Chapter 23: Chapter 23
Der Abend begann harmlos in einer kleinen Brauerei in der Altstadt, wo das Holz der Tische klebrig vom alten Bier war und der Lärm der anderen Gäste sie in eine behagliche Anonymität hüllte. „Auf uns,“ sagte Leo und hob sein erstes Kölsch. Sein Blick über den Rand des Glases war weich, triumphierend. Motte stieß an, das Glas klirrte hell und klar. Das Bier war herb und kühl, ein einfacher, ehrlicher Geschmack. Sie bestellten zwei halbe Hähnchen und eine Schüssel mit fettigen Pommes, ließen sich vom Grundrauschen der Fremdheit tragen.
Das zweite Kölsch kam, dann das dritte. Der erste Rausch war leicht und golden, löste die letzten Reste der Hochzeitsnervosität in einem wärmenden Gefühl der Einheit auf. Leo rutschte näher auf der Bank, seine Hand fand Mottes Oberschengel unter dem Tisch. „Scheiße, bist du schön,“ murmelte er, seine Worte schon leicht verschwommen von den drei Gläsern. Motte lachte, ein freies, lautes Geräusch, das er selbst kaum wiedererkannte. „Du bist besoffen.“ „Ich bin verliebt,“ korrigierte Leo und bestellte die vierte Runde. Die Grenze zwischen dem einen und dem anderen verschwamm zusehends.
Ein Gefühl von unverwundbarer Freiheit stieg in ihnen auf. Sie verließen die erste Brauerei und stolperten in die nächste, wo die Luft nach Zigarettenrauch und altem Hopfen schmeckte. Hier waren sie nur zwei junge Männer in einer lauten Menge, unsichtbar, bedeutungslos und dadurch völlig losgelöst. „Noch einen Kurzen? Absinth? Warum nicht?“ rief Leo über den Lärm, seine Augen glänzten vor übermütiger Herausforderung. Motte, dessen Kopf bereits in einem angenehmen Schwerezustand schwebte, nickte. „Ja. Krieg ich. Krieg alles.“
Der Absinth war eine grüne, böse Flüssigkeit, die ihre Kehlen verbrannte wie flüssiges Feuer. Sie husteten, lachten, und die Welt verzerrte sich an den Rändern zu einem sanften, schiefen Karussell. Sie torkelten durch die engen Gassen, stützten sich an den hunderte Jahre alten Hauswänden ab. Alles war großartig. Alles war wunderbar. Die Kölner Lichter verschmolzen zu einem Regenbogen aus schwimmenden Punkten. „Ich liebe diese Stadt!“ brüllte Leo einem überraschten Taubenschwarm zu. Motte grinste blöd, sein Kopf war ein fülliger Ballon.
Irgendwann fanden sie sich an einem Imbissstand wieder, fettige Currywurst dampfte in ihren Händen. Sie aßen gierig, schmierten Sauce auf ihre frischen Hemden und lachten so laut, dass andere Menschen einen Bogen um sie machten. Der Rausch hatte jetzt eine neue, dunklere Qualität angenommen. Die Welt schwankte nicht mehr sanft, sie kippte plötzlich und unkontrolliert. Motte spürte, wie sein Magen sich hob. Er beugte sich über einen Gullideckel und erbrach sich heftig, ein Strömen von Bier, Schnaps und halbverdauter Wurst.
Leo lachte hysterisch, hielt ihm die Haare aus dem Gesicht. „Alles raus, Junge. Ist gesund!“ Dann würgte auch Leo, und sie standen nebeneinander gebeugt, zwei junge Ehemänner, die ihre Freude und ihre Angst in eine stinkende Gosse kotzten. Ein vorbeikommendes Paar verzog angewidert die Miene. „Sauftouristen,“ hörte Motte eine verächtliche Stimme sagen. Es machte ihn wütend. „He! Wir sind Flitterwöchler!“ rief er zurück, seine Stimme brach dabei. Das Gelächter der Fremden verfolgte sie bis zur nächsten Ecke.
