Chapter 30: Chapter 30
Die Stille nach Finn hielt nicht lange. Sie wurde zu einem Summen in Theos Schädel, einem leereren, schärferen Geräusch als der Bass der Clubs. Er füllte sie, wie er es immer tat. Mit Wodka. Mit dem Lärm fremder Stimmen. Mit der physischen Gewissheit eines anderen Körpers, der seinen für einige Stunden beanspruchte.
Es war ein Donnerstag, oder vielleicht ein Mittwoch. Die Tage verschwammen zu einem grauen Brei aus Bewerbungsportalen und dem bleiernen Gefühl, aufzuwachen, bevor der Kaffee durchtröpfelte. An diesem Abend trank er entschlossener, gezielter. Kein Geplänkel an der Theke, kein müdes Lächeln. Er stellte sich an die Bar im „Institut“, bestellte drei Kurze hintereinander, trank sie wie Wasser. Die Welt bekam weiche Kanten, dann gar keine mehr. Der Raum wurde zu einem angenehmen Dröhnen. Er spürte sich nicht mehr.
Der Mann, der sich neben ihn schob, hatte rote Haare und tätowierte Unterarme. Sein Name war Lars, oder zumindest sagte er das. Theo hörte kaum zu. Er sah den Ausschnitt seines weißen Shirts, die dunklen Haare auf seiner Brust, den selbstbewussten, fordernden Blick. Das reichte. Das war mehr, als er brauchte.
„Du siehst aus, als könntest du was gebrauchen“, sagte Lars, seine Stimme überdeutlich durch den Nebel dringend.
„Kann ich“, antwortete Theo und sein Mund bewegte sich wie von selbst. „Hast du Bock?“
Es war keine Frage, es war ein Deal. Lars grinste, ein schiefes, wissendes Grinsen. „Dein Platz oder meiner?“
„Meiner. Ist nah.“
Der Weg nach Hause war ein Stolpern durch nächtliche Straßenschluchten. Theo musste sich mehrmals an Hauswänden festhalten, der Beton kühl unter seinen schweißnassen Handflächen. Lars stützte ihn, nicht zärtlich, sondern praktisch. „Komm schon, Mann, nicht hier pennen.“ Sie lachten, ein hohles, kratziges Gelächter.
Theo fummelte ewig mit dem Schloss. Drinnen war es dunkel, still. Ein leises Schnarchen kam aus Bens und Noahs Zimmer. Lars stand dicht hinter ihm, seine Hände schon an Theos Hüften, heiß durch das dünne Stoff seiner Jeans. „Wo, Altersheim?“, flüsterte er grinsend ins Ohr. Sein Atem roch nach Bier und Zigaretten.
„Hier lang.“ Theo zog ihn ins Gästezimmer, stolperte über einen Stapel Bücher. Sie landeten gemeinsam auf dem Bett, ein Gewirr aus Gliedmaßen und gierigen Händen. Lars’ Mund war hart, beißend. Er küsste wie er kämpfte. Seine Hände rissen an Theos Hemd, Knöpfe flogen, etwas riss. Theo erwiderte es mit gleicher Münze, zog Lars’ Shirt über den Kopf, grub seine Finger in die muskulösen Schultern. Es ging schnell, roh, ohne Vorspiel. Hosen wurden aufgerissen, nicht ausgezogen.
Lars drehte ihn um, drückte sein Gesicht in das Kissen. Theo spürte die kühle Luft auf seinem nackten Arsch, dann die feuchte, plumpe Berührung von Lars’ Zunge. Er fuhr nur zweimal, grob, darüber hinweg, bevor er spuckte. Ein dicker, warmer Tropfen traf Theos Eingang. „So, du Sau“, knurrte Lars. Seine Finger, schmierig von Spucke, drangen kurz und schmerzhaft ein, ein hastiges Strecken. Dann spürte Theo die breite, ungeschmierte Spitze seines Schwanzes, der sich gegen ihn presste.
„Wart… Kondom…“, brachte Theo mühsam hervor, sein Gesicht noch im Stoff vergraben.
