Chapter 15: Chapter 15
Der Geruch der Stadt war anders als in Neukölln. In Friedrichshain, in dieser Ecke nahe dem Boxhagener Platz, mischte sich der Duft frisch gebackener Croissants von angesagten Bäckereien mit dem schon vertrauten Dunst aus Verkehr und feuchtem Herbstlaub. Das Café, in das Finn ihn eingeladen hatte, war hell und klinisch sauber, mit sauber geschliffenen Holztischen und Regalen voller Zimmerpflanzen. Keine heruntergekommenen Spätis, keine krachende Mucke. Simon fühlte sich fehl am Platz in seinem abgewetzten Parka und den dreckigen Turnschuhen.
Er sah ihn sofort am Fensterplatz sitzen, vor einem halbleeren Kaffeebecher. Er hatte die Hände um die Tasse geschlungen, als wärmte er sie, obwohl es in dem Laden mollig warm war. Finn hob den Blick, seine Augen suchten Simons, und ein unsicheres Lächeln spielte um seine Lippen. Er sah irgendwie jünger aus als in Simons Erinnerung, verloren in seiner zu großen Strickjacke.
Simon zwang seine Beine, weiterzugehen. Er schlängelte sich zwischen den Tischen hindurch, setzte sich ohne ein Wort auf den freien Stuhl. Einige Momente lang sprach keiner von ihnen.
„Hey,“ sagte Finn schließlich. Seine Stimme war ruhig.
„Hey.“
„Danke, dass du gekommen bist. Wolltest du was trinken?“
Simon zuckte mit den Schultern. „Schwarzen Kaffee. Geht immer.“
Finn hob vorsichtig eine Hand, winkte einer Barista, einer jungen Frau mit einem strengen Dutt. Sie kam, und Simon bestellte. Die Interaktion war simpel, banal, und sie fühlte sich trotzdem unnatürlich an. Während sie warteten, ließ Simons Blick durch das große Fenster auf die Straße schweifen.Normalität. An der Kreuzung hielten Fahrräder, eine Mutter schob einen Buggy.
„Wie war die Fahrt?“ fragte Finn und brach das Schweigen.
„U-Bahn. Wie immer.“
„Ja. Nervt manchmal.“
Der Kaffee kam. Simon umschloss den heißen Becher, die Wärme brannte in seinen Handflächen. Er nahm einen Schluck. Er war zu heiß, verbrühte ihm leicht die Zunge. Ein guter, neutraler Schmerz.
„Du siehst… besser aus,“ sagte Simon. Es war teilweise wahr. Die kreidige Blässe war einem gesünderen Hellrosa gewichen. Doch die Schatten unter seinen Augen waren tief, ein bläulicher Abdruck von Schlaflosigkeit oder Anstrengung. Die Genesung zeigte Spuren.
„Physiotherapie hat geholfen. Und viel Schlaf. Kein Scheiß mehr.“ Finn sagte es sachlich, ohne Stolz oder Traurigkeit. Eine reine Feststellung. „Und du?“
Simon schüttelte den Kopf. „Jobbe. Schlafe. Das Übliche.“
Ein weiteres Schweigen. Es war nicht das dichte, sinnliche Schweigen ihrer früheren Stunden, sondern ein leeres, leicht beklommenes. Simon fuhr sich mit der Hand über die kratzigen Stoppeln an seinem Kinn. Er hatte sich nicht rasiert. Er hatte nicht gewusst, welche Sorte von Treffen dies sein würde.
„Hast du noch mit deinem Bruder Kontakt?“ Finn fragte es vorsichtig.
