Chapter 59: Chapter 59
Die Stille nach der Abreise von Tommy und Leo war ein physisches Gewicht. Lukas hatte das verlassene Gästezimmer verlassen, war in sein eigenes Zimmer gegangen und hatte die Tür hinter sich geschlossen. Das Klacken des Schlosses war das Einzige, was zu hören war. Jannis blieb im Flur stehen, die Hände in den Taschen vergraben, und starrte auf das Muster des teuren, aber geschmacklosen Läufers. Der Geruch von Leos Billigdeo war noch in seiner Nase, vermischt mit dem scharfen Geruch von Schweiß und dem fremden Aftershave des anderen Mannes.
Er ging nicht in sein Zimmer. Er schlenderte durch das Haus, ein Gespenst in seinen eigenen hallenden Räumen. Die Küche war sauber und steril. Das Wohnzimmer, monumental und leer. Er blieb vor dem Kamin stehen, wo er Leo geküsst, wo der Junge gezittert hatte. Eine Wut stieg in ihm auf, dumpf und ziellos. Nicht auf Lukas. Nicht auf Tommy. Auf sich selbst. Auf diese gierige, ängstliche Leere in seiner Brust, die alles und jeden verschlang, der nahe genug kam, und sie dann in diesem seltsamen Vakuum ersticken ließ.
Sein Telefon lag still in seiner Tasche. Leo würde nicht schreiben. Das wusste er. Die Szene war zu viel gewesen. Zu real. Zu eklig. Ein Achtzehnjähriger war nicht für so etwas gemacht.
Trotzdem zog er es nach einer Stunde heraus. Der Bildschirm war gespenstisch blank. Keine Benachrichtigungen. Kein Grindr. Er hatte die App nach Leos Flucht deinstalliert. Eine impulsive, endgültige Geste, die sich jetzt albern anfühlte.
Er öffnete seine normalen Kontakte. Scrolle. Leo. Nur der Vorname. Eine Nummer, die sie einmal ausgetauscht hatten, „für den Fall, dass das WLAN im Schloss ausfällt“, hatte Leo scherzhaft gesagt.
Jannis tippte. Seine Finger waren kalt.
Es tut mir so leid. Was du gesehen hast… das bin ich nicht. Zumindest will ich das nicht sein. Bitte ignoriere mich nicht komplett.
Er schickte die Nachricht ab, bevor er es sich anders überlegen konnte. Die Anzeige „Zugestellt“ erschien. Dann die drei Punkte, die anzeigten, dass Leo tippte. Sie erschienen. Verschwanden. Erschienen wieder. Eine Ewigkeit verging.
Schließlich.
Leo: Du hast gesagt, es ist kompliziert. Das war untertrieben.
Jannis: Ich weiß. Kann ich es erklären? Irgendwo anders. Nicht im Haus.
Eine lange Pause.
Leo: Wo?
Jannis: Irgendwo normal. Eine Kneipe. Ich kauf dir ein Bier.
Leo: Ich trink kein Bier.
Jannis: Dann kauf ich dir was du willst.
Noch eine Pause. Jannis hielt den Atem an, sein Herz hämmerte gegen sein Brustbein.
Leo: Ok. Die „Fässchen“ an der Hauptstraße. Heute Abend.
Die „Fässchen“ war ein schäbiges, hell erleuchtetes Loch von einer Kneipe, fünf Gehminuten vom Villenviertel entfernt, eine Welt entfernt. Das Linoleum war klebrig, die Luft roch nach frittiertem Fett und altem Bier. Jannis, in einem zu teuren Pullover, fühlte sich wie ein Alien. Leo saß schon in einer abgetrennten Eckbank, die Kapuze seines Sweatshirts tief ins Gesicht gezogen. Er sah aus wie ein misstrauischer Teenager, der auf seinen Dealer wartete.
