Chapter 48: Chapter 48
The fünfzig Euro lag noch auf dem Tisch, ein knitteriger, anklagender Schein. Finn ließ ihn liegen, als er zwei Tage später seinen Laptop aufklappte. Seine Wohnung roch immer noch nach ihnen, nach Wodka und männlichem Schweiß und dieser bitteren Traurigkeit. Die Striemen auf seinem Rücken waren gelbgrüne Flecken geworden, sanfte Erinnerungen an Janis’ Hände.
Sein Handy vibrirte.
Jannis (21:47): Hast du’s gemacht?
Finn öffnete Grindr. Sein Profilbild, ein verschwommener Ausschnitt seines Nackens, war noch online. Er drückte länger auf das Symbol, bis das Menü aufpoppte. Profil löschen. Er tippte. Die App fragte nach einer Bestätigung. Er bestätigte.
Finn (21:49): Ja. Deins auch?
Eine Minute verging. Dann eine Benachrichtigung. Ein Screenshot. Jannis’ Grindr-Profil, die Löschbestätigung.
Jannis (21:50): Jetzt gehörst du nur noch mir. Zumindest digital.
Finn (21:51): Und du mir?
Jannis (21:52): Mach den Laptop an. Ich kann nicht mehr atmen hier.
Die Skype-Verbindung war schlecht, das Bild ruckelte. Jannis saß in seinem alten Zimmer in der Feuerwehrkaserne in Essen, das karge Bett im Hintergrund. Er trug nur eine graue Jogginghose, sein Oberkörper war breit, von der Arbeit draußen sonnengebräunt. Seine Augen waren dunkle Ringe.
„Siehst du?“, sagte Jannis, seine Stimme verzert durch die schlechte Qualität. „Kein Arsch hier. Nur ich.“
Finn lehnte sich in seinem unbequemen Schreibtischstuhl zurück. Er trug Boxershorts, sonst nichts. Die Kälte des Zimmers kroch über seine Haut. „Und was machen wir jetzt?“
„Was wir immer machen“, sagte Jannis. Er griff unter den Bund seiner Hose. „Wir überleben. Aber heute ohne andere Gesichter. Nur unseres.“
Seine Hand bewegte sich langsam, eine deutliche Masse formte sich unter dem dünnen Stoff. Finns Mund wurde trocken. Er schob seine eigenen Boxershorts herunter, ließ seinen schon halb steifen Schwanz frei. Die Luft war kühl auf seiner Haut.
„Zeig’s mir“, knurrte Jannis durch den Laptop.
Finn richtete die Kamera tiefer, erfasste seinen Schoß, seinen erhobenen Penis. Er legte den Kopf zurück, begann mit langsamen, festen Zügen sich selbst zu bearbeiten. Auf dem Bildschirm sah er, wie Jannis seine Jogginghose komplett herunterstieß. Sein Schwanz sprang frei, dick und schwer, die Spitze schon feucht.
„Fick, Finn“, stöhnte Jannis. Er spuckte in seine Hand, schmierte sich das Präejakulat über die Eichel. „Genau so. Stell dir vor, es wäre mein Mund.“
Finn schloss die Augen. Die Vorstellung war zu stark, zu real. Die Erinnerung an Janis’ brutalen Griff, seinen Geschmack, den Druck seiner Zunge. Seine Hand beschleunigte, wurde wilder. Das leise, feuchte Schmatzen seiner Faust füllte den stillen Raum.
„Nein, Augen auf!“, befahl Jannis. Seine Stimme war rau, dominant. „Sieh mich an, wenn du dir einen runterholst. Sieh zu, wie ich es mache.“
Finn öffnete die Augen. Auf dem Bildschirm war Jannis’ Gesicht eine Maske konzentrierter Gier. Seine eigene, große Hand fuhr seinen Schaft rauf und runter, der Daumen rieb hart über die sensible Stelle unten am Kopf. Sein anderer Arm war hinter dem Kopf verschränkt, die Muskeln seines Bauches spannten sich.
„Du hast mir noch nicht gesagt, wie sehr du es brauchst“, sagte Jannis, sein Atem ging schnell. „Sag es mir. Auf Deutsch. Kein geficktes Englisch dazwischen.“
„Ich brauch’s“, keuchte Finn, sein Blick auf den pixeligen Bildschirm geheftet. „Ich brauch’ deinen Schwanz, Jannis. In mir. So tief es geht.“
„Wo?“, fuhr Jannis ihn an, seine Handarbeit wurde rasanter, roher.