„Sehr wenig.“ Alex hatte seit jenem einen Anruf nicht mehr angerufen. Nur sporadische Kurznachrichten: Geht’s dir gut? Simon antwortete selten, oder kurz: Ja. „Er und Leon… die machen ihr Ding weiter. Wahrscheinlich besser so.“
„Hast du‘s ihm geglaubt?“ Simons Stimme war flach. Er starrte Finn direkt an. „Was du am Telefon gesagt hast. Dass es deine Idee war. Mit dem Zeug.“
Finn zuckte nicht zurück. Er hielt Simons Blick stand. „Es war meine Idee. Du warst… angepisst. Traurig. Hattest diese Scheiße mit der Frau in Düsseldorf hinter dir. Und ich war in meinem Loch. Dachte, du bräuchtest was, um auszusteigen. Dachte, ich bräuchte jemanden, der mit reingeht.Das war unfair. Und dumm.“ Er nahm einen Schluck von seinem abgekühlten Kaffee. „Ich hätte nie… mein Dad. Was er dir gesagt hat. Als du im Krankenhaus wartest. Das war… das darf er nicht.“
„Es ist okay.“
„Ist es nicht,“ sagte Finn scharf. Es war das erste Zeichen von Feuer, das Simon seit seiner Ankunft sah. „Nichts daran ist okay. Du bist weggerannt. Glaubst, du hast mich fast umgebracht. Das ist ein scheiß Gefühl, Simon. Das muss man dir nicht auch noch an den Kopf werfen.“
Die Worte trafen unerwartet. Eine Art Verteidigung. Simon spürte, wie etwas in seiner Brust sich lockerte, ein winziger, rostiger Riegel, der nachgab. Er senkte den Blick auf seinen Kaffee. „Dein Vater… er macht sich Sorgen.“
„Mein Vater behandelt mich wie rohes Ei, seit ich aus der Reha raus bin,“ korrigierte Finn. „Er hat keine Ahnung. Weiß nicht, was er denken soll. Also macht er dich zum Monster. Das ist einfacher für ihn.“ Er spielte mit einem Papiertaschentuch, zerriss es zu winzigen, feuchten Schnipseln. „Ich hab ihm gesagt, dass es nicht so war. Dass wir… beide Mist gebaut haben. Aber er will es nicht hören.“
Eine Gruppe lauter Studenten lachte an einem Tisch in der Nähe auf. Das Geräusch war fremd, wie aus einer anderen Welt. Simon biss sich auf die Lippe. Die Frage brannte in ihm, unangenehm, chaotisch.
„An diesem Abend,“ sagte er leise, fast flüsternd. „Bist du…? Ich meine… hattest du…?“ Er konnte es nicht zu Ende bringen.
Finn verstand. Sein Gesicht wurde noch ernster. Er sah aus dem Fenster. „Willst du wirklich drüber reden? Hier?“
„Ich weiß nicht.“
Finn atmete tief ein, aus. „Ich war horny. Und high. Und habe alles falsch gelesen. Es war… eine Machtspielerei, glaube ich. Für mich. Es war nicht… liebevoll.“ Das Wort hing schwer zwischen ihnen. „Du warst weg. Irgendwo hinter deinen Augen. Und ich bin einfach… weitergegangen. Wie ein Arschloch.“
Simon spürte ein unbekanntes Gefühl aufsteigen. Keine Wut. Keine Lust. Es war Mitleid. Ein tiefes, schmerzhaftes Bedauern für Finn, für sich selbst, für diese kranke Parodie von Intimität, die sie geteilt hatten. „Ich war nicht nur weg,“ murmelte er. „Ich… ich wollte weg sein.“
Finn sah ihn an. Da war kein Zorn, nur Traurigkeit. „Ja. Das habe ich gemerkt. Zu spät.“ Er schüttelte den Kopf, als wollte er das Bild verscheuchen. „Das ist das, was ich in Therapie lerne.Grenzen. Was man anderen antut. Was man sich selbst antut. Ich hab keine Ahnung, was zwischen zwei Männern… normal ist. Jetzt schon gar nicht. Aber das da war es nicht.“
Die Ehrlichkeit war entblößend. Sie saßen da, zwei junge Männer, zerstört durch einen Abend, verwirrt durch ihre eigenen Körper und Begierden. Simon dachte an Lina. An ihre Wut. An ihre Weichheit. War das normaler? Nicht wirklich. Aber es war zumindest eine klare Hitze gewesen. Diese Sache mit Finn war ein eiskalter Nebel.
