Chapter 43: Chapter 43
Der einzige Streifen auf dem Test lag wie ein offenes Messer zwischen ihnen. Die Stille danach war dichter und giftiger als jeder Gestank von Erbrochenem. Sie verstreuten sich in der Wohnung wie Geister, jeder in seinem eigenen Hauch von Schande. Lia’s Weinen, von Hannah beruhigt, klang aus dem Kinderzimmer wie eine stille Anklage.
Der nächste Monat war aus Blei. Sie funktionierten. Sie schmierten Brote, brachten Lia zur Kita, gingen zur Arbeit. In der Bibliothek verlief sich Alex stundenlang zwischen den Regalen, starrte auf Buchrücken, ohne einen Titel zu erfassen. Leon saß vor seinem leuchtenden Bildschirm und ließ den Cursor über leere digitale Leinwände kreisen. Abends saßen sie auf dem Sofa, die Glotze flackerte belanglose Geräusche und Bilder in den Raum, während sie sich nicht berührten. Maja kam vorbei, um Lia abzuholen oder zu bringen. Ihre Begegnungen waren höfliche Transaktionen, erledigt mit der Steifheit von Steuerbeamten. Die zugedröhnte Intimität, die sie geteilt hatten, war jetzt ein Fleck, von dem sie alle wegschauten.
Der Sex war tot. Er starb nicht mit einem Knall, sondern erstickte im lähmenden Schweigen. Ihre Betten blieben getrennt, auch wenn sie sich eines teilten. Alex wachte nachts auf und spürte die Wärme von Leons Rücken, nur Zentimeter entfernt, eine unüberwindbare Galaxie.
Dann, vier Wochen nach dem negativen Test, kam der Anruf. Ein Notar aus Essen. Alex’ großer Onkel Bertram, ein Mann, den er zweimal in seinem Leben getroffen hatte, war verstorben. Ohne Kinder. Das beträchtliche Vermögen aus Immobilien und Anlagen ging an Alex. „Ein Betrag im mittleren siebenstelligen Bereich“, sagte die strenge Stimme am Telefon. Alex lehnte mit der Schulter an der Küchenwand, der Geschirrspüler surrte neben ihm. Er sagte „Danke“ und „Ich verstehe“ und legte auf.
Er erzählte es Leon beim Abendessen. Er sagte die Zahl. Leon legte seine Gabel hin. Das Klicken auf den Teller klang wie ein Schuss in der Stille. „Das ändert alles“, flüsterte Leon. Es war keine Freude in seiner Stimme. Es war blankes, ungläubiges Staunen.
In derselben Woche kam Maja vorbei, ihr Gesicht eine Maske aus kontrollierter Nervosität. Sie holte keinen Schwangerschaftstest aus der Tasche. Sie legte einen Ultraschall auf den Küchentisch. Ein unscharfes, graues, körniges Bild. In der Mitte eine kleine, kaulquappenförmige Verschattung. Ein Herzschlag. Schwangerschaftswoche sieben.
Die beiden Nachrichten – das Geld, der Herzschlag – prallten in der engen Wohnung aufeinander und erzeugten einen seltsamen, neuen Druck. Plötzlich gab es einen Ausweg. Eine Zukunft, die nicht nur aus dem Abwaschen der eigenen Verwüstung bestand. Es wurde gesprochen. Nicht über das Geschehene. Über das Mögliche.
„Ein Haus“, sagte Alex eines Abends. Er saß am Küchentisch, Laptop aufgeschlagen, Immobilienseiten auf dem Bildschirm. „Irgendwo mit Garten. Platz.“
„Mehr als ein Kinderzimmer“, sagte Leon von der Spüle aus. Er trocknete ein Glas ab, drehte es immer und immer wieder im Handtuch. „Ein Zimmer zum Arbeiten. Eines zum Gästezimmer.“
„Ein Zimmer für das Baby“, sagte Maja leise. Sie saß auf dem Sofa, die Hände auf ihrem noch flachen Bauch. „Und… eines für Lia, wenn sie bei uns ist.“
Das „uns“ hing einen Moment lang in der Luft, zerbrechlich und neu. Es war kein „wir“ der Leidenschaft mehr. Es war ein „uns“ der praktischen Notwendigkeit, des gemeinsamen Sumpfes, aus dem sie alle kamen, und des gemeinsamen Floßes, das sie sich bauen mussten.
