Chapter 61: Chapter 61
Die Tür zum Haus war verschlossen. Nicht einfach zu, sondern mit einem finalen, metallischen Knacken verriegelt. Jannis stand auf der Schwelle, einen Koffer in der Hand, die andere in der Hosentasche vergraben. Die Nachmittagssonne spiegelte sich kalt in den großen Fenstern wider. Lukas hatte das Geld überwiesen, sauber und kommentarlos. Fünfhunderttausend Euro für seinen Anteil, für sein Schweigen, für sein Verschwinden. Ein Schnäppchen, wenn man den Marktwert betrachtete. Ein Almosen, wenn man die zwanzig Jahre davor betrachtete.
Leo wartete auf der anderen Straßenseite, auf einer niedrigen Mauer sitzend, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Er sagte nichts, als Jannis auf ihn zukam. Sein Blick war eine Mischung aus Triumph und Trauer.
„Und?“ fragte Leo schließlich. Seine Stimme klang heiser.
„Und nichts.“ Jannis ließ den Koffer auf das Pflaster klappen. „Es ist vorbei.“
Sie gingen zum Hotel, einem mittelgroßen, anonymen Gebäude in der Nähe des Hauptbahnhofs. Keine „Bohème“, kein schmuddeliges Stundenhotel mehr. Dies hier hatte einen marmornen Empfang, gedämpfte Beleuchtung und den Geruch von teurem Reinigungsmittel. Ein Übergangsheim. Eine Wartezone.
Das Zimmer war steril und groß. Ein riesiges Bett, ein Schreibtisch aus Glas, ein riesiger Fernseher, eine Minibar. Ein Fenster mit Blick auf die grauen Dächer von Oberhausen. Leo ließ sich rücklings aufs Bett fallen, die Arme ausgestreckt. „Scheiße, das ist ja fast so groß wie dein ganzes Zimmer im Haus.“
„Es ist leer,“ sagte Jannis und stellte den Koffer ab. Er fühlte sich leer. Ausgebrannt. Die Transaktion hatte ihn nicht erleichtert, sondern ausgelöscht.
Leo sprang auf, ging zur Minibar. Er riss die Tür auf. „Voll! Wodka, Gin, sogar Sekt!“ Er zog eine kleine Flasche Wodka heraus, öffnete sie, und trank einen großen Schluck direkt daraus. Er verzog das Gesicht, dann grinste er. „Das ist jetzt deins, oder? Alles hier?“
„Ja.“
„Dann feiern wir.“ Leo trank noch einen Schluck, reichte Jannis die Flasche. „Auf die Freiheit.“
Jannis nahm einen Zug. Der Wodka brannte, aber er spürte kaum etwas. Eine Taubheit hatte sich in ihm ausgebreitet. Leo beobachtete ihn, sein Grissen wich einem nachdenklichen Ausdruck. Er trat näher, nahm Jannis das Gesicht in die Hände. „Hey. Du bist jetzt frei. Von ihm. Von ihnen. Das ist gut.“
„Ich weiß nicht, was ich bin,“ sagte Jannis ehrlich.
„Meins,“ sagte Leo einfach und küsste ihn. Es war ein kühner, nach Wodka schmeckender Kuss. Seine Hände wanderten zu Jannis‘ Hose, öffneten den Hosenbund. „Ich will dich. Hier. Auf diesem riesigen, leeren Bett. Jetzt sofort.“
Der Sex war anders als zuvor. Es war kein verzweifeltes Klammern, keine trotzige Rebellion. Es war eine Besitzergreifung. Leo, angeheizt von Alkohol und einem neuen Gefühl der Erlaubnis, war fordernd, fast herrisch. Er schubste Jannis auf das Bett, knöpfte ihm das Hemd auf, zog ihm die Hose und die Unterhose herunter. Dann, ohne ein Wort, drehte er Jannis auf den Bauch.
„Heute bin ich dran,“ sagte Leo, seine Stimme war dick vor Lust und Machtgefühl. „Du liegst da einfach und nimmst es.“
Jannis protestierte nicht. Er legte den Kopf auf die kühlen Laken und schloss die Augen. Er hörte, wie Leo die Flasche Gleitgel aus der Tasche zog, die er mittlerweile immer bei sich trug. Das Geräusch der Öffnung. Das feuchte Schmatzen, als Leo sich selbst präparierte.
