Chapter 53: Chapter 53
Die Reise der „Longevity“ war ein einziges, schleifendes Dahindämmern durch die Zeit. Die Tage verschmolzen zu einem Brei aus schwüler Hitze, rostiger Arbeit und dem allabendlichen Ritual des gelben Kanisters. Das Schiff kroch die Küste Südamerikas hinunter, umrundete Kap Hoorn in einem Sturm, der das metallische Ächzen der Struktur in ein permanentes Heulen verwandelte, und schob sich dann träge in den endlosen Pazifik hinein.
Big Joe wurde zu einer Konstanten. Seine anfängliche, brutale Geste in jener ersten Nacht wiederholte sich nicht in derselben Form. Stattdessen entwickelte sich eine seltsame, wortlose Dynamik. Joe war der stärkste Mann an Bord, verrichtete die Arbeit von drei Männern, und seine bloße Anwesenheit schien Caldwell und den anderen einen gewissen Respekt abzunötigen. Er war kein Wächter, aber ein Faktor.
Eines Nachmittags, während sie im Frachtraum schweres Gerömpel umstapelten, rutschte ein loses Stahlrohr aus Lukas’ schwieligen Händen und krachte direkt auf Jannis’ Fuß. Jannis brach mit einem unterdrückten Schrei zusammen, sein Gesicht wurde aschfahl.
Vor Lukas oder Manfred etwas tun konnten, war Big Joe da. Er schob Lukas beiseite, kniete sich mit erstaunlicher Behendigkeit hin. Mit ruhigen, bestimmten Händen zog er Jannis’ schmutzigen Schuh und die Socke aus. Der Fuß war bereits geschwollen und verfärbte sich blau.
„Hold him,“ sagte Joe mit seiner tiefen, resonanten Stimme. Seine Englisch war einfach, direkt. Lukas drückte Jannis’ Schultern gegen eine Kiste. Joe packte den Fuß mit beiden Händen, seine massiven Daumen suchten den Knochen. Er sah Jannis direkt in die Augen. „Now.“
Mit einem schnellen, präzisen Ruck richtete er den Knochen ein. Jannis schrie, ein kurzer, heiserer Laut, und krallte sich in Lukas’ Arm. Dann war der schlimmste Schmerz vorbei, zurück blieb ein dumpfes, pochendes Feuer.
Joe ließ den Fuß vorsichtig los. „Not broken. Bad sprain.“ Er stand auf, verschwand für zehn Minuten und kam mit einer Rolle schmutziger, aber festen Leinenbandage und einer Flasche klaren Schnapses zurück, die nicht aus dem Kanister stammte. Er kniete wieder nieder, spülte den geschwollenen Knöchel mit dem Alkohol ab, was Jannis erneut zusammenzucken ließ, und bandagierte den Fuß mit fachmännischer Sicherheit.
„Why?“ fragte Jannis atemlos, sein Deutsch brach durch vor Schmerz und Verwirrung.
Joe sah auf, seine dunklen Augen waren undurchdringlich. „Waste,“ sagte er schließlich. „You waste if you no walk. Ship needs hands.“ Er klopfte Jannis fast zärtlich auf den verbundenen Knöchel. „You work tomorrow.“
Es war keine Freundlichkeit. Es war utilitaristisch, praktisch. Aber in der Ökonomie der „Longevity“ war es ein unerwarteter Akt der Gnade. Von diesem Tag an veränderten sich die Blicke, die sie mit Big Joe austauschten. Es war keine Kameradschaft, sondern eine Art stillschweigende Anerkennung gemeinsamer Nutzlosigkeit und Überlebenswillen.
Die Nächte verliefen nach demselben Muster. Der Kanister. Das Brennen in der Kehle. Die Betäubung. Manfred weinte manchmal leise vor sich hin. Die burmesischen Brüder flüsterten. Caldwell grölte alte Shanties. Und Joe, nach seinem dritten Becher, bekam diese distanzierte, fast melancholische Ruhe.
Eines solchen Abends, als das Schiff auf einer glatten, öligen See schaukelte und der Mond durch die schmutzigen Bullaugen sickerte, sprach Joe Lukas direkt an. Er saß auf einer Kiste, sein massiver Körper warf einen riesigen Schatten.