„In meinem Arsch“, rief Finn, seine Hüften hoben sich vom Stuhl. „Fick mich leer, bitte. Ich will dein Sperma in mir spüren. Ich will, dass es aus mir rausläuft.“
„Das wird es“, versprach Jannis, sein Gesicht verzerrte sich vor Anstrengung. „Ich füll dich, bis du überläufst. Und du schluckst jeden Tropfen. Ist das klar?“
„Ja!“ Finns Hand war eine rasende Maschine. Der Druck in seinem Unterleib war unerträglich, ein kochender Knoten. Er sah, wie Janis’ Bauchmuskeln zuckten, ein sicheres Zeichen.
„Jetzt!“, brüllte Jannis ins Mikrofon, sein Körper krümmte sich. „Jetzt, du kleine Hure! Komm für mich!“
Es war der Befehl, der den Auslöser drückte. Finns Orgasmus schoss durch ihn hindurch, ein weißer Blitz, der ihm den Atem raubte. Sein Sperma spritzte in hohen Stößen auf seinen Bauch, warm und dick. Gleichzeitig, auf dem Bildschirm, sah er, wie Jannis mit einem erstickten Schrei zusammenzuckte, Ströme über seine eigene Hand und seinen Bauch pulsieren ließ.
Für einen Moment gab es nur das keuchende Geräusch ihrer Atemzüge, verzerrt durch die Lautsprecher.
Das Bild gefror, dann wurde es wieder flüssig. Jannis sah erschöpft aus, leer. Er griff nach einem T-Shirt, wischte sich grob ab.
„Das war…“, fing Finn an, seine Stimme war heiser.
„Scheiße“, beendete Jannis den Satz für ihn. Er lächelte, aber es war ein trauriger, schiefer Mundzug. „Ja. Aber unsere Scheiße.“
Er lehnte sich vor zur Kamera, sein Pixelgesicht füllte den Bildschirm. „Ich hasse das. Ich hasse jeden fucking Meter zwischen uns.“
„Ich auch“, flüsterte Finn.
Finn (22:11): Das hat sich ech
Fortsetzung von Kapitel 48:
Finn (22:11): Das hat sich echt wie Vergewaltigung angefühlt. Guter Art. Meine Schleimhäute brennen noch.
Jannis (22:13): Deine Schuld. Du provozierst es. Hast die Striemen immer noch?
Finn schoss ein Foto seines Rückens, das gelb-grüne Flecken in der schlechten Beleuchtung zeigte. Es sah aus wie ein abstraktes Gemälde, ein Beweisstück.
Finn (22:14): Beweisstück A. Du bist ein Tier.
Jannis (22:15): Das Paket ist da. Mach deins auf.
Finn zog eine Hose an und ging zur Tür. Der schmale Karton lag auf dem Fußabtreter. Er trug kein Absenderlogo. Er brachte ihn ins Wohnzimmer, öffnete ihn mit zitternden Fingern. Drinnen lag, in schlichtem Schaumstoff gebettet, ein schlankes, graues Silikonteil und eine kleine Fernbedienung.
Es war ein Plug. Und eine App war verlinkt.
Jannis (22:18): Meins ist größer. Der Vibrator. Für dich.
Finn (22:19): Du willst mich fernsteuern?
Jannis (22:20): Ich will dich jederzeit ficken können. Wenn sie den Kleinen fragt, warum Papa so komisch guckt. Wenn ich einkaufen bin. Immer. Steck ihn rein.
Finn holte das Gleitgel aus dem Badezimmer. Er setzte sich auf die kalten Dielen, den Rücken gegen das Bett gelehnt. Sein Herz hämmerte absurd. Mit geglätteten Fingern führte er sich die silikonbeschichtete Spitze langsam ein. Es war kühl und glatt, ein vollkommen fremdes Gefühl der Penetration ohne den menschlichen Widerstand, ohne den Geruch, ohne die Wärme von Jannis’ Haut.
Es piepste leise. Auf seinem Handybildschirm öffnete sich eine einfache Oberfläche. Ein Regler. Ein Pulsmodus. Ein leerer Raum für einen Avatar-Namen. Er tippte „Fickstück“ ein.
Jannis (22:25): Verbunden. Ich spüre nichts.
