Chapter 9: Chapter 9
Simon war fünfzehn. Diese Zahl hing nun wie ein unsichtbarer Stein an jedem Zimmer der Wohnung, an jedem unausgesprochenen Satz zwischen Alex, Leon und Markus. Die formelle Übernahme war ein Bürokratie-Albtraum gewesen, angefüllt mit Akten, Gesprächen mit überforderten Jugendämtern und Claudias tränenerstickten Telefonaten aus der Ferne. Am Ende stand ein Dokument, das sie zu gemeinsamen Sorgerechtsinhabern machte. „Pflegeeltern auf Zeit“, nannte es der Beamte. Für Simon war es einfach nur ein neuer Aufenthaltsstatus. Der Stuhl am Küchentisch war jetzt seins. Seine Sneakers standen in gereihter Ordnung im Flur. Sein muffiger Rucksack lag wie eine Wache am Fußende der ausziehbaren Couch.
Und er war weg. Oder besser: er ging. Mit einer Regelmäßigkeit, die besorgniserregend war. Die DIY-Skater-Spots an der alten Turbinenhalle, unter Brücken, auf verlassenen Parkplätzen – sie waren seine Kathedrale. Seine neue Clique, eine bunt zusammengewürfelte Truppe von Jungs und Mädchen mit zerrissenen Jeans und abgenutzten Boards, war sein Konvent. Und sie tranken. Nicht heimlich ein Bier, wie Alex es vielleicht noch getan hatte. Sie tranken wie die Schlachtrösser. Wodka, gemischt mit Energy-Drinks aus billigen Plastikflaschen. Korn, direkt aus der Flasche.
Es begann mit leisen Anzeichen. Ein leichter Schwankgang, wenn er spät nach Hause kam. Ein Hauch von etwas Scharfem, Alkoholischem unter seinem Deodorant. Eine abwesendere, trotzigere Art am nächsten Morgen. Alex versuchte es mit Gesprächen, die sorgfältig vorbereitet waren und kläglich scheiterten. Leon versuchte es mit Strenge, die in lauten, nutzlosen Schreiduellen endete. Markus beobachtete nur, mit einem resignierten Zug um die Augen, der sagte: Ich kenne diese Abwärtsspirale.
Dann, an einem regnerischen Donnerstag, kam es zum Ereignis. Es war nach Mitternacht. Das Klopfen an der Tür war nicht das schüchterne Klopfen von vor Wochen, es war ein schwankendes, unregelmäßiges Hämmern. Alex schreckte aus dem Schlaf. Neben ihm murmelte Leon etwas Unverständliches. Markus war heute Nacht bei einem Freund.
Alex schlurfte zur Tür und öffnete sie. Simon stand im hell erleuchteten Flur, triefnass vom Regen, aber das war nicht das Schlimmste. Er lehnte schwer gegen den Türrahmen, sein Atem ging pfeifend. Sein Gesicht war aschfahl, die Augen lagen tief in dunklen Höhlen. Der Geruch war eine Welle: billiger Fusel, Schweiß und Erbrochenes.
„Simon,“ sagte Alex, und seine Stimme klang flach vor Schock.
Simon versuchte zu grinsen, ein schiefes, elendes Zucken der Lippen. „Hey… Alex.“ Die Worte kamen langsam, verschwollen. Er machte einen Schritt nach vorn und stolperte. Alex fing ihn ab, die nasse, schlaffe Masse des Jungen sackte gegen seine Brust. Der Gestank war überwältigend.
„Scheiße,“ zischte Leon hinter ihm. Er war aufgestanden, stand im Schlafzimmereingang, nur in Boxershorts, und starrte.
Zusammen schleppten sie Simon ins Badezimmer. Er war halb bei Bewusstsein, stöhnend, der Kopf hing ihm schwer zwischen den Schultern. Sie knöchelten ihn vor die Toilette, just in dem Moment, als sein Körper zu heftigen, würgenden Kontraktionen ansetzte. Das, was herauskam, war eine widerliche, orangefarbene Flüssigkeit. Er würgte und spuckte, sein ganzer Körper bebte.