Der Rückweg zum Hotel war eine Odyssee. Sie verloren sich zweimal, stritten sich kurz über die Richtung, versöhnten sich mit schlaffen Umarmungen. An der Hotelrezeption versuchte Motte mit übertriebener Konzentration den Zimmerschlüssel zu fordern, während Leo an ihm lehnte und leise vor sich hinsang. Der Nachtportier sah sie mit müdem, professionellem Desinteresse an.
Die Tür zu ihrem Zimmer schloss sich mit einem dumpfen Klick. Die Stille nach dem Lärm der Stadt war plötzlich erdrückend laut. „Fuck, mein Kopf,“ stöhnte Motte und ließ sich aufs Bett fallen. Leo blieb an der Tür stehen, sein Blick war glasig, aber intensiv. Der Alkohol pulsierte warm und dreckig in ihren Adern, eine kriechende, biestige Energie. „Ich will dich,“ sagte Leo einfach. Seine Worte waren nicht zärtlich, sondern eine rohe Feststellung. Die Delikatesse des Dom-Besuchs war verbrannt, übrig blieb ein glühender Kern triebhafter Besitzgier.
Motte antwortete nicht mit Worten. Er zerrte sein kotzbespritztes Hemd über den Kopf und warf es in eine Ecke. Seine Bewegungen waren ungeschickt und unbeholfen. Leo kam wie ein Raubtier auf ihn zu, stieß ihn zurück aufs Bett, sein Gewicht war eine drückende, willkommene Last. Sie küssten sich, ein kampfartiges Aufeinandertreffen von Zähnen und Zungen, schmeckten den Absinth und das Erbrochene und etwas viel Ursprünglicheres.
Leo fummelte mit Mottes Gürtel, seine Finger waren dick und unnötig. „Scheißteil,“ knurrte er und zerrte einfach, bis die Schnalle aufsprang. Die Jeans rutschte über die Hüften. Leo packte ihn durch den Stoff seiner Unterhose, ein harter, rücksichtsloser Griff. Motte stöhnte auf, sein Schwanz war sofort steinhart, ein schmerzhafter Druck unter dem engen Stoff. „So gehört sich das,“ japste Leo und zog ihn komplett frei.
Leo nahm ihn nicht einmal richtig in den Mund. Er leckte nur einmal, salzig und flüchtig, den Tropfen Vorfreude vom Schlitz, bevor er aufstand und seine eigene Hose herunterstieß. Sein leicht gekrümmter Schwanz stand steif ab. Er spuckte in seine Hand, ein dicker, weißer Tropfen, und rieb ihn grob über sich selbst. Dann, ohne weitere Vorbereitung, drückte er die Spitze gegen Mottes Loch.
Es brannte. Es brannte höllisch. Die Trockenheit, der Widerstand, der Absinthschmerz in seinem Kopf vermischten sich zu einem einzigen, schneidenden Gefühl. Motte schrie auf, seine Finger krallten sich in die Bettdecke. „Scheiße, Leo, warte…“
„Nein.“ Leos Stimme war rau, fokussiert. Er spuckte noch einmal, direkt auf das verzweifelt zusammengezogene Loch, und drückte wieder. Diesmal gab der Muskelring langsam nach, erzwungen von Leons unnachgiebigem Druck. Motte fühlte, wie sein Körper aufriss, ein brennendes, staunendes Gefühl der Penetration. Leo stieß vollständig hinein, ein einziger, tiefer Stoß, der Motte das Atemen raubte.
Es war kein Ficken, es war eine Besetzung. Leo hielt sich an Mottes Hüften fest, seine kurzen Nägel gruben sich ins Fleisch, und begann einen hämmernden, ungleichmäßigen Rhythmus. Jeder Stoß war eine Vergeltung, eine Bestätigung, ein Kampf gegen die schlingernde Welt. „Mein Mann,“ keuchte Leo, sein Atem war heiß und säuerlich in Mottes Nacken. „Mein verdammter, angetrunkener Ehemann.“
Motte vergrub sein Gesicht in der muffigen Hoteldecke. Der Schmerz verwandelte sich langsam in eine diffuse, betäubte Woge von Empfindung. Er drückte sich zurück, traf Leons Schambein mit seinen eigenen Hinterbacken, wollte ihn tiefer in sich ziehen. Die Bettsprünze knarrte laut und rhythmisch gegen die Wand. Er wusste, dass die Nachbarn es hören mussten. In diesem Moment war ihm das vollkommen egal.