„You,“ sagte er und zeigte mit seinem Becher auf Lukas. „You and the small one. You are…“ Er suchte nach dem Wort. „Bound.“
„Zusammen?“ fragte Lukas auf Deutsch, bevor er sich korrigierte. „Together?“
Joe nickte langsam. „Like rope. Twisted.“ Er nahm einen Schluck. „On this ship, this is good. One watches. The other sees.“ Seine Augen wanderten zu Jannis, der in seiner Hängematte lag und zu schlafen schien, obwohl Lukas wusste, dass er wach war und lauschte. „He is… broken inside. More than you.“
Lukas sagte nichts. Das Eingeständnis, von einem Fremden so gesehen zu werden, war demütigend und seltsam erleichternd.
„I had a brother,“ sagte Joe plötzlich, sein Blick war in einer anderen Zeit, einem anderen Ort gefangen. „In Lagos. We were bound.“ Er machte eine Faust, betrachtete sie. „Then he was gone. The rope…“ Er öffnete die Hand. „…cuts.“
Er stand auf, wankte nicht einmal unter dem Einfluss des Alkohols. Er ging nicht zu seiner Hängematte. Er ging zur Luke, die zum unteren Lagerraum führte, einem noch stickigeren, heißeren Höllenloch, in dem verdorbene Frachtteile lagerten. Er sah zurück. „Come.“
Lukas zögerte, dann folgte er. Jannis glitt lautlos aus seiner Hängematte und humpelte hinterher. Sie stiegen die schmale, brüchige Leiter hinab in eine Dunkelheit, die nach Moder und Rost roch. Joe hatte eine ölverschmierte Taschenlampe mitgenommen. Ihr Lichtstrahl schnitt durch die Schwärze und fiel auf eine improvisierte Pritsche aus alten Säcken in einer Ecke.
Hier unten war der Lärm des Schiffs gedämpft, ein fernes, metallisches Dröhnen. Die Luft stand still und war zum Ersticken dick.
Joe stellte die Lampe so ab, dass sie einen gespenstischen Lichtkreis warf. Er wandte sich ihnen zu, sein Gesicht war halb im Schatten. „The drinking… it makes the time pass. But it does not fill the hole.“ Seine Hände gingen zu seinem Gürtel. „The other thing… it makes you feel nothing for a moment. Or everything.“
Er öffnete seine Hose. Sein Schwanz hing schwer und dunkel zwischen seinen Beinen, halb erigiert von dem Alkohol und der stickigen Hitze. Es war nicht eine Geste der Dominanz wie bei Hein, auch nicht der pragmatische Akt von Caldwells Besäufnissen. Es war etwas anderes. Eine Einladung. Oder eine Prüfung.
„You,“ sagte er zu Lukas. „You take him.“ Es war eine Anweisung, aber keine grobe. Lukas verstand. Er schaute zu Jannis, dessen Augen im Dämmerlicht weit aufgerissen waren. Es war keine Leere darin, sondern eine hochkonzentrierte, fast schmerzhafte Aufmerksamkeit. Jannis nickte, fast unmerklich.
Lukas trat vor Joe, kniete sich in den Staub und den Schmutz des Lagerraums. Der Geruch von Joe war intensiv, musky, ein dominantes Animalisches vermischt mit Schweiß und Metall. Er nahme Joe’s Schwanz in den Mund. Er war groß, die Eichel breit und voll. Lukas konzentrierte sich auf die Technik, auf das feuchte, rhythmische Gleiten, auf die Art, wie Joe’s Schenkel sich leicht anzuspannen begannen.
Joe legte eine große Hand auf Lukas’ Kopf, nicht zum Stoßen, sondern einfach aufliegend, ein ankerndes Gewicht. Sein anderer Arm streckte sich aus und zog Jannis heran, der sich widerstandslos an seine Seite lehnte. Joe’s Hand wanderte über Jannis’ Bauch, öffnete seine Hose und holte seinen gekrümmten, schon steifen Penis hervor. Joe begann, Jannis mit langsamen, festen Zügen zu wichsen, sein Griff sicher und erfahren.
„Good,“ murmelte Joe, sein Kopf war zurückgelehnt, die Augen geschlossen. „The rope… you hold each other. But sometimes… the rope needs a third. To pull tighter.“
Lukas spürte, wie Joe in seinem Mund an Umfang gewann, wie die Adern unter seiner Zunge pulsierten. Er erhöhte das Tempo, saugte kräftiger, ließ seine Zunge gegen den unteren Grat der Eichel spielen. Neben ihm stieß Jannis kurze, scharfe Atemzüge aus, sein Körper zuckte unter Joe’s rhythmischer Hand.