Alex hielt seine Stirn, spürte die kühle, schweißnasse Haut. Er sah Leon an, dessen Gesicht erst vor Ekel, dann vor blanker Wut verzerrt war.
„Dieser kleine Idiot,“ knurrte Leon. „Wir geben ihm ein Dach über dem Kopf und er kommt besoffen wie ein Luder nach Hause.“
„Jetzt nicht,“ sagte Alex ruhig, aber seine Hand auf Simons Nacken zitterte leicht.
Sie wuschen ihn notdürftig ab, zogen ihm die nassen, stinkenden Klamotten aus und schleppten ihn zur Couch. Simon war jetzt ein wehrloser Klumpen, murmelt vor sich hin, seine Augen rollten weiß unter den Lidern. Sie deckten ihn zu. Dann standen sie da, im schwachen Licht des Wohnzimmers, zwei Männer in ihrer Unterwäsche, über einen fremden, vergifteten Jungen gebeugt, den sie jetzt legal verantworten mussten.
„Und?“, sagte Leon schließlich, seine Stimme war ein kaltes, scharfes Ding. „Was jetzt? Eine Standpauke halten, wenn er wieder nüchtern ist? Ihm das Taschengeld streichen? Bringt das was?“
Alex antwortete nicht. Er sah auf Simons blasses, kindliches Gesicht, die langen Wimpern, die auf die eingefallenen Wangen fielen. Es war das Gesicht eines Jungen, der weglaufen wollte, vor Scham, vor Einsamkeit, vor einem Leben, das ihn viel zu früh im Stich gelassen hatte. Und er sah sich selbst, und Leon, und Markus – drei Männer, deren Antwort auf jede Krise darin bestand, sich in Rausch, Sex und blinde Eskapaden zu flüchten. Welches Recht hatten sie, ihm etwas vorzuwerfen?
Er schüttelte den Kopf. „Wir können ihn nicht anschreien, Leon. Er weiß, dass er scheiße gebaut hat. Das hilft nicht.“
„Was dann? Ihm einen auf den Deckel geben?“ Leon lachte kurz und hart auf. „Das dürfen wir nicht mal. Vorschriften.“
Die Stunden zogen sich hin. Simon schlief einen toten, alkoholbedingten Schlaf. Alex und Leon saßen am Küchentisch, eine halbleere Flasche Whiskey zwischen sich. Sie sprachen nicht über Simon. Sie sprachen über gar nichts. Die Luft war dick von Ohnmacht. Leon schenkte nach, zwei Fingerbreit, trank ihn runter. Alex tat es ihm nach. Der Whiskey brannte, aber die betäubende Wärme breitete sich langsam aus, vertrieb das Gefühl der Hilflosigkeit, ersetzte es durch eine dumpfe, vertraute Wut.
Leon sah über den Rand seines Glases zu Alex. Seine Augen glänzten im Dämmerlicht. „Ich kann nicht mehr,“ sagte er, und seine Stimme war jetzt rau, nicht vor Zorn, sondern von etwas anderem. „Ich halte diese… diese ständige Anspannung nicht aus. Dieses Gefühl, als müssten wir immer leise sein.“
Alex verstand. Es war nicht die sexuelle Spannung, obwohl die sicherlich auch da war. Es war die Spannung einer eingesperrten Wildheit, einer animalischen Energie, die in dieser Wohnung mit ihren plötzlichen Regeln und ihrer ungebetenen Verantwortung erstickte. Der Whiskey machte es einfacher. Er machte die Grenzen weicher, den Gedanken an Morgen verschwommen.
Leon stand auf. Sein Stuhl scharrte über den Boden. Er trat hinter Alex, legte ihm die Hände auf die Schultern. Seine Finger gruben sich ins Fleisch, fest, fordernd. „Wir müssen… raus. Irgendwie.“
Alex lehnte den Kopf zurück, ließ seinen Nacken in Leons Händen ruhen. Er schloss die Augen. Das Verlangen, das sich in ihm ausbreitete, war primitiv. Es war nicht liebevoll. Es war die Notwendigkeit zu besitzen, kontrolliert zu werden, die lähmende Passivität des Abends in etwas Aktives, Gewaltsames zu verwandeln. „Dann mach,“ flüsterte er.
