Chapter 50: Chapter 50
Das Wochenende brachte trüben Himmel und eine ruhelose Stille über die beiden Wohnungen. Jannis schlief sechzehn Stunden am Stück in Nippes, von Finn nur durch schwere, traumlose SMS abgelenkt. Finn wanderte in Ehrenfeld zwischen den kartongroßen Räumen hin und her, wusch das dreckige Jockstrap in der Handwäsche, bügelte es fast zeremoniell trocken. Der Geruch war dahin, nur noch ein chemischer Haar von Waschmittel blieb.
Am Sonntagabend stand Jannis plötzlich in der Tür von Ehrenfeld. Er trug Jeans und ein sauberes Hemd, sah aber aus, als hätte er einen Kampf verloren. Unter den Augen lagen tiefe violette Schatten.
„Ich kann nicht mehr“, sagte er, kein Gruß, keine Einleitung. Seine Stimme war flach. „Dieses Hin und Her. Es frisst mich auf.“
Finn spürte, wie sich sein Magen zusammenzog. „Was willst du tun?“
„Das.“ Jannis trat ein, schloss die Tür. In seiner Hand hielt er einen klebrigen, durchsichtigen Plastikbeutel, wie man ihn vom Gemüsestand kennt. Er war halb voll mit einer trüben, weißlichen Flüssigkeit. „Das ist von mir. Von gestern und heute. Jedes Mal, wenn ich geduscht habe, in meiner Dusche, habe ich mich in diesen Beutel gespritzt. Damit nichts verloren geht.“
Er stellte den Beutel auf den wackligen Beistelltisch. Die Flüssigkeit schwang träge hin und her. Finn starrte darauf. Es war widerlich. Es war das Intimste, was er je gesehen hatte.
„Das gehört dir“, sagte Jannis. „Alles von mir gehört dir. Aber ich kann nicht jeden Tag zwischen zwei Leben pendeln. Ich werde verrückt.“
„Was schlägst du vor?“, fragte Finn leise. Er trat näher, betrachtete nicht Jannis, sondern den Beutel mit seiner biografischen Ladung.
„Eine Wohnung. Nur eine. Irgendwo dazwischen. Aber richtig. Mit beiden Namen am Klingelschild.“ Jannis’ Blick war flehend, hart zugleich. „Kein Versteck mehr.“
„Und deine Karriere? Das Protokoll?“ Finns Stimme war nur ein Hauch.
„Scheiß auf das Protokoll.“ Jannis packte Finn am Hemd, zog ihn nah heran. Sein Atem roch nach Kaffee und verzweifelter Entschlossenheit. „Ich riskiere lieber den Job, als dich so zu verlieren. Stückchenweise, in zwei Postleitzahlen aufgeteilt.“
Es war das erste Mal, dass Jannis die Angst aussprach, die unter all ihrem Schmutz und Schweiß lauerte. Das Vorgefühl des Verlusts.
Finn antwortete nicht mit Worten. Er drehte sich um, ging zum Beistelltisch und nahm den kühlen, geschwängerten Plastikbeutel in die Hand. Das Gewicht war überraschend, die Konsistenz unter seinen Fingern widernatürlich. Er öffnete den einfachen Knoten, den Jannis oben hineingemacht hatte.
Der Geruch stieg ihm sofort in die Nase, rein und konzentriert: der mineralische, fast chlorige Duft von Jannis’ Sperma, vermischt mit dem kaum wahrnehmbaren Duft seiner Seife und seines Schweißes. Es war der Essenzbeutel seiner Abwesenheit.
„Hast du einen Strohhalm?“, fragte Finn.
Jannis erstarrte. Dann grub er in der Küchen-Schublade, fand einen abgewetzten, blauen Plastikstrohhalm. Er reichte ihn Finn, seine Hand zitterte leicht.
Finn steckte den Strohhalm in den Beutel, drückte die Luft heraus, kniff dann das Ende ab. Er setzte die Öffnung des Halms an seine Lippen, und mit einem tiefen, entschlossenen Blick zu Jannis hinüber, saugte er einen großen Schluck der kühlen, schleimigen Flüssigkeit in seinen Mund.
Der Geschmack war salzig, süßlich, bitter – fremd und vertraut zugleich. Er musste einen Würgereiz unterdrücken, schluckte schwer, fühlte, wie die Substanz seine Speiseröhre hinabglitt. Dann nahm er einen zweiten Schluck.
Jannis beobachtete ihn, seine Augen weit aufgerissen, sein Mund leicht geöffnet. Es war eine Anbetung. Eine Perversion. Die ultimative Geste des Einverleibens.