Joe’s Atem ging schneller. Seine Hüften begannen sich in winzigen Stößen vorzuschieben. Die Hand auf Lukas’ Kopf drückte leicht nach unten. „Now,“ knurrte er, seine Stimme ein tiefes Rollen in der Brust. „Take it.“
Lukas öffnete sich weiter, ließ die Länge und Dicke bis in seine Kehle vordringen, würgte reflexartig, als die Spitze seinen Rachen berührte. Das löste Joe’s Orgasmus aus. Er stieß mit einem erstickten, gutturalen Laut noch einmal tief hinein und kam in Lukas’ Mund, ein warmer, salziger Schwall, der dick und reichlich floss. Lukas schluckte, würgte, schluckte wieder, bis nichts mehr kam.
Gleichzeitig, als ob durch einen unsichtbaren Faden verbunden, erreichte auch Jannis seinen Höhepunkt. Sein Samen schoss über Joe’s massive Faust, tropfte auf den schmutzigen Boden. Jannis’ Körper verkrampfte sich, ein langes, zitterndes Stöhnen entwich ihm.
Für einen Moment herrschte Stille, unterbrochen nur vom Keuchen der drei Männer und dem entfernten Dröhnen des Schiffs. Joe zog sich aus Lukas’ Mund zurück, steckte seinen jetzt schlaffen, feuchten Schwanz wieder ein. Er ließ Jannis los, der gegen eine Kiste sank, sein verbundener Fuß vor sich ausgestreckt.
Joe wischte seine hand an seiner Hose ab. Sein Gesicht war im Halbdunkel unlesbarlich. „The hole is still there,“ sagte er ruhig. „But for a minute, you forget its shape.“
Er nahm die Taschenlampe. Ohne ein weiteres Wort kletterte er die Leiter hinauf zurück in die drückende Hitze des Mannschaftsraums und ließ sie in der Dunkelheit zurück.
Lukas spuckte aus, ein letzter, bitterer Nachgeschmack. Er tastete sich zu Jannis durch. Im schwachen Nachhall des Lichts sah er, dass Jannis lächelte. Es war kein freudiges Lächeln. Es war das schmale, schiefe Grinsen eines Menschen, der gerade einen schmutzigen, lebenswichtigen Handel abgeschlossen hatte.
„Er hat recht,“ flüsterte Jannis auf Deutsch, seine Stimme war heiser. „Der Riss ist da. Aber jetzt… jetzt wissen wir, wie man ihn stopft. Vorübergehend.“
Lukas lehnte sich neben ihn gegen die Kiste. Der Geschmack von Joe war noch in seinem Mund, der Geruch von ihnen allen hing in der stickigen Luft. Es war abscheulich. Es war notwendig. Es war ein weiterer Schritt in ihrer Metamorphose, ein weiteres Stück der alten Haut, das sie in der Finsternis abgestreift hatten.
Oben hörten sie Caldwells heiseren Gesang. Der Kanister machte wieder die Runde. Die „Longevity“ schob sich weiter durch die nächtliche See, ein schwimmendes Sargschiff, das sie alle, auf seine eigene verdrehte Weise, zusammenschmiedete. Joe war kein Freund geworden. Er war ein Verbündeter. Ein Teil des neuen, verstümmelten Ökosystems, das sie ihr Überleben nannten.
Sie stiegen zurück nach oben, in den Lärm und den Gestank. Die Blicke, die sie nun mit Big Joe austauschten, hatten eine neue, komplizierte Tiefe. Es war das Verständnis von Komplizen, die dasselbe Verbrechen nicht begangen, aber dieselbe Strafe verbüßten. Der Pazifik dehnte sich vor ihnen aus, ein endloses, graues Nirgendwo. Aber in diesem rostigen Bauch des Schiffes hatten sie, in der widerlichsten Art und Weise, einen Ankerpunkt gefunden.