Leon zog ihn vom Stuhl, drehte ihn grob um und schob ihn Richtung Schlafzimmer. Die Tür fiel ins Schloss. Das Bett war ungemacht, die Laken von ihrer eigenen schlaflosen Unruhe zerwühlt. Draußen, im Wohnzimmer, lag Simon in seinem besinnungslosen Schlaf.
Hier gab es keine Vorspiel. Kein Küssen. Leon schob Alex mit dem Gesicht voran aufs Bett, sein molliger Körper sank in die Matratze. Mit ruppigen Händen zerrte Leon Alex‘ Jogginghose und Boxershorts nach unten. Die kühle Luft traf Alex‘ nackte Haut. Er hörte, wie Leon sich selber entkleidete, das Geräusch seines Reißverschlusses, das Rascheln von Stoff.
Dann spürte er Leons Gewicht auf sich, das heiße, feste Pressen seiner Beine gegen seine eigenen. Eine Hand grub sich in sein Haar, zog seinen Kopf zurück. Leons Atem war heiß und nach Whiskey in seinem Ohr. „Du geiler, fertiger Hund,“ zischte Leon, seine Stimme ein brutales Flüstern. „Du stehst drauf, dass dein Kumpel da draußen besoffen vor sich hinpfeift, während ich dir den Arsch aufreiße, was?“
Die Worte waren vulgär, erniedrigend, und sie zündeten etwas in Alex an. Er stieß sein Gesicht in das Kissen, ein dumpfes „Ja“ drang hervor.
Leon spuckte in seine Hand, ein nasses, obszönes Geräusch. Er führte seine Hand zwischen Alex‘ Gesäßbacken, schmierte grob über sein Loch. Es war nicht genug, es war trocken und widerstandsfähig. Leon spuckte noch einmal, rieb mehr von seiner eigenen Spucke hinein. Dann positionierte er sich, die Spitze seines gebogenen, harten Schwanzes drückte gegen den engen Muskelring.
„Fang ihn dir,“ knurrte Leon und drang mit einem einzigen, rücksichtslosen Stoß ein.
Der Schmerz war scharf, ein brennender Riss, der sofort in ein überflutendes Gefühl von Fülle überging. Alex schrie in das Kissen, seine Finger krallten sich in die Laken. Leon zog sich nicht zurück, um ihm Zeit zu geben. Er begann sofort einen schnellen, harten Rhythmus, seine Hüften klatschten gegen Alex‘ pralles Hinterteil, ein fleischiger, nasser Schlag, der im Raum widerhallte. Jeder Stoß schob Alex weiter ins Bett, sein Gesicht rieb sich am Stoff.
„So ist es richtig,“ keuchte Leon, seine Hände packten Alex‘ Hüften, die Daumen gruben sich in das Weiche. „Nimm dir, was du brauchst. Nimm meinen verdammten Schwanz, du Stück.“
Alex‘ Welt schrumpfte auf diesen Punkt intensiven Drucks, auf das brennende Reiben, das sich langsam in eine brutale Welle der Lust verwandelte. Der Alkohol in seinem Blut dampfte jede Hemmung ein, machte die Empfindungen reiner, schmutziger. Er schob sein Gesäß zurück, traf jeden Stoß Leons mit eigener Wucht.
Leon beugte sich vor, sein Körper bedeckte Alex‘ Rücken. Sein Mund fand Alex‘ Ohrläppchen, biss hinein. „Ich will hören, wie du mich anflehist,“ raunte er. „Bettel darum, du Hurensohn.“
„Fick mich,“ stöhnte Alex, seine Stimme war vom Kissen erstickt. „Fick mich hart, Leon, bitte…“
Das schien Leon zu entfesseln. Sein Tempo wurde unregelmäßig, wilder. Er rammte sich in Alex, zog sich fast vollständig zurück, bevor er mit voller Wucht wieder eindrang. Das Bett ächzte und schlug gegen die Wand. Alex spürte, wie die Anspannung in seinem Unterleib sich zu einem pulsierenden Knoten zusammenzog. Er war kurz davor, sein Gesicht war feucht von Speichel und Schweiß.