„Die Ärzte… die Psychologen in der Reha… die haben mir viele Fragen gestellt,“ sagte Finn zögernd. „Über mich. Meine… Vorlieben. Ich hab gesagt, ich wüsste es nicht. Das war die Wahrheit. Ich fühlte mich… zu nichts hingezogen, so lange ich das Zeug genommen habe. War nur noch gierig. Nach irgendwas. Nach Kontrolle, vielleicht.“ Er rutschte auf seinem Stuhl hin und her. „Jetzt… keine Ahnung. Ich bin nur müde.“
Simon nickte. Er verstand diese Müdigkeit. Sie war die einzige gemeinsam empfundene Sache, die sie in diesem Moment hatten, außer dem bitteren Kaffee.
„Ich denke manchmal an dich,“ gestand Finn plötzlich. „Und dann versuche ich, es nicht zu tun. Weil ich mich schäme. Und weil ich mir Sorgen mache.“
„Mach dir keine Sorgen um mich,“ sagte Simon. Es klang schroffer, als er es beabsichtigt hatte.
„Zu spät. Hab ich schon.“
Ein leichtes Lächeln. Das erste heute, das etwas Echtes hatte. Es verwandelte Finns Gesicht, ließ für einen Sekundenbruchteil den unbeschwerten Jungen durchscheinen, den Simon im Club kennengelernt hatte. Vor all dem Dreck. Simon erwiderte das Lächeln nicht, aber etwas in ihm entspannte sich.
„Und deine Pläne?“ fragte Simon.
Finn zuckte mit den Schultern. „Ausbildung zu Ende bringen. Zur Therapie gehen. Einfach nur… gerade bleiben. Ein Tag nach dem anderen.“ Er beugte sich vor. „Und du? Was ist mit dir?“
Die Frage war so groß, dass sie in dem kleinen Café kaum Platz hatte. Simon fühlte, wie alle Antworten, die er geben konnte, auf der Zunge zerfielen. Ich arbeite in einem Spätkauf. Ich schlafe mit Frauen, weil ich hoffe, es hilft. Ich schlafe mit Männern, weil ich mich bestrafen will. Ich bin ein einziges, leeres Fragezeichen.
„Ich weiß es nicht,“ sagte er einfach. Erneut die Wahrheit. „Aber… besser als damals.“
Finn schien das zu akzeptieren. Er sah auf seine Uhr, ein unbeholfener Reflex. „Ich muss bald. Hab eine Sitzung.“ Er meinte die Therapie.
„Okay.“
Finn stand auf, zog seine Jacke an. Er wirkte unsicher, ob er gehen sollte. Diese Begegnung hatte einen seltsamen, geschwebten Raum geöffnet, der nicht leicht wieder zu schließen war.
„Vielen Dank, Simon. Wirklich.“
„Wofür?“
„Dass du gekommen bist. Dass du mit mir redest. Fühlt sich… an wie ein Anfang. Für irgendwas. Vielleicht dafür, dass es aufhört, so scheiße zu sein.“
Simon stand auch auf. Sie standen sich gegenüber, über die Tischplatte hinweg. Keine Umarmung. Kein Händeschütteln. Nur dieser wortlose Augenkontakt.
„Pass auf dich auf, Finn.“
„Du auch.“
Finn drehte sich um und ging. Simon sah ihm nach, wie er durch die Tür trat, den Kopf etwas eingezogen gegen den aufkommenden Wind. Er verschwand unter den menschen auf dem Gehweg, wurde zu einem weiteren Mantel in der Menge.
Simon setzte sich wieder. Sein Kaffee war jetzt lauwarm. Er trank ihn aus, den schalen, herben Geschmack auf der Zunge. Die Stimmen um ihn herum, das Klirren von Tassen, all das drang nun deutlicher an sein Ohr. Es war ein normales Cafégeräusch. Er fühlte sich leer, aber diese Leere war nicht die betäubende von vorher. Sie fühlte sich ausgespült an. Gereinigt von einigen der Giftstoffe.
Sein Telefon vibrte in seiner Tasche. Er zog es heraus.
Miriam: Hey, wollte fragen, ob du vor der Spätschicht einkaufen gehst? Wir haben fast keine Nudeln mehr. :)
Eine normale Nachricht. Ein normaler Anlass. Er antwortete, seine Daumen bewegten sich langsam über den Bildschirm.
Simon: Ja, geh ich. Soll ich noch was mitbringen?