Als Finn fertig war, etwa ein Drittel des Inhalts leer, band er den Beutel wieder zu. Seine Lippen glänzten feucht. „So“, sagte er heiser. „Jetzt ist ein Teil von dir in meinem Blut. Immer. Egal wo die Wände stehen.“
Das brach etwas in Jannis. Mit einem rauen Laut stürzte er auf Finn zu, küsste ihn, schmeckte sich selbst in Finns Mund, die bitter-salzige Mischung aus ihren vereinten Körperflüssigkeiten. Es war kein zärtlicher Kuss, es war ein Kannibalismus der Zuneigung.
„Ich will dich“, keuchte Jannis gegen seine Lippen. „Jetzt. Ich will in dich, während du mich in dir hast.“
Er riss Finn die Kleidung vom Leib, Fetzen schienen zu fliegen. Sein eigenes Hemd knallte über die Sessellehne. Sie stolperten nackt zum Bett, fielen übereinander her. Keine Vorbereitung, kein Spiel. Jannis spuckte in seine Hand und fuhr sich dann grob zwischen Finns Backen, benetzte das enge Loch mit feuchten Fingern, während er gleichzeitig mit der anderen Hand seinen eigenen, prallen Schwanz fest umklammerte.
„Du bist schon voll mit mir“, zischte er. „Jetzt mach ich dich von außen dreckig.“
Er positionierte sich, die Spitze seines steifen, gekrümmten Glieds drückte gegen den wiederstandsfähigen Muskelring. Finn hob seine Beine, umschlang Jannis’ Rücken mit den Knien. Sein Körper war eine einzige Offerte.
Mit einem brutalen, tiefen Stoß drang Jannis ein. Der Schmerz war ein heller, brennender Riss, der sofort in eine betäubende Fülle umschlug. Jannis blieb einen Moment regungslos, tief in ihm vergraben, sein Gesicht eine Maske unverhohlener Besitzergreifung.
„Mein Arsch“, stöhnte Jannis. „Alles meiner.“
Dann begann er zu ficken. Hart. Schnell. Unnachgiebig. Jeder Stoß schien den eben verschluckten Samen in Finns Bauch aufzuwühlen. Das Bettgestell hämmerte gegen die Wand, ein wahnsinniger, metallischer Trommelschlag. Jannis’ Hände gruben sich in Finns Hüften, seine Finger würden morgen blaue Male hinterlassen.
„Sag es“, keuchte Jannis, sein Tempo nahm zu, wurde unregelmäßig, animalisch. „Sag, wem du gehörst.“
„Dir!“, schrie Finn, die Worte wurden ihm aus der Brust gerissen. „Nur dir, verdammt!“
„Und das bleibt so. In einer Wohnung. In zehn. Ich fick dich, bis du vergisst, wie deine eigene Postadresse lautet.“
Die Ekstasie baute sich in Finn auf, wilder und unkontrollierter als je zuvor. Die Vorstellung, Jannis’ Samen in seinem Magen zu haben, während dessen Schwanz ihn hier ausweidete, trieb ihn an den Rand des Deliriums. Sein eigener Schwanz, unberührt zwischen ihren schlagenden Bäuchen, war steinhart und tropfte.
Jannis spürte, wie Finns innerer Muskel sich um ihn herum verkrampfte. „Komm schon“, stieß er hervor, sein Atem ein heiseres Pfeifen. „Spritz dich voll. Mach deinen Bauch nass für mich. Zeig’s mir.“
Die Befehle waren der letzte Auslöser. Mit einem lang gezogenen, brüllenden Stöhnen explodierte Finn. Ströme warmen Spermas schossen hoch, spritzten über seine Brust, seinen Hals, sein Kinn. Es war ein gewaltiger, erschöpfender Orgasmus, der jeden Muskel in Zucken versetzte.
Das Gefühl, wie Finn sich in seinem Inneren zusammenzog, riss Jannis mit. Mit einem letzten, tiefen Stoß, bei dem er seinen ganzen Körper in Finn hineinpresste, kam auch er. Ein heißer, langer Pulsstrom, der Finn von innen füllte, die bereits vorhandene Substanz ergänzte.
Jannis brach über ihm zusammen, sein Gewicht ein willkommener Anker. Sie lagen da, bedeckt von Schweiß und Sperma, aneinandergeklebt, der Beutel mit der restlichen weißen Flüssigkeit stand wie ein surrealer Zeuge auf dem Nachttisch.