Die Schlafzimmertür ging auf.
Niemand hatte sie zugeschlossen. Sie war einfach nur ins Schloss gefallen.
Markus stand im Türrahmen, angezogen, aber mit wirrem Haar. Sein Blick wanderte vom fliegenden Bett über Leons wütenden, schweißbedeckten Rücken, der sich rhythmisch vor und zurück bewegte, zu Alex‘ halb ersticktem Gesicht, das aus dem Kissen ragte. Er sagte nichts. Sein Gesicht zeigte keine Überraschung, nur eine tiefe, erschöpfte Resignation. Er sah einen Moment zu, seine Augen waren dunkle Löcher in der Halbdunkelheit des Flurs.
Dann wandte er sich ab und schloss die Tür leise, aber bestimmt.
Das Geräusch der schließenden Tür war wie ein kalter Schlag. Leon hielt inne, sein Körper erstarrte über Alex. Der Moment war zersplittert, die wilde Energie verpuffte und ließ nur eine schmutzige, beschämende Leere zurück. Alex spürte, wie seine Erregung sofort abflachte, ersetzt durch ein eiskates Erwachen.
Von der anderen Seite der Tür war ein leises Würgen zu hören. Simon. Er war wahrscheinlich aufgewacht, hatte nach Wasser gesucht, hatte die geschlossene Schlafzimmertür gesehen, das Licht darunter, die Geräusche…
Leon rollte sich von Alex ab, sein Schwanz glitschig und schlaff. Er sank auf die Matratze, starrte zur Decke. Sein Atem ging noch immer schwer. „Fuck,“ sagte er einfach.
Draußen im Wohnzimmer wurde die Toilettenspülung betätigt. Dann Stille.
Alex blieb liegen, das Gesicht immer noch im feuchten Kissen vergraben. Der Gestank von Schweiß, Sex und Scham füllte den Raum. Sie hatten sich nicht nur entblößt. Sie hatten ihre Dysfunktion, ihre Hilflosigkeit, ihre kaputten Fluchtversuche entblößt. Und ein betrunkener, verlorener Junge und ihr frustrierter, eingeschlossener Liebhaber hatten zugesehen. Das Gewicht dieser Tatsache lastete schwerer als jedes körperliche Gewicht.
In der Dunkelheit, mit dem gedämpften Geräusch von Simons schwerem Aten von der Couch her, wussten sie beide, dass nichts mehr so war wie vorher. Sie konnten nicht mehr so tun, als wären sie nur drei Männer in einer komplizierten Beziehung. Sie waren jetzt Verantwortliche. Und sie hatten gerade auf die ek
Sie waren jetzt Verantwortliche. Und sie hatten gerade auf die ekelerregendste Art und Weise versagt.
Die drei Jahre, die folgten, waren geprägt von einer seltsamen, geerdeten Normalität, die sich nur schwer mit den nächtlichen Exzessen im Basis-Club oder den wüsten Dreiern auf der Wohnzimmercouch in Verbindung bringen ließ. Aus der Wohnung wurde ein Haus, ein kleines Reihenhaus am Stadtrand von Oberhausen mit einem schmalen, von Alex liebevoll gepflegten Garten. Ein Ort, der Wurzeln versprach. Simons vorübergehender Status verwischte sich und verschwand schließlich ganz; er war einfach da, ein lästiger, störrischer, aber unverzichtbarer Bestandteil ihres Gefüges. Sein achtzehnter Geburtstag war mit einer schlichten Grillfeier im Garten begangen worden, flankiert von zwei seiner Skaterfreunde und einer schweigsamen Claudia, die für ein Wochenende aus Bielefeld angereist war.