Jannis setzte sich. „Hi.“
„Hi.“
Ein bedrücktes Schweigen. Eine schlampige Kellnerin kam, warf zwei zerknitterte Papiermenüs auf den Tisch. Jannis bestellte ein Pils. Leo studierte die Karte, als wäre es ein Rätsel.
„Ich… ich habe noch nie Alkohol getrunken,“ sagte Leo leise, ohne aufzusehen.
„Wirklich? Nie?“
„Meine Eltern sind strenge Baptisten. Wein ist der Teufelssaft und so.“ Er zuckte mit den Schultern. „Was ist einfach?“
„Ein Radler. Das ist Bier mit Limo. Schmeckt süß.“
Leo nickte, immer noch ohne Blickkontakt. „Ok. Ein Radler.“
Die Getränke kamen. Jannis nahm einen großen Schluck von seinem kalten, bitteren Biel. Leo musterte sein Glas wie eine verdächtige Chemikalie. Er nahm einen vorsichtigen Schluck. Seine Stirn glättete sich. „Hm. Ist okay.“ Er trank noch einen, größeren Zug.
Und dann redete Jannis. Er redete und redete. Er erzählte von der Brücke. Vom Gewinn. Von Marina und Linda. Er verschwieg nichts. Die Dreier. Das Geld. Die zersetzende Langeweile. Die Grindr-Männer, die wie Rettungsringe waren, die sich als Ankersteine entpuppten. Er erzählte von Tommy, von der seltsamen, transaktionellen Verzweiflung, die zwischen ihm und Lukas hing. Die Worte kamen in einem schmutzigen, befreienden Strom heraus, und je mehr er sprach, desto mehr trank Leo. Aus dem Radler wurde ein zweites. Dann ein Berliner Weiße mit Himbersirup. Dann, auf Leos eigenwilligen Wunsch hin, ein Cocktail mit einem albernen Namen und einem kleinen Schirmchen.
Leos Wangen waren nach einer Stunde hochrot. Seine Augen glänzten, unscharf, aber fest auf Jannis gerichtet. Die anfängliche Schüchternheit war einer trunkenen, konzentrierten Faszination gewichen.
„Das ist die verrückteste Scheiße, die ich je gehört habe,“ sagte Leo, seine Worte leicht verschlungen. „Ihr habt all das Geld und macht… das? Ihr lasst euch von Fremden in eurem eigenen Haus ficken, weil euch langweilig ist?“
„Es ist nicht Langeweile,“ korrigierte Jannis müde. „Es ist… ein Loch. Und wir versuchen, es mit warmen Körpern zu stopfen.“
„Und ich?“ Leos Blick war jetzt unverblümt, verletzlich. „Bin ich auch nur ein warmer Körper?“
Jannis sah ihn an. In diesem öligen Kneipenlicht, umgeben vom Gelächter anderer Gäste und dem Klirren von Gläsern, sah Leo aus wie das Einzige Echte in einer Welt aus Plastik. „Nein,“ sagte er, und es war die Wahrheit. „Du bist das Gegenteil. Du machst das Loch größer.“
Leo verstand das nicht. Er lächelte ein schiefes, betrunkenes Lächeln. „Klingt nicht gut.“
„Ist es auch nicht.“ Jannis schüttelte den Kopf. „Du solltest gehen, Leo. Dich von mir fernhalten. Ich bin Gift für jemanden wie dich.“
„Bestimme das nicht für mich,“ sagte Leo, seine Stimme wurde lauter, trotzig. Er leerte sein Cocktailglas und winkte der Kellnerin. „Noch einen!“
„Leo, du bist nicht gewohnt…“
„Eben!“ rief Leo, ein Funkeln in den Augen. „Ich will was erleben! Alles verpassen, was ich verpasst habe! Zeig’s mir, Jannis. Zeig mir alles.“
Der vierte Drink war ein klarer Schnaps, den Leo aus Neugier bestellte. Er hustete, würgte, als er ihn hinunterstürzte, dann lachte er, ein lautes, surrendes Lachen. Er rutschte auf der Bank näher zu Jannis, seine Beine berührten Jannis‘ Beine. Seine Hand fand Jannis‘ Hand unter dem Tisch. Sie war heiß und feucht.