„Eine Wohnung“, murmelte Jannis, seine Worte waren in Finns schmierige Schulter gemurmelt. „Wir fangen morgen an zu suchen.“
„Ja“, flüsterte Finn. Seine Hand tastete, fand den Beutel, zog ihn zu sich heran. Er hielt ihn an seine Brust, zwischen ihre verschmierten Körper. „Aber das hier kommt mit. Als Haussegen.“
Jannis lachte, ein müdes, gebrochenes, echtes Geräusch. „Du bist krank. Wir sind beide krank.“
„Ja“, sagte Finn und schloss die Augen. Der Geschmack von Jannis lag noch immer auf seiner Zunge, das Gefühl von ihm brannte in seinem Arsch. Es war kein perfekter Frieden. Es war ein Waffenstillstand, ausgehandelt mit Körperflüssigkeiten und roher Gewalt. Aber es war ihr Frieden. Und für den Moment, in dem grauen Sonntagabendlicht von Ehrenfeld, reichte das.
Und für den Moment, in dem grauen Sonntagabendlicht von Ehrenfeld, reichte das. Doch der Montag kam mit seinen stumpfen Realitäten. Die Suche nach einer gemeinsamen Wohnung gestaltete sich als Alptraum aus ablehnenden Vermietern und zu hohen Kautionen. Jannis’ Schichtplan war ein Labyrinth aus Unregelmäßigkeiten, das keine geregelten Besichtigungen zuließ. Die Frustration fraß an ihnen, machte sie scharfzüngig und kurz angebunden.
Eine Woche später saßen sie schweigend in Nippes über ihren Handys. Die Luft war dick von gescheiterten Plänen. Ein leises Ping durchbrach die Stille. Finn blickte auf eine Nachricht seines selten gewordenen Vaters, eine dröhnend banale Geburtstagserinnerung für einen vergessenen Cousin. Unter der Signatur stand der Name der alten Kanzlei: „Anwaltskanzlei Voss & Bruckner.“ Ein unscheinbarer Link führte zu deren Website.
„Scheiß auf die Geburtstage“, murmelte Finn. Aber sein Daumen scrollte mechanisch weiter. Ein Blogeintrag: „Erbrecht und Identität: Fälle von verschollenen Angehörigen.“ Es war trockenes, langweiliges Kanzleigeschwafel. Doch ein Satz blitzte heraus: „…bei unklarer Todeserklärung und nach Ablauf der gesetzlichen Fristen kann ein Neubeginn unter Umständen rechtlich neu verhandelt werden…“
Ein kalter, klarer Gedruck, scharf wie ein Skalpell, schnitt durch den Nebel in Finns Kopf. Er sah auf, blickte durch die Wohnung, auf Jannis’ Rücken, der angespannt vor dem Computer saß. Er sah das schmutzige Jockstrap, das noch auf dem Heizkörper in Ehrenfeld trocknete. Er roch den Beutel, den sie versteckt hatten, den Geschmack von Jannis auf seiner Zunge. Ein Weg zeichnete sich ab. Absurd. Monströs. Möglich.
„Was ist?“, knurrte Jannis, ohne sich umzudrehen.
„Nichts. Nur dieser blöde Familienkram.“ Finns Stimme war eine perfekte, monotone Fassade. In seinem Inneren rasten Räder. Er speicherte den Namen der Kanzlei ab. Er begann, in einem privaten Browserfenster, zu recherchieren. Falsche Todesurkunden. Gestohlene Identitäten. Die Schattenwirtschaft der Dokumentenfälscher. Die Preise waren astronomisch. Die Risiken noch höher.
Die Idee wuchs in der Stille zwischen ihnen, ein parasitärer Organismus, der sich von ihrer Verzweiflung nährte. Sie sprachen nicht darüber. Stattdessen manifestierte sie sich in ihrer Brutalität im Bett. An jenem Abend kniete Jannis vor Finn auf dem kalten Linoleumboden der Nippeser Küche. Das Licht war grell, es gab keine Gemütlichkeit.
„Dein Mund ist das Einzige, was in dieser ganzen beschissenen Stadt warm ist“, grunzte Jannis und schob seinen Schwanz, schon hart und feucht, zwischen Finns Lippen.
Finn nahm ihn tief, würgte, ließ den salzigen Vorlauf auf seine Zunge laufen. Seine Augen brannten, fixiert auf den Kühlschrank dahinter. Er malte sich aus, wie seine Akten in einem solchen Gerät verschwänden. Kalt und für immer. Jannis packte seinen Hinterkopf, begann einen rücksichtslosen Rhythmus. „Schluck ihn“, keuchte Jannis. „Schluck alles. Ich will, dass du mich in dir behältst, wenn sie morgen deine Leiche aus dem Rhein fischen.“
Die Worte trafen Finn wie ein elektrischer Schlag. Sein Blick traf Jannis’. Sahen sie beide dasselbe Bild? Die Gewissheit, die fast wie Erleichterung durch ihn strömte, war ekstatisch. Er stöhnte um den harten Schaft herum, seine Hände krallten sich in Jannis’ Oberschenkel. Er kam, heftig, schweigend, nur von den würgenden Geräuschen seiner eigenen Kehle begleitet.
