Chapter 143: Chapter 143
Der Samstag kroch heran, ein langer, nervöser Tag, der sich in Alex‘ Knochen festsetzte wie eine Krankheit vor dem Fieberanstieg. Er konnte nicht essen. Die Worte in seinen Büchern waren nur schwarze Kritzeleien. Selbst Leon schien angespannt, rastlos, putzte wie besessen die schon blitzende Küche und rauchte eine Zigarette nach der anderen auf dem Balkon, bis die Luft draußen nach kalter Asche schmeckte.
Gegen acht, als die Dunkelheit vollständig war, begann die Prozedur. Leon kam in Alex‘ Zimmer, trug nur ein Handtuch um die Hüften. „Du gehst nicht da hin wie ein wandelnder Pullover“, erklärte er und durchwühlte Alex‘ Schrank. Er zog ein schwarzes, eng anliegendes T-Shirt hervor, dann eine schwarze, ebenfalls enge Jeans. „Das. Nichts anderes.“
Alex zog sich an. Der Stoff der Jeans scheuerte an seinen Oberschenkeln, das T-Shirt betonte jede Rippe. Er fühlte sich nackter als ohne Kleidung. Leon musterte ihn, sein Blick kühl und analysierend. „Geht so“, urteilte er. Er selbst trug eine zerfetzte, schwarze Band-Shirt und eine enge Lederhose, die seine dünnen Beine noch dünner wirken ließ. Er roch nach billigem Aftershave und der Zigarette, die er gerade ausgedrückt hatte.
„Und?“ fragte Leon, während sie vor der Tür standen. „Regeln?“
Alex zuckte mit den Schultern. Seine Zunge fühl sich wie Filz an. „Wir sehen wen wir kriegen.“
Leon grinste, aber es war ein nervöses Zucken. „Und keine Scheißkondome. Das ist nur was für ängstliche Spießer. Spürt man eh nichts.“ Er hielt Alex‘ Blick fest, eine absichtliche Herausforderung. „Einverstanden?“
Alex dachte an die gepflegten, sorgenvollen Gesichter von Jonah und Tom. An die obligatorische „Gespräch“ über sicheren Sex, die so lächerlich sanft und diplomatisch gewesen war, als er vierzehn war. Eine andere Welt. Er nickte. „Einverstanden.“
Das Unterhaus war nicht zu übersehen. Ein umgebauter, fensterloser Industriebunker am Stadtrand, von dem das Basswummern die kalte Nachtluft zerhackte. Die Schlange davor war lang, eine Collage aus schwarzem Leder, zerissenen Netzen, neonfarbenen Haaren und blanker Haut. Alex fühlte sich sofort fehl am Platz, wie ein Tourist in einem Kriegsgebiet. Leon hingegen schien aufzublühen. Er schlüpfte durch die Menge, zog Alex hinter sich her, tauschte mit einem riesigen, glatzköpfigen Türter an der Seitentür, den er offenbar kannte, ein Nicken und einen anzüglichen Witz aus, und schon waren sie drinnen.
Die Musik schlug Alex wie eine physische Wand. Ein dumpfer, tief verwurzelter Technobeat, der in seinen Zähnen und seinen Knochen widerhallte. Stroboskoplichter zerschnitten die Rauchschwaden, die die hohe Decke füllten. Körper schwitzen, bewegten sich, rieben sich aneinander, ein einziges, pulsierendes Organ. Der Geruch war überwältigend: süßlicher Schweiß, Parfüm, Bier und etwas Metallisches, aufputschendes.
Leon zerrte ihn zur Bar, brüllte zwei Jägermeister über den ohrenbetäubenden Lärm. Das erste Glas brannte Alex die Kehle hinunter, legte einen warmen Teppich in seinen Magen. Das zweige folgte sofort, auf einen Nacken von Leon. Die Welt begann, ihre scharfen Kanten zu verlieren.