„Ich hab dich vermisst,“ sagte Leo, und sein Atem roch süß-sauer nach Alkohol. „Selbst als ich weggerannt bin. Das ist bescheuert, oder?“
Jannis sagte nichts. Er drückte die Hand. Eine Kapitulation.
Als sie die Kneipe verließen, kurz vor elf, war Leo kaum noch zu halten. Er stolperte über die eigene Fußspitze, lachte, hängte sich bei Jannis ein. „Die Welt dreht sich!“ verkündete er fröhlich.
„Das tut sie immer. Du merkst es nur jetzt.“
Der Heimweg führte durch ruhige Nebenstraßen, vorbei an gepflegten Gärten und hohen Zäunen. Die kühle Nachtluft schien Leos Trunkenheit nicht zu vertreiben, sondern zu konzentrieren. Sein Geplapper verstummte. Sein Schritt wurde unsicherer.
„Mir ist heiß,“ murmelte er und versuchte, seinen Sweatshirt auszuziehen, verhedderte sich aber in den Ärmeln. Jannis half ihm, behutsam.
„Wir sind bald da.“
„Das Haus? Dein Spukschloss?“ Leo kicherte. Dann blieb er plötzlich stehen. Sein Gesicht verfinsterte sich im Halbdunkel einer Straßenlaterne. „Oh. Oh nein.“
„Was ist?“
„Ganz komisch… in meinem Bauch…“ Leo legte eine Hand auf seinen Magen. Seine Augen wurden weit.
Jannis erkannte es eine Sekunde zu spät. „Warte, halt dich an mir fest, wir…“
Es war zu spät. Leo beugte sich vor, ein unwillkürliches, tiefes Würgen erschütterte seinen Körper, und dann ergoss sich ein Strom von halb verdautem Bier, süßem Cocktail und Schnaps auf den gepflasterten Bürgersteig. Es war ein langer, heftiger Ausbruch, laut und widerlich. Leo stöhnte zwischen den Würgen, Speichel und Tränen liefen ihm übers Gesicht.
Jannis hielt ihn fest, eine Hand auf seiner Stirn, die andere um seine Brust. „Schon gut,“ murmelte er immer wieder. „Lass es raus. Schon gut.“
Der Geruch war beißend und säuerlich. Leo spuckte aus, keuchte. Eine letzte, trockene Welle schüttelte ihn, dann sackte er in Jannis‘ Armen zusammen, schlapp und zitternd.
„Das war eklig,“ schluchzte Leo, seine Stimme war heiser.
„Ja. Alkohol kann das.“ Jannis zog ein Taschentuch hervor und wischte Leo vorsichtig den Mund ab. Dann kümmerte er sich um den größten Teil des Erbrochenen auf der Straße, indem er etwas Erde von einem nahen Blumenbeet darüber streute. Eine primitive, beschämende Geste.
„Ich schaff das nicht bis zum Haus,“ flüsterte Leo.
„Doch, das schaffst du.“
Jannis half ihm weiter, fast trug er ihn die letzten paar hundert Meter. Leo lehnte schwer an ihm, sein Atem flatterte. Sie erreichten die Hoftür. Das große Haus stand dunkel und bedrohlich gegen den Nachthimmel. Kein Licht war im Flur von Lukas‘ Seite.
Jannis half Leo die Treppe hoch, nicht in sein eigenes Zimmer, sondern in das Gästezimmer im Westflügel, das langsam zu Leos Zimmer wurde. Er ließ ihn aufs Bett sinken, zog ihm vorsichtig die verschmutzte Hose aus. Leo protestierte nicht. Er lag da, bleich und erschöpft, die Augen geschlossen.