„Hab keins. Ist egal, oder?“
Es war nicht egal. Aber in Theos betäubtem, wollüstigem Geist war es nur ein weiteres Detail, das in der Bedeutungslosigkeit verschwand. Der Wodka sagte Ja. Die Einsamkeit sagte Ja. Er drückte seinen Rücken durch. „Scheiß drauf. Mach.“
Lars stieß zu. Ein brennender, reißender Schmerz, der Theo die Luft raubte. Er erstickte einen Schrei im Kissen. Lars drang tief ein, ein einziger, rücksichtsloser Stoß, bis seine Hüften gegen Theos Hinterbacken schlugen. „Fuck, ja. So eng. Du geile, enge Fotze.“ Er zog zurück und stieß wieder zu, etablierte sofort einen harten, schnellen Rhythmus. Das Bett schlug gegen die Wand.Bum. Bum.Bum. Das vertraute Lied.
Theo krallte die Hände in die Laken. Der Schmerz vermischte sich mit einem tiefen, drängenden Gefühl der Fülle. Lars’ Hände umklammerten seine Hüften, zogen ihn auf jeden Stoß. Er war laut, stöhnte, fluchte. „Nimm meinen Schwanz, du Hurensohn. Nimm ihn ganz.“ Theo stöhnte, ein gebrochenes, keuchendes Geräusch. Sein eigener Schwanz war steif, klopfte ungeduldig gegen die unterseite seiner eigenen Bauchdecke. Jeder Stoß schob ihn vorwärts, rieb seine Haut wund an den Laken. Der Schweiß lief ihm in die Augen. Der Raum roch nach Sex, Schweiß und dem süßlichen Geruch von abgestandenem Alkohol.
Dann veränderte sich etwas. Ein Drängen in Theos Unterleib, heftig, unaufhaltsam. Der Wodka, das Bier, der ganze verdammte Abend rebellierten in seinen Eingeweiden. „Stop… wart…“, keuchte er.
Aber Lars war zu nah, trieb ihm seine Stöße immer schneller ins Fleisch. „Gleich… ich komme gleich…“
Die Übelkeit stieg, eine heiße Woge. Theo riss sich los, riss seinen Körper unter Lars weg. „Ich muss kotzen!“, würgte er und stolperte vom Bett, taumelte zur en-suite Toilette, die Tür nur angelehnt. Er kniete sich gerade rechtzeitig vor die Schüssel, als sich sein Magen krampfhaft leerte. Eine übelriechende Flut aus Alkohol und unverdauter Nahrung schoss ihm aus dem Hals. Er würgte, spuckte, Tränen schossen ihm in die Augen.
Hinter ihm kam Lars herein, sein Schwanz noch halb steif, sein Gesicht eine Mischung aus Angewidertsein und schmutzigem Amüsement. „Alter, geht’s dir so dreckig?“ Er trat näher, stellte sich hinter Theo, der immer noch zitternd über der Schüssel kauerte. Die Demütigung war total, körperlich. Doch statt abgestoßen zu sein, schien Lars erregt. Er legte eine Hand auf Theos nackten, schweißnackten Rücken. „Scheiße, das ist irgendwie heiß.“
Theo spuckte den letzten bitteren Rest aus. „Hau ab“, stieß er hervor, seine Stimme heiser.
Lars ignorierte ihn. Seine Hand glitt von Theos Rücken nach unten, über seinen noch immer verschmierten Arsch. „Du bist doch nicht fertig.“ Er packte Theo an der Hüfte, zog ihn hoch, drehte ihn grob um, sodass Theos Rücken jetzt gegen das kalte Porzellan des Waschbeckens drückte. Lars kniete sich vor ihn, ohne ein Wort, und nahm Theos schlaffen, mit Speichel und seinem eigenen Erbrochenem befleckten Schwanz in den Mund.
Theo stöhnte, ein erschöpftes, überraschtes Geräusch. Die Zunge war warm, geschickt. Sie belebte ihn wieder, gegen allen Willen. Er sah nach unten, sah den roten Kopf zwischen seinen Beinen, seine eigenen Hände, die sich am Waschbeckenrand weißknöchig festkrallten. Sein Spiegelbild über der Schulter des Mannes: blass, verheult, schmierig.Ein Fremder.