Dann spürte er Leos Hände an seinen Pobacken, die sie auseinanderzogen. Die kalte, glibberige Spitze des Gleitgels drückte gegen sein Loch. Jannis atmete tief ein. Leo drang langsam ein, sein leicht gekrümmter Schwanz war ein brennender, füllender Eindringling. Er war nicht sanft. Er stieß zu, einmal, hart, bis er vollständig in Jannis steckte.
„Fick ja,“ keuchte Leo von oben. Seine Hände umklammerten Jannis‘ Hüften, seine Fingernägel gruben sich ins Fleisch. „So voll. Du nimmst mich so gut auf, du geile Sau.“
Er begann zu stoßen, ein rücksichtsloser, animalischer Rhythmus. Das Bett schwang und knarrte unter ihrem Gewicht. Jannis drückte sein Gesicht in die Matratze, jedes stoßende Eindringen trieb ihn vorwärts. Der Schmerz vermischte sich mit einem tiefen, demütigenden Vergnügen. Leo besaß ihn. Hier, in diesem anonymen Raum, auf seinem eigenen Geld gekauftes Terrain. Es war eine vollständige Kapitulation.
„Sag es,“ schnauzte Leo, sein Tempo erhöhend. Seine Hiebe wurden ungleichmäßig, hektisch. „Sag, wessen Arsch das ist.“
„Deiner,“ presste Jannis hervor, die Worte wurden ihm aus den Lungen gepresst. „Dein Arsch. Alles dein.“
„Genau so.“ Leo verlor den Rhythmus, sein Körper zitterte, dann stieß er ein ersticktes Stöhnen aus und kam tief in Jannis. Seine Nägel hinterließen Halbmonde auf Jannis‘ Haut. Er kollabierte über ihm, keuchte.
Sie blieben so liegen, verbunden, verschwitzt. Der Geruch von Sex und Wodka füllte das Zimmer. Leo küsste Jannis‘ Schulterblatt. „Wir machen hier Party,“ murmelte er. „Nicht nur du und ich. Eine richtige Party. Dieses Wochenende.“
Jannis drehte den Kopf. „Was? Hier? Das ist verrückt.“
„Genau deswegen.“ Leo rollte zur Seite, sein Schwanz glitt aus Jannis heraus. „Ich lade ein paar Leute ein. Von der Schule. Von… überall. Wir haben die Kohle jetzt, oder? Wir kaufen alles ein. Wir machen die Hütte heiß.“ Seine Augen leuchteten auf, erfüllt von einem überschäumenden, anarchistischen Plan. „Wir werden absolut abstürzen. Absolut einen abfeiern.“
Die Idee war furchtbar und unwiderstehlich. Eine Zerstörung dieses sterilen Raumes. Eine Besetzung. Jannis schwieg einen Moment. Dann sah er die Funken in Leos Augen, die pure, ungefilterte Lebenslust. Er hatte ihm gesagt, er wolle ihm alles zeigen. Vielleicht war das die andere Seite: das Chaos.
„Okay,“ sagte Jannis. Seine Stimme klang fremd. „Lass uns abstürzen.“
Die Vorbereitungen waren ein hektischer Rausch. Leo, im Element, organisierte alles mit der Energie eines Feldherrn. Er bestellte Kisten mit Bier und billigem Schnaps online, ließ sie direkt an die Hotelrezeption liefern. Er sprach mit dem Nachtportier, einem müden Mann namens Henrik, und schob ihm zweihundert Euro in die Hand für „eventuelle Lärmbeschwerden“. Er lud Leute ein – freche Mädchen aus seinem Kunstkurs, schüchterne Jungs aus dem Technikunterricht, ein paar wilde Gestalten, von denen Jannis nicht wusste, woher Leo sie kannte.
Jannis war der Bankier. Er bezahlte alles. Die Alkoholschwemme, die herbeigeschafften Boxen mit Energy-Drinks als Mixer, die meterweise Plastikbecher, die Chips und Salzstangen. Das Geld von Lukas verbrannte ein Loch in seinem Konto und in seiner Seele. Jeder ausgegebene Euro fühlte sich wie eine kleine Rache an, eine Verunreinigung des sauberen, blutleeren Kaufpreises.