Sie suchten in den folgenden zwei Wochen mit einer frenetischen, fast verzweifelten Energie. Sie fuhren nach Mülheim, nach Bottrop, nach Essen. Sie sahen sterile Neubauten und renovierungsbedürftige Ruinen. Bis sie es in einem ruhigen, von Bäumen gesäumten Viertel von Oberhausen fanden, keine fünf Kilometer von ihrer alten Wohnung entfernt, aber eine Welt entfernt.
Es war ein Backsteinbau aus den fünfziger Jahren, verwittert, aber solide. Fünf Schlafzimmer. Ein langer, verwilderter Garten hinten hinaus. Ein verwaistes Vogelnest in der Regenrinne. Die Räume rochen nach altem Holz und vergilbten Tapeten. Aber das Licht. Das Licht war überall.
Sie standen zu dritt im leeren Wohnzimmer, der Staub tanzte in den Sonnenstrahlen. Lia tollte durch die leeren Räume, ihre Schritte hallten, ihr Lachen war das erste, was sie in dieses Haus brachten. Alex sah Leon an. Leon sah Maja an. Maja sah auf ihre Hände, dann auf Alex. Es war keine Einigkeit. Es war ein stiller, erschöpfter Waffenstillstand. Ein Vertrag.
Einen Monat später war Maja im vierten Monat schwanger. Die morgendliche Übelkeit hatte nachgelassen, ersetzt durch einen sanften, runden Ansatz unter ihrem Sweatshirt. Und Alex hatte die Erbschaftsangelegenheiten geregelt. Mit einem Teil des Geldes zahlten sie bar. Das zweistöckige Backsteinhaus mit den fünf Schlafzimmern und dem großen Garten gehörte ihnen.
Der Umzug war ein dreitägiges, chaotisches Drama aus Kartons, brüllenden Möbelpackern und dem ständigen, ängstlichen Kreisen um Maja, die keine Kisten mehr tragen durfte. Ihre alte Wohnung, mit den Geistern ihrer Selbstzerstörung in jeder Ecke, wurde leer zurückgelassen. Die neuen Räume waren zunächst riesig und hallend, fremd.
Sie richteten Lias Zimmer zuerst ein. Das größte der fünf, mit Blick auf den Garten. Maja bestand darauf. Dann Majas Zimmer, direkt daneben, hell und luftig, mit Platz für eine Wiege. Alex und Leon nahmen ein kleineres Zimmer im ersten Stock für sich. Es war immer noch größer als ihr ganzes früheres Schlafzimmer. Sie stellten ihr Bett in die Mitte, die Matratze direkt auf den Boden, da der Rahmen kaputt gegangen war. Sie hängten keine Fotos auf.
Die Unausgesprochenkeiten zogen mit ein. Sie lebten nebeneinanderher. Sie koexistierten. Die Nächte waren die schlimmsten. In der Weite des neuen Hauses fühlten sich die Abgründe zwischen ihnen noch tiefer an.
Dann, an einem regnerischen Donnerstagabend, als Lia bei Hannah war, brach etwas. Sie saßen im neuen, noch kaum möblierten Wohnzimmer auf einer ausgemusterten Couch, vor einem Kamin, den sie noch nie benutzt hatten. Maja schlief auf dem Sessel ein, ein Sachbuch über Schwangerschaft auf ihrem Schoß. Das leise Schnarchen war das einzige Geräusch.