Lars saugte ihn hart, bis Theo wieder steif war. Dann stand er auf, sein Gesicht glänzend, und drehte Theo erneut um, beugte ihn über das Waschbecken. Das kalte Porzellan biss in seinen Bauch. Ohne Vorwarnung, ohne Gleitmittel, drang Lars wieder in ihn ein. Der trockene, schmerzhafte Riss ließ Theo aufschreien. Der Schall hallte von den gefliesten Wänden wider. Lars legte eine schwere Hand auf seinen Nacken, drückte sein Gesicht gegen den Spiegel. „Sieh dir das an“, keuchte er. „Sieh dir an, was du bist.“
Theo öffnete die Augen. Im verschwommenen Spiegel sah er die Verzerrung ihrer Körper, sein eigenes verquollenes Gesicht, die angespannten Muskeln in Lars’ Nacken. Es war hässlich. Es war wahr. Lars’ Stöße wurden hektisch, er stieß ein paar letzte, brutale Male zu, dann blieb er stecken, sein ganzer Körper zuckte. Theo spürte die warme Feuchtigkeit in sich, ein widerliches Pulsieren ohne Barriere. Lars zog sich mit einem seufzenden Geräusch zurück. Ein dünner Schmerz folgte ihm.
Sie standen da, atmeten schwer. Das einzige Geräusch war das Tropfen des Wasserhahns. Dann, ohne ein Wort, ging Lars. Theo hörte ihn im Zimmer herumtappen, seine Kleider aufsammeln. Die Haustür fiel ins Schloss.
Theo blieb am Waschbecken, zitternd vor Erschöpfung und Ernüchterung. Er sah in den Spiegel.In seinen Augen war nichts. Keine Tränen, keine Wut. Nur eine flache, endlose Weite. Er drehte das kalte Wasser auf, spülte seinen Mund aus, wusch sich grob das Gesicht. Der Geruch von Sex und Erbrochenem blieb.
Als er ins Zimmer zurückging, lag Noah wach auf dem Sofa im Wohnbereich, ein Lehrbuch auf dem Bauch. Sein Blick traf Theos, ohne Überraschung, ohne Vorwurf. Nur eine tiefe, müde Traurigkeit.
„Alles okay?“, fragte Noah leise.
Theo zuckte mit den Schultern, ein erschöpftes, bedeutungsloses Zucken. „Geht schon.“
„Da ist noch Tee im Topf. Kamille.“
Theo nickte. Er zog sich eine alte Jogginghose an, ging in die Küche. Der Tee war noch lauwarm. Er setzte sich an den Küchentisch, trank ihn in kleinen Schlucken. Durch die dünne Wand hörte er Ben sich im Schlaf umdrehen.
Er war zu Hause. Und er war nirgendwo. Die Männer kamen und gingen. Sie blieben manchmal, wie Gespenster, bis der Morgen graute. Ben und Noah machten nie eine Anstalt. Sie machten Tee. Sie sagten „Pass auf dich auf“. Sie lebten ihr Leben neben dem seinen, eine stille, beständige Parallelwelt.
Theo legte den Kopf auf den kühlen Tisch. Die Scham brannte jetzt, eine sauberere Flamme als der Alkohol. Aber auch sie würde vergehen. Morgen würde die Sonne scheinen. Er würde Bewerbungen schreiben. Und wenn die Nacht käme, würde das Summen wieder beginnen. Und er wusste, er würde wieder etwas tun, um es zu übertönen.
Und er wusste, er würde wieder etwas tun, um es zu übertönen.
Zwei Nächte später stand er an der gleichen Theke, ließ sich den dritten Wodka die gereizte Kehle hinunterbrennen. Das Summen war heute ein Dröhnen, ein Druck auf den Schläfen, der nach Lärm schrie. Die Luft roch nach Desinfektionsmittel und abgestandenem Bier. Er spürte die Blicke, wog sie ab, suchte nicht nach einem Gespräch, sondern nach einem Körper. Ein dunkler Blick von der Seite, ein kräftiger Typ mit kurz rasierten Haaren und einer Narbe über der Augenbraue. Niko. Der Name fiel später, bedeutungslos wie ein Würfelwurf.