Sein Geschenk war das ausgebaute Dachgeschoss mit eigenem Badezimmer. Ein Rückzugsraum. Eine Schwelle. „Du bist erwachsen jetzt,“ hatte Alex gesagt, als sie ihm die Schlüssel übergaben. Die Worte klangen hohl, selbst in seinen eigenen Ohren. Erwachsensein hatte er nie so definiert.
An diesem Abend herrschte im Erdgeschoss eine gespannte Ruhe. Leon saß über seinem Tablet, die Stirn in Falten gelegt. Markus reparierte den Wasserhahn in der Küche, sein Werkzeug klapperte auf dem Edelstahlbecken. Alex versuchte zu lesen, starrte aber nur auf dieselbe Seite. Simon war auf einer Geburtstagsparty eines Freundes. „Bin vielleicht spät“, war die einzige Nachricht gewesen.
Gegen zwei Uhr morgens hörten sie das Schlüsselgeräusch in der Tür. Das Knallen der Tür, die zu heftig gegen den Anschlag fiel. Schwere, polternde Schritte auf der Treppe nach oben. Nicht das verzweifelte Torkeln des Fünfzehnjährigen, sondern das selbstgewisse, aber fehlgeleitete Stampfen eines betrunkenen jungen Mannes, der glaubte, sein Territorium zu betreten. Sie hörten, wie seine Zimmertür ins Schloss fiel.
Oben, in seinem Raum, fiel Simon mit einem dumpfen Poltern auf sein Bett. Die Welt drehte sich angenehm um ihn, ein wirbelnder Karussell aus flackernden Discolichtern und dem dröhnenden Bass, der noch in seinen Knochen nachzitterte. Die Erinnerungen des Abends waren verschwommen: Wodka-E, zerquetschte Bierdosen auf einem verschwitzten Tisch, lautes Lachen. Und die Blicke. Die Blicke eines Mädchens mit blauen Haaren, das ihn beim Tanzen angestarrt, ihre Hüften gegen seine gedrückt hatte. Ihr Lachen war klingend und direkt in sein Ohr gedrungen.
Jetzt, allein in der Dunkelheit seines Zimmers, brach dieses Gefühl wieder auf. Eine heiße, dumme Welle der Erregung. Er stöhnte, wühlte sich in seinen Kissen, seine Hand fuhr wie von selbst an den Reißverschluss seiner Jeans. Er kämpfte sich aus der engen Hose heraus, warf sie vom Bett. Sein Boxershort spannte über seiner Erektion. Er schob das elastische Band nach unten, und sein Schwanz, steif und dick für sein zierliches Skelett, schnappte frei.
Seine Hand schloss sich fest um die Basis. Die Haut war heiß, feucht von Präejakularflüssigkeit, die bereits an der Spitze perlte. Er begann sich zu reiben, anfangs langsam, dann mit der verzweifelten Eile des Betrunkenen. Sein Daumen strich über die feuchte Öffnung, verteilte die Gleitfähigkeit über den ganzen Schaft. Sein Atem ging keuchend, stoßweise. Er dachte an das Mädchen. An ihre Hände. An ihren Mund.
Er drehte sich auf die Seite, grub sein Gesicht in das Kissen, um seine Geräusche zu ersticken. Seine Hüften stießen in einer schmutzigen, einsamen Simulation nach vorne. Die Bewegung war nicht elegant, nicht geübt. Es war ein animalisches Sich-entleeren-Wollen. Seine Finger verkrampften sich um seinen Schwanz, zogen die Vorhaut rauf und runter, ein schneller, brutaler Rhythmus. Sein anderer Arm lag unnatürlich unter seinem Körper eingeklemmt.