Jannis zog ihn hoch, drehte ihn brutal zur Spüle, beugte ihn darüber. Er spuckte in seine Hand, rieb den Schleim grob über Finns arsch. „Ich mach’s ohne was“, sagte er, seine Stimme war rau vor einer Wut, die nichts mit Finn zu tun hatte. „Soll es brennen.“
Es brannte. Ein zerreißender, weißer Schmerz, als Jannis mit einem einzigen, gewaltsamen Stoß in ihn eindrang. Finn schrie gegen das schmutzige Geschirr in der Spüle. Jannis hielt ihn an den Hüften, hämmerte in ihn hinein, jeder Stoß ein Nagel in den Sarg ihres alten Lebens. Die Spüle klapperte im Takt.
„Wem gehörst du?“, bellte Jannis, sein Atem kam in stoßenden Stößen.
„Dir!“ Das Wort war ein Schluchzer.
„Und wenn du tot bist? Wer ist dann dein Arsch?“
„Immer noch du! Niemand sonst! Nie!“ Finns Stimme überschlug sich. Die Vorstellung, tot und doch besessen zu sein, trieb ihn über eine neue Klippe. Sein Orgasmus traf ihn unerwartet, ein konvulsivisches Zucken, während Jannis ihn weiter unnachgieblich fickte.
Jannis kam mit einem verlängerten Stöhnen, er verkrampfte sich, presste sich so tief wie möglich hinein. Sie blieben so stehen, gefesselt durch Schmerz und klebrige Vereinigung, über der schmutzigen Spüle. Das grelle Licht ließ nichts aus.
Später, in der Dunkelheit, sprachen sie endlich. Ihre Körper waren eine einzige wunde Stelle.
„Es wäre teuer“, sagte Finn, seine Lippen an Jannis’ Schulter gepresst. „Sehr teuer. Und es gäbe keinen Weg zurück.“
Jannis’ Hand strich über Finns nackten Rücken. „Ich will keinen Weg zurück. Ich will einen Weg nach vorn. Mit dir. Ohne diese verdammten U-Bahn-Fahrten.“ Er drückte Finn näher an sich. „Wie?“
Finn erzählte ihm, was er in der Zwischenzeit zusammengesucht hatte. Von Kontakten in der Grauzone. Von einem Schweizer Anwalt, der auf solche „Übergänge“ spezialisiert war. Von der Notwendigkeit, eine Leiche zu beschaffen, die unkenntlich, aber passend sein musste. Ein Wasserverdünnis. Ein Unfall. Die Löschung aller digitalen Spuren. Die Geburt eines neuen Menschen, eines Mannes namens Lukas Vogt, mit einer sauberen, zurückgezogenen Vergangenheit.
„Lukas“, probierte Jannis den Namen aus. Der Klang war fremd auf seiner Zunge. „Und Finn?“
„Finn ist dann weg. Für immer.“
Jannis schwieg lange. Dann drehte er sich zu Finn, sein Gesicht im Mondlicht ein Relief aus Entschlossenheit und Trauer. „Und wie heiraten Lukas Vogt und Jannis Lehmann?“
„Das ist der einfache Teil“, flüsterte Finn. „Nach der Trauerzeit.“ Das Wort hing zwischen ihnen, schwer und absurd.
Sie begannen am nächsten Tag. Finn nutzte das öffentliche WLAN einer Bibliothek. Er kontaktierte den Schweizer über verschlüsselte Kanäle. Die Zahlen, die zurückkamen, ließen ihn schwindeln. Sein gesamtes Erbe, die bescheidene Lebensversicherung seiner Mutter, alles würde darin fließen. Jannis verkaufte heimlich das Motorrad, das er liebte. Sie lebten wochenlang von Reis und Dosensuppen, um jeden Cent zu sparen.
Die Vorbereitungen waren ein klaustrophobischer Tanz. Finn musste Fotos von sich in der Kleidung von „Lukas“ machen. Er musste eine neue Handschrift lernen, eine leicht veränderte Gangart. Jannis besorgte über einen ehemaligen Kameraden eine alte, aber funktionierende Schrotflinte. „Für den See“, sagte er nur, sein Gesicht war eine Maske aus Granit.