Leo kam schnell, mit einem erstickten, gutturalen Schrei, der mehr einem Röcheln glich. Sein ganzer Körper zuckte, als er sich in Motte ergoss, ein heißer Strom in seinem Inneren. Er fiel neben ihn, atmete schwer. Für einen Moment lag nur das Geräusch ihres keuchenden Atems im Raum. Dann griff Leo schweigend hinunter, seine feuchten Finger umschlossen Mottes noch immer steifen, vernachlässigten Schwanz.
Es dauerte nur drei, vier harte Stöße seiner Faust, dann schoss Motte, ein gewaltsamer, unvermittelter Orgasmus, der seinen Bauch und die Hoteldecke mit weißen Streifen bespritzte. Es fühlte sich weniger wie Lust, mehr wie eine körperliche Notwendigkeit an. Sie lagen da, eine Viertelstunde, vielleicht eine halbe Stunde, in ihrem eigenen Dreck, in ihrem eigenen Geruch, in der schwindenden Trunkenheit.
Als das Licht des frühen Morgens grau durch das Rollo kroch, war die Hölle los. Mottes Kopf pochte, als würde ein kleiner Mann mit einem Vorschlaghammer in seinem Schädel werkeln. Sein Mund schmeckte nach Aas und verbranntem Gummi. Seine Rückseite brannte scharf und wund.
Leo stöhnte neben ihm. „Oh Gott. Oh fucking Gott.“ Er tastete nach der Wasserflasche am Nachttisch, trank gierig und übergab sie dann Motte. Das Wasser war lauwarm und schmeckte nach Plastik, war aber das Herrlichste, was sie je getrunken hatten.
Sie schafften es mit Mühe unter die lauwarme Dusche. Sie wuschen sich ab, vermieden es, sich in die Augen zu sehen. Das Wasser spülte die Spuren ihres Rausches und ihrer Leidenschaft den Abfluss hinunter. Danach krochen sie zurück ins ungemachte, verdreckte Bett, zogen die sauberen Seiten der Decke über sich.
„Das war…“ begann Motte mit heiserer Stimme.
„Das war das absolut Besoffenste, das wir je waren,“ beendete Leo den Satz. Er drehte sich zu Motte, sein Gesicht war blass und mit dunklen Ringen unter den Augen. „Und das heftigste Sex, den wir je hatten.“
Motte nickte langsam. Der Schmerz in seinem Kopf und in seinem Körper war real, eindringlich. Aber unter all dem Schmerz war etwas anderes, ein tiefes, erschöpftes Gefühl von Verbundenheit. Sie hatten sich gegenseitig in den schmutzigsten, reinsten Abgrund geführt und waren wieder aufgetaucht. Sie waren noch da. Zusammen.
„Ich bereue nichts,“ sagte Motte leise.
Leo lächelte ein müdes, kaputtes Lächeln. „Ich auch nicht. Aber ich schwöre dir, ich rühre zehn Jahre lang keinen Absinth mehr an.“
Sie schliefen wieder ein, während draußen Köln erwachte, zwei junge Männer, die ihre Hochzeitsnacht auf die harte Tour gelernt hatten.
Sie schliefen wieder ein, während draußen Köln erwachte, zwei junge Männer, die ihre Hochzeitsnacht auf die harte Tour gelernt hatten. Der Rückweg nach Berlin zwei Tage später war eine stille Angelegenheit, geprägt von zarten Blicken und dem gelegentlichen, schmerzhaften Aufblitzen der Erinnerung an Absinth und schmerzende Muskeln. Ihre Körper waren jetzt Landkarten einander, jede Narbe, jeder sommersprossige Fleck eine vertraute Grenze.