Jannis holte einen nassen Waschlappen und wusch ihm das Gesicht, den Hals. Dann zog er eine Decke über den jungen, zitternden Körper.
„Bleibst du?“ fragte Leo, ohne die Augen zu öffnen. Seine Stimme war ein dünner Faden.
„Ja. Ich bleibe.“
Jannis schaltete das Licht aus und setzte sich in einen Sessel neben dem Bett. In der Dunkelheit hörte er Leos Atem, der allmählich tiefer und regelmäßiger wurde. Der Geruch von Erbrochenem und Schweiß hing noch in der Luft, vermischte sich mit dem vertrauten Geruch von Leos Haut.
Draußen in der Halle war nichts zu hören. Kein Schritt. Kein Fernseher. Nur das unermessliche Schweigen des Hauses und das leise Atmen des betrunkenen Jungen, den Jannis nicht mehr gehen lassen wollte, selbst wenn er es könnte. Die Anhänglichkeit, die er gesucht hatte, war da. Sie roch nach Kotze und Verzweiflung und jugendlicher Unschuld. Sie fühlte sich wie das Einzige an, das jemals real gewesen war. Er blieb im Sessel sitzen und beobachtete die dunkle Umrisse von Leos Körper, bis die ersten grauen Streifen der Morgendämmerung die Jalousien erhellten.
Er blieb im Sessel sitzen und beobachtete die dunklen Umrisse von Leos Körper, bis die ersten grauen Streifen der Morgendämmerung die Jalousien erhellten. Ein kalbes, schiefes Licht fiel auf das Bett und zeigte die Verwüstung der Nacht. Leo schlief, sein Atmen ein flaches, unruhiges Schnarchen. Jannis’ Rücken schmerzte vom Sitzen. Seine Kleidung roch nach Schweiß und Kneipe und dem säuerlichen Geruch von Erbrochenem. Er fühlte sich ausgelaugt und seltsam klar, wie nach einem langen Kampf.
Leo bewegte sich. Ein Stöhnen. Er drehte sich auf die Seite und öffnete die Augen. Sie trafen sofort auf Jannis’. Verwirrung, dann Erinnerung, dann Scham zogen über sein junges Gesicht. Er zog die Decke bis zum Kinn hoch.
„Scheiße,“ krächzte er. Seine Stimme war ein zerfetztes Blatt.
„Guten Morgen,“ sagte Jannis. Seine eigenen Worte klangen rau.
„Ich hab überall hingekotzt?“
„Auf der Straße. Nicht hier.“ Jannis stand auf, ein Knacken in seinen Knien. „Ich hol dir Wasser.“
Als er mit einem Glas zurückkam, hatte Leo sich aufgesetzt. Er sah elend aus, bleich mit dunklen Ringen unter den Augen. Er trank das Wasser in einem Zug. „Ich sterbe.“
„Du stirbst nicht. Du hast nur deine Grenzen kennen gelernt.“
Leo lehnte seinen Kopf gegen die kühle Wand. „Und du hast mich sauber gemacht. Wie ein Baby.“ Er schloss die Augen. „Das ist so peinlich.“
„Musst du nicht sein.“ Jannis setzte sich auf die Bettkante. Die Matratze sank unter seinem Gewicht. „So etwas passiert.“
Leo öffnete die Augen wieder. Sie waren blutunterlaufen und unendlich müde. „Warum bist du geblieben?“
Die Frage hing zwischen ihnen. Jannis suchte nach einer klugen Antwort, einer abwehrenden. Er fand keine. „Weil ich musste.“
Er streckte eine Hand aus, nicht wissend, was er tun würde. Sie landete auf Leos nacktem Fuß, der unter der Decke hervorlugte. Die Haut war warm. Leo zuckte nicht zurück. Er starrte auf Jannis’ Hand, als wäre sie ein fremdes, faszinierendes Tier.