Finn (22:26): Du sollst auch nichts spüren. Du sollst kontrollieren.
Die Vibration begann tief und summend, ein permanentes, nervöses Brummen tief in seinem Körper. Er holte tief Luft. Auf dem Bildschirm änderte sich das Muster. Zwei kurze, harte Pulse.
Jannis (22:27): Das heißt „Hallo“.
Finn lächelte trotz allem. Er schrieb zurück.
Finn (22:28): Es kitzelt.
Jannis (22:29): Es soll nicht kitzeln.
Plötzlich drehte die Vibration hoch. Nicht stufenweise, sondern mit einem direkten, aggressiven Sprung in eine mittlere Frequenz, die sein gesamtes Becken in Aufruhr versetzte. Finn zuckte zusammen, ein erstickter Laut entwich ihm. Es war invasiv, unmöglich zu ignorieren.
Jannis (22:30): Jetzt?
Auf dem Bildschirm: ein langer, langsamer Puls, der sich steigerte, dann abrupt abbrach. Es fühlte sich an wie ein simulierter, tiefer Stoß.
Finn (22:31): Jetzt fühlt es sich an, als würdest du mich gerade schwer atmen lassen.
Eine Nachricht kam, keine Steuerung. Ein Foto. Jannis, offenbar auf der Toilette der Kaserne, hielt einen ähnlichen, aber dickeren Vibrator in der Hand. Seine andere Hand umfasste seinen bereits wieder halb erigierten Schwanz.
Jannis (22:33): Den hier hab ich jetzt drin. Und du steuerst ihn. Gegenseitig. Wir sind fertig mit Worten.
Finn wechselte in die App. Jannis’ Gerät erschien als „Bruder01“. Er tippte auf das Puls-Symbol und wählte ein schnelles, hackendes Muster. Das Foto warf Janis’ Kopf nach hinten, sein Mund stand offen.
Kurze Rückmeldung: Sein eigenes Gerät ging in einen wütend schnellen, konstanten Modus über, der sein gesamtes Bewusstsein auf diesen einen Punkt in seinem Körper zentrierte. Er stemmte die Füße gegen den Boden, sein Kopf fiel gegen die Matratze. Es war kein Lustgefühl mehr, es war reine Neurosentiberreizung.
Finn (22:35): Zu viel.
Jannis (22:36): Nein. Nimm es. Für mich.
Sie steigerten sich in einen stummen, digitalen Wettkampf, ein gegenseitiges Foltern durch Berührungslosigkeit. Finn schaltete Janis’ Vibrator auf Maximum, hörte das gedämpfte, sum mende Geräusch aus seinem eigenen Gerät als unmittelbare Vergeltung. Er presste die Hand gegen seinen Mund, um nicht zu stöhnen. Seine Hose spannte sich unerträglich über seiner Erektion.
Jannis (22:41): Ich komm. Mit deinem Dildo im Arsch. Du bist eine nutzlose, ferngesteuerte Wichsvorlage.
Das war der Auslöser. Die Demütigung, die Wahrheit, die absurde Intimität. Finns Hüften zuckten unwillkürlich, sein Rücken bog sich, während der Vibrator in ihm auf ein neues, rasendes Plateau hochfuhr. Er kam, trocken, ein krampfhafter, quälender Orgasmus, der durch seinen gesamten Unterleib schoss, begleitet nur von einem dumpfen, elektronischen Brummen.
Auf dem Bildschirm des Handys blieb das Foto von Janis’ angespanntem, ekstatischem Gesicht stehen. Dann ein neues Bild. Ein verschmiertes Bild seines Bauches, weiß auf Haut.
Jannis (22:43): Siehst du? Deine Schuld.
Sie lagen minutenlang da, in ihren jeweiligen Räumen, nur verbunden durch die schwache Vibration der jetzt im Standby-Modus laufenden Geräte und das Keuchen ihrer Atemzüge in das Mikrofon.
„Ich will das nicht mehr“, sagte Finn schließlich, seine Stimme war zerstört. Das Silikon in ihm fühlte sich plötzlich ekelhaft an, ein kalter Fremdkörper.
„Was willst du?“, kam Janis’ Stimme, ebenso erschöpft.