Der Abend vor der Ausführung war gekommen. Sie standen an einem abgelegenen Ufer des Baldeneysees, der Wind rauschte kalt durch das Schilf. Zwischen ihnen lag ein Sack mit Ziegeln und der alten Schrotflinte. Jannis’ Hände zitterten, aber nicht vor Kälte.
„Jetzt“, sagte Finn. Seine Stimme war ruhig, eine tödliche Ruhe. Er zog seine Jacke aus, seine Schuhe, seine Uhr. Alles, was Finn war, legte er neben den Sack. Er stand da in einfachen, billigen Jeans und einem anonymen Sweatshirt, die Kleidung von Lukas Vogt. Er nahm die Flinte, lud sie mit schweren Händen.
Sein Blick traf Jannis. Alles war in diesem Blick gesagt. Die grenzenlose, perverse Liebe. Das unumstößliche Vertrauen. Die absolute Gewissheit, dass dies der einzige Weg war.
Er drehte sich um, watete bis zur Hüfte in das eiskalte, schwarze Wasser. Der Schock raubte ihm den Atem. Er hob die Flinte, zielte auf das dunkle Wasser weit vor sich und feuerte. Der Knall war ohrenbetäubend, das Mündungsfeuer beleuchtete für eine Sekunde sein entrücktes Gesicht. Er warf die heiße Waffe ins Wasser, wo sie sofort versank.
Dann tauchte er unter. Der Sack mit Ziegeln zog ihn wie angewurzelt nach unten. Die Kälte schnürte ihm die Brust zu. Er kämpfte gegen jeden Instinkt, öffnete den Mund, ließ das brackige Wasser einströmen. Dunkelheit umfing ihn.
Etwas packte ihn am Arm. Mit brutaler Gewalt wurde er nach oben gerissen. Er brach keuchend, würgend an die Oberfläche. Jannis’ Gesicht, verzerrt vor Panik und Abscheu vor dem eigenen Plan, war direkt vor seinem.
„Ich kann nicht“, schluchzte Jannis, seine Hände gruben sich in Finns Fleisch. „Ich kann dich nicht gehen lassen. Nicht so.“
Sie stolperten, taumelnd und hustend, ans Ufer. Sie lagen im Schlamm, ineinander verkrallt, Wasser und Rotz und Tränen vermischten sich auf ihren Gesichtern. Der Plan lag in Trümmern. Sie hatten zu viel gegenseitigen Besitz in sich, um einen Tod zu faken.
„Dann gehen wir“, würgte Finn, nachdem er einen Liter Seewasser ausgehustet hatte. „Einfach weg. Jetzt. Heute Nacht.“
Es war keine bessere Lösung. Es war eine kindische, romantische Flucht. Aber sie war echt.
Sie ließen alles zurück. Den Sack, Finns Kleidung, das zweite Leben in der Tasche von Lukas Vogt. Nass und zitternd fuhren sie mit dem alten Auto nach Südosten, durch die Nacht. Sie sprachen nicht. Jannis’ Hand lag auf Finns nacktem, kaltem Oberschenkel, die Berührung war ein Funken Leben in der toten Nacht.
Bei Tagesanbruch hielten sie an einem abgelegenen Waldweg irgendwo in Thüringen. Die Sonne kämpfte sich durch die Wipfel. Sie waren müde, sie waren pleite, sie waren gejagt.
Sie stiegen aus, nur um die Beine zu vertreten. Der Wald rocht nach nasser Erde und Verfall. Ohne ein Wort drehte Jannis Finn zu sich, drückte ihn gegen die kühle Metallflanke des Autos. Seine Hände rissen die nassen Jeans herunter. Seine eigenen folgten.
„Ich muss wissen, dass du da bist“, murmelte er, seine Lippen gegen Finns kalte Haut gepresst. „Dass das alles echt ist.“
Es war kein Vorspiel. Nur ein wildes, verzweigeltes Reiben, bis Jannis hart war. Er spuckte in seine Hand, führte sich grob ein. Dann drang er in Finn ein, hier im nassen Gras am Straßenrand, das Auto als ihr einziges Zeuge. Es war schnelle, animalische Bestätigung, ein keuchender, zitternder Akt des Überlebens und der Besitznahme.
Als Jannis kam, stieß er einen gutturalen Schrei aus, der durch den stillen Wald hallte. Als Finn folgte, spritzte sein Sperma über das mattschwarze Blech der Tür. Sie blieben so stehen, aneinander gelehnt, vereint durch Scham und eine absurde, unzerbrechliche Hoffnung.