„Ich rieche fürchterlich,“ murmelte Leo.
„Ja. Ich auch.“
„Sollte… sollte ich vielleicht duschen?“
Jannis nickte. „Ja. Das wäre gut.“
Er half Leo aus dem Bett. Der Junge war wackelig auf den Beinen. Sie gingen zusammen ins angrenzende Bad, ein monumentales Ding aus Marmor und Messing. Jannis ließ das Wasser laufen, bis Dampf aufstieg. Leo zog seinen verschwitzten Sweatshirt aus, dann seine Unterhose. Nackt stand er da, zitternd trotz der Wärme, seine Jugend eine schutzlose Anklage in dem kalten Marmorlicht.
Jannis wollte gehen. Aber Leo hielt ihn mit einem Blick fest. „Bleib. Bitte? Ich falle sonst um.“
Also blieb Jannis. Er setzte sich auf den geschlossenen Toilettendeckel, während Leo unter den heißen Strahl trat. Das Wasser lief über seinen schmalen Rücken, seinen hellen Hintern, seine noch dünnen Beine. Er wusch sich langsam, fast andächtig, als würde er versuchen, mehr als nur den Alkohol abzuwaschen.
„Das Letzte, woran ich mich erinnere,“ sagte Leo mit einer Stimme, die über dem Wasserrauschen fast ertrank, „ist, dass du sagst, du seist Gift für mich.“
„Das habe ich gesagt.“
„Und jetzt sitzt du auf meinem Klo während ich dusche.“
„Ja.“
Leo drehte sich um. Das Wasser strömte über seine Brust, seinen flachen Bauch, seinen halbharten Schwanz. „Fühl ich mich vergiftet?“ Er schüttelte den Kopf, Tropfen flogen. „Eher… leer. Ausgehöhlt.“
„Das ist der Kater.“
„Nein.“ Leo schaltete das Wasser ab. Die Stille war plötzlich und absolut. „Das ist was anderes.“ Er trat aus der Dusche, tropfte auf die teuren Fliesen. Er nahm ein Handtuch, rieb sich nicht ab. Er ließ es fallen.
Nackt und feucht stand er vor Jannis, seine Haut gerötet vom heißen Wasser. Sein Schwanz war jetzt vollständig steif, eine blasse, gerade Linie gegen seinen Bauch. Er sah Jannis direkt an. Keine Schüchternheit mehr. Nur eine einfache, verletzliche Forderung.
„Zeig mir was anderes,“ sagte Leo. Seine Stimme zitterte nicht. „Etwas das nicht wehtut. Nur… nur gut ist.“
Jannis’ Atem stockte. Jede Vernunft schrie dagegen. Aber die Vernunft lebte nicht in diesem Haus. Sie war an der Tür ertrunken worden, zusammen mit allem anderen. Er stand auf. Seine Finger öffneten seine eigenen Hose, ließen sie zu Boden fallen. Sein Schwanz war hart, schon vor Erregung triefend.
„Hier?“ fragte Jannis, sein Blick auf den kalten Marmorboden gerichtet.
„Ja.“ Leo legte seine Hände auf Jannis’ Hüften. Seine Berührung war sicherer, als sie sein sollte. „Hier. Jetzt.“
Jannis zog ihn nah, küsste ihn. Der Kuss schmeckte nach Zahnpasta und dem metallischen Nachgeschmack der Nacht. Leo öffnete seinen Mund gierig, seine Zunge kämpfte gegen Jannis’. Ihre Schwänze berührten sich, hart gegen hart, ein elektrischer Schlag.
„Was willst du?“ hauchte Jannis gegen Leos Lippen.
„Was du mir gibst. Alles.“
Jannis drehte ihn um, drückte ihn vorsichtig gegen den kühlen Marmor der Waschbeckenkonsole. Leos Rücken bog sich, sein Arsch streckte sich ihm entgegen, rund und blass und nass vom Duschwasser. Jannis spuckte in seine Hand, rieb das Speichel über seinen eigenen dicken Schwanz und über Leos enges, dunkles Loch.