„Hast du deinen Ring?“, fragte Leo im ICE, als die flache Landschaft vorbeizog.
Motte drehte seine Hand, ließ das schlichte Silber das Neonlicht einfangen. „Immer. Du?“
„Würde ich sonst fragen?“ Leo lehnte seinen Kopf an Mottes Schulter, ein vertrauliches Gewicht, das in den letzten Tagen zu seinem natürlichen Zustand geworden war. Die Ringe waren keine Bürde mehr, nur ein kühler, fester Punkt der Gewissheit auf ihrer Haut. Die Zugfahrt verlief in einem trägen, zufriedenen Schweigen, bis die bekannte Skyline ihrer Stadt am Fenster vorbeizog.
Berlin empfing sie mit einem abendlichen Nieselregen und der unausweichlichen Realität des Montags. Doch der Gedanke an ihre enge, unordentliche Wohnung, an Simons vorwurfsvolles Gesicht und den Berg unerledigter Arbeit war unerträglich. „Ich kann nicht“, sagte Leo einfach, als sie am Bahnhof standen. „Noch nicht. Ein Bier? Nur eins.“
„Das hat in Köln auch so angefangen“, gab Motte zurück, ein müdes Lächeln auf den Lippen.
„Ein Bier“, wiederholte Leo und seine Augen flehten, nicht betrunken, sondern um eine Verlängerung dieser schwebenden, abgeschotteten Welt zu bitten. Motte willigte ein. Das eine Bier wurde zu drei, in einer lausigen Kneipe in der Nähe des Parks, wo das Schickimicki-Publikum noch nicht hingelangt war. Dann schlug Leo vor, einen Pub-Crawl zu machen, so wie früher, bevor sie einander kannten. „Als Studienanfänger. Los. Nur heute Nacht.“
Die dritte Bar war ein schummriger, verrauchter Keller in Kreuzberg, wo das Bier billig und das Fußbodenp klebrig war. Sie spielten Flunkyball mit wildfremden Leuten, verloren kläglich, und tranken die Strafen. Der Rausch überkam sie nicht golden und weich wie in Köln, sondern hart und metallisch, ein Bierrausch, der ihre Sinne stumpf und ihre Zungen schwer machte. Um Mitternacht waren sie laut, aufdringlich, ihre Hände verknotet ineinander, als würden sie sich gegenseitig vor dem Umkippen bewahren.
„Ich will skaten“, rief Leo plötzlich und stieß sich vom Tisch hoch. Seine Bewegungen waren unpräzise und übertrieben.
„Du bist voll. Das ist dumm.“
„Genau das will ich. Dumm und frei.“ Leo zerrte ihn mit sich. Der Regen hatte aufgehört, die Luft roch nach nassem Asphalt und dem süßlichen Dunst der Mülltonnen in den Hinterhöfen. Der Weg zum Skatepark war ein wankendes Abenteuer, eine Expedition durch vertraute Straßen, die im alkoholischen Nebel fremd und gefährlich wirkten.
Der Park lag verlassen da, nur von der orangenen Natriumdampf-Leuchte an der nahen Straße halb erhellt. Die Betonformen waren schwarze, nasse Silhouetten. Die Halfpipe wirkte im Dunkeln wie ein monumentales, leeres Becken. Leo stolperte die Rampe hinunter, lachte, und der Klang hallte kalt und einsam wider. „Hier!“, rief er, seine Stimme überschlug sich fast. „Hier, Motte. Jetzt.“
„Leo, das ist nass. Und kalt.“
„Dann wärm mich.“ Leo kam auf ihn zu, sein Atem bildete weiße Wolken in der feuchten Luft. Seine Hände packten Mottes Jacke und zerrten an dem Reißverschluss. Es war kein romantisches Entkleiden, es war ein Rupfen, ein Kämpfen gegen Stoff und Trunkenheit. Das kalte Niesel begann wieder, feine Tropfen, die in ihren Haaransätzen glitzerten.