Samstagabend. Das Hotelzimmer war verwandelt. Die sauberen Linien waren verschwunden unter Menschenmassen, Bierflaschen, der brodelnden Energie von vielleicht dreißig Teenagern und jungen Zwanzigern. Die Musik dröhnte aus einem mitgebrachten Bluetooth-Lautsprecher, basslastig und monoton. Die Luft war dick vom Rauch von E-Zigaretten und dem süßlichen Dunst von billigem Vodka.
Leo war überall. Er trug ein enges schwarzes Shirt, seine Augen glänzten vor Animateur-Euphorie. Er schenkte Drinks ein, zog Leute zum Tanzen, lachte mit einem kehligen, freien Lachen, das Jannis nie zuvor gehört hatte. Er gehörte hierher, in diesen lärmenden, chaotischen Mob. Er war der König des Abends.
Jannis stand am Rande, lehnte am geschlossenen Fenster und beobachtete. Er fühlte sich uralt. Eine Ruine inmitten der Feier. Er trank Wodka aus einem Plastikbecher, einen nach dem anderen, und versuchte, die Lücke zu schließen, die sich zwischen ihm und der Lebenskraft im Raum auftat.
Irgendwann kam Leo zu ihm, schwitzend und strahlend. „Gefällt‘s dir?“ brüllte er gegen die Musik an.
Jannis zog ihn an sich, küsste ihn hart auf den Mund, eine Geste des Besitzes in der Menge. „Du bist verrückt.“
„Du machst mich verrückt!“ rief Leo und griff nach Jannis‘ Becher, trank einen großen Schluck. Seine Augen wurden glasig, sein Grissen schief. „Ich bin so verdammt hammergeil heute! Willst du mich ficken? Jetzt? Vor allen?“
Die Frage war ernst gemeint. Jannis sah den ernsten, herausfordernden Blick unter der Trunkenheit. Ein Mädchen mit pinken Haaren tanzte nah an ihnen vorbei, warf ihnen einen neugierigen Blick zu. Jannis schüttelte den Kopf. „Später.“
„Später ist langweilig!“ Aber Leo wurde schon von einem anderen Gast weggezogen, einem groß gewachsenen Typen mit einer Cap, der ihn in eine Art wilden Square-Dance verwickelte.
Die Nacht verschwamm zu einem Mosaic aus Eindrücken. Die Musik wurde lauter, die Gesichter verschwommen. Jannis trank weiter, ließ den Alkohol die Schärfe der Realität wegätzen. Ein Mädchen, das nicht älter als siebzehn aussah, stellte sich schwankend vor ihn, berührte seine Brust. „Du bist der, der alles bezahlt, ja? Der Sugar Daddy?“
Jannis schob sie sanft zur Seite. Er sah Leo in einer Ecke stehen, in ein intensives Gespräch mit einem dunkelhaarigen Jungen vertieft. Ihr Köpfe waren nahe zusammen. Ein Stich, scharf und giftig, durchfuhr Jannis. Eifersucht. Absurd und mächtig.
Er bahnte sich einen Weg durch die Menge, packte Leo am Arm. „Komm mit,“ sagte er, seine Stimme klang hart und undurchdringlich über den Bass.
Leo sah ihn verwirrt an, dann folgte er ihm, ein triumphierendes Funkeln in den Augen. Jannis zerrte ihn ins Badezimmer, schloss die Tür und verriegelte sie. Das Geräusch wurde gedämpft, aber nicht ausgelöscht.
„Was ist?“ fragte Leo, lehnte sich gegen das Waschbecken.
„Du. Mit diesem Typen.“
Leo grinste. „Eifersüchtig? Das ist heiß.“
Jannis küsste ihn, nicht mit Leidenschaft, sondern mit Dominanz. Er drückte ihn gegen das kalte Porzellan, seine Hände öffneten Leos Hose. Er holte seinen eigenen, harten Schwanz heraus. „Du gehörst mir,“ knurrte er. „Hier. Überall.“
„Ja, mach mich nass,“ stöhnte Leo und drehte sich um, beugte sich über das Becken. Jannis spuckte in seine Hand, schmierte es grob über sich selbst und dann über Leos Loch. Er drang ohne weitere Vorbereitung ein. Leo schrie auf, ein kurzer, scharfer Laut, der in der Musik unterging. Es war eng, fast schmerzhaft trocken, aber Jannis stieß zu, tief und brutal.