Sie wechselten kaum drei Sätze. Ein Nicken, ein „Noch was trinken?“, ein wortloses Einverständnis, als Theo sein Glas absetzte und zur Tür ging. Er folgte. Die kalte Nachtluft schlug ihnen entgegen. Theo spürte Nikos Hand, breit und schwer, auf seiner Schulter. Zur Lenkung. Zum Halten. „Hier lang“, murmelte Theo, die Zunge schon bleiern. Sie stapften die vertraute Strecke. Sein Magen krampfte sich früh zusammen, ein rebellisches Ziehen. Er ignorierte es, konzentrierte sich auf den Druck der Hand, auf das Ziel des zerwühlten Bettes.
Im Flur warf er seine Jacke ab, sie landete auf dem Boden. Niko drängte ihn sofort gegen die Wand, sein Mund war feucht und dominant. Sie rissen sich an den Klamotten, Knöpfe sprangen, ein Saum riss. „Wo, Kumpel?“, keuchte Niko gegen seinen Hals, während seine Hände Theos Gürtel öffneten. Theo deutete stumm zur Schlafzimmertür. Sie stolperten hinein, fielen auf das Bett. Es roch nach abgestandenem Schweiß und dem parfümierten Zeug der letzten Wäsche.
Niko war praktisch, direkt. Er würgte Theos Hose samt Unterwäsche hinunter, packte seinen schon halb steifen Schwanz mit einer rauen Hand. „Na, was ham‘ma denn da“, grinste er, rieb ihn grob auf und ab. Theo stöhnte auf, ein ersticktes Geräusch. Seine eigene Hand griff nach Nikos Jeans, kämpfte mit dem Knopf. Er wollte ihn spüren, wollte die Fülle, die ihn auslöschen würde. Niko ließ sich helfen, stieß dann sein eigenes Becken vor. Sein Schwanz war dick, unbeschnitten, mit einer deutlichen Krümmung nach unten. Er roch scharf, männlich.
„Lutschen“, befahl Niko und schob ihm den Kopf nach unten. Theo gehorchte, nahm ihn tief, würgte reflexartig. Der Geschmack von Salz und Haut füllte seinen Mund. Er blies ihn, wie es verlangt wurde: tief, schnell, mit schlurfenden Geräuschen. Seine eigene Erregung war ein fernes, mechanisches Summen. Niko stöhnte, fasste ihn hart an den Haaren. „Geil, Mann. Richtig tief.“ Dann zog er ihn hoch, drehte ihn mit einer rabiaten Bewegung um. Theo sah das verbeulte Kopfkissen, ein verlorenes Ohrringpaar von Gott-weiß-wem. Die Matratze gab unter Nikos Gewicht nach.
Er spuckte in seine Hand, schmierte sich grob ein, traf kaum den richtigen Ort. Dann drückte er ohne weitere Vorbereitung gegen Theos Eingang. Es brannte, ein trockenes, reißendes Feuer. Theo biss die Zähne zusammen. Ein gedämpfter Schrei entwich ihm, als Niko mit einem kurzen, brutalen Stoß eindrang. „Fuck, ja. Eng wie sau.“ Niko setzte sofort einen harten, gleichmäßigen Rhythmus ein. Die Betonung lag auf Stößen, nicht auf Zärtlichkeit. Seine Hüften klatschten gegen Theos Fleisch, ein nasses, klatschendes Geräusch. Jeder Stoß schob Theo über das Laken.
„So nimmst du’s, oder?“, keuchte Niko, beugte sich über ihn, sein Atem heiß und schwer in Theos Nacken. „Du stehst drauf, du mieses Stück. Richtig vollgepumpt werden.“ Theo antwortete nur mit einem Grunzen, presste sein Gesicht fester ins Kissen. Die Bilder schossen ihm durch den Kopf: Ben, der morgens Gemüse schnitt. Noahs müder Blick. Das war nicht hier. Hier gab es nur diesen Schmerz, diesen dreckigen Rhythmus, diese füllende Gewalt. Er stieß seinen eigenen Hintern zurück, fordernd.
Das änderte etwas. Niko grunzte überrascht, dann anerkennend. „Ah, du willst es also. Du willst meinen Schwanz, du Schlampe.“ Seine Griffe wurden härter, seine Stöße unregelmäßiger. Er näherte sich seinem Höhepunkt. Doch gerade als Theo den vertrauten Wechsel in seinem Atem spürte, kam die Welle. Übelkeit, heiß und unabweisbar, stieg aus seinem verdorbenen Magen auf. Der Wodka rebellierte gegen die Bewegung, gegen den Druck.