Der Motor tickte leise, als er abkühlte. In der Ferne hörten sie einen Vogel rufen. Sie hatten kein Geld, keinen Plan, keine Identität. Nur den Geruch des anderen, vermischt mit Wald und Sperma und dem unausweichlichen Duft von Freiheit. Sie stiegen wieder ein und fuhren weiter, in die unbekannte, graue Morgendämmerung.
Sie stiegen wieder ein und fuhren weiter, in die unbekannte, graue Morgendämmerung. Der Tank war halb voll, ihr Geld in bar auf dem Ablagefach zusammengerollt. Sie sprachen nicht über Ziele, nur über praktische Dinge. „Die nächste Tankstelle“, murmelte Jannis, seine Hand wieder auf Lukas’ Bein, als könnte er ihn sonst verlieren. Die Berührung war kein Vorspiel mehr, sondern ein Anker. Etwas Echtes in der fließenden Unwirklichkeit hinter den Scheiben.
Drei Tage später schliefen sie in einem billigen Motel an einer Autobahnausfahrt bei Hof. Das Zimmer roch nach verschimmeltem Stoff und billigem Desinfektionsmittel. Ihre Kleidung, immer noch dieselbe vom See, stank nach Schweiß und Angst. Jannis stand unter der tropfenden Dusche, als Lukas, der vorher noch Finn war, die Papiere aus der Plastikhülle zog. Der Pass, die Geburtsurkunde, der Führerschein für Lukas Vogt. Alles makellos gefälscht, bezahlt mit dem letzten Rest seines alten Lebens.
Er betrachtete das fremde, aber vertraute Gesicht auf den Fotos. Seine eigenen Augen blickten zurück, aber die Frisur war anders, der Ausdruck ein wenig härter. Ein Mann ohne Vergangenheit, den es vor einer Woche noch nicht gab. Ein Mann, der heute heiraten könnte.
Jannis trat aus dem Bad, ein dünnes Handtuch um die Hüften geschlungen. Wassertropfen rannen über die alten Narben an seiner Seite. Seine Augen fielen auf die ausgebreiteten Dokumente auf dem fleckigen Bettbezug. Er erstarrte.
„Was ist das?“
„Unsere Chance“, sagte Lukas. Seine Stimme klang ruhiger als er sich fühlte. „Der einzige Weg, der noch geradeaus führt.“
„Heiraten? Jetzt? Hier?“ Jannis’ Lachen war ein kurzer, hohler Schlag. „Wir sehen aus wie Terroristen auf der Flucht. Wir riechen wie eine Müllkippe.“
„Genau deshalb.“ Lukas hob den Pass hoch. „Lukas Vogt hat eine makellose Akte. Nichts. Keine Verbindungen, keine Verdachtsmomente. Er kann Jannis Lehmann heiraten, der immer noch ein braver Feuerwehrmann ist. Es ist ein Papierkrieg. Ein Formular. Dann bist du gesichert. Dann existiere ich, zumindest für dich.“
Jannis ließ sich auf die Bettkante fallen, das Handtuch spannte sich über seinen Oberschenkeln. Sein Blick wanderte zwischen Lukas und den Papieren hin und her. Die gewaltige, perverse Logik davon setzte sich langsam durch. Eine Ehe als Rettungsleine. Als letzte, legale Verschmelzung.
„Und der Ring?“, fragte er schließlich, seine Stimme war nur noch ein Raunen.
Lukas griff in die Tasche seiner verdreckten Jeans. Er zog zwei einfache, matte Metallbänder hervor, gekauft für einen Hungerlohn in einem Supermarkt an der tschechischen Grenze. Sie waren kalt und schwer in seiner Hand.
„Stahl“, sagte er. „Hält alles aus.“
Am nächsten Nachmittag standen sie vor einem schmuddeligen Standesamt in einer Kleinstadt, deren Namen sie sofort wieder vergaßen. Sie hatten sich notdürftig in einem Imbiss gewaschen, ihre Kleidung war zerknittert, aber sauber. Der Beamte, ein müder Mann mit Kaffeeflecken auf dem Hemd, musterte sie über seine halbmondförmige Brille hinweg. Die Papiere von Lukas Vogt wurden geprüft, gestempelt, abgenickt. Jannis’ Personalausweis wirkte dagegen verschönt.
Die Zeremonie war eine Abfolge von bedeutungslosen Worten in einem gelb gestrichenen Raum. Sie sprachen ein mechanisches „Ja“ nach. Als sie sich küssen sollten, taten sie es kurz, ihre Lippen waren trocken und schmeckten nach Kaffee und nervösem Magen. Der Beamte drückte ihnen die Urkunden in die Hand. Es dauerte sieben Minuten.