„Sag es allen,“ befahl Jannis und packte Leos Hüften. „Schrei es raus, wessen Schwanz in dir steckt.“
Leo stieß seinen Kopf nach hinten, sein Mund war weit geöffnet. „Jannis!“ brüllte er gegen die dröhnende Musik an. „JANNIS FICKT MICH! SEHNT IHR‘S? SEIN DICKES TEIL IST IN MEINEM ARSCH!“
Jannis hämmerte in ihn hinein, angetrieben von Besitzanspruch, Wodka und einer tiefen, dunklen Wut auf alles – Lukas, Linda, sich selbst. Das Porzellan klapperte gegen die Wand. Jemand hämmerte von außen gegen die Tür, rief etwas Unverständliches. Es kümmerte sie nicht.
Leo kam mit einem heiseren Schrei, sein Samen spritzte gegen die weiße Keramik des Waschbeckens. Das Pulsieren seines Körpers zog Jannis über den Rand. Er rammte sich fest, sein eigenes Kommen war eine stumme, zornige Entladung.
Sie blieben stehen, keuchend. Das Hämmern an der Tür hörte auf. Die Musik dröhnte weiter.
Leo drehte sich um, sein Gesicht war verschwitzt und verzerrt vor Ekstase. Er leckte sich über die Lippen. „Das war verdammt krass.“
Jannis zog sich zurück, zog seine Hose hoch. Seine Knie zitterten. Er blickte in den Spiegel, sah sein eigenes verzerrtes, gerötetes Gesicht, hinter sich Leo, der sich wieder herrichtete. Zwei Gespenster in einem sterilen, teuren Badezimmer, während draußen die Welt eines wahllosen, lauten Rausches weiterfeierte.
Sie kehrten in den Hauptraum zurück. Die Party hatte ihren Peak überschritten. Einige Gäste schliefen auf dem Boden, andere würgten auf dem Flur, wieder andere tanzten langsam, wie in Trance. Die Energie war umgeschlagen in eine müde, chemische Müdigkeit.
Leo grinste Jannis an, taumelte auf ihn zu und schlang die Arme um seine Taille. Sein Atem roch süßlich nach Alkohol. „Ich liebe dich, weißt du das?“ Er sagte es laut, ungeniert, für alle zu hören, die noch zuhörten. „Ich liebe dich so hart, Alter. Wir ziehen zusammen. Ich bin bald achtzehn. Dann raus hier. Dann für immer.“
Jannis hielt ihn fest, stützte sein Gewicht. Seine Augen schweiften über das Schlachtfeld des Zimmers: die leeren Flaschen, die verlorenen Gesichter, die zerknüllten Chipstüten. Dies war seine Freiheit. Dies war seine Zukunft. Ein ab
Dies war seine Zukunft. Ein abgefucktes Hotelzimmer, das nach abgestandenem Bier und saurer Jugend roch, und dieser Junge, der an ihm hing wie ein Anker in trübem Wasser. Jannis löste sich aus der Umarmung, ließ Leo auf dem randvollen Müllsack neben dem Bett sitzen. Sein Kopf hämmerte im Takt des letzten, erstickenden Beats aus dem Lautsprecher.
„Wir müssen das hier wegräumen,“ sagte er, seine Stimme klang geschliffen und fremd. „Bevor das Personal kommt.“
Leo lachte, ein glasiges, abgehacktes Geräusch. „Scheiß auf die. Du bezahlst die doch.“ Er versuchte aufzustehen, taumelte, griff nach Jannis’ Arm. „Komm, lass uns noch einen heben. Irgendwo muss noch Tequila sein.“
„Nein.“ Jannis packte ihn am Handgelenk, fester als nötig. „Du bist fertig. Ich bin fertig. Sieh dich an.“
Der Raum sah aus, als hätte eine Bombe aus Pubertät und billigem Alkohol eingeschlagen. Überall lagen leere Flaschen, zerknüllte Pizzakartons, ein einzelner Turnschuh. An der geschlossenen Minibar klebte etwas Pinkes, gummiartiges, das Jannis nicht identifizieren wollte. Drei Körper schliefen in unterschiedlichen Ecken, einer schnarchte mit einem rasselnden, bedenklichen Geräusch.
