Chapter 57: Chapter 57
Die nächsten Tage waren aus einem anderen Stoff. Kein Warten mehr, kein Abstand, keine leeren Räume. Es war ein täglicher, stummer Puls geworden: Aufwachen in der stickigen Wohnung in der Kartumpelstraße, der Geruch von teurem Essen und leeren Flaschen. Dann die langsame Fahrt im nagelneuen, stillen Auto durch die grauen Straßen Oberhausens zum rosafarbenen Leuchten der Cosmopolitan. Ein Ritual ohne Andacht.
Sie nahmen jetzt immer das gleiche Zimmer, Nummer drei, für alle vier. Gudrun an der Rezeption hob nur noch die Augenbrauen, nahm das dicke Bündel Scheine und sagte nichts mehr. Das Zimmer verwandelte sich in ein seltsames Lagerhaus ihrer gemeinsamen Existenz. Teure Flaschen standen neben dem billigen, rissigen Aschenbecher. Designer-Taschen lagen aufgeschlitzt auf dem Boden, ihre Inhalte – Papiere, Schmuck, Bündel von Geld – verstreut wie Konfetti. Sie schliefen hier nicht. Sie hausten.
Marina und Linda kamen und gingen, ihre Schichten durchlässig geworden durch das ständige Geld. Manchmal saßen sie nur da, rauchten, tranken den teuren Wodka und sahen zu, wie Lukas und Jannis sich anschwiegen, böse und wortlos. Die sexuelle Spannung hatte sich verwandelt. Sie war nicht mehr der punktuelle, kaufmännische Akt, sondern eine konstante Atmosphäre, ein Druck, der sich langsam aus den Ritzen des Raumes wälzte.
An Tag drei der neuen Woche stand Linda plötzlich auf, nachdem sie stumm eine halbe Stunde Wodka getrunken hatte. Ihre Augen waren glasig, entschlossen. Sie ging zu Jannis, der am Fenster lehnte, und knöpfte ohne ein Wort seine Hose auf. Sie holte seinen halbsteifen Schwanz heraus, beugte sich hinunter und nahm ihn tief in den Mund. Keine Ankündigung, keine Frage. Ihr Mund war heiß und aggressiv, ihre Zunge arbeitete mit einer Art zorniger Hingabe. Jannis stöhnte auf, seine Hände griffen in ihr blondiertes Haar. Er schob ihren Kopf tiefer, bis er würgte, und zog sie dann wieder zurück. Speichel tropfte auf sein Hemd.
„Fick mich,“ knurrte sie, ihr Mund glänzte feucht. „Fick mich gegen die verdammte Wand.“
Jannis drehte sie grob herum, drückte ihr Gesicht gegen die kühle Tapete. Er öffnete nur seinen Hosenstall, schob ihr Kleid hoch und zog ihr das feuchte Höschen zur Seite. Er war steinhart, sein Schwanz pulsierte vor Wut und Verlangen. Er spuckt in die Hand, rieb es an sich, und rammte sich dann mit einem einzigen, heftigen Stoß in sie. Sie schrie auf, ein scharfer, triumphierender Laut. Das Klatschen ihrer Körper war laut, rhythmisch, ein Kriegstrommeln. Lukas sah von der Bettkante aus zu, sein eigener Schwanz hart in seiner Jeans. Marina saß neben ihm, reglos. Ihre Hand lag auf seinem Oberschenkel, unbeweglich.
Jannis hämmerte in Linda hinein, seine Hände umklammerten ihre Hüften, seine Stirn war gegen ihren Rücken gepresst. Seine Stöße waren kurz, animalisch, unkontrolliert. „Du geile Sau,“ keuchte er, immer wieder. „Du verdammte, geile Hure.“ Linda antwortete mit einem Strom schmutziger Worte, einem Gebet aus Obszönitäten, das mit jedem Stoß lauter wurde. Sie kam, ihr Körper zitterte wild gegen ihn, und das löste seinen eigenen Orgasmus aus. Er stieß einen heiseren Schrei aus und drückte sich tief in sie, während sein Samen in ihr heiß hinausschoss.
