Chapter 63: Chapter 63
Die letzten Reserven waren mobilisiert worden. Jannis’ Konto zeigte nun eine dreistellige Summe, die Reste des Bargelds steckten in seiner Jackentasche, ein flaches, bedrohliches Bündel. Die Atmosphäre im Zimmer war dick vor Erwartung und dem Gestank von vergorenem Bier, Schweiß und dem süßlichen Dunst der Vorgängernacht. Leo hatte seine Ankündigung wahr gemacht: “Alles erlaubt.” Es war keine Einladung mehr, es war eine Freigabe.
Sie kamen nicht mehr in Gruppen. Sie kamen als Einzelne, als Paare, als vage Bekanntschaften, die Leo irgendwo aufgesammelt hatte. Viele waren älter, Mitte zwanzig, mit den harten, abgeklärten Blicken von Leuten, die nach der dritten Nachtschicht noch direkt in den Club gingen. Die Musik war ein durchgehendes, pulsierendes Dröhnen, das die Fensterscheiben zum Beben brachte. Jemand hatte eine Nebelmaschine mitgebracht, die das Zimmer in einen undurchdringlichen, weißen Suppe tauchte, aus der nur Gliedmaßen und Gesichter auftauchten, um gleich wieder zu verschwinden.
Jannis stand am Rand dieses Nebelmeeres, eine Flasche Korn in der Hand. Er trank nicht mehr, um zu vergessen. Er trank, um durchzuhalten, um der Brennstoff zu bleiben, den dieses Inferno verlangte. Leo war überall. Man sah seinen nackten, schweißglänzenden Oberkörper durch den Nebel wirbeln, hörte sein überschlagenes Lachen, sah, wie er einer fremden Hand eine volle Flasche in die drückte oder sich selbst an einen fremden Mund hing.
Ein Mädchen, nicht Sarah, eine Rothaarige mit einem Ring durch die Unterlippe, taumelte aus dem Dunst auf Jannis zu. Ihre Augen waren schwarz vor Pupillen. “Du bist der, der bezahlt,” sagte sie, ihre Stimme war heiser vom Schreien. Ihre Hand tastete sich an seiner Brust hinunter, griff direkt in seine Hose. Ihre Finger waren kalt. “Leo sagt, du lässt dich gern bedienen.”
Bevor Jannis antworten konnte, zog sie ihn mit überraschender Kraft mit sich, weg von der Wand, durch ein Paar, das sich an der Minibar festhielt, hin zum Bett. Dort lag schon ein anderer Mann, auf dem Rücken, seine Jeans um die Knöchel. Die Rothaarige schubste Jannis darauf zu. “Lutschen,” befahl sie ihm, während sie sich selbst über das Gesicht des anderen Mannes kniete. Jannis, benommen, gehorchte. Der Geschmack von Latex und Schweiß füllte seinen Mund. Er spürte, wie sich hinter ihm jemand näherte, eine grobe Hand seinen Hintern auseinanderzog, etwas Kaltes und Glitschiges – Gleitgel – an ihm verschmierte. Dann der Druck. Der Einbruch. Er erstarrte um den Schwanz in seinem Mund, als der Fremde ihn von hinten nahm, stoßend, ohne jedes Vorspiel. Es war eine reine Mechanik der Penetration, entmenschlicht durch den Nebel und den Lärm.
Die Rothaarige stöhnte über ihm, ihr Rhythmus stimmte mit den Stößen des Mannes in Jannis überein. Ein perverses, synkopiertes Stampfen. Jemand filmte mit seinem Handy, der rote Punkt der Aufnahmeleuchte ein blinkender Satan in der weißen Suppe. Es war egal.