„Scheiße,“ zischte er in das Kissen. Seine Hüften zuckten unkontrolliert. Er stellte sich vor, er würde sie nehmen, das Mädchen mit den blauen Haaren, sie gegen eine Wand drücken. Er stellte sich vor, er wäre jemand anderes: jemand wie Leon, furchtlos und fordernd. Die Vorstellung machte ihn noch härter. Sein Atem wurde zum scharfen Pfeifen. „Komm schon, komm schon...“
Die Anspannung in seinem Unterleib kochte über. Ein dröhnendes, schmerzhaftes Pulsieren. Sein Rücken bog sich durch, sein Gesicht verkrampfte sich in einer stummen Grimasse. Dann schoss es aus ihm heraus, ein warmes Spritzen, das über seine Finger, seinen Bauch und die verschrumpelte Bettwäsche lief. Er zuckte noch zwei-, dreimal zusammen, sein ganzer Körper schlaff vor der plötzlichen Entleerung.
Die Ekstase war sofort vorbei. Erließ die Hand sinken, atmete schwer. Die Realität kam mit verdoppelter Wucht zurück. Der scharfe Geruch von Sperma und Schweiß stieg ihm in die Nase. Der Alkohol in seinem System, der einen Moment lang gezähmt schien, rebellierte. Sein Magen drehte sich plötzlich, ein eiskalter Strudel.
„Oh nein,“ murmelte er.
Er rappelte sich hoch, taumelte schwindlig zur Tür seines en suite Badezimmers. Die Welt kippte. Er erreichte die Toilette gerade rechtzeitig.
Was aus ihm herausschoss, war eine Flut von unverdautem Bier, Wodka und säuerlichem Mageninhalt. Es klatschte laut ins Wasser, spritzte über den Rand. Er würgte, spuckte, Tränen schossen ihm in die Augen. Eine zweite Welle folgte, heftiger, schmerzhafter. Er klammerte sich am kalten Porzellan fest, sein Körper schüttelte sich mit jeder Kontraktion.
Endlich hörte es auf. Er blieb keuchend über der Schüssel hängen, sein Mund brannte, sein Kopf hämmerte. Er spülte, watete durch die scheußliche Gischt am Boden zur Spüle und spülte sich den Mund aus. Im Spiegel sah er sein blasses, verquollenes Gesicht, die rot geäderten Augen. Er war achtzehn. Sein Atem roch nach Kotze. Auf seinem Bett trocknete seine eigene Schweinerei.
Unten im Wohnzimmer hatte Markus das polternde Stampfen, das dumpfe Stöhnen und das anschließende, unverkennbare Geräusch des Würgens klar mitgehört. Er sah Alex an, der sein Buch langsam geschlossen hatte. Leon hatte den Blick ebenfalls vom Tablet gehoben.
„Hat sich wohl eine schöne Zeit besorgt,“ sagte Leon trocken. Seine Stimme enthielt keinen Ärger, nur eine müde Anerkennung.
Alex stand auf. Er ging zur Treppe, lauschte. Von oben kam nur Stille. Er sah die schmale Treppe hinauf, die zur geschlossenen Tür des Dachgeschosses führte. Vor drei Jahren wäre er hochgegangen. Hätte gesprochen, geputzt, getadelt.
Jetzt blieb er einfach stehen. Er drehte sich zu den anderen um. Ihre Blicke trafen sich in einem schweigsamen, bitteren Einverständnis. Sie hatten ihm ein eigenes Bad gegeben, damit sie diesen Teil nicht mehr sehen, nicht mehr riechen mussten. Es war eine Kapitulation in Form von Trockenbau und Fliesen.
„Soll ich...?“ fing Markus an, mit einer Kopfwendung nach oben.
„Lass ihn,“ sagte Alex. Die Worte kamen leise heraus. „Er muss es selbst lernen. Oder auch nicht.“
Er ging zurück ins Wohnzimmer, setzte sich aber nicht. Eine unbewegte Energie stand zwischen ihnen. Das unappetitliche Bild, das ihre Gedanken nun alle teilten – der betrunkene Junge, der einsam auf seinem eigenen Sperma lag und dann in seine eigene Toilette kotzte – war kein Anlass zur Sorge mehr. Es war ein Spiegel. Und er reflektierte etwas sehr Altes, sehr Vertrautes zurück.
