Chapter 35: Chapter 35
Die Nacht verschluckte sie. Sie schlugen sich durch die Vorstädte Oberhausens wie durch ein fremdes, feindliches Territorium, die Millionen im Jackeninneren ein unsichtbarer, brennender Stern, der sie vorantrieb und zugleich verbrannte. Sie schliefen in stillgelegten Bahnwaggons, wuschen sich an Bahnhofstoiletten. Jeder Blick eines Obdachlosen, jedes Streifenlicht eines Polizeiautos ließ ihr Herz bis zum Hals schlagen. Der Lottoschein, nun in einer wasserdichten Plastikhülle und in Theos Socke verstaut, fühlte sich an wie ein gestohlener Codeschlüssel zur Hölle.
Erst eine Woche später, abgemagert und mit Blicken wie gehetztes Wild, betraten sie das schimmernde, kalte Foyer der Lottozentrale in Düsseldorf. Der Anwalt, den sie von einer anonymen Telefonzelle aus engagiert hatten, ein Mann in einem makellosen Anzug namens Dr. Weyer, führte sie wie zwei ungezogene Hunde an der kurzen Leine durch die Prozedur. Die Überweisung der Summe auf ein neu eröffnetes Konto dauerte Tage. Sie verbrachten sie in einem billigen Hotelzimmer, das sie bar bezahlten, die Tür verrammelt, nur bestellendes Essen essend. Sie sprachen kaum. Die Gegenwart des Geldes zwischen ihnen war wie eine dritte Person, riesig und laut.
Das erste, was sie taten, als die Zahlen auf dem Konto erschienen, war zu fliegen. Nicht im Flugzeug. Sie mieteten einen schwarzen BMW, cash, und fuhren einfach los. Nordwärts. Der Autobahntunnel verschluckte sie, tagelang war nichts als Asphalt, Regen, Raststättenkaffee. Sie sprachen über alles und nichts. Nie über das Geld. Nie über die Zukunft. Sie fuhren, bis die Landschaft flacher wurde, der Himmel weiter, und die Luft nach salzigem Wind und Kiefern roch. Bis nach Hamburg.
Die Villa stand am Rande von Blankenese, versteckt hinter einer hohen, braunen Backsteinmauer und alten Rhododendronbüschen. Sie war nicht protzig neu, sondern ein sanierter, backsteingetränkter Bau aus den Zwanzigern, mit verwinkelten Zimmern, hohen Decken und einem verwilderten Garten, der zum Elbstrand hin abfiel. Sie kauften sie cash. Ohne Bank. Ohne viel Fragen. Der Makler, ein älterer Herr mit nervösen Händen, sah in ihnen nur die bar bezahlende Power der Neureichen, der Ursprung war ihm egal. Gut so.
Sie zogen ein mit vier Koffern. Das war alles, was sie besaßen. Die ersten Nächte schliefen sie, eingewickelt in Schlafsäcke, auf dem blanken Parkettboden des riesigen Wohnzimmers. Das Echo ihrer Schritte hallte durch leere Räume. Sie bekämpften es mit Lärm. Sie kauften krude Möbel, fette Ledersofas, riesige TVs, eine Stereoanlage, die die Wände bebten ließ. Es half nicht. Die Stille war tiefer, eine Stille des Verwunschenseins.
Ben und Noah tauchten wie Gespenster aus einer anderen Vergangenheit auf, einer weniger finsteren. Sie hatten Theo vor Jahren, in einer kurzen Phase des Aufbäumens, in einer Abendklasse für Siebdruck kennengelernt. Zwei ruhige, verschmitzte Typen, schon damals ein Paar, die in einer kleinen Wohnung in Altona lebten und von der großen Kunst träumten. Theo traf sie zufällig in einer Galerie am Hafen wieder, zwei Monate nach dem Einzug. Sie sahen ihn an, sahen die leeren Augen, die teure, aber nachlässige Kleidung, und luden ihn auf einen Kaffee ein. Er ging, aus purer, lähmender Einsamkeit.
