem Fleck an der Wand, wo das Parfüm der letzten Bewohnerin hing. Er konnte Lukas sehen. Nicht wirklich. Aber er sah ihn: den entschlossenen, leeren Blick, den stumpen Stoß seiner Hüften. Er sah Joe. Er sah Stoffer. Er sah sich selbst von unten.
„Hart macht’s nicht besser,“ keuchte Linda und ließ sich auf ihn herabfallen, nahm ihn ganz auf. Er stieß zu, ein reflexartiges Aufbäumen. Sein Schwanz war eine Waffe, ein Werkzeug, ein Pfahl, an den er seine Seele nageln wollte. Von nebenan kam ein erstickter Schrei. Lukas. Es klang wie Schmerz. Oder Triumph. Er wusste es nicht.
„Komm für mich, du geiler Bastard,“ zischte Linda in sein Ohr, ihre Hüften arbeiteten wie ein Kolben. Ihre Worte waren hohl, ein einstudiertes Skript. Sein Höhepunkt baute sich auf, eine bleierne Woge in seinem Unterleib. Er packte ihre Hüften, rammte sich tief in sie, sein Körper verkrampfte sich. Das Sperma schoss aus ihm heraus, eine heiße, aggressive Entladung, die nichts befreite. Er stöhnte auf, ein lang gezogener, rauer Laut. Gleichzeitig, von nebenan, ein zweites, kürzeres Stöhnen. Lukas war gekommen. Ihre Laute vermischten sich in der dünnen Wand, ein perverser Duett.
Lukas’ POV
Sie lagen nebeneinander auf dem Bett, atmeten schwer. Marina zog sich den Kimono wieder an, ohne ein Wort. Das Geld lag noch auf dem Nachttisch. Sie nahm ihren Anteil, zählte ihn nicht. Durch die Wand war Stille. Absolute, erschöpfte Stille.
Dann ein Geräusch. Ein sanftes Klopfen. Nicht das Bett. Eine Faust gegen die Wand. Klopf. Klopf. Klopf. Langsam. Fragen.
Lukas hob seine eigene Faust, klopfte zurück. Klopf. Klopf.
Nichts mehr. Kein Stöhnen. Kein Klopfen. Nur das dumpfe Summen des Kühlschranks und der fernere Stadtlärm von der Straße. Das Geld hatte nichts geändert. Die Frauen waren die Gleichen. Die Räume waren die Gleichen. Ihr Körper hatte die Gleichen gemacht. Die Laute von nebenan hatten es nur bestätigt: Sie waren noch immer die Jungs aus Lagerraum vier, nur mit dickeren Brieftaschen. Die Rotation war stärker als Geld.
Er stand auf, zog sich an. Marina rauchte schon wieder am Fenster, ihr Rücken zu ihm gekehrt. Sie sah aus wie ein Geist, der in das rosafarbene Licht der Werbetafel getaucht war. Er verließ das Zimmer, ohne sich zu verabschieden.
Im Flur traf er auf Jannis, der gleichzeitig aus Zimmer vier trat. Sie sahen sich an. Jannis’ Augen waren rot umrandet. Seine Hände zitterten leicht. In der einen hielt er das restliche Bündel Geld, die Scheine waren zerknüllt und
Seine Hände zitterten leicht. In der einen hielt er das restliche Bündel Geld, die Scheine waren zerknüllt und feucht von Schweiß. „Das ist es also,“ sagte Jannis, seine Stimme ein flaches Echo im schmuddeligen Flur. „Mehr davon ändert gar nichts.“
„Was soll es ändern?“ Lukas’ Frage hing zwischen ihnen, eine taube Herausforderung. Draußen auf der Straße pfiff jemand; ein fröhlicher, unbeschwerter Ton, der wie Hohn klang. Jannis steckte das Geld ein, die Geste war eine Faust in der Tasche.
Sie gingen am nächsten Tag wieder hin. Und am Tag darauf. Es wurde ein Ritual, ein Pendelschlag zwischen der leeren, geldfetten Wohnung in der Kartoffelstraße und dem rosafarbenen Licht der Pension Cosmopolitan. Sie bezahlten für die ganzen Nächte, immer Zimmer drei und vier. Sie brachten teuren Wodka mit, den Marina und Linda misstrauisch zu sich nahmen. Sie redeten, manchmal. Über das Wetter. Über den Preis von Zigaretten. Nie über das Schiff. Nie über Joe.