Motte gab nach. Die Absurdität des Ortes, die völlige Einsamkeit, der Bierdunst in seinem Kopf, es trieb ihn an. Sie warfen Kleidungsstücke auf den rauen Betonboden der Rampe, wo sie sofort dunkle nasse Flecken bekamen. Ihre nackten Körper dampften leicht in der Kühle. Leo drückte ihn gegen die geneigte Wand der Halfpipe, der Beton riss kalt und schmutzig an Mottes Rücken.
Leos Mund war heiß und schlaff, sein Kuss voll Bier und Zigaretten. Seine Hände gruben sich in Mottes Arschbacken, teilten sie grob. „So,“ keuchte Leo. „Jetzt. Von hinten. Ich muss dich in dieser Scheiß-Röhre ficken.“ Motte, mit dem Gesicht gegen den kalten Beton gedrückt, stemmte die Hände ab und spreizte die Beine. Der Winkel war ungünstig, unangenehm, herausfordernd.
Leo spuckte in seine Hand, ein dicker, weißer Bogen, und rieb es über seinen eigenen Schwanz, der hart und gekrümmt aus seinem dunklen Haar ragte. Er positionierte die Spitze, verfehlte das Loch, drückte dann blind und brutal zu. Es war kein langsames Eindringen, es war ein gewaltsamer Eintritt, der einen erstickten Schrei aus Mottes Kehle riss. Der Schmerz war scharf, konkret, ein Brennen, das durch die Betäubung des Alkohols schnitt.
Leo stieß zu, ein hohler, nasser Schlag in der stillen Nacht. Seine Hüften schlugen gegen Mottes Hinterbacken, ein klatschendes Geräusch, das mit dem leisen Prasseln des Nieselregens konkurrierte. „Fühlst du das?“, japste Leo, jeder Stoß ein abgehackter Satz. „Fühlst du... wo du bist? In unserer... fucking... Halfpipe.“ Motte antwortete mit einem Stöhnen, das sich in einen Fluch verwandelte, als Leo tiefer ging. Die Kälte des Betons unter seinen Handflächen, die brutale Wärme in seinem Inneren, der Gestank von Schweiß und nassem Stein schufen eine ekstatische, widerwärtige Klarheit.
Ihre Bewegungen wurden verzweifelter, unkoordinierter. Leo verlor das Gleichgewicht, stürzte fast nach vorn, fing sich mit einer Hand an Mottes Hüfte. Sein Griff war eisern. „Gleich,“ würgte er heraus. „Gleich, gleich, gleich...“ Sein Orgasmus überrollte ihn ohne Vorwarnung, ein langes, stummes Beben, dann ein heißes Ergiefen tief in Mottes Körper. Leo blieb einen Moment völlig reglos in ihm stecken, dann zog er sich heraus, glitschig und plötzlich.
Motte drehte sich um, sein Rücken schmerzte vom kalten Beton. Sein eigener Schwanz war steif gegen seine Bauchdecke gedrückt. Leo sank vor ihm in die Hocke, ohne ein Wort, und nahm ihn vollständig in den Mund. Seine Zunge, schwer und ungeschickt, arbeitete ihn in weniger als einer Minute fertig. Motte kam mit einem erstickten Schrei, sein Samen verschwand in Leons Schlund, der würgend schluckte.
Dann überkam sie die Übelkeit gleichzeitig, eine heftige, unausweichliche Woge. Sie krochen nebeneinander den Beton hinauf zum Rand der Rampe und erbrachen sich kopfüber in den flachen, schmutzigen Regenpfützen unten, würgende, bittere Ströme von Bier und Erdnussflips. Sie wischten sich mit den Händen die Münder ab, keuchten und spuckten.
Ganz in der Nähe stand eine öffentliche Toilette, ein klobiger Betonklotz. Sie torkelten hinein, warfen sich in die Kabinen und kotzten weiter, bis nur noch trockenes Würgen kam. Sie wuschen sich nicht. Sie kehrten einfach, nackt und bebend, zurück in den Skatepark. Die Kälte kroch jetzt in ihre Knochen. Sie sammelten ihre Kleider wie eine notdürftige Schlafstatt und robbten unter den Überhang der Halfpipe, in den trockensten Winkel, den sie finden konnten.