Leon sah sie von seinem Platz auf dem Boden aus an, den Rücken gegen die Couch gelehnt. „Sie sieht… friedlich aus.“
Alex, am anderen Ende der Couch, nickte. Das spärliche Licht der Stehlampe ließ Majas Gesicht weich erscheinen, die Sorgenfalten geglättet. „Das Baby tut ihr gut.“
„Und uns?“, fragte Leon. Die Frage war nicht spitz oder vorwurfsvoll. Sie war müde. Einfach müde.
Alex hatte keine Antwort. Stattdessen stand er auf. Er ging nicht auf die Treppe zu ihrem Schlafzimmer. Er ging zur französischen Terrassentür, die in den dunklen Garten führte. Er schob sie auf. Der Geruch von nasser Erde und frischem Regen strömte herein. „Komm“, sagte er über die Schulter.
Leon folgte ihm, barfuß, auf die noch nasse Terrasse. Der Regen war jetzt nur noch ein Nieselregen, ein feiner Schleier in der Dunkelheit. Das Licht aus dem Wohnzimmer warf ihre langen, verzerrten Schatten über die Backsteine.
Ohne ein Wort drehte sich Alex zu Leon. Seine Hände fanden Leons Gesicht, roh und unvermittelt. Der Kuss war nichts von zärtlicher Versöhnung. Er war hungrig, verzweifelt, voller der angestauten Monate des Schweigens und der Gewalt und der Trauer. Es schmeckte nach Regen und Salz und vergangener Bitternis.
Leon stieß einen überraschten Laut aus, dann erwiderte er den Kuss mit gleicher Wildheit. Seine Hände gruben sich in Alex‘ Sweatshirt, zerrten es ihm über den Kopf. Die kühle Luft traf ihre nackte Haut. Kleider fielen in eine nasse, durcheinander gewürfelte Ladung auf die Terrasse.
Sie stolperten, ineinander verkeilt, über die Schwelle zurück ins Wohnzimmer, weg von der Tür. Sie fielen nicht auf die Couch. Sie sackten auf den groben Sisalteppich vor dem kalten Kamin, ihr Sturz durch Leon’s Ellbogen abgefedert, der gegen den Steinboden schlug. Es tat weh. Er beachtete es nicht.
Jetzt war keine Zeit für Vorbereitung, kein Kokosöl, kein Protokoll. Ihre Körper kannten einander noch, kannten die Landkarten aus Schmerz und Schande. Alex lag auf dem Rücken, der Teppich brannte auf seiner Haut. Leon kletterte über ihn, seine Augen waren im Dämmerlicht schwarz vor einer wilden, trauernden Wut.
„Ich hasse dich“, keuchte Leon, während er sich zwischen Alex‘ Beine schob. „Ich hasse dich so verdammt sehr.“
„Ich weiß“, knurrte Alex und griff nach Leons nacktem, behaartem Hintern. „Mach schon. Zeig’s mir.“
Leon spuckte in seine eigene Hand, ein brutales, archaisches Geräusch, und schmierte sich seinen gekrümmten, bereits steifen Schwanz grob ein. Dann führte er sich mit der Spitze an Alex‘ enges Loch. Es war trocken, zu trocken. Er stieß trotzdem vor.
Der Schmerz war ein weißer Blitz, eine vertraute Agonie. Alex krümmte sich auf, seine Fäuste ballten sich in den Sisal. Er schrie, ein kurzer, heiserer Laut, der Maja im Sessel aufschrecken ließ. Sie öffnete die Augen, sah hinunter auf die beiden verrenkten Körper auf dem Boden.
Leon war nicht sanft. Er rammte sich hinein, jeden Zentimeter ein Kampf, bis seine haarigen Hoden gegen Alex‘ Hinterteil schlugen. Er blieb einen Moment liegen, vollständig eingeschlossen, sein Körper zitterte vor angespannter Anstrengung. Tränen traten in seine Augen. Nicht vor Lust. Vor etwas viel Urtümlicherem.
