Chapter 17: Chapter 17
Der Morgen kroch durch das ungewaschene Fenster von Finns Wohnung, ein fahles, graues Licht, das den Raum in matte Schattierungen tauchte. Simon erwachte zuerst. Sein Nacken war steif vom Teilen des schmalen Einzelbetts, sein linker Arm war unter Finns Körper eingeschlafen. Ein leises Schnarchen, mehr ein surrendes Ausatmen, kam von der Seite, wo Finns Gesicht in das Kissen gedrückt war, die dunklen Locken ein wirres Durcheinander.
Simon bewegte sich nicht. Er lag da und spürte das Gewicht, die Wärme, das friedliche Heben und Senken von Finns Brustkorb gegen seine Rippen. Der Geruch war eine Mischung aus ihrem Schweiß, dem schalen Bier von gestern Abend und dem immer noch anhaftenden neuen Tapetengeruch. Es war kein lieblicher Duft, aber es war ein realer. Ein hier-und-jetzt Geruch.
Finn bewegte sich, murmelte etwas Unverständliches und schlug dann die Augen auf. Für einen Moment herrschte Verwirrung in seinem Blick, dann Klarheit. Ein langsames, schläfriges Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus. „Hi,“ krächzte er.
„Hi.“
Sie lagen still da. Die Nacht hatte die Regeln neu geschrieben, ohne sie laut auszusprechen. Das Kissen zu teilen, die Körper, die sich im Schlaf ineinander geschmiegt hatten – das war neu. Ungewohnt. Aber nicht falsch.
„Mein Arm ist tot,“ sagte Simon leise.
Finn drehte sich auf den Rücken, befreite Simons eingeklemmten Arm. „Tut mir leid.“ Seine Hand fand Simons unter der Decke, verschränkte die Finger mit ihm. Eine einfache, gefestigte Geste. „Hab gut geschlafen. Keine… Gerüche.“
„Das ist gut.“
Das Schnarchen des alten Kühlschranks in der Mini-Küchenzeile füllte die Stille. Simon studierte die Risse in der Deckenfarbe über ihnen. „Was machst du heute?“
„Therapie. Um zehn.“ Finn seufzte. „Und du?“
„Spätschicht. Ab vier.“ Simon drehte den Kopf, sah das Profil seines Freundes gegen das graue Licht. Freundes. Das Wort passte jetzt besser als je zuvor. „Willst du vorher noch was? Frühstück? Irgendwas?“
Finn drehte sich zu ihm, seine Augen waren immer noch schwer vom Schlaf, aber wach. „Könnten hier was machen. Ich hab… zwei Eier. Und dieses komische Brot, das nach Sägespänen schmeckt.“
Simon lächelte. „Klingt verlockend.“
Sie bewegten sich wie in Zeitlupe, lösten ihre verflochtenen Gliedmaßen und schälten sich aus dem Bett. Die Kühle der Wohnung ließ sie frösteln. Simon zog sein Hemd vom Boden auf, schlüpfte hinein. Finn zog eine schlabbrige Jogginghose an. Es war alles so erschreckend normal, so häuslich. Simon stand in der winzigen Küche, beobachtete Finn, wie er konzentriert die Eier in der beschichteten Pfanne aufschlug. Das Zischen des Eiweißes, der Geruch von schmelzender Butter – es waren Sinneseindrücke ohne Watte dazwischen.
Sie aßen auf dem Boden, die Teller auf den Knien, an den ausgepackten Kartons lehnend.