Sie kauerten sich zusammen, Haut an Haut, ihre Beine ineinander verschränkt, um jede Fünkchen Wärme zu teilen. Der Regen perlte an der Kante der Rampe ab und bildete einen Vorhang aus Tropfen vor ihrer Nische. Motte spürte, wie sich etwas Warmes und Feuchtes zwischen seinen Schenkeln sammelte und langsam einen dünnen Pfad über seinen Oberschenkel zog. Leos Sperma, das keinen Platz mehr in ihm hatte, fand seinen Weg nach draußen, ein stilles, intimes Leck in der kalten Berliner Nacht.
„Du blutest an meinem Rücken“, murmelte Leo, seine Stimme war heiser vom Kotzen.
„Du hast mich aufgerissen“, sagte Motte, ohne Vorwurf. Es war eine Feststellung.
„Ja.“ Leo presste sein Gesicht gegen Mottes Brust. Seine Haut fühlte sich schmutzig und eiskalt an. „Bist du noch mein Mann?“
Motte schloss die Arme fester um den zitternden Körper. „Immer.“ Draußen auf der Straße fuhr ein einsames Auto vorbei, dessen Scheinwerfer für einen Sekundenbruchteil die graue, körnige Innenseite der Halfpipe erleuchtete, dann war es wieder dunkel. Sie schliefen ein, zwei nackte, verletzliche Formen im Bauch der Stadt, während der erste graue Streifen der Dämmerung den Himmel über den Mietskasernen aufriss.
Sie schliefen ein, zwei nackte, verletzliche Formen im Bauch der Stadt, während der erste graue Streifen der Dämmerung den Himmel über den Mietskasernen aufriss.
Das Erwachen war ein einziger, eiserner Krampf. Jeder Muskel in Motte rebellierte, ein schmerzhaftes Echo auf den kalten Beton, auf den gewaltsamen Gebrauch der Nacht. Sein Rücken war eine einzige steife Platte, seine Rückseite brannte dumpf. Leo zitterte neben ihm, zusammengerollt wie ein verprügelter Hund, seine Haut fahl und gräulich im fahlen Morgenlicht. Das Niesen kam zuerst, ein heftiger, trockener Schock, der durch Leos ganzen Körper ging. Dann hustete er, ein tiefes, rasselndes Geräusch, das sich in der leeren Halfpipe hart und gemein anhörte.
Motte zwang sich hoch, ein Knacken in seiner Wirbelsäule. Die Welt schwankte, nicht vom Alkohol, sondern von purer Erschöpfung und Unterkühlung. Ihre Kleider lagen in einem traurigen, nassen Haufen. Sie rochen nach Kotze, Schweiß und Regen. "Leo.Aufstehen."
Leo stöhnte, öffnete die Augen. Sie waren rot unterlaufen und glasig. "Ich glaub, ich sterbe."
"Das glaub ich auch. Aber nicht hier." Motte reichte ihm sein T-Shirt, das sich kalt und schwer anfühlte wie eine Leiche. Sie zogen sich schweigend an, jede Bewegung eine Qual. Die nassen Jeans klebten an ihren Beinen, kratzige Folter. Als sie aus dem Skatepark in die früh-morgendliche Straße tauchten, fuhr ein früher Postbote vorbei und warf ihnen einen langen, gleichgültigen Blick zu. Sie sahen aus, was sie waren: zwei kaputte Jungs nach einer verlorenen Nacht.
Der Weg nach Hause war eine Demütigung. In der U-Bahn mieden sie die Blicke der sauberen Frühpendler. Der Gestank, der ihnen folgte, war eine fast sichtbare Wolke. Simon war schon wach, stand in der Küche und machte Kaffee, als sie die Tür aufschlossen. Er drehte sich um, die Kaffeekanne in der Hand, und erstarrte. Sein Gesicht durchlief eine rasche Abfolge von Besorgnis, Erkennung und absoluter Verachtung.