Aber in diesem rostigen Bauch des Schiffes hatten sie, in der widerlichsten Art und Weise, einen Ankerpunkt gefunden. Die Wochen, die folgten, waren aus demselben zermürbenden Stoff gewebt: schwüle Hitze, das ständige Knirschen von Metall auf Metall, und der allabendliche Kanister, der ihre Kehlen und ihr Bewusstsein verätzte. Doch etwas hatte sich verschoben. Big Joe’s massive, schweigsame Präsenz bildete nun einen dritten Pol in ihrer verzweifelten Geometrie.
„Ihr seht aus wie Scheiße, die zweimal gefressen wurde,“ krächzte Caldwell eines Morgens, als sie verdreckt und verschwitzt von der Reinigung der Bilgen kamen. Joe antwortete nicht. Er nahm einfach die zwei zusätzlichen Konserven, die der Kapitän auf eine Kiste legte, und schob sie Jannis und Lukas zu. Es war keine Großzügigkeit. Es war Logik. Starke Hände brauchten Kalorien.
Die Nächte im unteren Lagerraum wurden zum heimlichen Ritual. Nicht jede Nacht. Aber wenn die Dunkelheit an Bord besonders dick und die Verzweiflung besonders lautlos wurde, stiegen sie hinab. Joe erwartete sie dann manchmal schon, auf seiner Sackpritsche sitzend, die Taschenlampe neben sich.
„Komm,“ sagte er dann einfach, sein Deutsch holprig, aber verständlich. Die Worte waren knapp, utilitaristisch. „Zeit verschwenden nicht.“
Es ging nicht um Zärtlichkeit. Es ging um Entladung. Um die rohe, physische Bestätigung, dass ihre Nerven noch funktionierten. Joe mochte es, sie zu dirigieren, ein stiller Choreograf ihrer Erniedrigung und ihrer ekstatischen Befreiung.
„Du,“ wies er Lukas an und zeigte auf den schmutzigen Boden vor sich. „Auf Knien. Mund auf.“ Lukas gehorchte. Joe’s Schwanz, dick und schwer, schlug ihm fast gegen die Wange, bevor er ihn in den Mund nahm. Der Geschmack von Salzwasser, Schweiß und Vormittel war penetrant. „Tiefer. Würg nicht.“
Während Lukas arbeitete, zog Joe Jannis auf seinen Schoß, Rücken an seine breite Brust gepresst. Seine großen Hände öffneten Jannis’ Hose, fuhren hinein und packten seinen gekrümmten Schwanz. „Du auch. Zeig es mir,“ murmelte Joe, seine Lippen dicht an Jannis’ Ohr, und begann, ihn langsam und fest zu wichsen. Jannis stöhnte, sein Kopf fiel gegen Joe’s Schulter, seine Augen waren auf Lukas gerichtet, der würgend an Joe’s Schaft arbeitete.
„Jetzt wechseln,“ befahl Joe, seine Stimme ein tiefes Vibrieren. Er schob Lukas weg, an dessen Kinn Speichel und Vorflüssigkeit glänzten. „Er nimmt dich. Ich sehe zu.“
Jannis, seine Atmung schnell und flach, stand auf, sein Glied steif und feucht von Joe’s Griff. Lukas drehte sich um, stützte sich mit den Händen gegen eine rostige Stahlstrebe. Es gab keine Vorbereitung, nur Jannis’ Spucke in seiner eigenen Hand, bevor er sich in Lukas hineindrückte. Der Schmerz war ein vertrauter Druck, ein Ausstopfen der Leere. Joe lehnte zurück, sein massiver Penis lag in seiner eigenen Hand, und er beobachtete sie mit dunklen, fokussierten Augen, während er sich langsam selbst wichste.
„Schneller,“ drängte Joe. Jannis gehorchte, seine Hüften schlugen jetzt heftiger gegen Lukas, jedes Vordringen ein dumpfes Aufschlagen. Das Geräusch war nass, fleischig, obscön in der dumpfen Stille des Raumes. Joe’s Atem ging schneller. „Ja. So. Ihr gehört keinem Ort. Ihr gehört diesem.“
Als Jannis mit einem unterdrückten Schrei kam, zuckte sein ganzer Körper. Joe stand auf, trat hinter Lukas, der noch immer von Jannis’ letzten Zuckungen durchfahren wurde. „Bleib,“ knurrte Joe. Er spuckte in seine Hand, rieb es an sich, und drang dann ohne weiteres Federlesens in Lukas ein, füllte ihn dort, wo Jannis gerade gewesen war. Es war ein überwältigendes, brutales Gefühl der Vervollständigung, ein Stopfen bis zum Bersten. Joe packte Lukas’ Hüften und stieß mit kraftvollen, tiefen Stößen zu, jedes Mal begleitet von einem gutturalen Grunzen.