Als der Mann in ihm kam, spürte Jannis das Zucken durch das Kondom. Er zog sich aus Jannis zurück, ließ ihn zitternd auf dem Bett liegen. Die Rothaarige war weg. Stattdessen kniete jetzt Leo vor ihm. Sein Gesicht war aschfahl, seine Pupillen waren zwei schwarze, ausgebrannte Löcher. In seinen Händen hielt er zwei gestapelte Plastikbecher, über die er eine klare Flüssigkeit aus einer großen Flasche Wodka goss. “Trink,” sagte Leo, und seine Stimme war rau wie Schmirgelpapier. “Wir müssen mithalten.”
Jannis setzte sich auf, nahm den Becher. Der Wodka roch nach Desinfektion und roch nach gar nichts. Er kippte ihn in einem Zug. Die Flüssigkeit brannte eine Schneise der Hölle von seiner Zunge bis in den Magen. Leo tat es ihm gleich, verschluckte sich, hustete, lachte dann keuchend. “Siehst du?” brüllte er gegen die Musik an. “Siehst du, was wir können? Das ist kein Abschlussball mehr. Das ist… Abschied von allem!”
Von der anderen Seite des Bettes tauchte Tom wieder auf, der bullige Typ von letzter Nacht. Er war nackt bis zur Taille, sein Schwanz hing halb steif zwischen seinen Beinen. Er sah Leo an, dann Jannis. Ein wortloser Verständigung. Leo grinste, ein zahnfleischfreies, erschöpftes Grinsen. “Ja. Mach weiter. Nimm ihn dir. Ich will sehen, wie du ihn kaputt machst.”
Tom packte Jannis am Arm, zerrte ihn vom Bett. Er führte ihn nicht zur Wand, sondern mitten auf den freien Fleck Teppich vor dem zerstörten Fernseher. “Auf alle viere,” kommandierte Tom. Jannis, sein Kopf schwebend in einem Kokon aus Alkohol und Erschöpfung, gehorchte. Die Perspektive war niedrig. Er sah Beine, Füße, tropfende Kondome, die auf den Teppich fielen. Tom positionierte sich hinter ihm. Er benutzte diesmal kein Gleitgel. Jannis spürte nur den feuchten, groben Druck von Toms Schwanz an seinem bereits wunden Loch.
“Warte—” keuchte Jannis.
Tom wartete nicht. Mit einem brutalen Ruck zwang er sich hinein. Es war ein weißer, zerreißender Schmerz. Jannis schrie auf, aber sein Schrei ging im Bass unter. Tom packte seine Hüften und begann einen gnadenlosen, hämmernden Rhythmus. Jeder Stoß fühlte sich an wie ein Schlag, ein Aufbrechen. Jannis krallte sich in den Teppich, sah, wie sich das Muster aus Bierflecken und Asche vor seinen Augen verschwamm. Über ihm, im Nebel, sah er Leons Gesicht. Leo stand da, beobachtete, trank direkt aus der Wodkaflasche. In seinen Augen war nichts mehr. Kein Triumph. Keine Lust. Eine leere, schwarze Faszination.
Der Raum drehte sich. Die Stöße wurden zu einem entfernten, hämmernden Pochen. Jannis spürte, wie sich seine eigene Übelkeit mit dem Schmerz vermengte. Dann, abrupt, hörte der Druck auf. Tom zog sich mit einem Fluch zurück. “Scheiße, du blutest,” hörte Jannis ihn sagen. Es klang mehr ärgerlich als besorgt.
Jannis blieb auf allen vieren, atmete keuchend. Eine warme, dünne Rinnsal lief an seinem inneren Oberschenkel hinunter. Das war neu. Das war eine Grenze, die überschritten worden war. Er blickte hoch. Leo war weg. Der Nebel schien sich zu lichten, oder vielleicht war es sein Bewusstsein, das sich verengte. Er sah Fragmente. Sarah, die an der Wand hing und weinte, während ein Mann sie von hinten nahm. Zwei Mädchen, die sich auf dem Badezimmertürschwell gegenseitig mit einer Bierflasche befriedigten. Den rothaarigen Typen vom Fernseher, der jetzt mit einer anderen Frau kämpfte, ihre Kleider zu zerren.