„Weißt du,“ sagte Finn mit vollem Mund, „in der Therapie reden sie immer über ‘sichere Räume’.“
Simon nahm einen Bissen von dem sägespanartigen Brot. Es war wirklich schlecht. „Und?“
„Und… hier fühlt es sich so an. Sicher. Nicht perfekt. Die Heizung klackert und das Brot ist eine Beleidigung. Aber… sicher.“ Finn stocherte in seinem Eigelb. „Das hab ich lange nicht gehabt. Nirgends.“
Simon nickte. Er verstand. Sein Zuhause bei Miriam war geduldet, nie sicher. Die Wohnung seines Bruders war die Sicherheit einer anderen Welt, in die er nicht mehr passte. Aber hier, zwischen diesen kahlen Wänden mit den Ramsch-Möbeln… hier gab es keine Erwartungen. Nur das, was sie mitbrachten.
„Mir geht’s gleich,“ gab er zu. Seine eigene Stimme überraschte ihn mit ihrer Offenheit.
Finn sah ihn an, seine braunen Augen waren ernst. „Es ist komisch, oder? Dass wir das hier gefunden haben. Ausgerechnet… uns.“
„Komisch ist ein Wort.“ Simon zuckte mit den Schultern. „Ich glaub, ich bin dankbar.“
Das Schweigen, das folgte, war nicht unbehaglich. Es war voll von den unausgesprochenen Dingen, die nun zwischen ihnen auf dem Linoleum lagen, neben den leeren Tellern.
Finn atmete tief ein. „Ich muss bald was entscheiden. Mit der Wohnung.“
Simon hob den Kopf. „Was denn? Der Vertrag ist doch befristet, oder?“
„Ja. Sechs Monate. Danach wird’s teurer. Viel teurer.“ Finn spielte mit der Gabel. „Mein Dad drängt immer noch auf Hamburg. Die Therapie läuft hier, mein Sozialarbeiter ist hier…“ Er ließ die Gabel fallen. Sie klapperte auf den Teller. „Ich will nicht wieder umziehen. Nicht wieder in so eine blechern… blecherne Zwischenlösung.“
Simon spürte einen Stich von Sorge. Der Gedanke, dass Finn wieder gehen könnte, dass dieser Raum, dieser kleine sichere Hafen, verloren gehen würde, traf ihn physisch. „Kannst du dir was anderes hier leisten? Alleine?“
Finn schüttelte den Kopf, ein kurzes, abgehacktes Bewegung. „Nee. Kaum. Nicht in Moabit. Überall nicht.“ Er biss sich auf die Unterlippe. Dann hob er den Blick und sah Simon direkt an. Die Unsicherheit darin war verletzlich, bloßgelegt. „Was ist mit dir? Bei Miriam… das ist doch auch nur übergangsweise, oder?“
Simon wich dem Blick aus, konzentrierte sich auf einen Kratzer im Linoleum. „Ja. Eigentlich schon. Sie hat gesagt… solange ich will. Aber sie hat auch einen Freund jetzt. Der zieht vielleicht ein.“ Er zögerte. Die nächsten Worte hingen in der Luft zwischen ihnen, schwer und riskant. „Ich hab… ich hab keine Ahnung, wo ich hingehen soll. Dachte vielleicht…“ Er brach ab. Es klang zu verzweifelt. Zu fordernd.
Finn sagte es für ihn. Leise, vorsichtig, als würde er eine Mine entschärfen. „Wir könnten… wir könnten zusammen was suchen. Eine größere Wohnung. Zu zweit. Das wäre… das würde es für beide leichter machen.“
Die Luft war still. Selbst das Kühlschrankgeräusch schien eine Pause einzulegen. Simon wagte es, Finn anzusehen. In dessen Augen spiegelte sich seine eigene Mischung aus Hoffnung und blanker Angst. Es war ein riesiger Schritt. Eine massive Verflechtung. Es war das Gegenteil von Flucht; es war ein gemeinsames Graben.
„Zusammen?“ Simons Stimme war heiser.