„Dich. Daneben liegen. Aufwachen. Den Kaffee machen, während du duschst. Deine scheißfeuchten Handtücher auf dem Boden.“ Finn zog die Knie an die Brust. Der Vibrator bewegte sich leicht, ein gespenstisches Echo. „Ich will den Alltag. Den dreckigen, langweiligen Alltag. Mit dir.“
Es gab eine lange Pause. Finn konnte Janis’ Atmen hören, das leise Rascheln von Stoff.
„Das können wir nicht haben“, sagte Janis, seine Stimme war jetzt ganz sachlich, die Stimme des älteren Bruders, der die Realität erklärte. „Maja. Die Jungs. Die Feuerwehr. Alles. Das brennt alles ab.“
„Dann lass es abbrennen“, flüsterte Finn. Er zog das Gerät mit einem widerlichen, saugenden Geräusch aus sich heraus. „Ich ertrage dieses Leben auf Abruf nicht mehr. Diese gefrorenen Fotos. Diese verdammten Plastikdinger in uns.“
„Und was schlägst du vor?“ Janis’ Frage war eine Falle. Sie wussten beide die Antwort.
„Du ziehst aus. Nicht zu mir. Irgendwo in der Mitte. Eine andere Stadt. Ich auch. Wir… finden etwas.“ Sogar als er es sagte, klang es lächerlich, unerreichbar. „Wir müssen nur vorsichtig sein mit den Papieren. Getrennte Mietverträge. Vielleicht über eine GmbH.“
Janis lachte, ein hohler, müder Laut. „Eine GmbH. Fürs Arschficken. Ist notiert.“
„Es ist ein Plan. Mehr als wir je hatten.“
Wieder Stille. Dann ein Klackern, das Geräusch eines leeren, kleinen Kartons, der zur Seite geworfen wurde.
„Köln“, sagte Janis plötzlich. „Da ist niemand, den wir kennen. Ich kann mich vielleicht bei der Berufsfeuerwehr bewerben. Du… du findest was als Kurier oder so.“
„Köln“, wiederholte Finn, und das Wort schmeckte nach Möglichkeit, nach Gefahr, nach einer unsichtbaren Grenze, die sie überschreiten würden. Es war ein Ziel. Es war Wahnsinn.
„Aber langsam“, sagte Janis, und seine Stimme bekam wieder die alte, befehlende Härte. „Sehr langsam. Keine plötzlichen Bewegungen. Wir sparen. Wir planen. Und bis dahin…“
Auf Finns Telefon vibrierte die App erneut. Ein sanfter, wellenartiger Puls begann in dem jetzt neben ihm auf dem Boden liegenden Gerät.
„…bis dahin üben wir mit der Fernbedienung“, beendete Jannis den Satz, und Finn konnte das perverse Grinsen in seiner Stimme hören.
„Bis dahin“, fuhr Jannis’ Stimme aus dem Telefon, jetzt dick vor Absicht, „liegst du da und lässt dich von mir fernen. Ohne auch nur einen Finger zu rühren. Verstanden?“
Das Vibrationsmuster wechselte erneut. Es pulsierte nun in einem unregelmäßigen, tückischen Rhythmus, der Finns Konzentration zermürbte. Mal war es ein sanftes Summen, dann zwei heftige Stöße, die ihm die Luft aus den Lungen pressten. Er biss auf seine Unterlippe, bis er Blut schmeckte.
„Ja“, keuchte er.
„Ja, was?“
„Ja, verstanden.“ Finn schloss die Augen, versuchte, dem elektronischen Eindringling in seinem Körper zu entfliehen, aber jede Vibration zog ihn tiefer in den Sog. Seine Hand wanderte gegen seinen Willen zu seinem Schwanz, der steif und vernachlässigt gegen seinen Bauch klopfte.
„Hand weg“, befahl Jannis, als sähe er ihn. „Du rührst dich nicht an. Nur ich. Das ist die Übung. Die Vorbereitung.“
„Wofür?“, stöhnte Finn.
„Für Köln. Für die Wohnung. Stell dir vor…“ Jannis’ Stimme wurde zu einem direkten, heißen Flüstern im Ohr. „…ich komme heim von der Wache. Du bist schon da. Hast gekocht oder so einen Scheiß. Ich komm zur Tür rein, stinkend nach Rauch. Und du stehst einfach da. Und ich muss dich nicht erst anrufen. Ich muss nicht fragen. Ich gehe einfach zu dir, pack dich, dreh dich um und fick dich gegen die Küchenzeile. Weil es meine Küche ist. Unsere. Jederzeit.“
Das Bild war zu konkret, zu verlockend. Finns Hüften zuckten einmal, unwillkürlich, und er stieß einen erstickten Laut aus. Der Vibrator antwortete mit einer Serie kurzer, harter Vibrationen, wie ein tätlicher Tadel.