„Stop…“, würgte Theo und versuchte, sich vorwärts zu schieben. „Ich muss…“
Doch Niko, kurz davor, packte ihn fester, nagelte ihn mit seinem Gewicht fest. „Wart doch, gleich… gleich komm ich.“ Sein Tempo wurde hektisch, jagend.
„Nein, ich kotze gleich“, drängte Theo, Panik in der Stimme. Er riss sich mit letzter Kraft los, rollte vom Bett, taumelte in Richtung Badezimmer. Seine Beine waren wackelig, sein Kopf drehte sich. Hinter sich hörte er Nikos wütenden Fluch. „Verdammte Scheiße!“
Theo erreichte das en-suite Bad, knallte die Tür nicht hinter sich zu, und stürzte sich auf die Knie vor die Toilette. Gerade als er den Deckel hochklappte, schoss ihm die gallebittere Flut aus Mageninhalt und Alkohol heraus. Es war laut, hässlich, ein würgendes, röchelndes Spektakel. Tränen traten ihm in die Augen. Er schnappte nach Luft, würgte wieder.
Plötzlich spürte er kalte Luft auf seinem nackten Arsch. Niko stand in der Türöffnung, sein Schwanz immer noch steif, sein Gesicht verzerrt von frustrierter Lust und einer perversen Neugier. „So ’ne Sauerei“, sagte er, aber seine Stimme war heiser, belegt. Statt sich abzuwenden, trat er näher. Theo, zitternd und hilflos über der Schüssel, fühlte Nikos Hand in seinem Nacken, drückte ihn sanfter, aber bestimmt nach vorne. „Mach schon, leer dich aus.“
Als der Würgereflex nachließ, blieb Theo keuchend sitzen. Niko zog ihn dann hoch, drehte ihn zum Waschbecken. Sein Spiegelbild war geisterhaft: blass, schweißnass, die Augen rot unterlaufen. Niko drückte ihn nach vorne, bis sein Oberkörper auf der kalten Keramik auflag. Ohne ein Wort, ohne Gleitmittel, drängte er sich wieder von hinten in ihn. Der trockene, schmerzhafte Übertritt ließ Theo aufstöhnen. Es war enger, rauer als vorher. Niko hielt ihn am Nacken fest, sein eigener Atem beschlug den Spiegel über ihnen. „Guck hin“, flüsterte er, während er mit langsamen, brutalen Stößen begann. „Guck dir an, wie du dich fickst, du elendes Stück.“
Theo zwang seine Augen offen. Im verschmierten Spiegel sah er die Silhouette seines erbärmlichen Selbst, vornüber gebeugt, und dahinter Nikos angespannten, treibenden Körper. Die Demütigung war total, durchdringend. Doch irgendwo, tief in diesem Morast, war ein Funken der reinen, ungeschminkten Wahrheit. Das war er. Das hier. Niko kam mit einem unterdrückten, tierischen Grunzen, sein Körper verkrampfte sich, er entlud sich in Theo mit einem letzten, brutalen Stoß. Dann blieb er stehen, sein Gewicht lastend.
Er zog sich heraus, ein abrupter, unangenehmer Verlust. Theo hörte ihn im Zimmer herumtappen, seine Kleider aufsammeln. Es gab keine sauberen Worte, kein „Bis dann“. Nur das Knarren der Dielen und schließlich das leise Schließen der Haustür.
Theo blieb am Waschbecken, stützte sich mit zitternden Armen ab. Er drehte den Hahn auf, spülte kaltes Wasser über sein Gesicht, spuckte den üblen Geschmack aus. Sein Körper schmerzte an mehreren Stellen. Als er sich umdrehte, sah er im Schlafzimmerlicht Noah in der Wohnzimmertür stehen, ein Glas Wasser in der Hand.
Noahs Blick war nicht wütend, nicht anklagend. Nur unendlich müde, wie von einem lange andauernden, traurigen Regen. „Brauchst du Aspirin?“, fragte er einfach, seine Stimme rau vom Schlaf.
Theo schüttelte den Kopf. „Geht schon.“
„Da ist Wasser im Kühlschrank. Und Zwieback.“ Noah stellte das Glas auf den Couchtisch und verschwand wieder in seinem Zimmer, ohne weitere Fragen.