„Mein Gott, Alex“, stammelte er, seine Stimme brach. „Was haben wir getan? Was zum Teufel haben wir nur getan?“
Er begann sich zu bewegen. Die Stöße waren nicht rhythmisch oder geübt. Sie waren ruckartig, ungeschickt, angetrieben von einer reinen, reinigenden Verzweiflung. Jeder Stoß war ein Schlag gegen die Mauern zwischen ihnen, ein nasses, schmerzhaftes Zerren an den Erinnerungen an Gassen, Öl und würgenden Gestank.
Maja sah von ihrem Sessel aus zu. Ihre Hand wanderte zu ihrem Bauch. Sie zitterte nicht. Sie weinte nicht. Sie beobachtete nur, als würde sie eine unbekannte, gewalttätige Zeremonie entziffern.
Alex hob seine Hände, legte sie auf Leons brustkorb, nicht um ihn wegzudrücken, sondern um ihn zu spüren. Die Wärme, den Schweiß, den unregelmäßigen Herzschlag unter seinen Handflächen. Er hob seine Hüften, um Leons brutalen Rhythmus entgegenzukommen. Der Schmerz verwandelte sich, breitete sich aus zu einer ekstatischen, unerträglichen Fülle. Es war nicht gut. Es war wahr.
„Leon,“ keuchte Alex, seine Nägel gruben sich in Leons Haut. „Leon, ich…“
Leon beugte sich vor, sein Mund auf Alex‘, um seine Worte zu ersticken. Der Kuss war schlampig, mit zu viel Zahn und Tränensalz. Seine Hüften fuhren nun in einem rasenden, unkontrollierten Takt. Das klatschende Geräusch ihrer Körper war das einzige Geräusch im Raum, begleitet von ihrem keuchenden Atem.
Maja bewegte sich. Langsam stand sie vom Sessel auf. Sie kniete sich neben sie auf den Teppich. Ihre Hand berührte Leons schweißbedeckten Rücken. Er zuckte unter ihrer Berührung, stieß einen unterdrückten Laut aus.
Dann führte ihre Hand weiter, über seine Hüfte, hinunter, wo sie ihren nassen Schlitz fand und ihre Finger in sich selbst steckte. Sie rieb sich, während sie zusah, wie ihr Mann Alex nahm. Ihre Augen waren weit geöffnet, fest auf die Stelle gerichtet, an der Leons Körper in Alex‘ Körper überging. Ihr Atem ging schneller, synchron mit ihren.
Leon spürte es, die Bewegung neben sich, die kleine, feuchte Geräuschkulisse. Es trieb ihn über den Rand. Er stieß ein letztes Mal mit aller Kraft zu, sein ganzer Körper verkrampfte sich, als er mit einem heiseren Schrei kam, sein Samen pulsierte heiß und reichlich in Alex. Die unerwartete Intensität seines Orgasmus riss Alex mit. Sein eigener Schwanz, der zwischen ihren Leibern eingequetscht war, spuckte mit einem stummen Beben sein Eigenes aus, ein dünner Schauer auf seine eigene Brust und Leons.
Für einen langen Moment lag Leon regungslos auf Alex, sein Gewicht eine vertraute, schwere Last. Sein Atem war heiß und feucht an Alex‘ Hals. Die Verzweiflung in der Luft begann sich zu legen, ersetzt durch eine bleierne, ausgelaugte Stille.
Dann, von irgendwo im Haus, ertönte ein leises, verängstigtes Weinen. Lia. Sie war früher zurückgekommen.
Leon rolltun von Alex ab, sein geglieder zog sich mit einem nassen, leisen Ger
Sie war früher zurückgekommen.
Leon rollte von Alex ab, sein Glied zog sich mit einem nassen, leisen Geräusch aus ihm heraus. Das Weinen aus dem Flur war schrill, ein panischer Kontrapunkt zu ihrem keuchenden Atem. Alex rappelte sich auf, sein ganzer Körper fühlte sich verwüstet und klebrig an. „Scheiße“, murmelte er, wischte sich schlaff den eigenen Samen von der Brust.