Er wartete auf ihre Antwort. Draußen wurde es langsam dunkel, die Lichter in den Schaufenstern gegenüber gingen an. Er dachte an Finns Gesicht, an seine Müdigkeit. Er dachte an Alex und Leon, wie sie wahrscheinlich jetzt in ihrer gemütlichen Wohnung in Oberhausen saßen, auf ihrem zerwühlten Bett, sicher in ihrer Liebe und ihrem Begehren. Er dachte an Linas Körper unter ihm, ihren wütenden Kuss.
Keines der Bilder löste eine klare Begierde in ihm aus. Nur ein Geflecht aus Verlust, Traurigkeit und einer winzigen, keimenden Ahnung. Vielleicht war sein Begehren nicht das Problem. Vielleicht war die Frage nicht wen er begehrte, sondern wie. Wie er sich selbst und anderen begegnen konnte, ohne zu zerstören.
Das war ein Gedanke, zu groß für heute. Er zahlte seinen Kaffee, nickte der Barista zu und trat hinaus in die kühle Abendluft. Der Wind blies ihm ins Gesicht. Er schlug den Kragen seines Parkas hoch und ging Richtung U-Bahn. Nicht nach Hause. Zum Supermarkt. Er würde Nudeln kaufen.
Er würde Nudeln kaufen. Das war eine konkrete, handhabbare Aufgabe. Der Supermarkt war eine Halle aus grellem Licht und der penetranten Kakophonie aus Mainstream-Pop und Kinderweinen. Er nahm einen Korb, ging an den Regalen vorbei, roch das fade Aroma von Reinigungsmittel und eingeschweißter Wurst. Seine Hände, immer noch kalt von der Kaffee-Tasse im Café, griffen mechanisch nach den Nudeln, einer Tomatensoße, einem Stück Käse.
Die Kassiererin, eine Frau mit müden Augen und einem Zungenpiercing, scannte seine Waren, ohne ihn anzusehen. Ihr Name-Schild sagte „Anya“. Sie roch nach Zigarettenrauch und billigem Körper-Spray. Simon zahlte bar, das Kleingeld fühlte sich warm und verschwitzt in seiner Hand an. „Schönen Abend noch,“ murmelte sie automatisch. Er nickte, packte die Tüte und ging hinaus in die nun dunkle Straße.
Zu Hause kochte Miriam Tee. Der Geruch von Kamille und Zitronenmelisse hing beruhigend in der Luft. „Nudeln gerettet?“ fragte sie vom Küchentisch aus, ohne von ihren Büchern aufzublicken. Ihre Stimme war angenehm neutral, frei von bohrenden Fragen. Das schätzte er.
„Mission erfüllt.“ Er stellte die Tüte ab. Die Normalität des Moments, das einfache Zusammensein in der schmuddeligen Küche, war ein Anker. „Hast du gegessen?“
„Noch nicht. Gleich. Du?“
Er schüttelte den Kopf. „Später.“ Er ging in sein abgeteiltes Zimmer, ließ sich auf die Luftmatratze fallen. Sein Telefon lag stumm neben ihm. Keine Nachricht von Lina. Keine von Finn. Er schloss die Augen, lauschte dem leisen Rascheln von Miriams Seiten und dem entfernten, monotonen Summen des Kühlschranks. Sein Geist, so oft ein Wirbel aus Erinnerungen und Gier, war still. Es war eine erschöpfte, vorübergehende Stille.
Die folgenden Wochen entwickelten einen neuen, seltsamen Rhythmus. Zweimal traf er sich mit Finn. Nicht mehr im klinischen Café, sondern in einem schäbigeren Imbiss am Spreeufer. Sie aßen Currywurst mit Pommes aus der Pappschale, die Fettflecken auf dem grauen Papier, und schauten den Kähnen zu. Das Gespräch war stockend, oft von langen, aber nicht unangenehmen Pausen durchsetzt.