Theo humpelte in die Küche, trank das Wasser in langen Zügen. Durch die geschlossene Tür hörte er das leise Murmeln von Noahs und Bens Stimmen. Kein Zorn. Keine Empörung. Nur eine ruhige, schmerzliche Akzeptanz. Er blickte in den dunklen Garten hinaus. Irgendwo bellte ein Hund.
Er wusste, er würde die Schnapsflasche morgen Abend wieder ansehen. Er wusste, das Summen würde zurückkehren. Und er wusste mit erschreckender Klarheit, dass er die Tür öffnen und hinaus in die Nacht gehen würde, auf der Suche nach den Händen eines Fremden, die ihn besser zerstören konnten, als er es selbst je vermochte. Die Stille der Wohnung war lauter als jeder Schrei gewesen. Sie wartete nur darauf, übertönt zu werden.
Sie wartete nur darauf, übertönt zu werden.
Das Ritual verhärtete sich. Die Abende begannen jetzt schon in der Wohnung, mit einem einsamen Glas Wodka am Küchenfenster, während die Dämmerung über die grauen Dachziegel fiel. Er trank nicht aus Vergnügen, sondern als Vorbereitung, als ein stumpfes Einrichten der Werkzeuge für die bevorstehende Arbeit der Selbstauslöschung. Ben und Noah beobachteten diese Vorbereitungen aus dem Augenwinkel, schwiegen aber. Ihr Schweigen war kein Einverständnis, sondern eine Mauer aus erschöpfter Sorge, die Theo jedes Mal, wenn er seine Jacke nahm, mühelos überstieg.
In der „Fäss“ suchte er die Blicke jetzt aktiv, fordernd. Es ging nicht mehr um ein verirrtes Lächeln, es war eine stumme Aufforderung. Sein Typ war irgendwann jeder Typ. Der schüchterne Junge mit den nervösen Händen. Der durchtrainierte Mann mittleren Jahres, der seine Ehe zuhause vergaß. Sie alle bekamen das gleiche leere Angebot in seinen Augen zu sehen: Komm. Mach es kaputt.
Einen blassblonden Mann namens Stefan brachte er mit, nachdem sie stundenlang nur nebeneinander an der Theke gestanden und in ihre Gläser gesehen hatten. Es war keine Anmache, nur ein leises „Ich hab noch was da“.Stefan nickte. Die U-Bahn-Fahrt war wortlos. In Theos Zimmer angelangt, war Stefan zärtlich, fast ängstlich. Seine Küsse fragten nach Erlaubnis. Das war neu. Und unerträglich.
„Ist das okay?“, flüsterte Stefan, als seine Hand Theo’s Hose öffnete.
„Mach einfach“, knurrte Theo und drehte sich um, griff nach der Flasche Gleitgel auf dem Nachttisch, drückte sie Stefan in die Hand.„Hier. Mach dich nass und fick mich.“
Stefan gehorchte, nervös. Seine Finger waren sanft, zu sanft. Theo stieß seinen Hintern zurück, impfte sich selbst auf die bloßen, schlanken Finger. „Mehr. Fester.“
Als Stefan endlich in ihn eindrang, war es ein langsames, gleitendes Vordringen. Er stöhnte leise, eine zarte Überraschung. Theo blieb stumm, das Gesicht in den Kissen vergraben. Jeder Stoß war weich, suchend, voller einer unerwünschten Intimität. Es fühlte sich an wie eine Beileidsbekundung. Theo wurde hart vor Frustration. Er wollte das Gegenteil von das.
„Hör auf mich zu liebkosen“, fauchte er über die Schulter. „Fick mich richtig. Wie eine Drecksau.“
Stefan erstarrte einen Moment, dann änderte sich etwas. Sein Griff verhärtete sich. Der nächste Stoß war härter, zielgerichteter. Ein Geräusch entwich Stefan, das war kein Stöhnen der Lust, sondern ein Grunzen der Anstrengung, vielleicht sogar des Ekels. Genau das brauchte Theo. Er trieb sich zurück, traf Stefan’s Schambein, forderte ihn mit seinem ganzen Körper heraus. Das Bett begann zu klappern. Stefan’s Atem wurde schneller, heiserer. Seine Zärtlichkeit war weg, weggeschlagen, ersetzt durch einen mechanischen, wütenden Rhythmus.