„Du kommst viel zu schnell, Kleiner“, lachte Jannis. „Das müssen wir dir abgewöhnen. In Köln werde ich dich stundenlang auf der Kante halten. Bis du weinst.“
„Köln“, wiederholte Finn, das Wort war ein Anker, ein Gebet. Seine Finger gruben sich in die Dielen. „Zwei getrennte Wohnungen. Näher am Bahnhof für dich. Eine möblierte für mich erstmal. Wir müssen Listen machen. Kosten.“
„Du mit deinen Listen“, sagte Jannis, aber seine Stimme war weich, fast zärtlich. Auf Finns Handy erschien eine neue Benachrichtigung – ein geteilter Notizzettel. Die Überschrift: „Köln-Scheiße“.
Ein Eintrag stand schon da, von Jannis: Berufsfeuerwehr Köln Bewerbungsfrist checken. Schweigepflicht-Entbindung?
Finn tippte mit zittriger Hand darunter: Kurierdienst-Bewerbungen. Eventuell Fahrradkurier, unauffällig. Depot in Ehrenfeld?
Der Vibrator summte sanft, ein surrendes Lob. Jannis musterte die Liste. „Wir brauchen neue Nummern. Prepaid-Handys. Nur füreinander.“
Neue SIM-Karten, tippte Finn. Zwei verschiedene Läden. Bar bezahlen.
„Bar bezahlen“, murmelte Jannis nach. Sein Atem ging schneller. Der nächste Eintrag erschien von seiner Seite: Erstbesichtigung-Termin sammeln. Fotos von Außenseite nur.
Die administrative Brutalität davon, der nüchterne Kontrast zu dem, was in Finns Körper vorging, trieb ihn in einen neuen Zustand panischer Erregung. Der Vibrator lief jetzt auf einer konstanten, mittleren Frequenz, einem unerbittlichen Arbeitsgeräusch. Planen und kommen. Flüchten und sich fesseln. Es war derselbe verdrehte Impuls.
„Du wirst mir Schlüssel geben“, sagte Finn, seine Stimme überlagerte sich mit dem leisen Summen. „Ich werde Blumen auf den Balkon stellen. Wir können keinen gemeinsamen Mietvertrag haben, aber ich werde deine verdammten Blumen gießen.“
Jannis stöhnte auf der anderen Seite, ein langes, surrendes Geräusch. „Hör auf.“
„Warum?“
„Weil ich mir jetzt meinen eigenen Schwanz in der Faust halte und daran denke, wie du in meiner Wohnung rumläufst. In meinen Klamotten. Mit meinem Geruch an dir.“ Jannis’ Worte kamen in abgehackten Stößen. „Und ich denke an die Kaution. Und an den Umzugswagen. Und daran, dass wir das niemals schaffen.“
„Doch“, widersprach Finn heiser. Er konnte es hören – das feuchte, schnelle Gleiten von Jannis’ Hand. Das kannte er. Das war das Geräusch seiner Niederlage, seiner Hoffnung. „Wir schaffen das. Wir kaufen einen gebrauchten Transit. Packen nachts ein. Ich fahre ihn. Du folgst später.“
Umzugswagen, tippte Jannis in die Liste. Stellplatz?
Der Vibrator in Finn sprang ohne Vorwarnung auf sein Maximum. Das Brummen war ein aggressives, schmerzhaftes Dröhnen, das seinen gesamten Unterkörper in einen einzigen verkrampften Muskel verwandelte. Er schrie auf, ein kurzer, heiserer Schrei, und kam gleichzeitig, zuckend, ein trockener, quälender Orgasmus, der ihn leer und zitternd zurückließ.
Auf der Leitung war es still, bis auf Jannis’ schweres Keuchen. Dann ein leises Klicken. Das Summen in Finn stoppte jäh.
„Gebüsch“, sagte Jannis, seine Stimme war rau und völlig verbraucht. „Wir müssen den Wagen in einem Gebüsch abstellen, zwischen den Städten. Wo niemand hinschaut. Da. Da packen wir um.“
Finn lag regungslos da, sein Körper pulsierte noch von den Nachwehen. Seine Augen waren auf die Decke gerichtet, auf den Wasserschaden, der wie eine unbekannte Küste geformt war. Eine Küste bei Köln, vielleicht.