„Therapie ist anstrengend,“ sagte Finn bei ihrem zweiten Treffen. Er spielte mit einer Pommes, tauchte sie in eine übermäßige Menge Ketchup. „Man redet über Dinge, die man am liebsten vergessen würde.“
„Klingt nicht spaßig.“
„Ist es nicht. Aber mein Therapeut sagt, das ist der Punkt.“ Finn biss auf die Pommes. „Er nennt das ‘Entgiftung der Gedanken’. Klingt beschissen, oder?“
Simon musste ein kurzes, trockenes Lachen unterdrücken. „Ja. Klingt beschissen.“
„Aber es hilft irgendwie. Manchmal.“ Finn sah ihn an, sein Blick war offener geworden, weniger verängstigt. „Fragt mich ständig nach dir. Will wissen, wie ich mich fühle, wenn ich dich sehe.“
Simon spürte einen Stich. „Und? Wie fühlst du dich?“
„Komisch.“ Finn zuckte mit den Schultern. „Aber nicht mehr schlecht komisch. Einfach nur… komisch. Wie bei jemandem, mit dem man was Großes durchgemacht hat. Ein Unfall oder so.“ Er wischte sich mit dem Handrücken den Mund ab. „Und du? Wie ist das für dich?“
Simon überlegte. Die Frage war nicht mehr bedrohlich. „Ich weiß nicht. Es ist einfach da. Weniger schmerzhaft als gedacht.“
Bei ihrem dritten Treffen schlenderten sie einfach die Straßen in Prenzlauer Berg entlang. Es war ein kalter, klarer Novembernachmittag. Der Himmel war ein blasses, fahles Blau. Sie sprachen über Nichtigkeiten. Finns Ausbildung, Simons langweilige Schichten im Spätkauf, einen Film, den beide gesehen hatten und doof fanden.
„Hast du noch was mit der Frau?“ fragte Finn plötzlich, die Hände in den Jackentaschen vergraben.
„Lina? Nein. Das war… das war ein Abschluss. Ein schlechter.“
„Und andere?“
Simon zögerte. Die Bilder der anonymen Männer, der Kellnerin, zogen vor seinem inneren Auge vorbei. „Nein. Seitdem nicht.“
Finn nickte, als wäre das eine logische Schlussfolgerung. „Bei mir auch nicht. Null. Kommt mir alles… zu groß vor. Zu kompliziert.“
Sie gingen schweigend weiter, vorbei an Boutiquen und Spielzeugläden. Das Eingeständnis schwebte zwischen ihnen, nackt und ehrlich. Es war keine romantische Anziehung da, kein Funke. Nur das verblassende Echo einer gemeinsamen Verwüstung und eine vorsichtige, neue Kameradschaft darin.
„Ich denke manchmal,“ sagte Simon, und die Worte kamen langsam, als wären sie schwer, „dass ich nicht weiß, was ich überhaupt will. Ob es um Männer oder Frauen geht. Oder ob es nur darum geht, etwas zu spüren. Irgendwas. Überhaupt was.“
Finn blieb stehen, lehnte sich gegen eine graue Hausmauer. „Ja.“ Das war alles. Es war genug. Es war die erste wirkliche Gemeinsamkeit, die sie fanden, die über die Schuld hinausging. Dieses gestrandete Nicht-Wissen.
Ein paar Tage später schrieb Finn. Sie sollten sich am Samstag in einem Park treffen. Es war kalt geworden, der Wind pfeiff scharf um die Ecken. Simon zog seine dickste Jacke an und ging hin.
Finn wartete bereits auf einer Bank, zwei Pappbecher dampfenden Kaffees in den Händen. „Hier,“ sagte er und reichte Simon einen. „Wusste nicht, wie du ihn nimmst. Ist schwarz.“
Simon nahm den Becher, die Wärme durchdrang seine Handschuhe. „Danke. Schwarz ist gut.“
Sie setzten sich. Der Park war fast leer. Ein paar mutige Jogger, ein Mann, der seinen Hund Gassi führte. Das trockene Laub raschelte unter ihren Füßen. Sie tranken ihren Kaffee, beobachteten die kahlen Äste der Bäume, die sich im Wind wiegten.