Und dann sah er Leo. Leo kniete vor einem fremden Mann, einem schlaksigen Typen mit Irokesenschnitt. Leo hatte seinen Schwanz im Mund, aber seine Bewegungen waren schlaff, kraftlos. Seine Augen waren geschlossen. Der Typ mit dem Irokesen hielt Leo am Hinterkopf und stieß ihm grob in den Rachen. Leo würgte, aber er hörte nicht auf. Es war eine Aufgabe. Eine Pflichtübung der Degradierung.
Jannis versuchte aufzustehen. Seine Beine gaben nach. Er fiel gegen das Bett, griff nach der Flasche Korn, die dort stand. Er trank. Das Brennen war jetzt ein vertrauter Freund. Es wusch den Geschmack von Blut und Sperma weg. Es füllte die Leere, in der der Schmerz wohnte.
Die Party kippte nicht langsam. Sie implodierte.
Es begann mit Glas. Eine Bierflasche zerschmetterte an der Wand neben Jannis’ Kopf. Er duckte sich nicht einmal. Splitter regneten auf seine Schulter. Ein Schrei. “Du hast meine Jacke voll!” Eine Faust flog. Ein anderes Paar, verheddert in einer sexuellen Verstrickung, wurde umgerannt, fiel schreiend zu Boden. Der Nebel war giftig geworden, durchzogen von Aggression und der plötzlichen, nüchternen Erkenntnis, dass hier nichts mehr zu holen war. Nur noch ekelerregende Befriedigung und leere Flaschen.
Jemand schaltete die Musik ab.
Die plötzliche Stille war schockierend, erfüllt nur von keuchendem Atem, Schluchzen, dem wütenden Flüstern eines Streits. Dann ein weiteres Krachen – der Nachttisch ging zu Bruch, als zwei Männer sich darüber stolperten.
“RAUS!” brüllte eine Stimme. Es war nicht Jannis. Es war Tom. “Alles vorbei! Verschwindet!”
Es war, als hätte jemand einen Schalter umgelegt. Die sexuelle Gier erlosch und hinterließ nur Ekel und Hast. Leute sammelten ihre Kleider, stolperten übereinander zur Tür. Innerhalb von drei Minuten war das Zimmer bis auf eine Handvoll Personen leer. Jannis, der am Boden lehnte. Leo, der regungslos neben dem Mann mit dem Irokesen kniete, sein Kopf hing schlaff herab. Sarah, die in einer Ecke zusammengerollt lag und schluchzte. Und zwei andere, die zu betrunken waren, um zu gehen.
Der Geruch war unerträglich. Exkremente, Erbrochenes, Sperma, Alkohol, Blut. Die Luft war zum Schneiden dick. Jannis kroch zu Leo. Er rüttelte ihn an der Schulter. “Leo.”
Leo reagierte nicht. Seine Augen waren halb geöffnet, das Weiß zeigte sich in einem leeren Blick. Sein Mund stand offen, Speichel und etwas Weißliches rannen ihm aus dem Mundwinkel. Jannis packte sein Kinn, drehte seinen Kopf zu sich. “Leo!”
Ein leises Glucksen. Dann brach Leo nach vorn über und erbrachte sich explosiv auf den Teppich zwischen ihnen. Es war eine klare, wässrige Flut, gemischt mit grünen Galle-Fäden. Er würgte und spuckte, sein ganzer Körper krampfte.
Panik, scharf und kristallin, durchbohrte Jannis’ Alkoholkokon. Das war kein normales Besäufnis. Das war etwas anderes. Er sah sich um, nach Hilfe, aber die anderen beiden lagen bewusstlos in ihren Ecken. Sarah schluchzte nur leiser.