Maja war schon auf den Füßen, zog ihren Trainingshose hoch und lief mit wackeligen Schritten zur Tür. „Ich kümmere mich um sie.“
Sie blieben zurück, Leon auf dem Rücken liegend, Alex mit angewinkelten Knien. Der Sisal hatte rote Abdrücke auf ihrer Haut hinterlassen. „Das war…“, begann Leon, seine Stimme war rau.
„Ja“, unterbrach Alex. Er fand kein anderes Wort. Was war es? Eine Vergewaltigung? Eine Versöhnung? Ein verzweifelter Akt gemeinsamer Zerstörung, um zu sehen, was danach noch übrig blieb? Er stand auf, seine Knie knackten. Er hob Leons Hose vom Boden auf und warf sie ihm zu. „Zieh dich an.“
Der Rest des Abends verlief in einer zugedröhnten Routine. Lia beruhigte sich in Majas Armen. Das Bad wurde gedämpft benutzt, einer nach dem anderen. Sie gingen in ihre getrennten Zimmer. Der von Sperma und Schweiß geröstete Teppich blieb liegen wie ein Verbrechen, über das niemand sprechen würde.
Die kommenden Wochen wurden von anderen Dingen bestimmt. Die Schwangerschaft schritt voran, Majas Bauch wölbte sich unter ihrem Hemd. Das neue Haus erbte die Geister der alten Wohnung, aber die Räume waren größer, die Schatten konnten besser umgangen werden. Man konnte sich aus dem Weg gehen.
Eines Abends, als Lia schlief und Maja früh ins Bett gegangen war, saßen Alex und Leon im ersten Stock auf der leeren Treppe. Sie blickten in den Flur, auf die drei geschlossenen Türen der leerstehenden Zimmer.
„Fünf Schlafzimmer“, sagte Leon. Er trommelte mit den Fingern auf die Holztreppe. „Lia eins. Maja und das Baby eins. Wir eins. Das sind drei.“
Alex lehnte sich gegen das Geländer. Das Holz knarrte unter seinem Gewicht. „Gästezimmer“, sagte er, aber das Wort klang hohl in dem weiten, hallenden Flur.
„Wir bekommen keine Gäste“, sagte Leon trocken. Ihre Sozialkreise hatten sich nach den letzten Monaten aufgelöst. Hannah war die Einzige, die ausharrte.
Sie schwiegen. Das Schweigen war nicht mehr nur voll von vergangenem Schmerz. Es war jetzt auch voll von Möglichkeiten, beängstigend in ihrer Leere. Zwei leere Zimmer. Zwei stumme, wartende Höhlen aus Gipswand und Staub. Irgendwann sagte Leon das Unausgesprochene laut.
„Das Jugendamt hat wieder angerufen.“ Seine Stimme war flach. Vor Monaten, in einer anderen Welt, hatten sie ein Vorbereitungsseminar besucht. Es war eine fixe Idee von Leon gewesen, aus einer Zeit, in der er die Welt noch retten wollte. „Sie haben eine Notfallplatzierung. Zwei Jungs. Brüder.“
Alex schloss die Augen. Er sah die Gasse, die Säule, den Teppich. Er sah seinen eigenen verzerrten Reflex im Fenster der leerstehenden Zimmer. „Wir sind nicht… wir sind kaputt, Leon. Was sollen wir mit zwei fremden Teenagern?“
Leon atmete tief ein, ein langsamer, zittriger Zug. „Vielleicht ist es genau das. Vielleicht braucht es Kaputte, um andere Kaputte zu verstehen.“ Er stand auf, seine Gelenke knackten. „Wir sind keine Gäste. Wir sind ein Haus. Und Häuser sollten nicht leer stehen.“
Der Prozess war ein Strudel aus Akten, Besuchen und behördlichen Blicken, die zu lang auf ihnen ruhten. Die Sozialarbeiterin, eine Frau mit sanften Augen und einem eisernen Rückgrat, musterte ihr Zuhause. Sie sah die liebevoll eingerichteten Kinderzimmer, den großen Garten, die solide Bankbilanz. Sie sah auch die unausgesprochene Spannung zwischen den drei Erwachsenen, die wie ein andauerndes Gewitter in der Luft hing.