Eine Woche später standen Ben und Noah vor der Villa. Sie standen da mit ihren selbstbedruckten T-Shirts und ihren Rucksäcken voller Skizzenblöcke und starrten auf das Haus, dann auf Theo und Kai, die wie zwei Wächter in der offenen Tür standen. „Ihr seid also die mysteriösen Lottogewinner aus der Zeitung“, sagte Ben, ein schlaksiger Mann mit Brille und sanften Händen. „Die, die keine Fotos wollten.“
Noah, kompakter, mit einem frechen Grinsen und tätowierten Unterarmen, pfiff durch die Zähne. „Und ihr wohnt hier wie zwei verirrte Götter in einer leeren Kirche.“
Sie luden sie ein. Erst zum Essen. Dann zum Bleiben. Es war keine bewusste Entscheidung. Es war ein Sog. Ben kochte, füllte das Haus mit Gerüchen nach Knoblauch und Kräutern. Noah brachte Musik herein, plappernde Elektro und melancholischen Jazz. Sie füllten die Stille mit ihrer sanften, stabilen Präsenz. Und sie stellten keine Fragen. Nicht über die Narben. Nicht über die Nächte, in denen Kai schreiend aus dem Schlaf fuhr oder Theo stundenlang reglos am Fenster stand und auf den Fluss starrte.
Die sexuelle Spannung kam schleichend. Sie hing in der Luft, wie der Geruch des Flusses bei Niedrigwasser. Sie war da, als sie zu viert auf der riesigen Couch lagen und Filme schauten, Beine übereinandergeschlagen, Berührungen zufällig und doch absichtlich. Sie war da, als sie betrunken vom teuren Wein waren, den sie nicht zu schätzen wussten, und über das Leben philosophierten, das sie nie führen mussten.
Es begann an einem dieser betrunkenen Abende. Kai und Noah verschwanden im Garten, angeblich für eine Zigarette. Theo, der Ben in der großen Küche beim Abwasch zusah, wie seine geschickten Hände das Geschirr spülten, konnte es nicht länger ertragen. Die Einsamkeit, die ihn auch hier umgab, trotz des vollen Hauses. Er trat hinter ihn, legte seine Hände auf Bens schmale Hüften, presste seinen harten Schwanz gegen dessen Gesäß.
Ben erstarrte. Einatmen. Ausatmen. Dann lehnte er sich zurück, ließ seinen Kopf gegen Theos Schulter sinken. „Ich dachte, du würdest nie fragen“, murmelte er.
Theo drehte ihn um, küsste ihn mit der ungeschliffenen Direktheit, die seine einzige Sprache der Begierde war. Ben erwiderte den Kuss, sanfter, neugieriger. Auf dem großen Küchentisch, zwischen den feuchten Tellern und Weingläsern, zog Theo ihm die Jeans herunter. Er spuckte in seine Hand, führte sie zu Bens Rosette, die sich unter seiner Berührung öffnete wie eine erschrockene Blume. Es war schnell, fast roh, ein Stoßen und Schieben, bei dem die Teller klirrten und Ben sein Gesicht in die Armbeuge vergrub, um nicht zu schreien. Als Theo in ihm kam, zitternd und keuchend, war Kai mit Noah, der an einer Gartenlaterne lehnte, bereits dabei, ihm den Mund mit seinem gekrümmten Schwanz zu füllen, während Noah stöhnend in seine enge Faust spritzte.
Danach gab es keine Grenzen mehr. Es war kein klassisches Paar. Es war ein Wirt, ein Organismus aus vier Körpern, die sich in den leeren Räumen der Villa fanden und neu zusammensetzten. Die Dynamik war nicht immer einfach. Kais Besitzergreifendheit gegenüber Theo kollidierte manchmal mit der ruhigen, teilenden Art von Ben und Noah. Dann gab es Streit, der oft in wilden, schweißtreibenden Sex-Ausbrüchen am selben Ort endete, an dem er begann – auf dem kalten Fliesenboden des Wintergartens, gegen die Regentropfen-verklebte Scheibe des Fitnessraums, auf dem Konferenztisch in dem leeren Raum, der als Theos theoretisches Büro dienen sollte.