„Nicht so, wie…“ Finn machte eine unbestimmte Geste mit der Hand. „Nicht nur deshalb. Sondern praktisch. Und… ich mein, es fühlt sich nicht falsch an, oder? Hier? Jetzt?“
Simon dachte an die Nacht. An die Stille danach. An das Gefühl, endlich einen Atemzug zu tun, der nicht schmerzte. „Nein,“ sagte er schließlich. „Falsch fühlt es sich nicht an.“
Ein erleichterter Seufzer entwich Finn. „Okay. Gut. Das hab ich mir gedacht.“ Er zögerte. „Wir müssten… reden. Regeln. So was wie… ich rauche nicht mehr drinnen, versprochen. Und du musst deine schimmeligen Übungs-T-Shirts nicht unter dem Bett verstecken.“
Ein kleines, unwillkürliches Lachen blubberte in Simon hoch. „Das war einmal!“
„Einmal ist genug. Die stinken wie tote Tiere.“ Finns Mund zuckte zu einem Lächeln. Es war ein leichtes, verspieltes Ding, das die Schwere des Moments brach.
„Wir hätten getrennte Zimmer,“ sagte Simon, dem Gedanken folgend. „Nur… falls. Für wenn es zu viel wird.“
Finn nickte ernsthaft. „Ja. Unbedingt. Jeder braucht seinen Rückzugsraum. Auch wenn…“ Er wurde rot. „Auch wenn das andere vielleicht öfter vorkommen könnte.“
Simon spürte, wie ihm ebenfalls warm wurde. „Könnte. Ja.“
Sie saßen da, die Aussicht eines gemeinsamen Zukünftigen breitete sich vor ihnen aus wie eine unbekannte Landkarte. Es war beängstigend. Es war aufregend.
„Wir können’s langsam angehen,“ sagte Finn, mehr zu sich selbst. „Erst mal suchen. Muss eh noch mein Dad besänftigen. Und dein Bruder…“
„Alex.“ Simon seufzte. Der Gedanke, Alex und Leon davon zu erzählen, war eine eigene Art von Herausforderung. Sie würden es falsch verstehen. Sie würden sich Sorgen machen oder, schlimmer noch, vor Freude überschäumen und etwas hineininterpretieren, was noch nicht da war. „Das kommt später.“
„Genau. Später.“ Finn stand auf, nahm die Teller. „Step by step. Wie die Frau in der Gruppe immer sagt.“
Simon half ihm, das Geschirr in das winzige Spülbecken zu stellen. Ihre Hände berührten sich im seifigen Wasser. Diesmal war es keine zufällige, vorsichtige Berührung. Es war absichtlich. Bestätigend.
„Ich könnte heute nach meiner Schicht im Internet gucken,“ schlug Simon vor, während er eine Pfanne trocken rieb. „In Moabit oder… vielleicht Wedding. Da soll’s günstiger sein.“
„Wedding ist cool.“ Finn lehnte sich gegen den Kühlschrank, beobachtete ihn. „Hauptsache nicht zu nah an der Trasse. Und mit… mit richtigen Wänden. Nicht so Pappwänden wie hier.“
„Richtige Wände,“ wiederholte Simon und nickte. Es war ein praktischer, greifbarer Wunsch. Eine Grundlage, auf der man bauen konnte. Eine Wand, die einen nicht jedes Flüstern vom Nachbarn hören ließ.
Finn schaute auf die Uhr an der Herdzeile. „Scheiße. Ich muss los. Therapie.“ Er wirkte nicht mehr schläfrig, sondern hellwach, elektrisiert von der getroffenen, unausgesprochenen Entscheidung.
Sie bewegten sich in der kleinen Wohnung umeinander, suchten Socken, Jacken. Es war ein tänzelndes, vertrautes Hin und Her. Als sie fertig waren, an der Tür stehend, zögerte Finn.
„Also… ich such auch mal. Und dann… dann vergleichen wir?“
„Ja.“ Simon zog seine Jacke zu. „Vergleichen wir.“
Ein letzter Blick, ein letztes Lächeln – dieses Mal voller einer neuen, gemeinsamen Entschlossenheit. Dann war Finn weg, seine Schritte hallten im Treppenhaus wider.