In der Stille danach, nur unterbrochen von ihrem keuchenden Atem, drehte Marina ihren Kopf zu Lukas. Ihre Augen waren schwarz, undurchdringlich. „Und du?“ Ihre Stimme war ein Krächzen. „Willst du auch?“
Lukas schüttelte den Kopf. Das Verlangen war eine kalte Schlange in seinem Bauch. „Nicht so.“
„Wie dann?“
Er wusste es nicht. Die Woche kroch weiter. Tag vier. Tag fünf. Die Grenzen lösten sich auf. Sie aßen zusammen, tranken zusammen, schliefen in Haufen auf dem schmutzigen Boden, nur um Stunden später wieder aufeinander loszugehen, triebgesteuert von Langeweile und Geld und einer Art verzweifeltem Hunger. Marina ließ Lukas zu, sie auf seine Art zu nehmen: langsam, fast klinisch, während er ihr tief in die Augen sah, als suche er etwas, das nicht dort war. Linda provozierte Jannis zu immer raueren, lauteren Konfrontationen, die immer im Sex endeten, einem Akt, der mehr einer Prügelei glich.
Am sechsten Tag, nach einer weiteren stummalosen, brutalen Session im Bad, bei der Linda über das Waschbecken gebeugt stand und Jannis sie von hinten nahm, während ihre Schreie vom kalten Fliesen widerhallten, brach etwas.
Marina saß auf dem Bett, ein Handtuch um die Schultern geworfen. Ihr Blick fiel auf eine der leeren, teuren Taschen, auf den zerknüllten Lottoschein, der aus einer Seitentasche ragte. Sie hob ihn auf, glättete das bunte Papier. „Das hier?“ fragte sie leise. „Das ist es? Das kleine Stück Papier?“
Lukas nickte. „Das kleine Stück Papier.“
Sie sah ihn lange an. Linda kam aus dem Badezimmer, das Haar nass, Spuren von Jannis’ Händen noch rot auf ihren Hüften. Sie folgte Marinas Blick auf den Schein.
„Ein Haus,“ sagte Marina plötzlich, so leise, dass es fast vom Verkehr draußen verschluckt wurde. „Ihr habt von einem großen Haus gesprochen.“
Jannis, der ein T-Shirt überzog, blieb stehen. „Ja.“
„Mit Garten?“ fragte Linda. Ihre Stimme klang anders. Nicht herausfordernd, nicht professionell. Nur müde.
„So viel Garten, wie du willst,“ sagte Lukas.
Marina stand auf. Sie trat ans Fenster, blickte auf das rosa Licht hinunter, das ihr Gesicht in ein gespenstisches Leuchten tauchte. Eine Woche. Eine verdammte Woche in diesem Zimmer, gefangen zwischen diesen beiden Männern und ihrem verfluchten Geld und ihrem noch verfluchteren Bedürfnis. Sie drehte sich um. Ihre Augen trafen die von Linda. Eine stumme Frage, eine Antwort.
„Eine Woche,“ sagte Marina zu Lukas. „Wir sind eine Woche jeden Tag hierher gekommen. Ihr habt nicht aufgehört. Ihr habt… nicht versucht, uns zu besitzen.“
„Wir wollen euch nicht besitzen,“ sagte Jannis, und seine Stimme brach. „Wir wollen nur… nicht allein sein.“
Wieder diese Stille. Das Summen des Kühlschranks. Das ferne Hupen eines Autos.
Marina nickte, fast unmerklich. Sie sah zu Linda. Linda zuckte mit den Schultern, ein winziger, erschöpfter Aufstand. Dann nickte auch sie.
„Gut,“ sagte Marina, und ihr Blick war jetzt klar, entschieden. „Zeig uns das Haus.“
Die Fahrt dauerte eine Stunde, hinaus aus dem rauchigen Herzen Oberhausens, durch Vororte, die allmählich ländlicher wurden, bis zu einem kleinen Waldstück. Das Tor war alt, aus schmiedeeisernen Ranken, und quietschte, als Lukas es mit einer riesigen, alten Klinke öffnete.