Eines Nachts, nach einem dieser Kämpfe, waren sie alle vier in dem riesigen Master-Schlafzimmer versammelt, das Bett war ein Meer aus Laken und Körpern. Kai, noch voller angestauter Wut, befahl Ben, sich auf alle Viere zu machen. Noah kniete dahinter, leckte mit breiten, genussvollen Strichen über Bens geöffnetes Loch, während Kai sich vor ihn knöpfte, seinen dicken Schwanz tief in Bens Mund schob und sich an seiner Kehle würgte. Theo sah zuerst zu, sein eigener Schwanz steif in der Hand, dann trat er hinter Noah, spuckte zwischen seine Pobacken und drang in ihn ein, mit einem langsamen, quälenden Vordringen, das Noah ein langes, zitterndes Stöhnen entlockte.
Es war ein Geben und Nehmen ohne Tabus, eine brutale Zärtlichkeit, die alle Geister der leeren Villa zu vertreiben schien. Sie nutzten einander, beruhigten sich aneinander, besaßen sich gegenseitig. Kai liebte es, auf dem Rücken zu liegen, während alle drei ihn abwechselnd oder gleichzeitig nahmen, ein Dick nach dem anderen in seinen begierigen Körper glitt. Noah hatte eine Vorliebe dafür, angeschaut zu werden, während Ben ihn von hinten nahm und Theo seinen Schwanz in Noahs Mund stopfte. Sie waren ein Wirrwarr aus Gliedern und Begierde, ein lebendiges, keuchendes Monument ihrer verwobenen Einsamkeit.
Doch mit der Zeit bekam die Lust einen Beigeschmack. Die Leere füllte sich nicht, sie wurde nur lauter übertönt. Sie waren vier Männer in einem zu großen Haus, mit zu viel Geld und zu wenig Zukunft. Die Idee kam von Ben, eines späten Abends, als sie satt und erschöpft vom Sex auf der Terrasse saßen und auf die vorbeiziehenden Schiffe der Elbe starrten.
„Ich könnte mir ein Kind vorstellen“, sagte Ben leise. Noah, dessen Kopf in seinem Schoß lag, öffnete die Augen.
Theo sagte nichts. Kai starrte in sein Bier.
„Ein Kind?“, fragte Noah. „Wie denn? Adoption?“
Ben zuckte mit den Schultern. „Vielleicht. Oder… wir finden jemanden. Eine Frau, die ein Teil davon sein will. Die das versteht.“
Kai lachte kurz und hart auf. „Eine Frau, die mit vier Schwuchteln lebt und ein Kind kriegt? Wo willst du die denn finden? Im Zoo?“
„Es gibt Menschen, die anders denken“, sagte Ben beharrlich. Seine Hand strich Noahs Haar. „Wir haben ein Zuhause. Wir haben… Stabilität. Wenn auch eine verdrehte.“
„Wir haben einen Fick-Marathon und Narben“, fauchte Kai.
„Und viel Liebe“, sagte Theo plötzlich. Alle sahen ihn an. Er blickte nicht zurück, starrte weiter auf den dunklen Fluss. „Verdammt viel. Verschlissen und kaputt, aber da. Vielleicht… vielleicht reicht das für mehr.“
Die Diskussion brodelte wochenlang. Sie wurde zwischen Bettlaken geführt, beim Essen, beim stummen Zuschauen, wie die anderen sich in der Sauna unten im Garten vergnügten. Die Idee, anfangs absurd, setzte sich fest. Sie wurzelte in dem alten, niemals gestillten Hunger nach Familie, nach etwas, das über sie hinausging. Etwas Unverdorbenes. Etwas, das rein war.
Also meldeten sie sich auf Dating-Apps an. Nicht auf den üblichen. Auf speziellen, alternativen, queer-freundlichen Plattformen, wo die Profile bunt und die Lebensentwürfe vielfältig waren. Ihr Profil war unverblümt. Vier Männer. Zusammen. Eine Familie, die wachsen will. Suche nach einer Frau, die Teil dieses Experiments werden möchte. Die ein Kind in diese Welt bringen und aufwachsen sehen will, umgeben von vier Vätern.
Die Antworten waren eine Mischung aus Beleidigungen, Neugier und blankem Voyeurismus. Sie trafen sich mit einigen Frauen. Eine Studentin, die es „spannend“ fand und Fotos machen wollte. Eine ältere Frau, die sich einen Sparringspartner für esoterische Gespräche wünschte. Eine zweite, die sofort fragte, ob sie denn auch alle mit ihr schlafen würden.
Dann trafen sie auf Lara.