Simon blieb einen Moment in der leeren Wohnung stehen. Der Raum roch noch nach ihnen, nach Eiern und Seife und der Möglichkeit von morgen. Er sah sich um. Die Kisten, die noch zu packen waren. Das schlechte Brot auf der Arbeitsplatte. Das schmale Bett.
Er ging zum Fenster, legte die Handfläche auf das kühle Glas. Draußen fuhr die Stadt vorbei, unbeteiligt und laut. Aber hier drinnen war ein Plan entstanden. Ein zarter, gefährlicher, wunderschöner Plan.
Zusammen. Das Wort summte in ihm nach. Es war kein Versprechen. Noch nicht. Es war eine Richtung. Eine Adresse für eine Zukunft, die er sich seit Jahren nicht vorstellen konnte.
Sein Telefon summte. Eine Nachricht von Finn, schon vom Weg zur U-Bahn.
Finn: Sie hat mir wieder diesen blöden Emotionswürfel gegeben. Ich hasse ihn.
Simon lächelte. Seine Finger tippten fast von alleine eine Antwort.
Simon: Welche Seite ist heute oben?
Finn: Hoffnung. Scheinbar.
Simon antwortete nicht sofort. Er schaute aus dem Fenster, auf die graue Straße, die in eine mögliche, gemeinsame Zukunft führte. Dann tippte er:
Simon: Passt.
Simon: Passt.
Die Wohnungssuche gestaltete sich, wie erwartet, zur Hölle. Unzählige Anzeigen auf Kleinanzeigen, dreimal so viele Interessenten, Besichtigungen in muffigen Neunzigern-Jahre-Bauten mit schimmligen Fugen und hellhörigen Wänden. Sie liefen Samstags von einer Enttäuschung zur nächsten, die Füße schmerzten, die Laune sank.
„Der roch nach Katzenpisse und Verzweiflung,“ flüsterte Finn in einem windigen Treppenhaus, nachdem eine ältere Frau ihnen misstrauisch eine winzige Zweizimmerwohnung gezeigt hatte.
„Und der Boden war schief,“ ergänzte Simon leise. „Wahrscheinlich ist das ganze Haus kurz vor dem Einsturz.“
Sie lachten, aber es war ein müdes Lachen. Die Realität des Berliner Wohnungsmarkts drohte ihren zarten Plan zu zermalmen. Dann, an einem regnerischen Dienstagnachmittag, fanden sie es. In einem ruhigen Hinterhof in Wedding, nicht zu nah an der Trasse, wie Finn es sich gewünscht hatte. Es war im dritten Stock eines Altbaus, die Tapeten waren altmodisch, aber die Holzböden waren hell und intakt.
Die Sonne schien in diesem Moment durch ein wolkenverhangenes Loch und füllte die leeren Räume mit einem weichen, warmen Licht. Finn stand im größeren der beiden Zimmer, das Gesicht dem Fenster zugewandt.
„Das hier,“ sagte er, ohne sich umzudrehen. Seine Stimme hatte einen offenen, weichen Klang. „Das fühlt sich richtig an.“
Simon nickte, obwohl Finn es nicht sehen konnte. Er spürte es auch. Es war nicht perfekt. Aber es war sicher. Es hatte gute Wände. Sie nahmen es sofort.
Der Einzug war ein chaotisches Ballett aus Kartons, Flüchen und überteuerten Pizzas. Alex und Leon halfen mit ihrem Auto, was eine eigene, nervenaufreibende Dynamik mit sich brachte. Alex’ besorgtes Lächeln, als er die zwei leerstehenden Zimmer sah, sprach Bände. Leons Versuche, nicht zu viele anzügliche Witze zu machen, scheiterten kläglich.
„Ihr habt echt zwei Betten?“ kicherte Leon, als sie Simons altes Gästebett in das zweite Zimmer trugen.