Die Zufahrt war von alten Buchen gesäumt. Dahinter erhob sich das Haus. Es war kein moderner Palast, sondern ein altes, verwinkeltes Herrenhaus aus dem frühen 20. Jahrhundert, mit Erkern, Giebeln und viel zu vielen Fenstern. Der Putz war an einigen Stellen abgeblättert, das Geländer der großen Terrasse leicht verrottet. Es sah verlassen aus. Majestätisch und ein bisschen traurig.
„Das hier?“ fragte Linda, als sie aus dem Auto stieg. Ihr Blick wanderte die Fassade hinauf. Die Abendsonne tauchte den gelben Stein in warmes Gold. Irgendwo in der Hecke zwitscherte ein Vogel.
„Ja,“ sagte Lukas. Er hatte es vor Tagen gekauft, impulsiv, über einen Makler. Es stand leer. Es roch nach Staub, alten Holzmöbeln und stillgelegten Heizungen.
Sie gingen hinein. Die Diele war groß, mit schwarz-weißen Fliesen und einer gewundenen Treppe. Ihre Schritte hallten. Marina blieb in der Mitte stehen, drehte sich langsam im Kreis. Das Licht fiel durch die hohen Fenster und zeigte tanzende Staubkörnchen in der Luft.
„Es ist… riesig,“ flüsterte sie.
Jannis ging ins Wohnzimmer, ein Raum mit einer verzierten Decke und einem leeren Kamin. „Hier könnte ein Feuer brennen,“ sagte er, seine Stimme ein Echo in der Leere.
Sie erkundeten schweigend: die große, veraltete Küche, die vielen kalten, leeren Schlafzimmer, das Badezimmer mit der riesigen, vergoldeten Wanne. Jedes Zimmer war eine leere Leinwand. Eine bedrückende, unendliche Leere.
Oben, im längsten Flügel, fanden sie das Hauptschlafzimmer. Es war gewaltig. Ein abgewetztes Parkett, hohe Decken, und an einem Ende ein monumentaler, steinerner Kamin. In der Mitte stand, verloren und absurd, nur ein einziges, großes Bett. Das einzige Möbelstück im ganzen Haus. Sie hatten es bestellt, bevor sie wussten warum.
Vier Menschen standen an der Schwelle und starrten auf dieses Bett in der leeren Weite. Das Geräusch ihrer Atemzüge war laut in der Stille.
Linda betrat zuerst den Raum. Ihre Schritte hallten auf dem Holz. Sie ging zum Bett, legte eine Hand auf die kühle, seidene Bettdecke. Dann drehte sie sich um und sah Jannis an. Ihre Augen hatten ihren früheren, kalkulierenden Glanz verloren. Sie sahen nur noch erschöpft aus. Und entschlossen.
„Na dann,“ sagte sie, und ihre Stimme war rau. „Hier sind wir. In eurem großen, leeren Schloss.“
Sie zog ihr dünnes Sommerkleid in einem einzigen, fluid movement über den Kopf. Darunter trug sie nichts. Ihr Körper war blass im dämmrigen Licht, ihre Brüste hingen voll, die dunklen Nippel schon hart. Jannis starrte sie an, sein Mund war leicht geöffnet. Marina lehnte sich gegen den Türrahmen, beobachtete.
Linda knöpfte Jannis‘ Hemd auf, langsam, die Finger zitterten leicht. Sie schob es von seinen Schultern, ließ ihre Hände über seine behaarte Brust gleiten. Dann öffnete sie seine Hose, ließ sie zu Boden fallen. Sein Schwanz sprang heraus, bereits steif. Sie umfasste ihn, nicht zärtlich, sondern mit einem festen, fordernden Griff. „Du hast so viel gewollt,“ sagte sie, ohne ihn anzusehen. Sie schob ihn rückwärts, bis seine Knie gegen die Bettkante stießen und er hinsank.
Sie stieg über ihn, knienderittlings, und nahm ihn, ohne weitere Vorbereitung, in sich auf. Sie senkte sich langsam, mit einem tiefen, zischenden Atemzug, auf seine ganze Länge herab. Jannis‘ Kopf fiel zurück, ein gutturales Stöhnen entfuhr ihm.