“Hilfe,” sagte Jannis. Seine Stimme war ein Krächzen. Er wühlte in seiner Hose nach seinem Handy. Die Akku-Anzeige war rot. Mit zitternden Fingern wählte er den Notruf. 112. Es dauerte eine Ewigkeit, bis sich jemand meldete.
“Notruf, was ist Ihr Notfall?” Eine monotone Frauenstimme.
“Mein Freund… er reagiert nicht. Er hat sich übergeben. Wir… wir waren auf einer Party. Er hat viel getrunken. Und…” Jannis’ Verstand suchte nach Worten. “Und vielleicht noch was anderes.”
Die Fragen kamen, präzise und schnell. Adresse. Bewusstseinszustand. Atmung. Jannis gab alles an, was er wusste. Leo atmete, aber das Atmen war flach und rasselnd.
“Bleiben Sie bei ihm. Bringen Sie ihn in die stabile Seitenlage. Ein Rettungswagen ist unterwegs.”
Jannis legte das Telefon weg, kämpfte damit, Leo auf die Seite zu drehen. Sein Körper war schlaff und schwer. Als er ihn positioniert hatte, sah er das andere Problem. Sarah hatte aufgehört zu schluchzen. Sie lag jetzt völlig still da. Jannis krabbelte zu ihr hin. Ihre Haut war kalt und feucht. Er suchte nach einem Puls an ihrem Hals, spürte nur sein eigenes wildes Hämmern.
Die Sirenen kamen schnell. Zuerst ein einzelnes, dann mehrere, sich vermischend zu einem durchdringenden Heulton, der die Stille des frühen Morgens zerriß. Dann das Hämmern an der Tür, lauter und dringlicher als je zuvor.
Jannis öffnete sie.
Es war nicht nur der Rettungsdienst. Es waren zwei Streifenwagen. Und in ihrem Scheinwerferlicht, mit seinem notizblock in der Hand, stand Kommissar Behrens. Sein Gesicht war aus Stein. Hinter ihm drängten sich Sanitäter mit Tragen und Notfallkoffern.
Behrens’ Blick glitt über Jannis – blutverschmiert, halb nackt, zitternd – dann ins Zimmer, über das apokalyptische Schlachtfeld, zu Leo auf dem Boden, zu Sarah in der Ecke. Seine Nüstern bebten. “Wieder Sie,” sagte er. Es war keine Frage.
Die Sanitäter stürmten an ihm vorbei. Einer kniete sich sofort zu Leo, der andere zu Sarah. Die Funkgeräte krächzten. “Wir haben zwei Personen, bewusstseinsgetrübt, mögliche Intoxikation. Atmung vorhanden, aber insufficient. Brauchen sofort Verstärkung.”
Jannis stand da, gelähmt, als die Profis sein Werk übernahmen. Sie knöpften Leo die Kleider auf, klebten Elektroden auf seine Brust, legten ihm eine Sauerstoffmaske auf. Einer rief: “Pupillen sind kaum reagierend. Wahrscheinlich Opiat-Benzo-Mischung mit Alkohol. Naloxon bereit!”
Eine Spritze. Ein Injektor in den Oberschenkel. Leo zuckte, ein trockenes Würgen durchlief seinen Körper.
Bei Sarah war die Lage stiller. Der Sanitäter bei ihr schüttelte seinen Kopf, begann sofort mit der Herzdruckmassage. Das rhythmische Knacken ihrer Rippen war das einzige Geräusch im Raum, lauter als die Anweisungen, lauter als das Krächzen des Funkgeräts.
Behrens trat zu Jannis. “Was haben Sie genommen?”
“Ich… weiß nicht. Alles. Wodka. Korn. Tabletten… Leo hatte welche. Ich hab nicht…”
“Name des Mädchens.”
“Sarah. Ich kenne ihren Nachnamen nicht.”
“Ihr Alter?”
“Achtzehn. Ihr Perso sagt…”
Behrens winkte einen jüngeren Beamten heran. “Durchsuchung. Alles sichern. Flaschen, Tüten, alles.” Dann wieder zu Jannis. “Sie sind mit ihm hier? Seit Tagen?”