"Was zur lebendigen Hölle ist mit euch passiert?", fragte er, seine Stimme leise und scharf. "Ihr riecht wie ein Mülleimer hinter einer Späti-Toilette."
"Hochzeitsreise," brachte Leo hervor und hustete wieder, diesesmal feuchter.
Simon sah sie an, von den matschverschmierten Schuhen zu den verkrusteten Haaren. Er sah den abwesenden, fiebrigen Glanz in ihren Augen. "Ihr seid krank. Ihr seht aus wie Scheiße. Und ihr habt in dem Zustand hier hingefunden?" Er stellte die Kanne hart ab. "Duscht.Sofort. Ich mache Kamillentee. Und dann erzählt ihr mir nichts. Ich will es nicht wissen."
Die heiße Dusche brannte auf der zerschundenen Haut. Das Wasser, das von ihnen ablief, war schmutziggrau. Sie standen steif unter dem Strahl, berührten sich nicht, konnten es nicht. Die Romantik von Köln war eine fremde, naive Erinnerung. Das hier war die Bilanz.
Sie krochen ins Bett, nachdem Simon ihnen Tee und trockene Toastbrote hingestellt hatte. Sein Schweigen war lauter als jeder Vorwurf. Das Fieber kam am Nachmittag. Es überfiel Leo zuerst, ließ ihn unter der Decke schütteln, seine Zähne klapperten hörbar. Motte fühlte die Hitze in sich aufsteigen, einen dumpfen Schmerz hinter den Augen. Die Erkältung, die sie sich in der nassen, kalten Halfpipe geholt hatten, war keine gewöhnliche. Sie war eine bösartige, rächende Sache.
Die nächsten drei Tage verschwammen zu einem Albtraum aus Fieberschweiß, hustendem Schleim und zeitweiligem Delirium. Sie lagen in ihrem verdunkelten Zimmer, wälzten sich in durchnässten Laken, tranken apathisch Wasser oder Tee, den Simon alle paar Stunden hereinstellte, das Gesicht zu einer Maske der Sorge und unterdrückten Wut versteinert. Sie halfen sich beim Aufrichten, um husten zu können, diesen tiefen, schmerzhaften Husten, der ihre Brustkörbe zu zerreißen schien. Im Fieberwahn redete Leo wirr. "Die Röhre ist nass," murmelte er einmal, seine Augen weit offen und blind. "Du blutest an der Wand." Motte flüsterte Beruhigungen, sein eigener Kopf war ein dröhnender Kessel.
In den klaren Momenten, den kurzen Phasen, in denen das Fieber abebbte und sie nüchtern und zerschlagen dalagen, redeten sie nicht über die Nacht. Aber sie war im Raum, ein giftiger, unsichtbarer Gast. Die brutale Intimität hatte eine Wand zwischen ihnen errichtet, nicht aus Scham, sondern aus einer Art fassungsloser Ehrfurcht vor dem Abgrund, den sie gemeinsam betreten hatten.
Am vierten Tag brach das Fieber. Die Schwäche blieb. Motte schaffte es als erster auf die Beine, seine Glieder fühlten sich an wie aus Watte. Er ging in die Küche, fand Simon, der vor seinem Laptop saß. "Danke," sagte Motte einfach, seine Stimme war ein Krächzen.
Simon sah auf. "Seid ihr wieder bei euch?"
"Fast."Gut." Simon schloss den Laptop. "Dann hört jetzt mal zu. Was ihr da gemacht habt, war nicht romantisch. Es war nicht wild oder frei. Es war selbstzerstörerisch und dumm." Seine Worte waren präzise, ohne Bitterkeit. "Ihr habt euch wie Idioten benommen. Ihr habt eure Ehe gefeiert, indem ihr euch fast umbringt. Denkt drüber nach."
Er stand auf und ging hinaus. Motte blieb zurück, sein Magen verkrampfte sich vor Scham. Simon hatte recht. Es war kein Abenteuer gewesen. Es war ein Sturz.
Leon kam später heraus, in Jogginghose und einem zu großen Pullover. Sein Gesicht war immer noch aschfahl, aber die Fieberglut war weg. Sie saßen sich am Küchentisch gegenüber. Schweigen.