„Fick ja, dieser enge Arsch,“ keuchte Joe auf Deutsch, seine Worte waren roh und ungeschliffen. „Nimm es. Nimm alles.“ Sein Kommen war ein langes, zitterndes Stoßen, ein heiseres Fluchen auf Englisch, das in der engen Luft verhallte.
Dann lagerten sie nur noch da, atmeten schwer, ihre Körper eine einzige, verschwitzte und verschmierte Masse im gelben Lichtkreis. Die Schande war matt geworden, zu einem bloßen Nebenprodukt des Prozesses degradiert.
„Diese Reise endet,“ sagte Joe später, als sie sich anzogen, seine Stimme wieder sachlich. „Bremerhaven. In vielleicht zwanzig Tagen.“
Eine eisige Faust schloss sich um Lukas’ Herz. Das Ende der Fahrt bedeutete nicht Freiheit. Es bedeutete ein neues Vakuum.
„Und dann?“ fragte Jannis, sein Blick war auf den Boden gerichtet.
Joe zuckte mit den Schultern. „Ich habe Raum. Kleiner Raum. Nahe Hafen.“ Er musterte sie, sein Gesicht ein undurchdringliches Felsmassiv. „Kein Geld. Nur Raum. Sie kommen?“
Die Frage hing in der modrigen Luft. Sie war absurd. Es war die Einladung, ihre Gefängnis-Dynamik an Land fortzusetzen, in einem winzigen Studio irgendwo in einer deutschen Hafenstadt. Es war der pure Wahnsinn. Lukas sah Jannis an. In Jannis’ Augen war kein Zweifel, nur eine erschöpfte, klare Logik. Wo sonst sollten sie hingehen? Was sonst waren sie, außer dies?
„Wir kommen,“ sagte Lukas, und die Worte fühlten sich endgültig an, wie das Zuschnappen einer Falle.
Joe nickte, ein einziges, langsames Senken des Kinns. „Gut. Dann ist gut.“
Die letzte Etappe der Überfahrt gewann dadurch eine seltsame, vorläufige Stabilität. Die Gewalt der See, die Willkür Caldwells, der allgegenwärtige Gestank – sie existierten weiter, aber sie liefen nun auf ein konkretes Ziel zu. Eine Adresse. Einen verschmierten Zettel, auf den Joe mit schwerfälliger Hand „Kartoffelstraße 18, 4. Stock“ gekritzelt hatte. Es war kein Zuhause. Es war ein Nachfolger des Lagerraums.
Als die flache, graue Küste Deutschlands in Sicht kam, standen sie nebeneinander an der Reling. Der Himmel war bleiern. Joe stand einen Schritt hinter ihnen, sein Koffer war nichts als ein alter Mehlsack, mit einer Schnur zusammengebunden.
„Wir leben mit ihm,“ sagte Jannis leise, nicht als Frage.
„Ja,“ antwortete Lukas. Es war keine Entscheidung mehr. Es war ein Naturgesetz. Der rostige Bauch des Schiffes hatte sie ausgespuckt, und der einzige Ort, der sie jetzt aufnehmen konnte, war die kartoffelgroße Welt von Big Joe. Die Tür zu dem, was sie einmal gewesen waren, war nicht nur verschlossen, sie war eingestampft und über Bord gegangen, irgendwo zwischen Montevideo und dem Äquator.
Das Schiff legte an. Die Gangway senkte sich auf den kalten Kai. Sie folgten Joe, diesem massiven, schweigsamen Mann, der in gebrochenem Deutsch ihr neuer Anker war, hinab in das unbarmherzige Grau der Wirklichkeit.
Sie folgten Joe, diesem massiven, schweigsamen Mann, der in gebrochenem Deutsch ihr neuer Anker war, hinab in das unbarmherzige Grau der Wirklichkeit. Der Hafen von Bremerhaven war kein Ort, sondern ein Zustand aus nassem Asphalt, klirrender Kälte und den abgestandenen Gerüchen von tausend vergessenen Abfahrten. Joe marschierte voraus, sein Mehlsack über der Schulter, ohne sich umzusehen, ob sie noch folgten. Ihre eigenen paar Habseligkeiten in den abgewetzten Taschen fühlten sich plötzlich lächerlich an, wie Spielzeug aus einer anderen Epoche.