Das Date war in einem Café an der Außenalster, neutrales Gebiet. Lara kam zehn Minuten zu spät, atmend und mit einem Hauch von Farbe an den Händen. Sie war Mitte dreißig, hatte kurze, dunkle Haare und einen direkten Blick. Sie arbeitete als freie Illustratorin. Sie war ruhig, beobachtete sie alle vier mit einer Mischung aus gesunder Skepsis und Interesse.
„Also“, sagte sie, nachdem sie ihren Tee bestellt hatte und sich ein Kürbiskernbrötchen teilten. „Vier Väter. Das ist schon ein Konzept.“
„Wir sind kein Konzept“, sagte Kai sofort, defensiv. „Wir sind echt. Kaputt, aber echt.“
Lara lächelte. Ein sanftes, müdes Lächeln. „Das sind die meisten Menschen.“ Sie blickte auf ihre Hände. Die Farbspuren waren Acryl, wie sich herausstellte. Sie malte große, düstere Landschaften. „Ich will kein Kind alleine großziehen. Aber die traditionelle Kleinfamilie…“ Sie machte eine wegwerfende Handbewegung. „Das war auch nie meins. Ich mag die Idee eines Kollektivs. Eines Dorfes, wie man so schön sagt.“
„Es wird nicht immer einfach sein“, warnte Ben. „Es gibt viel… Emotion. Und viel Lärm.“
„Und viel Sex“, fügte Noah unverblümt hinzu und grinste.
Lara lachte, ein warmes, ehrliches Geräusch. „Das hab ich mir gedacht. Und nein“, sie hob eine Hand, als sie die Frage in ihren Augen sah, „ich möchte da nicht Teil von sein. Nicht in dieser… Dimension. Das ist eure Sache. Ich würde Respekt für meine Privatsphäre und meine körperlichen Grenzen erwarten. Im Gegenzug bringe ich ein Kind in die Welt, das von vier Menschen geliebt wird, die es wollen. Und ich habe eine Familie, auf die ich mich verlassen kann. Das scheint mir ein fairer Deal.“
Sie sprachen noch zwei Stunden. Über Kunst, über Hamburg, über ihre verschiedenen Narben, gezeigte und ungezeigte. Als sie gingen, wussten sie es irgendwie alle. Das war sie. Nicht die perfekte Lösung. Aber die mögliche. Die, die ihre wunden, seltsamen Puzzleteile vielleicht zusammenhielt, ohne sie zu zerbrechen.
Auf der Rückfahrt in der überheizten Limousine war es still. Dann legte Kai, der am Fenster saß und in die vorbeiziehenden Lichter starrte, seine Hand auf Theos Oberschenkel. Einfach so. Kein gieriger Griff. Nur eine Berührung. Eine Ankerung.
„Sie mag Musik“, sagte Kai leise. „Und malt. Das Haus würde ihr gefallen.“
Theo nickte. Er spürte die Wärme von Kais Hand durch den Stoff seiner Hose. Hinter ihnen diskutierten Ben und Noah leise über Laras letzte Ausstellung, die sie
Er spürte die Wärme von Kais Hand durch den Stoff seiner Hose. Hinter ihnen diskutierten Ben und Noah leise über Laras letzte Ausstellung, die sie gesehen hatten, ihre Stimmen ein sanftes Murmeln gegen das Summen des Motors. Theo schloss die Augen. Diese Berührung, simpel und klar, fühlte sich an wie die einzige Wahrheit in dem ganzen wirren Plan.
Lara zog an einem regnerischen Donnerstag im April ein. Sie brachte drei Koffer und einen riesigen, in Decken gewickelten Leinwandrahmen mit. Ihr Atelier wurde das ehemalige Gästezimmer im Ostflügel, mit Blick auf die verwilderten Rhododendren. Die Dynamik im Haus veränderte sich sofort, subtil und tiefgreifend. Ihre Anwesenheit war kein Eindringen, sondern eine neue Farbe, die über das bestehende Gemälde gelegt wurde. Sie brachte Struktur, einen leisen, bestimmten Rhythmus aus Malzeiten, Spaziergängen am Elbstrand und klassischer Musik, die aus ihrem Zimmer drang.