„Entspann dich,“ murmelte er, als er mit der Spitze seines Schwanzes gegen den Widerstand drückte.
„Fick mich einfach,“ keuchte Leo und presste seine Wange gegen den kalten Stein. „Ich will es spüren.“
Jannis drang ein. Langsam, unerbittlich. Er spürte, wie sich der Ringmuskel um ihn herum öffnete, wie sich Leos Körper anpasste, sich dehnte. Leo stieß einen langen, zitternden Seufzer aus. Kein Schmerzenslaut. Ein Laut der Hingabe.
„Okay?“ flüsterte Jannis und blieb stecken, vollständig in ihm.
„Ja. So voll. Gott, du füllst mich so aus.“ Leos Hände krallten sich an der Marmorkante fest.
Jannis begann zu ficken. Zuerst langsam, tiefe, gezogene Stöße. Das Klatschen ihrer Haut auf dem nassen Marmor war schamlos laut. Leos Körper nahm jeden Stoß auf, antwortete mit einem leisen Stöhnen. Jannis packte seine Hüften, zog ihn bei jedem Vorstoß zurück, rammte sich noch tiefer in ihn hinein. Das rohe, nasses Geräusch von Speichel und Reibung füllte den Raum.
„Härter,“ bettelte Leo, seine Stimme war eine heisere Zerreißprobe. „Mach mich kaputt, Jannis. Bitte.“
Jannis gehorchte. Seine Stöße wurden schneller, brutaler. Sein Becken schlug gegen Leos Hinterbacken. Er schob eine Hand unter den Jungen, fand seinen steifen, feuchten Schwanz und begann ihn zu reiben, fest im Takt zu seiner eigenen, rücksichtslosen Penetration.
„Ich komm gleich,“ stöhnte Leo, sein Körper straffte sich, verkrampfte sich wie ein Bogen. „Ich kann nicht… oh fuck, Jannis!“
Sein Orgasmus schoss heraus, warm und reichlich, spritzte über Jannis‘ Hand und den Marmor darunter. Das Pulsieren von Leos inneren Muskeln trieb Jannis über den Rand. Er rammte sich noch einmal tief hinein und stieß ein ersticktes, tierisches Grunzen aus, als er sich in Leo ergoss, wobei er seine Ejakulationen tief in den jungen Körper pumpte.
Sie blieben so, verbunden, keuchend. Der Geruch von Schweiß und Sex und Putzmitteln war dick in der Luft. Leo sackte gegen die Konsole, völlig ausgelaugt. Jannis zog sich langsam zurück, ein zärtlicher Abschied. Er sah das Gemisch seiner eigenen Flüssigkeiten, die aus Leos rotem, aufgewühltem Loch sickerten.
Er sagte nichts. Er hob das Handtuch auf und begann Leo sanft abzutrocknen, so als könnte er die Handlungen der letzten Minuten ungeschehen machen. Leo drehte sich um, sein Gesicht war weich und offen.
„Siehst du?“ flüsterte Leo. „Kein Gift.“
Dann hörten sie es. Ein Geräusch unten. Eine Tür wurde geschlossen. Schritte im Flur. Langsame, schwere Schritte.
Lukas.
Die Realität schlug mit der Gewalt einer kalten Dusche ein. Jannis’ Blick schoss zur Badezimmertür. Sie war nicht abgeschlossen. Leo spürte die Veränderung in der Stimmung. Seine Augen wurden weit.
„Ist das…?“
„Ja.“ Jannis zog schnell seine Hose hoch. Er warf Leo seine Kleider zu. „Zieh dich an. Schnell.“
Sie hörten die Schritte auf der Treppe. Näher kommend. Ziellos? Nein. Gezielt. Sie hielten vor der Tür des Gästezimmers. Eine Pause. Dann knackte der Türknauf.