„Ja“, zischte Theo. „Genau so. So will ich es.“
Stefan kam schnell, mit einem erstickten, fast weinerlichen Laut. Er blieb liegen, sein Gewicht schwer auf Theo. „War das…“, begann er leise.
Theo schüttelte ihn ab. „Zieh dich an.“ Er stand auf, ging ins Badezimmer, schloss die Tür nicht. Er pinkelte, spülte, starrte in den Spiegel. Hinter ihm sah er, wie Stefan verwirrt, beschämt seine Kleider zusammensuchte. Als Theo zurückkam, saß Stefan auf der Bettkante, angezogen.
„Kann ich… vielleicht mein Wasser austrinken?“, fragte er kleinlaut.
Theo zuckte mit den Schultern. Stefan trank aus. Die Stille war dick, peinlich. „Ich… ich geh dann“, sagte Stefan und verschwand leise aus dem Zimmer. Theo hörte die Haustür ins Schloss fallen. Ein sanfterer Abschied als sonst.Er hasste ihn dafür.
Am nächsten Morgen fand er eine unberührte Tasse Kamillentee auf dem Küchentisch vor. Daneben ein Zettel von Ben. Hab früher Dienst. Du weißt, wo die Ibus sind. B. Theo leerte die Tasse in den Ausguss. Die leere Geste machte ihn wütender als Gleichgültigkeit es je könnte.
Die Nächte vermischten sich zu einem Brei aus unterschiedlichen Gesichtern über ihm, unter ihm, hinter ihm. Ein großer, ruhiger Mann namens Daniel blieb tatsächlich die Nacht. Nach dem Sex, schweißgebadet und wortlos, war er einfach eingeschlafen, ein schnarchender Klotz an Theos Seite. Theo lag wach und starrte an die Decke, gefangen von der fremden Wärme eines anderen Körpers. Es war unerträglicher als die Einsamkeit. Gegen vier Uhr morgens stand er auf, zog sich an und verließ die Wohnung, ließ den Fremden in seinem Bett zurück. Er ging durch die leeren Straßen, bis die Kälte seine Knochen durchdrang. Als er zurückkam, war Daniel weg. Auf dem Nachttisch stand ein leerer Joghurtbecher aus ihrem Kühlschrank.
„Er war ganz höflich“, sagte Noah trocken, als Theo ins Wohnzimmer schlurfte. „Hat sogar gespült.“
Theo sagte nichts. Die Normalität dieser Bemerkung war ein Schlag ins Gesicht.
Die Destillation kam an einem Donnerstag. Theo hatte schon vor dem Ausgang getrunken, eine halbe Flasche billigen Korn, die den Raum in ein warmes, verschwommenes Gold tauchte. In der Bar sah er ihn sofort: Kai. Breite Schultern, kahlgeschorener Schädel, ein Blick, der Messer schärfte. Kein Lächeln, nur ein kurzes, bestimmtes Nicken. Die Verhandlung war in drei Sätzen erledigt.
„Bock?“
„Dein Ort?“
„Ja.“
In der Wohnung war es still. Noahs Schuhe fehlten am gewohnten Platz.Allein. Kai sagte kein Wort. Er drückte Theo gegen die Flurwand, küsste ihn mit der Wucht eines Sturms, beißend, fordernd. Seine Hände rissen an Theos Kleidung, ein Knopf klackerte über den Linoleumboden. Theo ließ es geschehen, ein surrendes Nichts in seinem Kopf. Sie landeten halb bekleidet auf dem Wohnzimmerteppich, nicht im Bett. Kai würgte seine Boxershorts herunter, packte seinen Schwanz so fest, dass es wehtat.
„Du stehst auf Schmerzen, oder?“, grollte Kai, mehr Feststellung als Frage. Seine andere Hand klatschte hart gegen Theos Arsch, ließ das Fleisch brennen.