„Leon,“ maßregelte Alex sanft.
„Was? Nur so, falls einer von euch mal schlecht träumt und den anderen nicht stören will. Sehr praktisch.“
Finn warf Simon einen amüsierten Blick zu, der deutlich sagte: Ich mag ihn.
Nach zwei Tagen des Schleppens und Streitens über die Anordnung der Möbel war es geschafft. Sie standen in der Mitte ihrer neuen, gemeinsamen Wohnung, umgeben von Bergen aus Kartons und dem dröhnenden Echo der Leere. Der Geruch nach Staub, frischem Bodenwachs und dem Döner von nebenan hing in der Luft.
„Gott bin ich kaputt,“ stöhnte Finn und ließ sich auf einen der noch eingeschweißten Sessel fallen.
„Du lebst noch,“ sagte Simon und ließ sich neben ihm auf den Boden sinken, den Rücken gegen die Wand. Seine Knie knackten. Sie sahen sich an, über den chaosgefüllten Raum hinweg. Ein langsames, erschöpftes Grinsen breitete sich auf ihren Gesichtern aus.
„Wir sind irre,“ sagte Finn.
„Total.“
Die erste Nacht verbrachten sie in getrennten Zimmern, zu erschöpft für mehr als ein müdes „Gute Nacht“, das durch den Flur hallte. Simon lag in seinem schmalen Bett, lauschte auf die neuen Geräusche: das Knacken der Heizungsrohre, ein fernes Martinshorn, das völlige Fehlen von Miriams Schritten über ihm. Die Stille war enorm. Und doch nicht bedrohlich.
Es war Finn, der zwei Nächte später an seiner Tür stand. Simon hatte schon das Licht ausgemacht. Ein schwacher Schein vom Flur warf einen langen Schatten von Finn auf Simons Bettdecke.
„Hey,“ sagte Finn leise.
„Hey. Was ist?“
„Kann nicht schlafen. Der neue Raum… er schnarcht anders.“
Simon schob sich zur Seite und hob die Decke an. Keine Fragen. Finn kroch hinein. Seine Haut war kühl vom Laufen über das kalte Parkett. Sie lagen Rücken an Rücken, eine Handbreit Abstand zwischen ihnen. Die Wärme breitete sich langsam aus, vermischte sich. Keiner bewegte sich. Nach einer Weile wurde Finns Atmung regelmäßig und tief.
So begann ihr Ritual. Manchmal war es Finn, der im Dunkeln an Simons Tür klopfte. Manchmal war es Simon, der sich, von einem schlechten Traum aufgeschreckt, in Finns Zimmer schlich. Sie schliefen Rücken an Rücken, oder Finn rollte sich im Schlaf zu einer Kugel zusammen, und Simon legte instinktiv einen Arm um seine Brust. Sie erwachten verschränkt, die Gesichter in den Kissen begraben, die Beine ineinander verhakt. Die Intimität war im Schlaf selbstverständlich geworden, ein stillschweigendes Einverständnis.
Am Tag jedoch blieb eine gewisse Zeremonie. Sie gingen in getrennte Zimmer, um sich umzuziehen. Sie klopften vor dem Betreten des Badezimmers, auch wenn die Tür nur angelehnt war. Die Grenzen waren da, sorgsam gezogen und respektiert.
Eines Abends, nach einem stressigen Tag in der Bibliothek, fand Simon Finn in der Küche vor. Er hatte Pasta gemacht, eine einfache Tomatensauce. Das Radio spielte leise. Sie aßen am neuen, wackeligen Tisch und redeten über nichts Wichtiges. Über den cholerischen neuen Nachbarn unten. Über die katastrophale Gestaltung des neuen Stadtplanungsflyers, der in ihrem Briefkasten gelandet war.
„Das kann doch nicht dein Ernst sein. Wer lässt so etwas drucken? Das tut in den Augen weh,“ sagte Finn und wedelte mit dem Flyer.