Jannis nickte. Die Realität schloss sich wie eine Schlinge um seinen Hals. Sie wussten es. Sie wussten alles. Das Geld. Die Partys. Die Beschädigungen.
“Der Mann vom Empfang, Henrik, hat ausgesagt. Über mehrere Tage massive Störungen, Sachbeschädigungen, heute Nacht Polizeieinsatz.” Behrens’ Stimme war eisig ruhig. “Und jetzt das. Eine lebensgefährliche Vergiftung und,” er blickte zu Sarah, wo die Wiederbelebung weiterging, “möglicherweise eine Tote.”
Das Wort “Tote” traf Jannis wie ein Faustschlag. Er sah hin. Sarahs Körper bewegte sich nur noch durch die gewaltsamen Kompressionen des Sanitäters. Ihr Gesicht war wachsbleich, ihre Lippen blau.
“Das… das kann nicht…”
“Doch. Das kann.” Behrens musterte ihn. “Sie sind mit verantwortlich. Sie haben den Raum gemietet. Sie haben die Parties geduldet, finanziert. Sie sind volljährig.” Er deutete auf Leo, der jetzt auf eine Trage gehoben wurde. “Er ist es nicht.”
Ein zweiter Rettungswagen war eingetroffen, mehr Sanitäter strömten herein. Sie übernahmen bei Sarah, luden sie auf eine zweite Trage, setzten die Reanimation während des Transports fort. Innerhalb von
Sie übernahmen bei Sarah, luden sie auf eine zweite Trage, setzten die Reanimation während des Transports fort. Innerhalb von zwanzig Minuten war das Zimmer steril leer, zurück blieb nur der Gestank und die Beweise. Behrens nahm Jannis mit. Die Vernehmung dauerte Stunden. Sie wollten Quellen für die Drogen, sie wollten Details über Sarah, sie warfen ihm fahrlässige Tötung vor, dann Körperverletzung, dann Beihilfe zum Rauschgiftkonsum Minderjähriger. Jannis sagte immer dasselbe: „Ich weiß nicht.“
Leo überlebte. Sarah überlebte, knapp. Sie erwachte nach zwei Tagen im künstlichen Koma. Ihre Eltern, kleine, verstörte Leute aus Duisburg-Marxloh, kamen einmal an ihr Bett, sahen die Narben, rochen den Skandal, der ihr anhaftete, und verließen die Klinik für immer. Sie hinterließen einen Zettel: „Du bist nicht mehr unsere Tochter.“ Die Sozialarbeiterin zuckte mit den Schultern. Es gab keine andere Unterkunft.
Die Anzeigen gegen Jannis und Leo wurden fallen gelassen, weil Sarah aussagte, alles freiwillig getan und die Tabletten selbst mitgebracht zu haben. Der Staatsanwalt hatte größere Fische zu braten. Die Rechnung des Hotels wurde von Ludwig beglichen, ein stiller, letzter Scheck, begleitet von einem einzigen Satz in einer E-Mail an Jannis: „Das war das Letzte. Existieren Sie weiter, aber ohne mich.“
Jannis und Leo fanden sich in einer Schwebe wieder. Leons Entzug war ein brutales, dreiwöchiges Erdbeben in einer Entzugsklinik am Stadtrand. Jannis besuchte ihn jeden Tag. Sie sprachen nicht über die Party, nicht über Tom, nicht über den Irokesen. Sie sprachen über gar nichts. Sie saßen sich gegenüber und atmeten.
Dann, an einem klaren Oktobertag, stand Jannis vor einem schmucklosen, zweistöckigen Reihenhaus in Oberhausen-Alstaden. Das Viertel war ruhig, die Fassade gelb, der Garten verwildert. Der Makler murmelte etwas von „günstiger Gelegenheit“ und „Vorbesitzer verstorben“. Jannis sah das grüne Fronttor und dachte an den Flur mit der zerkratzten Tapete. Er sah das Fenster im Obergeschoss und dachte an die splitternde Scheibe des Hotel-Fernsehers. Er atmete ein.