„Die Jungs haben Schlimmes durchgemacht“, sagte sie bei ihrem letzten Besuch, die Hände um ihre Teetasse gewickelt. „Jannis ist fünfzehn, Finn dreizehn. Sie brauchen Stabilität. Keine Dramen.“
Maja, die ihre Hände auf ihrem runden Bauch hatte, nickte. „Wir haben genug Platz.“
„Und genug eigene Dramen“, fügte Alex hinzu, leiser. Die Sozialarbeiterin sah ihn an, aber sie widersprach nicht.
Sie kamen an einem grauen Dienstagnachmittag an. Alles, was sie besaßen, steckte in zwei schwarzen Müllsäcken, die sie aus dem Auto des Jugendamtes zerrten. Jannis, der Ältere, war lang und dünn wie ein Weidenstock, mit einer schützenden Miene, die sein Gesicht verhärtete. Finn, kleiner und mit wilden, blondierten Haaren, hing hinter ihm, seine Augen scannten die Fassade des Hauses wie ein Einbrecher den Tatort.
„Das ist also das Schloss“, murmelte Jannis, als er über die Schwelle trat. Seine Stimme war tiefer, als man erwarten würde.
Leon zwang sich zu einem Lächeln. „Willkommen. Ihr könnt eure Sachen nach oben bringen. Die letzten beiden Türen rechts.“
Die Jungs stiegen die Treppe hoch, ihre Schritte polterten auf den Stufen. Die dumpfen Schläge der zugeschlagenen Türen hallten durchs Haus. Maja seufzte, eine Hand im Kreuz. „Gut. Das ist… gut.“
Die erste Nacht war still. Zu still. Kein Fernsehen, kein Gelächter, kein Geschirrklappern von oben. Es war, als hätten sie zwei Geister aufgenommen. Am nächsten Morgen stand Finn wie ein Schatten in der Küchentür, als Alex Rührei machte. Er sagte nichts. Er beobachtete nur, wie das Ei in der Pfanne stockte, seine Augen waren leer.
„Hungrig?“, fragte Alex, drehte sich mit der Pfanne in der Hand um.
Finn zuckte mit den Schultern. Ein verdrehter, verweigernder Gestus. „Könnte klauen.“
Alex erstarrte. Die Pfanne war schwer in seiner Hand. „Was?“
„Das Ei. Könnte klauen. Sozial sagt immer, ich klau.“ Finn grinste, aber es erreichte seine Augen nicht. Dann drehte er sich um und verschwand wieder nach oben.
Jannis tauchte nur fürs Essen auf. Er a schnell und effizient, spülte seinen eigenen Teller ab und verschwand wieder in seinem Zimmer. Die Tür blieb stets geschlossen. Die Isolation war ansteckend. Alex, Leon und Maja bewegten sich wie auf Eierschalen durch ihr eigenes Haus, leise sprechend, fürchtend, die prekäre Stille zu zerbrechen.
Dann, eine Woche später, hörte Leon laute Musik von oben. Nicht einfach laut. Aggressiv, eine wütende Wand aus Bässen und schreienden Lyrics. Er stapfte die Treppe hoch, klopfte an Jannis‘ Tür. Nichts. Das Dröhnen verschlang jedes andere Geräusch. Leon drückte die Klinke herunter. Die Tür war verschlossen.