Die Kartoffelstraße 18 war ein Backsteinklotz, dessen Fassade vom Salzwind ausgebleicht und von Ruß geschwärzt war. Das Treppenhaus roch nach gekochtem Kohl, Schimmel und dem durchdringenden, süßlichen Duft irgendeiner fremden Würze. Joe stieg drei Stockwerke hinauf, schwer atmend, sein Körper füllte beinahe das ganze Geländer aus. Vor einer braunen Tür mit abblätterndem Lack blieb er stehen, kramte einen einzelnen Schlüssel hervor.
„Hier,“ sagte er und schob die Tür auf.
Die Luft, die ihnen entgegenschlug, war warm, abgestanden und völlig bewegungslos. Der Raum war ein einziges, langgestrecktes Studio, vielleicht vier mal zwölf Meter. Ein zugiges Fenster blickte auf den Hinterhof, eine Schlucht aus Müllcontainern und feuerflüchtigen Leitern. Ein breites, unmade Bett mit durchgelegener Matratze dominierte eine Seite. Gegenüber stand eine abgenutzte Couch, deren Stoff an den Armlehnen durchgescheuert war. Eine kleine Kochnische war mit dreckigem Geschirr und leeren Konservenbüchsen verstellt. Über allem lag eine Schicht Staub und die unverkennbare, fettige Patina von Einsamkeit.
Jannis humpelte als erster hinein, sein verstauchter Fuß machte jeden Schritt zur Qual. Er ließ sich auf die Couch fallen, die eine Wolke aus Staub aufwirbelte. „Himmel,“ murmelte er, mehr ein Ausatmen als ein Wort.
Lukas blieb in der Tür stehen, seine Seele fühlte sich plötzlich zu groß für diesen engen, traurigen Kasten. Joe schob ihn beiseite, trat ein und ließ seinen Sack in eine Ecke plumpsen. Er ging zum Fenster, riss es mit einem heftigen Ruck auf. Die kalte, feuchte Luft strömte herein, vermischte sich mit der Stagnation.
„Luft muss,“ sagte Joe. Er drehte sich um, musterte sie mit jenem undurchdringlichen Blick. „Heute keine Arbeit. Heute saufen.“
Es war keine Frage. Es war ein Dekret. Eine Fortsetzung des Rituals, das sie am Leben gehalten hatte, nur ohne das schwankende Deck unter den Füßen. Die Aussicht war ebenso erwartbar wie erschreckend. Lukas nickte nur. Jannis rieb sich das Gesicht.
„Wo?“ fragte Lukas.
„Kneipe. Unten. Eck.“ Joe griff in die Tasche seiner schmutzigen Arbeitshose und zog einen knittrigen Zwanzig-Euro-Schein hervor. „Das für alle. Mehr nicht.“
Die Kneipe hieß „Zum Anker“ und war eine Höhle aus dunklem Holz, vergilbten Fischer-Netzen an den Wänden und einem Boden, der von Jahrzehnten eingetretenem Bier und Salz klebrig war. Der Geruch war eine vertraute Mischung: schaler Tabak, frittieres Fett, Desinfektionsmittel und der säuerliche Unterton von vergorenem Hopfen. Es war früh am Abend, und nur ein paar ältere Männer saßen vereinzelt an den Tischen, starrten in ihre Gläser.
Joe nickte dem bartstoppeligen Wirt zu, der zwei Finger hob. Drei große, verschlissene Bierkrüge wurden gefüllt, ein gelblicher Pilsener-Schaum quoll über den Rand. Joe trug zwei davon zu einem Ecktisch, Lukas folgte mit dem dritten. Sie setzten sich. Kein Prost. Joe hob sein Glas, trank die Hälfte in einem langen, ununterbrochenen Zug hinunter. Seine Kehle arbeitete. Er setzte das Glas ab, ein tiefer „Ah“-Laut entwich ihm. Seine Augen wurden ein wenig weicher, die harte Schale um ihn begann zu schmelzen.