Lukas wandte seinen Blick nicht ab. Er sah, wie Marinas Hände sich hoben, um ihr eigenes einfaches Kleid auszuziehen. Sie ließ es zu Boden gleiten. Ihr Körper war schlanker, mit subtileren Kurven, aber nicht weniger anziehend. Sie kam zu ihm, nahm sein Gesicht in ihre Hände. Ihr Kuss war nicht leidenschaftlich, sondern tief, forschend, als versuche sie, seinen Geschmack zu memorieren. Ihre Zunge drang in seinen Mund ein, während ihre Hände seinen Pullover hochzogen.
Hinter ihnen bewegte Linda sich auf Jannis, auf und ab, ihr Körper arbeitete mit einer rhythmischen, fast mechanischen Intensität. Das leise, feuchte Klatschen ihrer vereinten Körper füllte den riesigen Raum, ein winziges Geräusch in der grenzenlosen Stille.
Marina führte Lukas zum Bett, schob ihn hin, so dass er neben dem sich windenden Paar lag. Sie stieg über sein Gesicht, ihre nassen, geöffneten Lippen nur Zentimeter von seinem Mund entfernt. „Los,“ befahl sie sanzt. „Leck mich. Mach mich nass für dich.“
Er gehorchte. Seine Zunge fand ihren Kitzler, geschwollen und pulsierend. Er leckte sie langsam, methodisch, während seine Hände ihre prallen Arschbacken packten und sie auseinanderzogen. Ihr Geschmack war intensiv, musky, real. Sie stöhnte, grub ihre Finger in seine Haare, und drückte sein Gesicht fester gegen sich.
Neben ihnen erhöhte Linda das Tempo, ihre Hüften schlugen jetzt mit wütender Energie gegen Jannis. „Fick mich, du reicher Scheißer,“ keuchte sie, ihr Körper glänzte vor Schweiß. „Fick mich in deinem teuren Haus!“ Jannis antwortete mit einem tierischen Grunzen, packte ihre Hüften
„Fick mich in deinem teuren Haus!“ Jannis antwortete mit einem tierischen Grunzen, packte ihre Hüften und warf sie auf den Rücken. Sein nasser Schwanz klatschte gegen ihren Bauch. Er spreizte ihre Beine brutal weit, spuckte in seine Hand und rieb den Speichel über ihre bereits triefende Muschi, bevor er wieder in sie hineinrammte. Diesmal von vorne, jedes tiefe Eindringen ein Akt des Besitzanspruchs auf den leeren Raum um sie herum. Linda kreischte, ihre Nägel kratzten über seine Schultern.
An der Bettkante löste sich Lukas’ Zunge von Marinas schwellenden Lippen. Sein Kinn glänzte feucht. Sie stieg von seinem Gesicht, drehte sich um und griff nach seinem prallen Schwanz, rieb die Eichel zwischen ihren nassen Schamlippen. „Jetzt du,“ flüsterte sie, ihre Augen waren dunkle Löcher in ihrem blassen Gesicht. Sie sank auf ihn herab, nahm ihn Zentimeter um Zentimeter auf, bis ihre Arschbacken auf seinen Oberschenkeln ruhten. Ein langer, zitternder Seufzer entwich ihr. Lukas’ Hände umklammerten ihre Taille, seine Finger hinterließen weiße Abdrücke auf ihrer Haut.
Der Raum füllte sich mit dem Orchester ihrer Körper: dem keuchenden Atem, dem schmatzenden Nass, dem dumpfen Schlagen von Fleisch auf Fleisch, dem Knarren der Bettfedern. Es war kein Akt der Lust, sondern ein Exorzismus der Stille, ein verzweifelter Versuch, das monumentale Nichts des Hauses mit etwas, irgendetwas, zu füllen. Jannis kam zuerst, sein Körper verkrampfte sich, ein heiserer Schrei, der an den hohen Decken verhallte. Er entlud sich in Linda mit solcher Wucht, dass sie selbst ein zweites Mal kam, ihr inneres Pulsieren zog jeden letzten Tropfen aus ihm.