„Wir nehmen es,“ sagte er. Leons Erbe, klein, aber existent, kombiniert mit dem, was von Ludwigs Geld nach den Anwaltskosten übrig war, reichte für die Anzahlung. Es war kein Neuanfang. Es war eine Befestigung. Ein Graben, in den sie kriechen konnten.
Sarah entließ man einen Monat später. Sie hatte keinen Ort hinzugehen. Jannis holte sie ab. Sie sah aus wie ein verwelkter Vogel, ihre Haare stumpf, ihre Augen riesig in ihrem mageren Gesicht. Im Auto sagte sie nur: „Ich kann nirgendwo hin.“ Leo, der auf dem Beifahrersitz saß, drehte sich um. Seine Hände zitterten nicht mehr. Sein Blick war klar, aber eingefallen. „Dann komm mit uns. Das Haus ist groß genug. Und… leer.“
Sie zog in das Gästezimmer unter dem Dach. Sie schlief zwanzig Stunden am Tag. Manchmal hörte Jannis sie nachts schreien, ein ersticktes, gurgelndes Geräusch, das an das Würgen unter dem Irokesenschnitt erinnerte. Er ging nie hinunter.
Eine Woche später klingelte es an der grünen Tür. Ein Junge stand dort, vielleicht siebzehn, mit hagerem Gesicht und einer Kapuze tief ins Gesicht gezogen. „Sarah ist hier,“ sagte er, keine Frage. Seine Stimme war brüchig vor Pubertät und falscher Coolness. „Sie sagte, ich könnte…“
Sarah erschien hinter Jannis. Sie trug Leons alten Hoodie. „Das ist Finn. Von der Klinik. Seine Pflegefamilie will ihn nicht mehr.“ Finn blickte zu Boden. Sein Nacken war schmal und verletzlich. Sarahs Stimme wurde hart. „Er bleibt bei mir. Oder ich gehe.“
Leo, der aus der Küche kam, wo er versuchte, eine simple Pasta zuzubereiten, trocknete sich die Hände ab. Sein Blick wanderte von Sarahs entschlossenem Gesicht zu Finns gebeugten Schultern. Er sah Jannis an. Ein Funke von etwas, nicht Mitgefühl, sondern einer makabren Logik, glomm in seinen Augen auf. „Zimmer ist genug da. Aber er zieht den Rasen. Und macht den Müll weg.“
So wurde das Haus gefüllt. Mit Schweigen. Mit den Geistern von Dingen, die niemals ausgesprochen werden würden. Die Verwilderung im Garten wich langsam, von Finns stetiger, wortloser Arbeit. Sarah kochte manchmal, frische Sachen, die sie mit Jannis‘ Geld auf dem Markt kaufte. Sie aßen zu viert an dem wackeligen Tisch in der Küche. Das Klirren der Bestecke war das lauteste Geräusch.
Die erste Nacht, in der der Sex zurückkehrte, war kalt und regnerisch. Jannis lag im neuen, breiten Bett ihres Schlafzimmers und starrte die noch kahlen Wände an. Leo kam aus dem Bad, sein Körper ein vertrauter, doch fremd gewordener Umriss im Dunkeln. Er glitt unter die Decke, seine Haut roch nach Zahnpasta und dem neutralen Duschgel der Drogerie. Kein Parfüm, kein Schweiß, kein Alkohol.