Theo stöhnte, ein echtes, unwillkürliches Geräusch. „Ja.“
Kai grinste, ein kaltes, sauberes Lächeln. Er stand auf, zerrte Theo am Arm hoch. „Dusche. Jetzt.“
Theo folgte, taumelte hinter ihm ins en-suite Badezimmer. Kai drehte das Wasser an, eiskalt, und schob Theo unter den Strahl. Der Schock ließ ihn nach Luft schnappen. Kai trat hinter ihn, seine Kleidung wurde sofort triefend nass. Er drückte Theos Oberkörper nach vorne, bis die Hände auf der gefliesten Duschwanne aufstützten. Der kalte Strahl peitschte gegen ihren Rücken.
Ohne Vorwarnung, ohne jedes Gleitmittel, spuckte Kai kurz in seine Hand und führte sich dann seinen dickeren, schwereren Schwanz ein. Der Riss war gewaltig, ein weißglühender Schmerz, der Theo einen Schrei auspresste, der im Prasseln des Wassers erstickte. Kai lachte, ein kurzes, harsches Bellen. Er zog fast ganz heraus und stieß wieder zu, härter. Jeder Stoß war eine gezielte Grausamkeit, ein Angriff. Theo krallte sich an der Duschwanne fest, seine Knöchel wurden weiß. Sein Gesicht war dem kalten, prasselnden Wasser ausgesetzt, er würgte und spuckte.
„So magst du’s doch, du elender Hurensohn“, brüllte Kai über das Rauschen hinweg, seine Hände wie Schraubstöcke um Theos Hüften. „Vollgepumpt und wehgetan, bis du vergisst, wie du heißt.“ Er beschleunigte, ein brutaler, treibender Rhythmus, bei dem es nur um Kraft ging. Theos Körper wurde vor- und zurückgeschleudert, seine Haut schlug gegen die kalten Kacheln. Der Schmerz überschritt eine Schwelle und wurde zu etwas anderem, einer reinen, klaren Empfindung, die jede andere auslöschte. Er fühlte sich leer, gesäubert, zerstört.
Kai kam mit einem gutturalen Schrei, sein ganzer Körper verkrampfte sich, als er sich tief in Theo ergoss. Für einen Moment blieb er so, schwer atmend, sein Gewicht auf Theo lastend. Dann zog er sich raus, ein plötzlicher, schmerzhafter Verlust. Er klatschte Theo noch einmal auf den nassen Arsch. „Gut gemacht.“
Er drehte das Wasser ab. Die Stille, die folgte, war absolut, durchbrochen nur von ihrem keuchenden Atem und dem tropfenden Hahn. Kai stieg aus der Wanne, trocknete sich grob mit Theos Handtuch ab, zog seine nassen Klamotten wieder an. Theo blieb zusammengekauert in der Wanne sitzen, zitternd, das warme Wasser, das nun abfloss, mit Kai’s Sperma vermischt.
„Bis dann“, sagte Kai und ging. Die Wohnungstür fiel ins Schloss.
Theo kroch aus der Wanne, ließ eine Pfütze auf den Fliesen zurück. Er wischte sich nicht ab. Er ging nackt und triefend ins Wohnzimmer zurück, ließ sich auf das Sofa fallen. Sein ganzer Körper pochte. Er blickte zum Fenster. Die ersten grauen Streifen der Morgendämmerung kratzten am Himmel. In der Küche ging das Licht an. Ben stand da, ein Schatten im Türrahmen, ein Glas Wasser in der Hand.
Ihre Blicke trafen sich durch den dunklen Flur. Bens Gesicht war eine Maske aus unlesbarem Schmerz. Er sagte nichts. Er stellte das Glas auf den Küchentisch, wo es im aufkommenden Morgenlicht schwach schimmerte. Dann drehte er sich um und ging zurück in sein Zimmer, die Tür leise schließend.
Theo blieb auf dem Sofa, das kalte Wasser von seiner Haut auf den Stoff tropfend. Das Summen war weg. Übertönt, ausgeschlagen, zermalmt. Was blieb, war eine Stille so vollkommen und schwer wie Blei. Sie füllte die Wohnung, füllte seine Knochen. Er wartete darauf, dass das Verlangen zurückkam, das nach einem Drink, nach einem Körper, nach Lärm. Aber es blieb still. Er war leer. Und in dieser schrecklichen, endlosen Leere lag ein Funke von etwas, das noch viel schlimmer war als Schmerz.
Es war die nackte, unvermeidliche Wahrheit des Morgens.