„Jannis! Mach auf!“
Die Musik plärrte weiter. Leon spürte, wie eine alte, vertraute Wut in ihm aufstieg, dieselbe, die ihn in dunklen Gassen und auf regennassen Plätzen hatte handeln lassen. Er trat zurück und rammte seine Schulter gegen die Tür. Das Holz war alt, der Riegel gab mit einem spitzen, splitternden Knall nach.
Jannis stand mitten im Raum, die Arme verschränkt, ein trotziges Funkeln in den Augen. Der Raum roch nach Schweiß, Aftershave und junger Verzweiflung. „Privatsphäre?“, fauchte er.
„Bei der Scheiß-Musik nicht“, konterte Leon, atmete schwer. Er sah sich um. Die Wände waren kahl. Die Müllsäcke lagen ungepackt in einer Ecke. Es sah aus wie eine Lagerhalle, kein Zuhause.
„Habt ihr die Tür repariert“, sagte Jannis, nicht fragend, sondern anklagend. „Ich zahl‘s nicht.“
Leon lachte, ein kurzer, harter Laut. „Mit was? Deinem Charme?“
Eine Woche später war es Alex, der das Geld aus seiner Brieftasche vermisste. Nur zwanzig Euro. Peanuts angesichts des Erbes. Aber es war das Prinzip. Er konfrontierte Finn in der Küche, der verdächtig unschuldig in den Kühlschrank starrte.
„Finn. Das Geld.“
„Welches Geld?“
„Zwing mich nicht, deine Sachen zu durchsuchen.“
Finn‘s Mund wurde schmal. Ohne ein Wort drehte er sich um, stampfte nach oben und kam mit dem zerknüllten Zwanzig-Euro-Schein zurück. Er warf ihn auf den Küchentisch. „Da. Glücklich? Ihr habt doch eh‘ genug.“
„Es geht nicht um das Geld“, sagte Alex, aber die Worte klangen hohl. Worum ging es dann? Um Respekt? Um Autorität? Sie hatten beides längst verloren.
Die Spannung kochte langsam unter der Oberfläche. Es war ein Pulverfass, und der Funken kam an einem verregneten Sonntagnachmittag. Maja, schwerfällig und müde, hatte sich auf das Sofa gelegt. Lia spielte mit Bauklötzen auf dem Teppich. Von oben dröhnte wieder die Musik, ein monotoner, basslastiger Beat, der durch die Decke zu spüren war.
Leon hatte genug. Er marschierte nach oben, schrie vor Jannis‘ jetzt reparierter Tür. „Leiser! Jetzt sofort!“
Die Musik wurde lauter. Leon hämmerte mit der Faust gegen das Holz. „Ich warne dich zum letzten Mal!“
Die Musik stoppte abrupt. Die Stille danach war wie ein angehaltener Atem. Dann öffnete sich die Tür. Jannis stand da, in Boxershorts und einem zerrissenen T-Shirt. Seine Augen waren rot gerändert. „Was willst du? Wir sind hier eingesperrt wie im Knast. Kein Internet, kein Fernsehen, keine Kohle zum Rausgehen. Was sollen wir denn den ganzen Tag machen?“
„Das nennt man Ruhezeiten!“, brüllte Leon, sein eigener Vorrat an Gedamen war erschöpft. „Es gibt hier ein Kleinkind und eine schwangere Frau!“
„Und was ist mit uns?“, schrie Jannis zurück, seine Stimme überschlug sich. „Wir sind doch nur dein verdammtes Sozialprojekt, oder? Damit ihr euch besser fühlt in eurem großen, scheiß Haus!“
Er versuchte, die Tür zuzuschlagen. Leon griff danach, hielt sie mit der Hand auf. Es war ein Kampf um Zentimeter. Jannis stemmte seine ganze Kraft dagegen. In Leon‘s Blick blitzte etwas Gefährliches, Altes auf. Die Gasse. Der rohe, kontrollierende Griff.