„Mein Therapeut sagt, ich soll Dinge ausprobieren,“ sagte Finn nach einer Weile. Seine Stimme war ruhig, nachdenklich. „Alleine. Um rauszufinden, was mir gefällt. Nicht für einen anderen. Nur für mich.“
Simon sah ihn an. „Zum Beispiel?“
Finn errötete leicht. „Naja. Filme schauen. Mir selbst was… machen.“ Er starrt fest auf seinen Kaffeebecher. „Es ist peinlich. Und öde. Aber es ist ehrlich. Fühlt sich nicht wie eine Lüge an.“
Simon dachte an seine eigenen einsamen Versuche in der dunklen Kammer bei Miriam, die verzweifelte Suche nach einem Funken, der ihn überhaupt berührte. Es war oft nur eine mechanische Erleichterung gewesen. Eine Aufgabe. Keine Lust.
„Und?“ fragte er. „Funktioniert es?“
Finn zuckte mit den Schultern. „Manchmal. Manchmal nicht. Aber es ist mein Ding. Kein anderer ist dabei, den ich enttäuschen oder… verletzen könnte.“ Er drehte sich zu Simon. „Vielleicht solltest du das auch mal probieren. Einfach nur für dich.“
Die Idee war fremd. Jegliche sexuelle Handlung war bei Simon immer mit einem anderen verbunden gewesen, sei es im Fleisch oder in der Vorstellung. Der Akt war ein Mittel gewesen – zur Flucht, zur Bestrafung, zur Bestätigung. Nie ein Zweck an sich. Nie etwas nur für sein eigenes Vergnügen.
„Ich weiß nicht, ob ich das kann,“ gab Simon ehrlich zu.
„Kannst ja anfangen,“ sagte Finn. Er klang nicht wie der Therapeut, eher wie ein müder Kamerad, der denselben Kampf kämpfte. „Einfach mal hinsetzen. Und nichts machen. Nur denken. Oder auch nicht denken.“
Der Wind pfiff schärfer, trieb eine Wirbel aus Staub und Blättern vor sich her. Simon zog die Kapuze seiner Jacke enger. Der Kaffee war jetzt nur noch lauwarm, aber er hielt den Becher fest umklammert.
„Danke,“ sagte er schließlich. Es war nicht nur für den Kaffee gemeint.
Finn nickte. „Kein Ding.“
Sie saßen noch eine Weile, bis die Kälte durch ihre Jacken kroch. Als sie sich verabschiedeten, klopfte Finn Simon vorsichtig auf die Schulter. Eine kurz Berührung, leicht und unverbindlich. Simon spürte sie den ganzen Weg nach Hause.
In der stillen Kammer, Stunden später, lag Simon auf dem Rücken und starrte in die Dunkelheit. Miriams regelmäßiger Atem war hinter dem Vorhang zu hören. Die Heizung knisterte. Er versuchte, an nichts zu denken. Keine Bilder von anderen Körpern. Keine Erinnerungen. Nur die schwarze Leere hinter seinen geschlossenen Lidern.
Dann, langsam, ließ er eine Hand an seiner Seite hinabgleiten. Über seine Hüfte. Die Berührung war klinisch, neugierig. Er tastete die Stofffalten seiner Jogginghose ab, spürte den Stoff unter seinen Fingerspitzen. Keine Erregung. Nur die kühle, trockene Wahrnehmung seiner selbst. Es war weder angenehm noch unangenehm. Es war einfach da.
Sein Atem ging gleichmäßig. Sein Herz schlug ruhig. Er dachte an Finns Worte. „Einfach mal hinsetzen. Und nichts machen.“ Das hier war etwas machen. Aber es war anders. Er drückte sanft mit der Handfläche gegen sich selbst. Ein leichter Druck, ein Echo einer vertrauten Empfindung, aber ohne die übliche Dringlichkeit.
Er atmete ein. Aus. Etwas in ihm, eine alte, verkrampfte Erwartung, lockerte sich um einen Millimeter. Es war kein Durchbruch. Keine Erleuchtung. Nur eine winzige Öffnung in der Mauer seines eigenen Körpers. Ein Raum, der nur ihm gehörte.
Er ließ die Hand dort liegen, atmete weiter in die Dunkelheit hinein. Der Gedanke war neu und zerbrechlich. Vielleicht war das ja der Anfang. Vielleicht ging es gar nicht darum, wen er begehrte. Sondern darum, sich selbst überhaupt wieder zu spüren.