Zurück im Motelzimmer fiel die ganze Absurdität über sie. Sie standen mitten in dem dumpfen, beigen Raum, die Heiratsurkunden wie Beipackzettel in den Händen. Ein Schweigen breitete sich aus, dick und unangenehm. Sie hatten einen Ozean an Gefühlen durchschwommen, nur um auf diesem seichten, bürokratischen Ufer gestrandet zu sein.
Dann begann Jannis zu lachen. Es war kein fröhliches Lachen, es war ein kehliges, hystersches Bellen, das seinen ganzen Körper schüttelte. Er ließ die Urkute fallen und wischte sich Tränen aus den Augen. „Lukas Vogt“, prustete er. „Mein Ehemann. Fuck.“
Lukas starrte ihn an, und dann brach es auch aus ihm heraus. Sie lachten, bis ihnen die Seiten wehtaten, bis sie keuchend auf dem hässlichen Teppichboden lagen, zwischen Chipstüten und Bierdosen von gestern. Die Spannung der letzten Wochen, der abgebrochene Selbstmord am See, die flüchtige Nachtfahrt, löste sich in dieser kathartischen, besinnungslosen Heiterkeit auf.
Als das Lachen verebbte, blieb eine neue Stille. Eine ruhigere. Jannis drehte den Kopf, sein Gesicht war noch feucht. „Du bist jetzt also Lukas. Mein Mann Lukas.“
„Ja.“
„Und ich bin immer noch Jannis. Nur mit einem Ehemann, den es offiziell vor zwei Wochen nicht gab.“
„So ungefähr.“
Jannis rollte sich auf die Seite, stützte den Kopf auf seine Hand. Sein Blick war intensiv, forschend. „Dann muss ich dich neu kennenlernen. Lukas.“ Er sagte den Namen langsam, als taste er seine Form ab.
Er beugte sich vor und küsste Lukas. Diesmal war es anders. Nicht verzweifelt oder gierig, sondern neugierig. Ein langsames, erkundendes Tasten. Lukas erwiderte den Kuss, seine Hand fand Jannis’ Wange. Die Situation war so absurd, so erschreckend normal, dass sie beinahe wieder zu lachen begannen.
Doch dann verlagerte sich die Energie. Die Neugierde bekam eine neue, zielstrebige Schwere. Jannis’ Hand wanderte unter Lukas’ frisch gewaschenes Shirt, seine Finger spielten über den weichen Bauch. Seine Lippen wanderten zu Lukas’ Ohr. „Als Finn“, flüsterte er, „als Finn hast du mich immer genommen. Immer.“
Lukas erstarrte. Die Worte trafen ihn physisch. Eine Erinnerung an alle Male, wie er unter Jannis lag, gefüllt, besessen.
„Ja.“
„Ich will das jetzt anders.“ Jannis zog sich zurück, sein Blick war dunkel und entschlossen. „Ich will, dass du Lukas bist. Und ich will, dass Lukas mich nimmt. Ganz. So, wie ich dich immer genommen habe.“
Ein elektrischer Schlag jagte durch Lukas’ Körper. Die Rolle war vertraut, doch die Dynamik völlig neu. Jannis, der sich ihm hingab. Die Vorstellung war verboten, verführerisch, enorm.
„Bist du sicher?“, seine Stimme war heiser.
„Fick ja, bin ich sicher.“ Jannis stand auf, zog sein Shirt aus. Dann schob er seine Jeans und Boxershorts mit einer entschlossenen Geste hinunter, stand nackt vor ihm, sein leicht gekrümmter Schwanz ruhte halbschlaff an seinem Oberschenkel. „Ich will deinen dicken Schwanz in mir spüren, Lukas. Ich will, dass du mich auseinander nimmst.“
Das war der Funke. Lukas stand auf, schob Jannis mit einer neuen, fetten Autorität zurück aufs Bett. Er kniete sich zwischen Jannis’ gespreizte Beine, sah ihn an, diesen Mann, seinen Ehemann, der sich jetzt vor ihm öffnete. Er beugte sich vor, nahm Jannis’ gesamten Schwanz in den Mund, saugte ihn hart und tief, bis Jannis stöhnte und sich in die schäbige Bettdecke krallte.
„Nicht nur blasen“, keuchte Jannis. „Fick mich. Jetzt.“
Lukas ließ ihn mit einem feuchten, losen Pop los. Seine Hände glitten nach unten, packten Jannis’ kräftige Oberschenkel und drückten sie weiter auseinander. Er spuckte großzügig in seine Hand, rieb den Speichel grob über Jannis’ enges, unvorbereitetes Loch.