Die anfängliche Befangenheit löste sich in praktischen Absprachen auf. Sie kochte abwechselnd mit Ben, diskutierte mit Noah über Kompositionslehre, und hörte Kai zu, wenn er von seinen paranoiden Albträumen sprach, ohne ihn zu unterbrechen. Theo beobachtete sie oft beim Malen, wie sie mit konzentriertem, fast zornigem Blick Farben auf die Leinwand warf. Sie sprachen über das Wetter, über Politik, über die teuren Fehler, die sie beim Möbelkauf gemacht hatten. Über das eigentliche Vorhaben, das zwischen ihnen schwebte wie ein unberührtes Messer, sprachen sie nicht.
Der Deal war nüchtern und präzise ausgehandelt worden, an einem Sonntagmorgen am Küchentisch, zwischen Kaffee und Brötchen. Lara hatte einen Zykluskalender auf ihr Tablet gezogen, sachlich, wie eine Projektmanagerin.
„An diesen fünf Tagen hier“, sagte sie und tippte auf den Bildschirm, „bin ich fruchtbar. Die Wahrscheinlichkeit ist dann am höchsten.“ Sie sah nacheinander in ihre vier Gesichter, die von unterschiedlicher Skepsis und einem seltsamen Pflichtgefühl gezeichnet waren. „Wir machen es so: Ihr kommt alle in mein Schlafzimmer. Ihr macht, was gemacht werden muss. Einer nach dem anderen. Es ist ein mechanischer Akt. Je weniger Gefühl, desto besser, für uns alle.“
Kai starrte auf seine Tasse. „Und wenn du nicht kommst?“
Lara zuckte mit den Schultern. „Dann muss einer von euch mich zum Abschluss bringen. Oral, mit den Händen, was auch immer funktioniert. Es sollte… beendet sein. Für den Hormonhaushalt. Für den Erfolg.“ Ihre Stimme blieb klinisch, aber ihre Finger, die um die Kaffeetasse lagen, waren weiß vor Anspannung.
„Wir sind schwul“, sagte Noah trocken. „Das wird nicht… einfach.“
„Ich verlange keine Begeisterung“, erwiderte Lara. „Ich verlange Samen. Und ihr bekommt ein Kind. Das ist der Handel.“
Der erste dieser Tage kam schneller, als sie erwartet hatten. Ein warmer Maitag, an dem der Flieder vor dem Haus betäubend duftete. Lara informierte sie beim Abendessen mit einem einfachen: „Es ist soweit. In einer Stunde, in meinem Zimmer.“ Dann stand sie auf und ging, ließ ihre halbvolle Suppenschüssel zurück. Das Geräusch der Schritte auf der Treppe wirkte in der Stille des Speisezimmers unerträglich laut.
Die Stunde verging in einer bleiernen, schweigsamen Vorbereitung. Sie duschten nicht zusammen. Sie sprachen nicht darüber. Theo stand unter der heißen Dusche und versuchte, seinen Widerwillen wegzuwaschen, während sein Verstand ihn an die Zeiten im Keller erinnerte, an die rohe, dreckige Notwendigkeit von Sex. Dies hier war nicht Notwendigkeit. Es war ein Vertrag. Ben rasierte sich mit zitternden Händen, schnitt sich zweimal. Noah trank einen großen Whisky, pur und schnell. Kai polierte schon wieder das schwere, silberne Feuerzeug aus Marxloh, das er immer bei sich trug.
Pünktlich betraten sie einzeln ihr Schlafzimmer. Es roch nach Terpentin und frischer Wäsche. Lara lag bereits unter der Decke, ihre Augen auf die Deckenbalken gerichtet. Sie hatte ein einfaches Hemd an, die Knöpfe schon geöffnet. Ihr Gesicht war eine Maske konzentrierter Abwesenheit.
„Wer fängt an?“, fragte sie, ohne sie anzusehen.
Es folgte eine peinliche Stille. Dann trat Theo vor. „Ich. Einfach damit es vorbei ist.“ Sein Mund war trocken.
Er ließ seine Hose fallen, rutschte neben sie auf das Bett. Sein Schwanz war schlaff. Das kannte er, diese eiserne Verweigerung des eigenen Körpers in Momenten des Zwangs. Er packte sich selbst, rieb sich grob, dachte an Kais Gesicht, als er ihn im Keller nahm, an den Geruch von Schweiß und Sperma auf schmutzigen Laken. Langsam, widerwillig, richtete er sich auf. Er schob die Decke beiseite, öffnete ihre Beine. Sie blieb völlig reglos, atmete flach.