„Okay“, flüsterte er. „In einem Gebüsch.“
„Ich muss auflegen“, sagte Jannis, und seine Stimme brach vollends. „Die Nachtschicht ruft.“
Dann war die Leitung tot. Nur der geteilte Notizzettel auf Finns Bildschirm blieb, ein kaltes, digitales Protokoll ihrer kollektiven Manie. Unter Umzugswagen tippte Finn mit letzter Kraft:
Decke fürs Gebüsch mitnehmen. Und Gleitgel.
Die nächsten vierundzwanzig Stunden zogen sich hin wie zähes Harz. Der „Köln-Scheiße“-Notizzettel wurde länger, eine kryptische Litanei aus Kostenaufstellungen, Bahnverbindungen und misstrauischen Fragen. Finn ging zur Arbeit, verteilte Flyer für ein neues Sushi-Restaurant in den muffigen Treppenhäusern von Altona, und jede Bewegung erinnerte ihn an die tiefe, bleierne Müdigkeit in seinen Knochen und den dumpfen Schmerz, der immer noch zwischen seinen Beinen nachhallte. Sein Handy blieb stumm. Die Stille war absichtlich, ein Druck, der zwischen den Städten aufgebaut wurde.
Gegen Abend dann eine einzelne Nachricht, die sein Herz in die Kehle trieb.
Jannis (19:03): Du bist still.
Finn (19:05): Du auch.
Jannis (19:06): Bin beim Briefkasten. Mails checken. Scheiß行政.
Die Tippfehler, das verhunzte Wort, verrieten seine Erschöpfung. Finn lehnte sich an die kühle Kachelwand seiner Küche. Der Regen prasselte wieder gegen das Fenster.
Finn (19:08): Und?
Ein Foto folgte. Das Logo der Berufsfeuerwehr Köln auf einem offiziellen PDF-Bogen. Darunter, im Betreff: „Eingangsbestätigung Ihrer Bewerbung“.
Ein kalter Schauer, der nichts mit der Kachelwand zu tun hatte, lief Finn den Rücken hinunter. Es war real. Der erste, offizielle Schritt in den Abgrund. Er griff nach sich selbst, durch den groben Stoff seiner Arbeitshose, spürte die sofortige, empörende Reaktion seines Körpers.
Finn (19:09): Heilige Scheiße.
Jannis (19:10): Ja. Dein Zug.
Seine Hand tastete nach dem Hosenknopf, öffnete ihn. Die Luft war kühl auf seiner Haut. Er schickte ein Gegenfoto: seinen eigenen erigierten Schwanz, halb aus der Hose befreit, vor dem grieseligen Hintergrund seiner spärlichen Küche.
Finn (19:11): Mein Zug ist schon abgefahren. Seit du das Foto geschickt hast.
Jannis (19:13): Zeig mir mehr.
Finn trat aus der Hose, stieß sie zur Seite. Er lehnte sich gegen die Spüle, das kalte Porzellan gegen sein nacktes Gesäß. Das Handy in einer Hand, filmte er mit der anderen, wie er sich langsam, fordernd einen runterholte. Sein Atem beschlug die Linse.
Jannis (19:15): Langsamer. Du kommst zu schnell. Wir haben Zeit.
Finn (19:16): Nein. Haben wir nicht. Jede Minute ohne dich ist verschwendet.
Sein Daumen strich über die empfindliche Spitze, sammelte das klare, klebrige Präejakulat. Er zoomte heran, schickte das Detail.
Finn (19:17): Das ist für dich. Weil du dich beworben hast.
Die Antwort ließ auf sich warten. Sekunden dehnten sich. Finns Hand bewegte sich weiter, ein schnelleres, verzweifelteres Tempo. Dann, endlich, ein Videoanruf. Finn nahm an.
Jannis’ Gesicht füllte den Bildschirm. Er saß in seinem Auto, parkt offenbar irgendwo auf einem leeren Supermarktparkplatz. Die Innenraumbeleuchtung warf harte Schatten. Seine Augen waren blutunterlaufen, sein Stoppelbart noch dichter als sonst.