„Der hat wahrscheinlich seinen zehnjährigen Neffen in PowerPoint ran gelassen,“ lachte Simon. Das Lachen fühlte sich leicht an in seiner Brust, nicht wie ein seltenes Ereignis.
Nach dem Abendessen standen sie nebeneinander am Spülbecken. Simon spülte, Finn trocknete ab. Ihre Ellbogen berührten sich bei jeder Bewegung. Eine angenehme, gleichmäßige Reibung.
Simon spülte einen Teller ab und reichte ihn Finn hinter sich, ohne hinzusehen. Finn nahm ihn, ihre Fingerspitzen berührten sich kurz im nassen Porzellan.
„Danke,“ murmelte Simon.
„Gerne.“
Eine Stille breitete sich aus, anders als die vorherige. Sie war weich, aber geladen, wie die Luft vor einem Sommergewitter. Simon spülte den letzten Topf ab, drehte sich um und lehnte sich gegen die Arbeitsplatte. Finn trocknete methodisch weiter, aber sein Blick hing an Simon, schwer und voll unausgesprochener Fragen.
Das Knistern zwischen ihnen war kein plötzlicher Funke. Es war ein langsames Glimmen, das nun mit einem helleren Schein pulsierte. Simon wischte sich die Hände am Geschirrtuch ab, das über Finns Schulter hing. Er ließ die Hände dort liegen, auf Finns Schultern. Finn erstarrte, das Geschirrtuch in der Hand.
Simon zog ihn sanft heran. Es war keine dramatische Geste. Es war eine logische Folge, die nächste Seite in einem Buch, das sie schon seit Wochen lasen.
Sie küssten sich zwischen den Schränken, zwischen den Spuren vom feuchten Abwasch. Dieser Kuss war nicht suchend wie der erste. Er war wissend. Er hatte die vertraute Textur von gemeinsamen Morgenden und geteilter Spülarbeit. Simon zog Finn näher, seine Hände fuhren den Rücken hinunter, spürten die Wirbelsäule unter dem dünnen Baumwollshirt. Finns Arme schlossen sich um seinen Nacken, zogen ihn tiefer hinein.
Sie wanderten, immer noch verschmolzen, aus der Küche, den kurzen Flur entlang. Sie stolperten über einen noch nicht ausgepackten Karton. Ein unterdrücktes Lachen blubberte zwischen ihren Lippen auf.
„Vorsicht,“ murmelte Finn gegen Simons Mund.
„Du bist der, der nicht guckt.“
Sie landeten in Finns Zimmer, auf seinem Bett. Die Tür blieb offen, ein Streifen Licht aus dem Flur fiel über ihre verschlungenen Körper. Hier, in der halben Dunkelheit, wurde alles langsamer, absichtsvoller. Hände schoben Hemden hoch, tasteten über neu freigelegte Haut – nicht gierig, aber mit einer neugierigen Ehrfurcht. Jede Berührung war eine Bestätigung: Hier bin ich. Und du bist hier.
Finns Hand glitt unter Simons T-Shirt, seine Handfläche warm und leicht rau gegen Simons Bauch. Simon erstarrte für einen Moment, ein kurzer, unwillkürlicher Reflex. Finn zog seine Hand zurück, als hätte er eine heiße Herdplatte berührt.
„Okay?“ fragte er, atemlos.
Simon atmete tief ein. Die alten Gespenster tanzten am Rande seines Bewusstseins. Doch Finns Blick war nicht fordernd. Er war fragend. Erlaubnis suchend.
„Ja,“ keuchte Simon. „Einfach… langsam.“
Sie nahmen sich die Zeit. Die Kleidung verschwand Stück für Stück, landete in einem Haufen auf dem Boden. Die Berührungen wurden sicherer, kühner, aber nie aggressiv. Simon spürte den leichten Druck von Finns Körper über sich, das vertraute Gewicht. Es war erregend und erschreckend zugleich, diese Nähe zuzulassen. Seine Hände umfassten Finns Hüften, fühlten die weiche Rundung, die starken Muskeln darunter.