Alex war die Treppe hochgekommen, sah den Zweikampf. „Leon, lass los!“
In diesem Moment knallte die Tür zu. Leon zog seine Hand zurück, ein Splitter hatte sich in seinen Handballen gebohrt. Ein dünner Blutstreifen rann seinen Daumen hinab. Er sah auf die Wunde, dann auf Jannis‘ triumphierendes Gesicht hinter der Tür.
Ohne ein Wort drehte Leon sich um, stürmte an Alex vorbei die Treppe runter. Alex hörte, wie die Küchenschubladen aufgerissen wurden. Als er unten ankam, sah er Leon an der Spüle stehen, sich den Splitter mit einer Pinzette aus dem Fleisch zog. Seine Bewegungen waren präzise, wütend.
„Wir können das nicht“, sagte Alex leise. „So geht es nicht.“
„Wie dann?“, fauchte Leon, drückte ein Pflaster auf die winzige Wunde. „Sollen wir sie durchfüttern und ignorieren, bis sie uns die Bude einrennen? Das hier ist kein Zuhause. Das ist ein fucking Wartesaal.“
Maja stand in der Tür zum Wohnzimmer, eine Hand auf ihrem Bauch. „Sie haben Recht.“
Alex und Leon sahen sie an.
„Mit dem, was sie gesagt haben“, fuhr sie mit tonloser Stimme fort. „Wir haben sie hier reingestopft wie Möbel, die nicht mehr in die alte Wohnung passten. Wir geben ihnen Dach und Brot, aber sonst… nichts.“
Leon starrte auf sein verpflastertes Hand. Das Echo von Jannis‘ Worten hing im Raum: „…damit ihr euch besser fühlt.“ Er schloss die Augen. Der Motor seines Zorns war aufgebraucht, ließ nur eine bleierne Müdigkeit zurück. Er drehte sich um und ging zur Treppe. Nicht mit Wut, sondern mit einer resignierten Entschlossenheit.
Er klopfte an Jannis‘ Tür. Leise diesmal. „Jannis? Können wir reden?“
Eine lange Pause. Dann öffnete sich die Tür einen Spalt. Jannis‘ Auge, misstrauisch, spähte heraus.
„Pack was an“, sagte Leon, seine Stimme war rau, aber nicht feindselig. „Ihr beide. Wir gehen raus. Ihr bekommt euer Geld. Und wir reden. Nicht hier.“
Zehn Minuten später saßen sie in Leons altem, klapperigem Golf. Jannis auf dem Beifahrersitz, Finn und Alex hinten. Die Atmosphäre war dick vor Misstrauen. Leon fuhr sie zum Centro, parkte, ohne ein Ziel zu nennen. Sie stiegen aus, vier Männer, die nichts verband außer einer Pflicht, die sie alle erdrückte.
„Ihr habt Recht gehabt“, sagte Leon, als sie an den geschlossenen Läden vorbeischlenderten. Der Regen hatte nachgelassen, das Pflaster glänzte nass. „Ihr seid hier im Knast. Und das liegt an uns.“ Er blieb stehen, sah die Jungs an. „Also. Was würde helfen? Was braucht ihr? Außer Drogen und Alkohol. Das geht nicht.“
Jannis und Finn tauschten einen Blick. Es war Finn, der zuerst sprach, leise und ohne das frühere trotzige Grinsen. „Internet. Für die Schule. Und… Fußballplatz in der Nähe.“
„Ein Fernseher“, sagte Jannis, verschränkte die Arme vor der Brust. „Fürs Zimmer. Keine Bildschirme im Wohnzimmer. Ich will nicht ständig…“ Er machte eine vage Geste zu Alex und Leon. „…da runter kommen müssen.“
Alex nickte. „Können wir machen.“
Sie gingen weiter, eine ungeschickte Viererformation. Die Gespräche stockten, ruckelten an. Schulnoten (schlecht). Hobbys (Finn zeichnete gerne, etwas, das Leon aufhorchen ließ). Herkunft (eine abwesende Mutter, ein Vater im Gefängnis, mehrere gescheiterte Pf