Sie berührten sich nicht. Dann legte Leo eine Hand auf Jannis‘ Brust. Seine Finger waren warm. „Spürst du das?“ flüsterte er. „Die Stille? Sie erstickt mich.“
Jannis drehte sich zu ihm. Im Dunkeln waren nur die Konturen von Leons Gesicht zu erkennen. Die Party, der Flur, das Bluten – es war ein elektrischer Draht zwischen ihnen, glühend und gefährlich. Jannis‘ Hand fand Leons Hüfte, zog ihn näher. Er war nicht sanft. Er musste es nicht sein. Leo stieß einen keuchenden Laut aus, ein Echo von etwas, und griff hinunter, knöpfte Jannis‘ Hose auf.
Er nahm Jannis‘ schon harten Schwanz in die Hand, rieb ihn mit einem trockenen, festen Griff. „So?“ fragte Leo, seine Stimme war rau. Jannis antwortete nicht mit Worten. Er drehte Leo um, drückte ihn auf den Bauch. Er griff nach der Flasche Handlotion auf dem Nachttisch, schüttete zu viel davon in seine Hand. Es war kalt und klebrig. Er schmierte sie grob zwischen Leons Pobacken, fand das noch enge, aber vertraute Loch.
„Ja,“ zischte Leo, sein Gesicht war in die Kissen gedrückt. „Mach es. Mach es endlich wieder.“
Jannis drängte mit der dickeren Spitze seines Schwanzes dagegen. Der Widerstand war da, aber nachgiebig. Er stieß zu. Ein tiefer, gefühlloser Stoß, der sie beide zum Erstarren brachte. Es war eng, fast schmerzhaft eng. Kein Schrei, nur ein ersticktes Keuchen aus Leons Munde. Jannis blieb tief in ihm stecken, bewegungslos. Der Schmerz war eine Brücke. Eine Erinnerung.
Dann begann er zu ficken. Langsame, tiefe Stöße, jeder ein Akt der Wiederinbesitznahme. Sein Schaft glitt in der klebrigen Lotion, das widerliche, feuchte Schmatzen füllte den stillen Raum. Leo drückte seinen Arsch zurück, nahm jeden Stoß mit einem dumpfen Grunzen an. Seine Hände krallten sich in die Laken.
„Härter,“ keuchte Leo, und seine Stimme brach. „Ich spüre sonst nichts. Bitte, Jannis. Ich will es spüren.“
Jannis erhöhte das Tempo. Seine Hüften klatschten gegen Leons Fleisch, ein brutales, monotoner Rhythmus. Es war nicht liebevoll. Es war eine Exorzismus. Jeder Stoß sollte ein Geist vertreiben: Tom, den Irokesen, die Rothaarige, den Geruch von Blut und Erbrochenem. Leo stöhnte, ein heiseres, abgerissenes Stöhnen, und Jannis wusste, dass er nicht vor Lust stöhnte, sondern vor Erleichterung, endlich wieder etwas zu fühlen, das kein Entzug war.
Jannis kam tief in ihm, ein stummes, zuckendes Finale. Sein Samen fühlte sich an wie Zement, wie etwas, das sie zusammenklebte. Er blieb liegen, sein Gewicht auf Leo, beide keuchend. Durch die dünne Wand hörten sie ein Geräusch aus Saras Zimmer. Ein leises Weinen. Dann Finns gedämpfte Stimme: „Ist schon gut. Schlaf jetzt.“
Leo drehte den Kopf zur Wand. Sein Atten flachte langsam ab. „Sie weint jede Nacht,“ murmelte er. „Und er… er tröstet sie. Ein Kind.“ Er lachte leise, ein hohler Klang. „Wir haben ein Haus voller Kinder, Jannis. Und wir sind die kaputten Eltern.“
Jannis zog sich aus ihm zurück. Das kalte, mit Sperma vermischte Lotionsgemisch lief an Leons Oberschenkel hinunter. Sie rührten sich nicht, um es wegzuwischen. Es war ihr Haus. Ihr Dreck. Ihre stille, verdorbene Familie. Draußen raschelte der Regen im nun ordentlichen Garten, den der junge Finn morgens wieder in Schuss bringen würde.