Am dritten Abend saß Marina auf dem Bett, ihr Kimono offen, und trank direkt aus der Flasche. „Ihr seid komisch,“ sagte sie und wischte sich den Mund mit dem Handrücken ab. „Ihr kommt hierher, um zu ficken, und bleibt dann einfach rum.“
„Stört es dich?“ fragte Lukas. Er stand am Fenster, beobachtete den Regen, der die Neonlichter unten verschmierte.
„Es ist deine Zeit,“ zuckte sie mit den Schultern. Ihre Brüste hingen schwer und blass im Dämmerlicht. „Du bezahlst.“
Lukas drehte sich um. Sein Schwanz war halbsteif in seiner Hose, ein dumpfer Druck, der mit dem Wodka und der lähmenden Routine gewachsen war. „Komm her.“
Sie kam, gehorchte, kniete sich vor ihn. Sie öffnete seine Hose, holte seinen schon harten Schwanz heraus. Ihr Mund war warm und geschickt. Er legte eine Hand auf ihren Kopf, nicht zärtlich, sondern wie um sie zu verankern. Er stieß vor, bis er tief in ihrer Kehle steckte, und beobachtete, wie sie würgte. Die Kontrolle war leer, aber sie war etwas. Ihr Würgereflex zog ihn weiter hoch. Er zog sich heraus, sabbernd und glänzend, und drehte sie um, schob sie über das Bett. Er spuckte in seine Hand, rieb es über sich, und drang ohne Vorbereitung in sie ein. Sie stieß einen kurzen, scharfen Laut aus. Ihr Rücken bog sich unter ihm.
„Sag meinen Namen,“ keuchte er, seine Hüften schlugen gegen ihr fleischiges Gesäß.
„Lukas,“ stöhnte sie ins Kissen, aber es klang wie eine Frage, nicht wie eine Anerkennung.
Er packte ihre Hüften fester, grub seine Finger in ihr weiches Fleisch. „Sag es nochmal.“
„Lukas!“ Diesmal schärfer. Der Klang seines Namens in diesem Raum, aus diesem Mund, entfachte etwas Rohes in ihm. Sein Schwanz pulsierte in ihrer engen Hitze. Er stieß mit einer animalischen Wucht zu, sein Becken klatschte gegen ihr Hinterteil. Das Bett schlug im gleichen brutalen Rhythmus gegen die Wand. Von nebenan antwortete ein gleiches Klopfen, schneller, verzweifelter. Jannis und Linda. Ein vierfacher Herzschlag aus Holz, Fleisch und Frustration. Er kam mit einem unterdrückten Schrei, sein Samen schoss heiß und heftig in sie hinein. Er blieb in ihr liegen, keuchend, sein Gewicht drückte sie in die durchgelegene Matratze.
Nebenan war das Klopfen abrupt verstummt. Stille folgte, dick und schwer wie Teer.
Am Ende der Woche kannten sie die Runzeln in Marinas Gesicht, wenn sie wirklich lachte. Sie wussten, dass Linda vom Land kam und eine Tochter hatte, die bei ihrer Schwester lebte. Sie erfuhren, dass die Frau an der Theke Gudrun hieß und einen Herzfehler hatte. Die Informationen wurden ausgetauscht zwischen gierigen, feuchten Fick-Sessions auf schmutzigen Laken, zwischen Wodka-Schlucken und rauchigen Pausen am Fenster. Es war eine seltsame, schiefe Intimität, aufgebaut auf bezahlter Zeit.
An Tag sieben brachten sie Sushi. Es stand in teuren Plastikschalen auf dem Bett von Zimmer drei. Marina stocherte misstrauisch in einem Thunfisch-Roll. „Was soll das?“
„Etwas anderes,“ sagte Jannis und steckte sich eine Bratrolle ganz in den Mund. Linda aß gierig, ihre Fingerspitzen wurden klebrig von Sojasauce.
Lukas trank sein letztes Bier aus. Der Alkohol brannte in seinem Magen, vermischte sich mit einer anderen Art von Feuer, einem unangenehmen, nagenden Impuls. Er sah Jannis an. Jannis’ Augen waren glasig, seine Pupillen weit von Schnaps und etwas anderem, etwas Verzweifelterem. Er nickte kaum merklich. Es war Zeit.
„Wir haben gewonnen,“ sagte Lukas. Seine Stimme klang laut in dem kleinen Raum.