Lukas, noch in Marina verschachtelt, beobachtete ihr Gesicht. Ihre Miene war konzentriert, als lausche sie auf etwas. Ihre Hüften bewegten sich in einem langsamen, tiefen Kreis, das schlüpfrige Reiben ließ ihn stöhnen. Als sein Orgasmus sich ankündigte, eine eiserne Woge in seinem Unterleib, schloss sie die Augen. „Komm,“ sagte sie, und es klang wie ein Befehl. Er explodierte in ihr, ein langer, zuckender Schwall, und sie presste sich fester auf ihn, als wolle sie jede einzelne Faser von ihm aufsaugen.
Stille kehrte ein, schwer und dick wie Physik. Vier Körper, schweißbedeckt und ausgelaugt, auf dem großen Bett in der Mitte der leeren Weite. Durch die riesigen Fenster sah man die ersten Sterne über dem Wald.
„Das ist verrückt,“ murmelte Linda ins Kopfkissen. Ihr Rücken war eine Landkarte aus roten Kratzern.
„Alles ist verrückt,“ korrigierte Jannis. Seine Hand lag auf ihrer Hüfte, besitzergreifend, müde.
Wochen später hatte das Haus Möbel. Teure, geschmacklose, schnelle Möbel, die per Katalog gekauft wurden. Es fühlte sich an wie ein Filmset. Die Vereinbarung, die in jener ersten Nacht nur implizit getroffen worden war, wurde an einem regnerischen Dienstag beim Abendessen ausgesprochen.
„Ich kann nicht atmen,“ sagte Marina plötzlich und legte ihre Gabel hin. Sie starrte auf ihr unberührtes Steak. „Ich meine, mit euch. Nur mit euch.“
Lukas sah sie an. „Was willst du?“
„Ich weiß nicht. Etwas anderes.“ Ihr Blick wanderte zu Linda, die eine schulterzuckende Zustimmung gab.
„Wir sind nicht eure Ehemänner,“ sagte Jannis, sein Ton war defensiv.
„Das weiß ich, du Idiot,“ schnappte Linda zurück. „Aber vielleicht wollen wir auch mal jemanden, der nicht…“ Sie suchte nach Worten. „…der nicht aus derselben verdreckten Geschichte kommt.“
Es war keine Bitte um Erlaubnis. Es war eine Feststellung. Eine neue Regel für das seltsame Biotop, das sie in dem Herrenhaus geschaffen hatten. Die Zustimmung war still, fast erleichtert. Eine Tür, die sich öffnete.
Lukas’ Telefon, später an diesem Abend. Die App: Grindr.
Ein Profilbild: Ein durchtrainierter Oberkörper, das Gesicht weggeschnitten. Benutzername: OberhausenJung23.
OberhausenJung23: Hey. Direkt suchst du?
Lukas: Ja. Direkt.
OberhausenJung23: Was stehst du so?
Lukas: Auf alles. Host du Platz?
OberhausenJung23: Bei mir geht nicht. Auto?
Lukas: Komm zu mir. Hab ein ganzes Haus. Diskret.
Eine Adresse wurde geteilt, ein Waldgebiet außerhalb. Eine Stunde später parkte ein silberner Golf widerwillig auf dem Kies vor dem Haus. Ein junger Mann, vielleicht zwanzig, mit engen Jeans und misstrauischen Augen stieg aus.
„Krasses Ding,“ sagte er, als Lukas ihn an der Tür hereinließ. Seine Blicke huschten über die hohen Decken.