"Das mit Tom... das war ein Spiel," sagte Leo schließlich. Seine Stimme war brüchig. "Das da... das war kein Spiel. Oder doch. Ein dummes."
"Es hat sich angefühlt, als müssten wir etwas beweisen," sagte Motte und starrte auf seine Hände. Der Ring glänzte matt. "Uns selbst. Einem Phantom."
Leo nickte langsam. "Als ob Köln nicht echt gewesen wäre. Als ob der Ring nicht reicht." Er rieb sich über das Gesicht. "Ich hatte Angst, wieder hier zu sein. Dass es nur Pappe wäre, wenn wir zurückkommen."
Es war die nackteste Wahrheit, die er je ausgesprochen hatte.
Simon steckte den Kopf zur Tür herein, seine Miene hatte sich etwas entspannt. "Finn kommt später. Er bringt Suppe. Keine Diskussion."
Die Suppe war hausgemacht, Hühnchen mit Nudeln, fettig und salzig. Sie aßen an diesem Abend zu viert, ein seltsam feierliches, heilendes Ritual. Niemand sprach über die verlorene Nacht. Sie sprachen über alles andere: über Simons neueste Grafiken, über Finns neuen Job in einer Bäckerei, über die kaputte S-Bahn-Linie. Es war banal. Es war lebenswichtig.
In der folgenden Woche kehrte eine vorsichtige Normalität ein. Sie waren geschwächt, ihre Lungen knisterten noch beim Atmen. Sie arbeiteten nicht. Sie verbrachten die Tage auf dem Sofa, sahen stundenlang unsinnige Fernsehserien. Die Berührungen kehrten langsam zurück, nicht gierig, sondern medizinisch: eine Hand auf der Stirn, um das Fieber zu prüfen, eine Fußmassage bei Krämpfen. Die gebrochene Intimität zwischen ihnen begann zu heilen, nicht durch ein weiteres grandioses Statement, sondern durch Stille und Pflege.
Dann, zehn Tage nach der Nacht im Skatepark, holte Leo sein Tablet heraus. Er hatte stundenlang darauf herumgetippt, mit konzentrierter Stirn. "Schau mal," sagte er und drehte es zu Motte.
Es war eine simple, klare Grafik. Eine Linie, die über den Bildschirm verlief. An ihrem Anfang, ganz links, stand 'Standesamt'. Ein kleiner Punkt. Danach kam ein Aufwärtssprung, markiert mit 'Köln / Dom'. Dann eine scharfe, abgrundtiefe Spitze nach unten, beschriftet mit 'Absinth / Halfpipe'. Die Linie tauchte tief unter die Nullinie. Von dort aus verlief sie nicht steil nach oben, sondern begann einen langsamen, fast mühevollen, aber stetigen Anstieg. Sie näherte sich der Nullinie an. Und am Ende, am rechten Rand, stand ein einzelnes Wort, noch nicht erreicht, aber das Ziel der Linie darstellend: 'Zuhause'.
"Das sind wir," sagte Leo leise. "Die Hochzeit. Der Höhepunkt.Der Sturz." Er tippte auf den ansteigenden Ast. "Und das hier. Das ist jetzt. Das ist die Arbeit. Nach dem Sturz kommt man nicht mit einem Sprung wieder hoch. Man krabbelt."
Motte betrachtete die Linie. Sie war roh und ehrlich. Sie hatte etwas Beschämendes und gleichzeitig Ungeheuer Tröstliches. "Und 'Zuhause'?Was ist das?"
"Keine Ahnung," gab Leo zu. Er legte das Tablet weg. "Irgendwas, das stärker ist als der Boden einer Betonröhre. Irgendwas, das nicht kotzen kann."
Motte sagte nichts. Er nahm Leos Hand, die immer noch etwas kühl und schwach war. Sie saßen so da, während auf dem Fernseher eine Kochshow lief, und hielten einfach nur Händchen. Der Anstieg war langsam.Er war unsicher. Aber er hatte begonnen. Ihr Weg nach Hause.