„Sound aus“, befahl Jannis, seine Lippen bewegten sich deutlich. „Nur Bild.“
Finn schaltete das Mikrofon stumm. Auf dem Bildschirm sah er, wie Jannis das Handy irgendwo befestigte, den Blick auf sich gerichtet. Dann griff er in seinen Schlitz, holte seinen bereits steifen Schwanz hervor. Er war hart, die Adern traten deutlich unter der Haut hervor.
„So“, murmelte Jannis, und Finn konnte es von den Lippen ablesen. „Jetzt siehst du, was dein verdammtes Foto angerichtet hat.“
Seine Hand schloss sich um den Schaft, begann einen langsamen, abgemessenen Rhythmus. Sein Blick war direkt in die Kamera gerichtet, eine glühende, unverhohlene Herausforderung. Finn presste seine eigene Kamera gegen seinen Körper, zeigte Jannis den Blick entlang seines eigenen nackten Körpers, hinunter zu seiner eifrigen, schnellen Hand.
Jannis schüttelte den Kopf. „Langsamer“, formte er mit den Lippen.
Finn reduzierte das Tempo, bis es einem qualvollen Warten glich. Die Spannung kroch dennoch höher, ein kribbelnder Strom unter seiner Haut. Auf dem Bildschirm sah er, wie Jannis’ andere Hand sich löste, seinen Hodensack umfasste, fest drückte. Ein leises Stöhnen verzerrte Jannis’ Gesicht.
Sie masturbierten sich so, über die Distanz hinweg, ein stummes Duett aus Gier und Verzweiflung. Kein Spielzeug, nur Fleisch gegen Fleisch, der eigene Griff als Ersatz für den des anderen. Das Einzige, was sie verband, war der brennende Blick in die jeweilige Kamera, die insistierende Suche nach der winzigen Verzögerung im Livestream, die Illusion von Gegenwart.
Finn spürte den Orgasmus sich zusammenziehen, einen unaufhaltsamen Zug in seinem Unterleib. Seine Beine zitterten. Er hielt das Handy weiter auf seinen Schoß gerichtet, ein letzter Akt der Demut und Hingabe. Jannis’ Bewegungen wurden ruckartiger, heftiger. Sein Kopf fiel gegen die Kopfstütze, sein Mund öffnete sich zu einem stummen Schrei.
Im gleichen Augenblick, als Finns Samen über seine Finger und den Küchenboden spritzte, sah er, wie Jannis zusammenzuckte, sah die weißen, dicken Ströme, die über seine Finger und sein Hemd pulsieren. Das Video blieb für einen ewig langen Moment auf diesem Bild stehen: Jannis, erschöpft, besudelt, besiegt von seiner eigenen Begierde.
Das Bild wurde schwarz. Eine Textnachricht tauchte auf.
Jannis (19:28): In vier Wochen ist das Vorstellungsgespräch. In Köln.
Finn, immer noch keuchend, die Knie weich, wischte sich mit einem Küchentuch ab. Seine Finger zitterten.
Finn (19:30): Ich komme mit. Wir suchen Wohnungen. Für mich. Und für dich.
Jannis (19:31): Getrennte Bezirke.
Finn (19:32): Getrennte Bezirke. Ich buche ein Hotel. Für zwei Nächte.
Eine Pause. Das Signal war geladen mit allem, was nicht gesagt wurde.
Jannis (19:34): Buch ein Zimmer mit einem großen Arsch Bett. Ich bring die Kette mit. Und das Gleitgel.
Finn schloss die Augen. Er sah sie vor sich, in einem anonymen Hotelzimmer, den Geruch nach Neutralreinigern und ihren eigenen Exzessen. Er sah die Kette. Er spürte sie schon.
Finn (19:36): Ich buch es. Ich pack schon mal.
Er beendete den Anruf. Der leere Parkplatz auf seinem Bildschirm wich dem Spülbecken voller schmutzigem Geschirr. Er hatte nicht gepackt. Er hatte nichts. Nur eine Liste. Und jetzt ein Datum.
Er ging zum Schrank, holte einen alten, ausgeblichenen Sportrucksack hervor. Er warf ein paar T-Shirts hinein. Eine Zahnbürste. Das Buch über Stadtplanung, das er nie las. Die Geste war klein, fast lächerlich.
Aber sie war ein Anfang. Er zog den Reißverschluss zu. Das Geräusch schnitt durch die Stille der Wohnung wie ein Messer.