„Komm hoch,“ sagte Lukas, ohne Vorlauf. Er führte ihn ins Schlafzimmer, das gleiche, große. Der Junge, Tim, stellte seine Tasche ab. „Also…“
Lukas küsste ihn, hart, unterbrach jede Konversation. Seine Hände öffneten Tims Hose, griffen hinein, fanden einen schlanken, schon halbsteifen Schwanz. Er kniete sich hin, nahm ihn in den Mund, saugte mit einer Nötigung, die nach Erinnerung schmeckte – an Docks, an fremde Kabinen. Tim stöhnte überrascht auf. „Alter, gleich so.“
Lukas zog ihn zum Bett, drehte ihn um, zog ihm die Jeans ganz herunter. Er holte Gleitgel aus der Nachttischschublade, schmierte sich und den Jungen grob ein. Er drang von hinten ein, ohne viel Zeremonie. Tims Rücken bog sich, sein Atem flatterte. „Ja… fuck, ist das tief.“ Lukas sagte nichts. Er hämmerte in den fremden Körper, seine Augen starrten auf die Tapete. Er suchte nicht Vergnügen. Er suchte die Bestätigung, dass es funktionieren würde, diese neue Regel. Dass er es konnte. Sein Orgasmus war eine mechanische Entladung, ein Ausstoß von Flüssigkeit und Spannung. Als er fertig war, zog er sich sofort zurück.
„Krass,“ keuchte Tim, sein Gesicht in die Kissen gedrückt. „Du bist richtig animalisch, Alter.“
„Zieh dich an,“ sagte Lukas. Er warf ein Handtuch aufs Bett. „Die Tür geht von selbst zu.“
Jannis’ Telegon. Die App: Tinder.
Ein Match. Sara, 29, Grundschullehrerin. Profilbild: lachend vor einem Berg. Chatverlauf:
Sara: Du wohnst in dem alten Herrenhaus? Das muss ja super romantisch sein!
Jannis: Ist groß. Sehr groß. Bock was zu trinken? Ich hole dich ab.
Sara: Klingt verlockend. Aber ich bin eher der Kuskd-Typ, sorry!
Jannis: Alles klar. Dann halt nicht.
Ein zweites Match. Dani, 34, Barkeeperin. Profilbild: eine Zigarette, dunkle Augen.
Dani: Was suchst du hier so?
Jannis: Was ehrliches. Was direktes.
Dani: Ehrlich und direkt gefällt mir. Bin in 2 Stunden Feierabend.
Sie kam mit dem Taxi. Sie trug Lederjacke und rote Lippen. Jannis führte sie nicht ins Schlafzimmer, sondern ins Wohnzimmer, wo jetzt ein riesiges, weißes Sofa stand. Sie tranken Wodka aus teuren Gläsern. Sie unterhielten sich nicht über das Haus. Sie redeten über Musik, über schlechte Jobs, über die Scheiße, die das Leben manchmal austeilt.
Dann knöpfte sie sein Hemd auf. Ihr Mund war weich, anders. Sie nahm ihn auf dem weichen Teppichboden, vor dem kalten Kamin. Sie ritt ihn, langsam, ihre Lederjacke noch an, ihre Augen halb geschlossen. Es war zärtlicher. Es war beängstigend. Als er kam, presste sie ihre Hand auf seinen Mund, um sein Stöhnen zu dämpfen. „Still,“ flüsterte sie. „Dein Haus hallt so.“ Sie blieb die Nacht. In den frühen Morgenstunden rauchte sie an seinem Fenster und fragte: „Mit wem lebst du hier eigentlich?“
„Mit Freunden,“ sagte er.
„Komische Freunde,“ sagte sie, und drückte ihre Zigarette aus.
Marinas Telefon. Die App: Lesarion.
Ein Profil: Künstlerin_Mal, 31. Fotos von Leinwänden, abstrakte Farben.
Künstlerin_Mal: Dein Profil sagt fast nichts. Geheimnisvoll?
Marina: Sagt deins zu viel. Bist du gesprächig?
Künstlerin_Mal: Nur wenn ich muss. Magst du Wein?
Marina: Ich mag Schweigen. Und Dinge, die wehtun.
Sie trafen sich in der Stadt, in der Zweizimmerwohnung der Frau, die Mal hieß. Überall standen Bilder, roch es nach Terpentin und Patchouli. Mal war schlank, mit kurzen Haaren und ruhigen Händen. Sie küsste Marina an der Tür, lange und neugierig. Sie führte sie ins Schlafzimmer, das mit bunten Tüchern dekoriert war.
„Was möchtest du, das wehtut?“ fragte Mal leise, ihre Zähne knabberten an Marinas Ohrläppchen.