Finn beugte sich hinab, seine Lippen fanden Simons Hals, seine Schulter. Jeder Kuss war eine Frage, jeder Seufzer eine Antwort. Sie bewegten sich in einem langsamen, ineinander verwobenen Rhythmus, bis die Luft um sie herum dick wurde vor Wärme und Verlangen.
Simon konnte es fühlen, die angespannte Hitze zwischen ihnen, die Richtung, in die es ging. Sein eigener Körper reagierte, pulsierte mit einer fast vergessenen Dringlichkeit. Finns Hände zogen vorsichtig an der Bündchen von Simons Unterhose, ein zögernder Vorschlag.
In diesem Moment schlug etwas in Simon um. Eine kalte Welle der Panik, unspezifisch aber mächtig, schoss aus seinem Innersten hoch. Sein Körper verkrampfte. Ein ersticktes Geräusch, mehr ein Keuchen als ein Wort, entwich seinen Lippen.
Finn hielt sofort inne. Seine Hände verschwanden. Er rollte zur Seite, ließ kühle Luft und Raum zwischen sie.
„Alles gut,“ sagte er sofort, seine Stimme war rau aber sanft. „Alles ist gut, Simon.“
Sie lagen nebeneinander, atmeten schwer. Simons Herz hämmerte gegen seine Rippen. Scham brannte in seinem Magen.
„Es tut mir leid,“ presste er hervor. „Ich… ich weiß nicht, was…“
„Schsch,“ flüsterte Finn. Seine Hand fand Simons auf der Decke, umschloss sie fest, ohne zu ziehen. Nur haltend. „Gar nichts. Keine Sorge. Wir sind hier. Du bist hier.“
Sie lagen so für lange Minuten, bis Simons Atem sich beruhigte. Die Erregung wich einer anderen Art von Intimität, einer, die tiefer und zerbrechlicher war.
„Vielleicht… vielleicht ist das erstmal genug,“ sagte Finn leise, in die Dunkelheit hinein.
Simon drehte den Kopf, sah sein Profil gegen das fahle Licht vom Flur. „Du hast nichts falsch gemacht.“
„Weiß ich.“ Finn drehte sich zu ihm. Sein Lächeln war traurig, aber zärtlich. „Wir haben Zeit. So viel Zeit, wie du brauchst.“
Sie schliefen an diesem Abend nicht Rücken an Rücken. Sie schliefen in einer Umarmung, Simon eingekuschelt in die warme Höhle von Finns Körper. Finns Atem strich über seinen Nacken, ein beruhigender, lebendiger Rhythmus.
Am nächsten Morgen wachte Simon zuerst auf. Finn schlief noch fest, sein Arm schwer über Simons Brust. Das graue Licht des Weddinger Morgens füllte den Raum. Auf dem Nachttisch standen zwei halbvolle Wassergläser neben einem hochgetürmten Stapel Bücher.
Simon bewegte sich nicht. Er spürte das Gewicht, die Wärme, das vertraute Geräusch von Finns Atem. Die Erinnerung an die Panik der letzten Nacht war da, aber sie fühlte sich weit entfernt an, wie ein Sturm, der über das Meer gezogen war. Was blieb, war diese stille, beharrliche Wärme. Sie hatten eine Grenze berührt und waren zurückgewichen, unversehrt. Das Vertrauen hatte gehalten.
Vorsichtig, um ihn nicht zu wecken, drehte Simon sich um. Er legte eine Hand auf Finns Brust, fühlte den ruhigen, starken Schlag des Herzens darunter.
Wir sind hier, dachte er. Du bist hier.
Und zum ersten Mal, seit er sich erinnern konnte, war dieser Gedanke keine Angst. Er war ein Anker. Ein Anfang.