„Land ist still,“ sagte er, sein Deutsch holprig. „Kein Motor. Kein Seegang. Schlecht.“
Lukas trank. Das Bier war bitter und kalt, es wusch den Hafenschleim von seiner Zunge. Jannis folgte, zögerlicher. Das erste Glas verschwand in Schweigen. Joe winkte dem Wirt, und drei neue erschienen, noch bevor die alten leer waren. Dann kamen die Kurzen. Klare, brennende Körner. Sie standen in einer Reihe auf dem nassen Holz.
„Auf Schiff,“ sagte Joe und hob sein Schnapsglas. Er suchte die Worte. „Auf Scheißschiff. Auf verdammte See. Auf nichts.“
Sie stießen an. Das Glas klirrte. Die Flüssigkeit brannte einen Pfad der Vernichtung in Lukas’ Magen, einen vertrauten, fast tröstlichen Schmerz. Jannis hustete, seine Augen tränten, aber er leerte das Glas.
Der Abend verschob sich, verlor seine Kanten. Das dritte Bier. Der vierte Schnaps. Joe sprach mehr, seine Sätze wurden länger, verschlungener, eine Mischung aus Deutsch, Brocken Englisch und Wörtern, die nach keiner Sprache klangen. Er sprach von Lagos, vom Geruch der Märkte, vom seinen Bruder, der in einem Haufen aus Schrott und blutigen Lumpen geendet hatte.
„Er war wie du,“ sagte er und zeigte mit seinem Glas auf Jannis. Sein Finger schwankte. „Klein. Laut im Kopf. Still außen.“ Er leerte das Glas, winkte wieder. „Fertig. Weg.“
Die Dunkelheit draußen war komplett, als der Wirt ihnen das fünfte Glas Schnaps verweigerte. „Jungs, ich glaub’s langt. Auf mein’ Ruf.“ Joe brummte etwas Unverständliches, stand auf, taumelte, fing sich am Tisch. Er warf den Zwanziger hin, es war zu viel, er kümmerte sich nicht um Wechselgeld.
Die kalte Nachtluft traf sie wie eine Schaufel. Die Welt kippte. Der Boden unter Lukas’ Füßen schien zu schaukeln, als wäre er wieder auf der „Longevity“, nur ohne den Rhythmus, nur dieses wilde, unkontrollierte Schwanken. Joe ging voran, ein schwankender Koloss, der gegen Laternenpfähle stieß. Jannis hing an Lukas’ Arm, sein Atem roch nach Bier und Galle.
„Scheiße, Lukas,“ lallte Jannis, sein Kopf sackte zur Seite. „Mir ist so… so drehend.“
„Halt durch,“ knurrte Lukas, aber seine eigene Zunge fühl sich dick und taub an. Der Kohlgeruch im Treppenhaus war nun eine körperliche Präsenz, eine dicke, widerliche Wolke. Joe fummelte endlos am Schloss. Die Tür gab nach. Die warme, stinkende Luft der Wohnung schlug ihnen entgegen.
Dann, wie auf ein unsichtbares Signal, gab Joe ein tiefes, gurgelndes Röcheln von sich. Er taumelte zur Spüle in der Kochnische, beugte sich darüber, und sein Körper explodierte. Ein Schwall aus Bier, Schnaps und halbverdautem, fettigem Kneipenessen schoss heraus, spritzte gegen das schmutzige Porzellan, tropfte auf den Boden. Der Geruch war augenblicklich und entsetzlich.
Das Geräusch, der Geruch – es war der lösende Reiz. Jannis stolperte zum Mülleimer, riss den Deckel ab und übergab sich mit heftigen, würgenden Stößen, sein ganzer Körper krampfte sich zusammen. Das säuerliche Aroma von Bier-Erbrochenem mischte sich mit Joes Auswurf.
Lukas hielt sich am Türrahmen fest, sein Magen drehte sich wie ein kreiselnder Strudel. Er schaffte es bis zum Klo im winzigen Bad, knallte die Knie auf die kalten Fliesen und kotze sich die Seele aus. Sein Magen krampfte immer wieder, spuckte nur noch bittere Galle, während Tränen der Anstrengung über sein Gesicht liefen. Das stöhnende, spuckende Konzert der anderen drang durch die dünne Tür.
Es dauerte eine Ewigkeit. Dann herrschte Stille, unterbrochen von schwerem, rasselndem Atem. Lukas spülte, wusch sich schwach den Mund. Er taumelte zurück ins Hauptraum. Joe saß auf dem Boden, den Rücken gegen die Spüle gelehnt, sein Hemd war bespritzt. Jannis lag zusammengerollt neben dem umgefallenen Mülleimer.