Marina hob den Blick von ihrem Sushi. „Gewonnen? Im Lotto? Das erzählen sie alle.“
„Nein,“ sagte Jannis und lehnte sich gegen die Wand. „Wirklich gewonnen. Viele Millionen.“
Linda lachte, ein kurzes, hartes Bellen. „Ja, klar. Und ich bin die Königin von England.“
„Es ist wahr,“ sagte Lukas mit einer Ruhe, die ihn selbst überraschte. Er zog seine Brieftasche heraus, nicht das Bündel loser Scheine, sondern eine schmale, schwarze Kreditkarte aus Titan. Er warf sie auf das Bett zwischen die Sushi-Schalen. Sie landete mit einem befriedigenden, metallischen Klack.
Marina starrte auf die Karte. Ihr Gesicht zeigte keine erkennbare Emotion. „Was wollt ihr?“
Lukas atmete ein. Die Worte fühlten sich absurd an, aber sie waren die einzigen, die er hatte. „Wir kaufen ein Haus. Ein großes Haus. Ein Anwesen. Draußen, wo niemand hinschaut.“
Jannis fügte hinzu, seine Stimme belegt von Wodka und einer seltsamen Zärtlichkeit. „Komm mit uns. Du und Linda. Ihr müsst das hier nicht mehr machen.“
Stille breitete sich aus. Der Elektrorasierer von jemandem surrte durch die dünne Wand. Das neon-rosa Licht von der Straße flackerte.
Marina lachte nicht. Sie setzte ihre Sushi-Stäbchen ab, sehr sorgfältig. „Was sollen wir da machen? Als eure kleinen Huren in eurem großen Haus?“
„Nein,“ sagte Lukas schnell, zu schnell. „Nur… da sein.“
„Wir wissen nicht mal eure echten Namen,“ sagte Linda und wischte sich die Hände an einem Papierserviettenblatt ab. Ihr Gesicht war eine Maske kalkulierender Skepsis.
„Lukas,“ sagte er. „Und das ist Jannis.“
„Und ich bin Marina. Und sie ist Linda.“ Sie schüttelte den Kopf. „Wir bleiben hier. Das ist unser Ort.“
„Hier ist Scheiße,“ sagte Jannis plötzlich, mit einer Wut, die aus den Tiefen seines Zwerchfells aufstieg. „Ihr fickt stinkende alte Männer für Geld, die euch wie Müll behandeln. Wir… wir werden euch nicht wie Müll behandeln.“
„Sondern wie was?“ fragte Marina. Ihr Blick war scharf, durchdringend. „Wie eure kleinen geretteten Prinzessinnen? Ihr habt Geld. Das ändert nichts an dem, was ihr seid.“
„Und was sind wir?“ fragte Lukas leise.
Marina sah ihn lange an. Sie sah die Narben an seinen Händen, die Leere in seinen Augen, die brutale, gierige Art, wie er sie nahm. Sie sah den Jungen unter der Hülle, der sich im Dunkeln fürchtete. „Ihr seid Kunden,“ sagte sie schließlich, aber ihre Stimme war nicht hart. Sie war müde. „Und das schafft ihr auch mit einem Millionen-Konto nicht weg. Nichts schafft das weg.“
Linda stand auf, ihre Bewegungen waren plötzlich geschäftig. „Die Zeit ist gleich um, Jungs. Geld auf den Tisch.“ Ihre Professionalität war zurückgekehrt, eine unsichtbare Rüstung.
Lukas steckte die Kreditkarte ein. Er legte mehr Scheine hin, als nötig war. Ein Schweigegeld. Sie verließen das Zimmer, den Flur, das rosa Licht.
Draußen auf dem Bürgersteig blieb Jannis stehen. Der Regen hatte aufgehört, aber die Luft war noch feucht und kalt. „Sie haben Nein gesagt.“
„Ja,“ sagte Lukas.
„Was machen wir jetzt?“
Lukas sah die Straße hinauf, hinunter. Die Lichter der Stadt waren stumpfe, gelbe Punkte in der nassen Dunkelheit. Sie hatten alles Geld der Welt und keinen Ort, an den sie gehörten. Die „Polaris“ war weg. Joe war weg. Die Pension Cosmopolitan, diese schäbige, rosafarbene Hölle, hatte sie abgewiesen. Sie besaßen nichts als ein dickes, anonymes Konto und die grenzenlose, nagende Leere, die sie kaufen sollten.
Ein Auto fuhr langsam vorbei, Bass dröhnte aus geöffneten Fenstern. Ein Fragment eines Liedes, dann Stille. Lukas schloss die Augen. Das Geräusch des Bettes, das gegen die Wand schlug, hallte in seinen Knochen nach. Bumm. Bumm. Bumm. Es war der Rhythmus ihres Lebens geworden.