„Das reicht nicht“, stöhnte Jannis, seine Hände gruben sich in Lukas’ Haare. „Scheiß auf Vorspiel. Nimm ihn einfach.“
Lukas positionierte sich, die dicke, breite Spitze seines Schwanzes drückte gegen den widerstandsfähigen Muskelring. Er blickte Jannis in die Augen, sah die Herausforderung, die Lust, die Spur von Angst darin. Mit einem tiefen, kontrollierten Druck drang er langsam ein.
Der Widerstand war gewaltig, heiß, unnachgiebig. Jannis’ Gesicht verzog sich zu einer Grimasse aus purem, brennendem Schmerz. Ein scharfer Zischlaut entwich seinen Lippen.
„Scheiße…“, knirschte er, sein Kopf presste sich in das Kissen. „Weiter. Mach weiter, du Arschloch.“
Lukas drängte weiter, Zentimeter für Zentimeter, gefesselt von der unermesslichen Enge, der Hitze, der gänzlichen Hingabe unter ihm. Er war ganz drin, bis zu den Wurzeln, sein Schambein presste gegen Jannis’ Gesäß. Sie verharrten so, beide keuchend, vereint durch diese brutale, neue Intimität.
„Beweg dich“, flehte Jannis, seine Stimme war mit Schmerz und Lust gesättigt. „Beweg deine verdammte Hüfte.“
Lukas zog sich fast ganz zurück, bis nur noch die Spitze drin war, und stieß dann wieder mit voller Wucht zu. Ein gestohlenes, gutturales Stöhnen brach aus Jannis heraus, halb Schmerz, halb Triumph. Lukas fand einen Rhythmus, hart und tief, kein sanftes Einfühlen, sondern eine Behauptung. Jeder Stoß ließ das billige Bettgestell gegen die Wand hämmern.
Jannis’ Hände fuhhrten über seine eigene Brust, kneteten seine Brustwarzen, dann griffen sie nach unten, um seinen eigenen Schwanz zu packen, der steif und hart wie Eisen war. „Ja, so!“, brüllte er. „Fick mich, Lukas! Zeig mir, wie mein Mann mich fickt!“
Die Worte trieben Lukas über den Rand. Er packte Jannis’ Hüften, verankerte sie, und hämmerte in ihn hinein, ein wilder, ungezügelter Endspurt. Das Klatschen ihrer Körper vermischte sich mit Jannis’ heiseren Schreien und dem metallischen Ächzen des Bettes. Der Raum war erfüllt von ihrem Schweiß, ihrem gemeinsamen Gestank, der rohen Wahrheit dessen, was sie taten.
Jannis’ Gesicht war eine Maske der Hingabe. Seine Augen waren geschlossen, sein Mund stand offen. Sein Körper fing an, sich zu verkrampfen, seine Hände fuhren wie besessen an seinem Schwanz auf und ab. „Ich komm!“, kreischte er warnend, sein ganzer Körper spannte sich an wie ein Bogen.
Im selben Moment explodierte Lukas. Ein orgastischer Strom schoss aus ihm heraus, tief in Jannis’ zuckenden Körper. Er stieß ein letztes Mal brutal zu, presste sich bis zum Anschlag hinein, als würde er versuchen, seine Essenz direkt in Jannis’ Kern zu pumpen. Das Gefühl, zu kommen, während er ihn so besaß, war überwältigend, ein Schwindel erregender Kontrollverlust.
Der Kontakt, die Hitze von Lukas’ Kompass in seinem innersten Winkel, riss Jannis mit. Sein eigener Orgasmus schoss aus ihm heraus, ein langer, pulsierender Strahl, der seine Brust und seinen Bauch bespritzte. Sein Rücken bog sich krampfhaft vom Bett ab, sein Mund öffnete sich zu einem stummen Schrei.
Sie brachen zusammen, eine verschwitzte, klebrige Masse aus zuckenden Muskeln und leeren Lungen. Lukas blieb in ihm, sein Gewicht auf Jannis lastend, beide noch immer von den Nachbeben ihrer gemeinsamen Explosion durchschüttelt.
Langsam, zärtlich jetzt, löste Lukas sich von ihm. Er rollte zur Seite, zog Jannis an seine Brust. Schweigen füllte den Raum, nur unterbrochen von ihrem schweren Atmen. Lukas’ Hand strich über Jannis’ Haare.
„Und?“, flüsterte Lukas schließlich.
Jannis drehte sein Gesicht in Lukas’ Achselhöhle. Seine Stimme war matt, aber zufrieden. „Dein Arsch war besser.“ Dann fügte er leise hinzu: „Aber das hier war meiner.“