Leo verschwand im Schlafzimmer, seine Kleider im Schlepptau. Jannis wischte hastig den nassen Fleck vom Boden auf, öffnete das Badezimmerfenster, um den Geruch hinauszulassen.
Die Tür zum Schlafzimmer ging auf.
Lukas stand im Rahmen. Sein Gesicht war eine Maske aus müder Gleichgültigkeit. Sein Blick wanderte über Jannis’ nackten Oberkörper, über die noch feuchten Haare, dann ins Schlafzimmer, wo Leo gerade sein T-Shirt über den Kopf zog.
„Der Junge ist zurück,“ sagte Lukas. Seine Stimme war leblos.
„Ja.“
„Hat er sich schon übergeben? Ich rieche es.“
„Auf der Straße,“ sagte Jannis. Er versuchte, seinem eigenen Ton Festigkeit zu verleihen. „Das habe ich schon erledigt.“
Lukas nickte langsam. Seine Augen trafen Jannis’. In ihnen war kein Zorn. Kein Vorwurf. Nur eine tiefe, gründliche Leere. Ein Spiegel. „Tommy hat mir geschrieben,“ sagte Lukas, fast beiläufig. „Er will sich treffen. Nicht hier. Draußen. In einem Hotel.“
Die Worte hingen in der Luft. Ein Verrat. Eine Grenzüberschreitung. Tommy wollte mehr als einen Dienstagabend. Er wollte eine Absprache.
„Und?“ fragte Jannis. Seine Kehle war eng.
„Ich habe nicht geantwortet.“ Lukas’ Blick glitt zu Leo, der jetzt, angezogen und zerknittert, in der Schlafzimmertür stand. „Du solltest ihn nach Hause bringen. Bevor die Damen zurückkommen.“
„Sie kommen nicht zurück.“
„Du weißt das nicht.“
Ein schweres Schweigen senkte sich über sie. Leo blickte zwischen den beiden Männern hin und her, als ob er bei einem Tennismatch zusähe.
Lukas drehte sich zum Gehen. An der Tür blieb er stehen, ohne sich umzudrehen. Seine Schultern waren eine schlaffe Linie gegen das helle Licht des Flurs. „Es wird ein Chaos geben,“ sagte er einfach. Dann war er weg. Seine Schritte verhallten den Flur hinunter.
Leo atmete aus, ein zittriger Laut. „Was war das?“
„Das,“ sagte Jannis, während er sein eigenes Hemd überzog, „war die Konsequenz.“ Er ging zu Leo, zog ihn an sich. Der Junge fühlte sich klein und zerbrechlich an. „Du musst gehen.“
„Ich will nicht.“
„Du musst.“ Jannis löste sich von ihm. „Heute. Jetzt.“
Er führte Leo die Treppe hinunter, durch den kalten Flur zur Haustür. Als er sie öffnete, fiel helles, kaltes Tageslicht herein. Die Welt draußen sah scharf und normal aus.
Leo trat über die Schwelle, zögerte. „Und was ist mit dir?“
Jannis blickte über Leos Schulter auf die leere, gepflegte Straße. Irgendwo in dieser Stadt saß Tommy an seinem Telefon und wartete auf eine Antwort. Irgendwo wartete Lukas darauf, dass etwas passierte. Irgendwo waren zwei Frauen, die nicht mehr zurückkamen.
„Ich warte,“ sagte Jannis. Die Tür fiel mit einem leisen, endgültigen Klicken ins Schloss. Er lehnte seine Stirn gegen das kalte Holz. In seinem Kopf war nur ein einziger, klarer Gedanke.
Auf was wartest du, du verdammter Idiot?
Er drehte sich um. Das Haus nahm ihn auf, still und gierig. Die Antwort kam aus der eigenen Stille.