„Vergiss, was ich geschrieben habe,“ sagte Marina. Sie schob Mal aufs Bett, zog ihr das Hemd über den Kopf. Sie küsste ihre kleinen, festen Brüste, biss sanft in die Spitzen, ließ ihre Zunge über den flachen Bauch wandern. Sie benutzte ihren Mund und ihre Finger mit einer konzentrierten Hingabe, die sie bei Lukas nie gezeigt hatte. Sie machte Mal zweimal kommen, mit ihren Fingern tief in ihr, bevor sie erlaubte, dass Mal dasselbe für sie tat. Es war kontrolliert, fast klinisch, aber ohne Wut. Als Marina schließlich zuckend gegen den erfahrenen Mund der Frau kam, war ihr Stöhnen ein leises, überraschtes Ausatmen.
„Du bist nicht hier, um dich zu verlieren,“ bemerkte Mal später, als sie nebeneinander lagen. „Du bist hier, um dich zu finden.“
Marina sagte nichts. Sie zog sich an und ging.
Lindas Telefon. Die App: Joyclub.
Ein Profil: DerHerr_68, 52, graumeliert, Business-Foto. Seine Nachricht war direkt.
DerHerr_68: Ich sehe, du magst klare Arrangements. 500 für den Abend. Diskretion garantiert.
Sie schrieb zurück: 1000. Ich bestimme, was passiert. Mein Ort.
Er willigte ein. Sie ließ ihn in ein schäbiges Motel am Stadtrand bestellen, nicht ins Haus. Sie trug das teure Spitzenhöschen, das Jannis ihr gekauft hatte, und sonst nur einen Mantel. Der Mann, ein Geschäftsführer mit teurer Uhr, war nervös.
„Zahlen Sie,“ sagte sie an der Tür. Er zog einen Umschlag hervor. Sie zählte das Geld, dann warf sie den Mantel ab. „Auf die Knie.“
Er gehorchte. Sie ließ ihn ihren Spitzenschlüpfer ausziehen, befahl ihm, sie zu lecken. Seine Zunge war eifrig, unsicher. Sie stieß seinen Kopf fester gegen sich. Dann befahl sie ihm, sich aufs Bett zu legen. Sie band ihm mit seinen eigenen teuren Krawatten die Hände ans Kopfteil. Sie ritt ihn, langsam, sah zu, wie sein würdevolles Gesicht sich in animalischer Lust verzog. Sie sagte kein Wort. Sie bewegte sich, bis er flehend darum bat, kommen zu dürfen. Sie stieg ab, ließ ihn hart und hilflos liegen.
„Das war’s,“ sagte sie. Sie zog sich an, nahm den Umschlag. „Die Stunde ist um.“
„Aber ich…“
„Sie haben bezahlt, um zu tun, was ich will,“ sagte sie. „Ich will, dass Sie gehen.“ Ihr Lächeln war kalt und perfekt. Als sie hinausging, fühlte sie sich, für einen winzigen Moment, wie die Frau, die das Sagen hatte. Nicht die, die gekauft wurde. Die, die kaufte.
Zurück im Herrenhaus, in der unpersönlichen, großen Küche, saßen sie beim Frühstück. Schweigend. Das unausgesprochene Wissen ihrer getrennten Nächte hing zwischen ihnen wie ein seltsamer Duft.
„Und?“ fragte Lukas schließlich, in seine Kaffeetasse starrend.
„Es war anders,“ sagte Marina. Sie schnitt ein Brötchen mit chirurgischer Präzision.
„Hat’s geholfen?“ fragte Jannis. Seine Augen waren rot.
Linda biss in einen Toast. „Es war ein Fick. Nichts hilft.“
Dann hob sie den Blick. „Aber vielleicht nochmal. Ein anderer. Nächste Woche.“
Das Schweigen war diesmal keine Leere. Es war ein Abgrund, den sie gemeinsam betrachteten, während draußen der Wind durch die alten Buchen fuhr und ein Blatt an das Küchenfenster klopfte, als klopfe jemand, der Einlass begehrte.