Leo riss sein Handgelenk los. „Du klingst wie mein Vater.“
„Dein Vater würde dich hier totschlagen.“
„Mein Vater ist ein Feigling.“ Leo glitt vom Müllsack auf den Boden, setzte sich mit gekreuzten Beinen auf den Teppich, der mit Kronkorken übersät war. Er nahm eine halbvolle Flasche Wodka, die neben ihm stand, und trank. Sein Adamsapfel hüpfte. „Der sieht weg. Immer. Du siehst wenigstens hin.“
Jannis begann, Flaschen in einen Müllsack zu stopfen. Die Bewegung war roboterhaft. Jeder Klirrton verstärkte das Pochen in seinen Schläfen. Das Geld, das hier in Bier und Fusel umgesetzt worden war, fühlte sich an wie Asche auf seiner Zunge. Ludwigs saubere Überweisung, zu diesem Gestank verarbeitet.
„Du hast gestern was gesagt,“ begann Jannis, ohne ihn anzusehen. Er schob eine zerdrückte Chipstüte mit dem Fuß beiseite. „Von zusammenziehen. Von für immer.“
Leo ließ die Wodkaflasche sinken. Sein Blick wurde wacher, konzentrierter. „Ja. Hab ich. Und?“
„Und das ist Schwachsinn.“ Jannis richtete sich auf, sein Rücken schmerzte. „Du bist siebzehn. Ich bin… ich. Das hier ist kein Leben. Das ist ein Zusammenbruch in Zeitlupe.“
„Dann lass uns zusammenbrechen!“ Leo schlug mit der flachen Hand auf den Teppich. „Aber zusammen. Was hast du denn anderes? Dein geiles, leeres Leben im Villenviertel? Das war doch nur ein teureres Wartezimmer.“
Die Wahrheit der Worte traf Jannis mitten in die Magengrube. Er trat zu Leo, stand über ihm. Der Junge blickte herauf, herausfordernd, seine Augen gerötet, aber hell. Jannis spürte, wie sich etwas in ihm verhärtete, etwas Kaltes und Scharfes, das aus der Leere kroch. Es war keine Lust. Es war ein Bedürfnis nach Bestätigung, nach einem physischen Beweis, dass diese zerstörerische Verbindung real war.
„Steh auf,“ sagte Jannis, seine Stimme war kein Befehl, sondern eine einfache, unumstößliche Feststellung.
Leo gehorchte langsam, unsicher. „Was willst du?“
Statt zu antworten, drehte Jannis ihn um, schubste ihn mit einer brutalen Plötzlichkeit gegen die Wand neben dem zerkratzten Schminkspiegel. Das Geräusch von Leos Körper, der auf die Tapete prallte, war dumpf. Jannis knöpfte ihm mit ruckartigen Bewegungen die Jeans auf, zerrte sie samt Unterhose hinunter bis zu den Knien. Die kühle Luft im Zimmer traf Leos nackte Haut, er zuckte zusammen.
„Jannis…“
„Halte den Mund.“ Jannis spuckte in seine eigene Hand, ein primitiver, widerlicher Akt. Er rieb den Speichel über seinen schon harten Schwanz, der ihn schmerzhaft in seiner Hose beengte. Dann, ohne jedes Gleitgel, ohne jede andere Vorbereitung, drückte er sich gegen Leos enges, trockenes Loch.
Leo stieß einen gurgelnden Laut aus, sein ganzer Körper spannte sich an. Seine Hände klauten sich an der Tapete fest. „Scheiße… warte…“
Jannis wartete nicht. Er drängte mit seinem ganzen Gewicht nach, ein langsamer, gnadenloser Eindringling gegen den Widerstand von Muskeln und Scham. Es war eng, beängstigend eng, und es brannte. Jannis konnte es am Zittern von Leos Rückenmuskeln sehen. Er stieß weiter, bis seine Hüften auf Leos Arschbacken trafen, bis er vollständig in dieser heißen, quetschenden Enge steckte.
„Fick,“ keuchte Leo, sein Gesicht war gegen den Spiegel gepresst, sein Atem beschlug das Glas. „Das tut… scheiße, das tut weh.“
„Gut,“ zischte Jannis. Er zog sich fast ganz heraus, nur die Eichel blieb innerhalb des Rings aus Muskeln, dann rammte er sich wieder hinein. Ein nasses, fleischiges Geräusch. Leo schrie auf. Jannis begann einen rücksichtslosen Rhythmus, kurze, harte Stöße, die Leo mit jedem Mal weiter gegen die Wand trieben. Es war keine Liebe. Es war eine Besetzung, eine Brandmarkung.