Die Wohnung war eine Grotte des Ekels. Aber der Rausch war nicht gebrochen, er hatte sich nur verwandelt in eine bleierne, analgetische Betäubung. Joe blinzelte, seine Augen fokussierten sich mühsam auf Lukas. Er patschte mit seiner riesigen Hand auf den staubigen Boden neben sich.
„Komm,“ sagte er, seine Stimme war ein Kratzen. „Hier. Jetzt.“
Es war kein Verlangen. Es war ein Instinkt, tiefer als Lust, ein dumpfer Drang, die leeren, zitternden Hüllen ihrer Körper wieder zu füllen, zu verbinden, irgendetwas zu spüren außer dieser Vernichtung. Lukas ließ sich neben ihn sinken. Joe’s Hände waren schwach, aber bestimmt. Er öffnete Lukas’ Hose, holte seinen schlaffen Penis heraus. Er begann, ihn mit langsamen, schweren Zügen zu wichsen, seine eigene Hand war feucht von Schweiß und Erbrochenem.
„Du,“ keuchte Joe zu Jannis. „Komm her. Nimm ihn. Nimm seinen Mund.“
Jannis kroch herüber, seine Bewegungen waren träge, wie unter Wasser. Er kniete sich vor Lukas, dessen Kopf gegen die Küchenzeige lehnte. Jannis’ gekrümmter Schwanz war halb steif, er schob ihn in Lukas’ willenlosen Mund. Lukas schloss die Augen. Der Geschmack war salzig, leicht säuerlich, ein weiterer widerlicher Geschmack in einer Nacht der Widerlichkeiten. Er bewegte seine Zunge mechanisch.
Joe arbeitete schneller, sein Griff wurde fester, brutaler um Lukas’ Schaft. „Fick ja, so ist gut,“ murmelte er, sein Deutsch war eine schleimige Verschmelzung von Flüstern und Grunzen. „Ihr seid mein Zeug jetzt. Mein verdammtes, kotzendes Zeug.“
Seine Bewegung wurde ruckartig, besitzergreifend. Jannis, angestachelt, stieß seine Hüften vor, sein Schwanz stieß tief in Lukas’ Rachen, was einen würgenden Reflex auslöste. Das schien Joe zu erreichen. Mit einem letzten, tiefen Stoß seiner Faust kam er, sein Sperma schoss weiß und dick über Lukas’ Bauch und seinen eigenen Schoß.
Jannis zog sich aus Lukas’ Mund zurück, sein eigenes Kommen war ein paar schwache Spritzer auf Lukas’ Wange. Dann war es vorbei. Sie blieben so sitzen, eine atemlose, verschmierte Dreieinigkeit in dem Gestank ihrer eigenen Ausscheidungen. Der Alkohol zog sie nun endgültig in einen Schlaf hinab, der kein Frieden, sondern ein gnadenloses Erlöschen war.
Sie erwachten am nächsten Morgen, nicht nacheinander, sondern gemeinsam, von der gleichen stechenden Kopfschmerz-Welle übermannt. Das Licht, das durch das schmutzige Fenster fiel, war grau und gnadenlos. Sie lagen noch immer auf dem Boden, in ihren verdreckten Klamotten, umgeben von der stinkenden Beweislage der Nacht.
Joe richtete sich zuerst auf, ein langsames, stöhnendes Heben seines massiven Oberkörpers. Er sah auf den verkrusteten Schoß seiner Hose, dann auf die beiden anderen. Kein Abscheu. Keine Scham. Nur eine müde Anerkennung der Tatsachen.
„So,“ sagte er rau. Er rappelte sich hoch, sein Gang war unsicher zur winzigen Dusche. Das Geräusch von sprudelndem Wasser folgte.
Lukas traf Jannis’ Blick. In seinen Augen war nichts mehr, nicht einmal Leere. Es war eine Art erloschene Gleichgültigkeit. Sie lebten mit Big Joe. Sie würden hier aufwachen. Sie würden das wieder tun. Der endlose Ozean war jetzt dieser Raum, dieser Geruch, diese zerbrochene deutsche Syntax. Die Gangway war weggezogen. Das hier war das Ufer.