Leon ließ sein Tablet zur Seite gleiten. Sein Blick war nicht mehr müde. Etwas Glimmendes, Gefährliches war darin. Er sah zu Markus, dann zu Alex. „Und was machen wir jetzt?“ fragte er. Es war keine Frage nach einer Lösung für Simon.
Alex spürte die gleiche primitive Resonanz. Der Alkohol, die Verantwortung, die Scham, die Einsamkeit – all das schwappte von oben herab und füllte den Raum unten mit einer beißenden Chemikalie. Der einzige Auslass, den sie je wirklich gekannt hatten, lag ineinander, nicht in Worten.
„Was wir immer machen,“ sagte Markus. Seine Stimme war rau. Er stand auf, trat direkt vor Alex. Ohne ein weiteres Wort knöpfte er Alex‘ Hemd auf, die Hände nicht zärtlich, sondern geschäftig. Alex ließ es geschehen, sein Herz schlug plötzlich schneller.
Leon kam hinter ihn, seine Hände fuhren unter Alex‘ geöffnetes Hemd, kratzten über seine Brustwarzen. „Genau,“ zischte Leon in Alex‘ Ohr. „Unser Drecksjob. Den kleinen Versager da oben sauberzumachen.“ Es war eine perverse Umdeutung, ein rituelles Abwaschen.
Markus zog Alex‘ Hemd von den Schultern, dann seinen eigenen Pullover aus. Leon drückte Alex nach vorne, auf Markus zu. Ihre Münder trafen sich in einem beißenden Kuss, Zähne klackten, Zungen kämpften um Dominanz. Es war kein Vorspiel, es war der erste Schlag in einem Kampf.
Hands zerrten an Gürteln, Knöpfen, Reißverschlüssen. Kleider fielen in einem Haufen auf den Teppich des Wohnzimmers, direkt vor dem sofa, auf dem Simon vor Jahren gekotzt hatte. Nackt, mollig, bedeckt mit den Spuren der Zeit und des vergangenen Abends, standen sie da. Die Luft war kühl auf ihrer Haut.
Leon schob Alex grob auf die Knie vor Markus. „Mach ihn nass,“ befahl er, und Alex gehorchte. Er nahm Markus‘ halbsteifen Schwanz in den Mund, saugte ihn zur vollen Härte, würgte absichtlich, um den Würgereflex zu spüren, um die Kontrolle ganz loszulassen. Speichel tropfte ihm übers Kinn.
Leon nahm derweil die Tube Gleitmittel aus der Schublade des Sideboards – sie lag immer da, ein Relikt einer unbeschwerteren Zeit. Er schmierte sich mit kalten, klinischen Fingern ein, stretchte sich grob, sein gebogener Schwanz glänzte im gedämpften Licht. Dann trat er hinter Alex, der noch immer Markus in den Mund nahm.
Mit einem Handgriff trennte er sie, zog Alex‘ Kopf nach hinten. „Jetzt du,“ sagte er, und seine Stimme war voll von einer beängstigenden Selbstverständlichkeit. „Du kriegst es von hinten. Jedes Mal, wenn der kleine Idiot oben aufstößt, kriegst du meinen Schwanz tiefer. Verstanden?“
Alex nickte, atmete keuchend. Er hatte keine Würde mehr, die er hätte opfern können. Das war der Punkt. Leon führte die betastete Spitze an Alex‘ Öffnung. Er drang nicht langsam ein. Er rammte sich mit der ganzen Wucht seines Körpers hinein.
Alex schrie auf, der Schrei wurde von Markus‘ Hand erstickt, die ihm jetzt über den Mund gepresst wurde. Markus stand vor ihm, beobachtete jedes Zucken in Alex‘ Gesicht, während Leon dahinter einen grausamen Rhythmus begann. Jeder Stoß war eine Vergeltung für ihre eigene Hilflosigkeit.
„Sieh ihn an,“ keuchte Leon zu Markus, seine Hüften klatschten fleischig. „Sieh dir an, wie er es liebt. Unser braver Bibliothekar. Sein Arsch ist unser einziges fucking Ventil.“