Er spuckte in seine Hand, rieb sich noch einmal. Dann führte er sich zu ihr hin. Die Berührung war fremd, zu weich, zu feucht. Er stieß hinein, einmal, ein kurzer, funktionaler Stoß. Er schloss die Augen, konzentrierte sich auf das rhythmische Stoßen, ein stumpfes Arbeiten. Es dauerte nicht lange. Seine Ejakulation war eine leere, erschöpfende Entleerung ohne jede Lust. Er zog sich sofort zurück, sein Samen sickerte aus ihr heraus auf das Laken.
Ohne ein Wort stand er auf, zog sich an, stellte sich an die Wand neben der Tür, die Arme verschränkt. Sein Magen drehte sich um.
Ben war der Nächste. Er kämpfte sichtlich, sein Gesicht eine Grimasse aus Mitleid und Ekel. Er küsste Lara nicht, berührte sie kaum. Sein Vortrag war zögerlich, seine Bewegungen unsicher. Als er kam, stieß er einen leisen, gequälten Laut aus, der wie ein Schluchzer klang.
Kai beobachtete das alles mit versteinerter Miene. Als er an der Reihe war, ging er mit einer seltsamen, militärischen Steifheit zum Bett. Für ihn war es ein Akt der Dominanz, eine Pflichtübung, die er wie einen Kampf ausführte. Er nahm Lara von hinten, grub seine Finger in ihre Hüften, sein Stoßen war hart und schnell, ein trockenes, schmerzhaftes Hämmern gegen ihr Fleisch. Sein Kommen war ein stummer, zuckender Krampf, bevor er sich abrupt von ihr löste.
Noah, angetrieben vom Whisky und einer Art verzweifeltem Galgenhumor, versuchte es mit einer gewissen Grobheit, die nach Normalität schielen sollte. „Komm schon, Lara, denk an was Schönes“, murmelte er, bevor er eindrang. Es klang hohl und falsch in der stillen, angespannten Luft des Zimmers. Sein Performen war schnell vorbei.
Dann lag sie da, alle vier waren fertig, und die Luft war dick vom Geruch ihrer Körper und einer kollektiven Scham. Lara hatte die Augen die ganze Zeit geschlossen gehabt. Sie öffnete sie jetzt, blickte zur Decke. „Ich bin nicht gekommen“, sagte sie mit einer flachen, sachlichen Stimme.
Das vereinbarte Protokoll trat in Kraft. Wieder diese unerträgliche Stille.
„Ich mach's“, sagte Theo schließlich, seine Stimme rau. Er konnte die anderen nicht anschauen. Er kniete sich zwischen ihre Beine, die noch feucht von den anderen waren. Der Geruch, fremd und intim, schlug ihm entgegen. Er tat es mechanisch, seine Zunge führte fremde, erlernte Bewegungen aus, seine Hände drückten ihre Oberschenkel auseinander. Er konzentrierte sich auf das Technische, auf den Druck, den Rhythmus, das vermeintlich Richtige.
Es dauerte lange. Laras Atem ging schneller, ihre Hände krallten sich in die Laken. Ein leises Stöhnen entwich ihr, das nicht nach Lust klang, sondern nach Erleichterung. Ihr Körper spannte sich an, zuckte, und dann entspannte er sich abrupt. Theo zog sich zurück, sein Mund fühlte sich taub und fremd an. Er stand auf, wischte sich mit dem Handrücken über die Lippen.
Lara zog die Decke über sich, drehte sich auf die Seite, weg von ihnen allen. „Danke“, sagte sie ins Kissen. Das Wort war ein winziger, gebrochener Klacks in der Stille.
Einer nach dem anderen verließen sie das Zimmer, wie Verbrecher den Tatort. Sie gingen nicht zusammen. Theo wanderte im Garten herum, bis tief in die Nacht, den salzigen Geschmack des Flusses und etwas anderes, Bitteres, im Mund. In der Küche fand er Kai, der wordos eine Flasche Wodka anstarrte. Sie tranken zusammen, stumm, bis die Bilder verblassten. Oben, im anderen Flügel des riesigen, dunklen Hauses, weinte Ben leise in Noahs Armen, während aus Laras Zimmer kein Laut drang.