„Sag, dass es dir gefällt,“ knurrte Jannis, seine Hände umklammerten Leos Hüften, seine Finger würden dort blaue Flecken hinterlassen.
„Es tut weh,“ schluchzte Leo, aber sein Schwanz hing schwer und hart zwischen seinen Beinen. Er stieß seinen Arsch zurück, ein winziger, widerwilliger Empfang.
„Es soll wehtun.“ Jannis erhöhte das Tempo, seine eigenen Eier klatschten gegen Leos Haut. Der widerliche, schmatzende Sound ihrer Verbindung füllte den Raum, überlagerte das Schnarchen der schlafenden Gäste. Jannis sah im Spiegel, wie sein eigenes verzerrtes Gesicht eine Maske grimmiger Befriedigung war. Er sah, wie Tränen über Leos Wangen liefen, vermischt mit Speichel vom feuchten Spiegel. „Du willst das kaputte Leben? Das hier ist es. Nichts als das.“
Er kam mit einem erstickten Grunzen, stieß sich so tief hinein, wie er konnte, und entlud sich in heißen, pulsierenden Strömen. Es fühlte sich an wie das Ausspucken von Gift. Er blieb in ihm, keuchend, bis sein Schwanz erschlaffte und herausrutschte.
Leo glitt die Wand hinunter, ließ sich auf den schmutzigen Teppich fallen. Sein Atem kam in schnellen, flachen Stößen. Seine Jeans baumelten noch um seine Knöchel. Jannis zog seine eigene Hose hoch, sein Blick war leer. Er fühlte nichts. Nur eine große, wabernde Leere, in der die Ekstase sofort ertrunken war.
Sie sahen sich nicht an. Ein Mädchen in der Ecke bewegte sich im Schlaf und murmelte etwas.
„Du bist ein Arschloch,“ sagte Leo schließlich. Seine Stimme war heiser, aber überraschend klar.
„Ja.“
Leo zog seine Kleider hoch, wischte sich mit dem Handrücken über das Gesicht. Er stand auf, wackelig, und ging zur Minibar. Er holte eine kleine Flasche Wasser heraus, trank sie in einem Zug leer. Dann drehte er sich um. „Ich hab nächste Woche Prüfungen. Mathe. Deutsch.“
Jannis nickte. Die Absurdität des Satzes, in diesem Kontext, traf ihn wie ein Schlag. „Willst du lernen?“
„Ich muss.“ Leo lehnte sich an die Minibar, sein Gesicht war blass, aber entschlossen. „Wenn ich mein Abi nicht schaffe, bleibt mir nur die Werkstatt meines Vaters. Und das wird nicht passieren.“
Zum ersten Mal seit Tagen sah Jannis nicht den betrunkenen, verzweifelten Teenager. Er sah den jungen Mann, der gekämpft hatte, um aufs Gymnasium zu kommen, der sich durchgeschlagen hatte, trotz allem. Dieser Anflug von Normalität, von Zukunft, war erschreckender als jede wilde Partynacht.
„Ich kann dir helfen,“ sagte Jannis, die Worte kamen von einem Ort, den er vergessen glaubte. „Mit Mathe. Ich war… ich war gut in Mathe.“
Leo betrachtete ihn lange. „Warum?“
„Weil du recht hast.“ Jannis blickte auf den zerstörten Raum. „Das hier ist nur ein Wartezimmer. Aber was danach kommt… dafür muss man bereit sein.“
Ein kaum merkliches Lächeln berührte Leos Lippen. Es war weder fröhlich noch triumphal. Es war das müde Lächeln einer Waffenstillstandsvereinbarung. „Okay,“ sagte er. „Hilf mir.“
Draußen auf dem Flur begann ein Staubsauger zu dröhnen. Die Welt, die normale, funktionierende Welt, kam zurück. Sie hatten noch eine Woche in diesem Zimmer. Und dazwischen lagen Prüfungen, die Trümmer der letzten Nacht und das unausgesprochene Versprechen, das sie gerade in der schmutzigen Luft zwischen ihnen geschlossen hatten. Jannis atmete ein. Der Geruch war immer noch ekelhaft. Aber irgendwo darunter roch er nach Kaffee und Reinigungsmittel. Nach Morgen.