Sie postierten sich an einem Podest, von dem aus man die Tanzfläche überblicken konnte. Leon scannte die Menge wie ein Raubvogel. „Siehst du? Die da drüben. Die mit den kurzen Haaren. Die sieht bi aus.“
Alex folgte seinem Blick. Ein Mädchen, vielleicht in ihrem Alter, mit einem kastanienbraunen, stufigen Haarschnitt und einem engen Top, der ihren flachen Bauch zeigte. Sie tanzte mit einem älteren Mann, aber ihr Blick wanderte umher. Er sah Jungs, die Jungs küssten, Mädchen, die sich an Mädchen schmiegten, und Gruppen, bei denen die Grenzen verschwammen. Die Freiheit, die er sich vorgestellt hatte, fühlte sich plötzlich überwältigend und bedrohlich an.
„Ich… ich weiß nicht“, brüllte er Leon ins Ohr.
„Trink weiter“, befahl Leon und winkte der Barkeeperin. Bier erschien, kalt und bitter. Alex trank es in langen Zügen. Der Alkohol begann seine Arbeit zu tun, verwandelte die Angst in ein taubes, kühnes Pulsieren. Die Musik drang jetzt in ihn ein, statt gegen ihn zu prallen. Sein Körper begann, sich leicht im Takt zu wiegen.
Es war Leon, der die Initiative ergriff. Ein Junge, solo, an der Bar, schlank und blond, ungefähr in ihrem Alter. Sein Blick traf Leons und blieb haften, ein eindeutiges, interessiertes Mustern. Leon lächelte sein schiefes Lächeln, nahm Alex am Handgelenk und ging hinüber.
Der Name des Jungen war Finn. Er studierte auch an der Uni, war aus Köln hergezogen. Seine Stimme war leise, er musste sich vorbeugen, um ihn zu hören. Er roch nach Zitronenwaschmittel und etwas Süßem. Alex stand daneben, trank sein Bier und fühlte sich wie ein lebensgroßes Accessoire. Leon spielte den Charmanen, berührte Finns Unterarm, als er einen Witz machte. Finn lachte, zeigte weiße Zähne.
Dann wandte Leon den Kopf zu Alex. „Und das ist Alex. Noch ziemlich neu im Geschäft, aber ein schneller Lerner.“ Sein Fuß kickte Alex sanft gegen das Schienbein.
„Hi“, sagte Alex und hoffte, seine Stimme klang nicht zu betrunken.
Finns Blick wanderte zwischen ihnen hin und her, ein wissendes Funkeln in den Augen. „Ihr seid zusammen?“
„Wir wohnen zusammen“, korrigierte Leon schnell. „Aber wir teilen gerne.“ Seine Hand lag immer noch auf Finns Arm.
Eine halbe Stunde später, nach zwei weiteren Bier, standen sie zu dritt in einer dunkleren Ecke neben den Toiletten. Die Musik war hier gedämpfter. Finn hatte einen Arm um Leons Taille, seine andere Hand auf Alex‘ Hüfte. Alex‘ Kopf schwamm, sein Körper fühlte sich heiß und schwerelos an. Er ließ es geschehen. Finns Kuss war weicher als Leons, erfahrener. Seine Zunge schmeckte nach Bier und Kaugummi. Neben ihnen knutschte Leon schon heftiger mit Finn, seine Hände wanderten unter dessen Shirt.
„Gehen wir“, murmelte Finn gegen Alex‘ Mund. „Ich wohne um die Ecke.“
Die Wohnung war klein, steril, das Zimmer eines Erasmus-Studenten. Ein schmales Bett, ein Schreibtisch. Finn knipste eine kleine Lampe an, die einen warmen, düsteren Schein warf. Ohne ein Wort begann er, sein Shirt auszuziehen. Leon tat es ihm gleich, dann griff er nach Alex‘ T-Shirt.
Es ging schnell, hektisch, geführt von Betrunkenheit und einer ungeduldigen, heißen Gier. Kleider landeten auf dem Boden. Finns Körper war schlank und glatt, mit einem smatten Oberkörper. Leon, daneben, wirkte fast zerbrechlich mit seinen spitzen Knochen.
Finn schob Alex sanft auf den Bettrand, ging vor ihm in die Knie. Seine Hände öffneten Alex‘ Jeans, zogen sie mit den Boxershorts hinunter. Sein Mund war warm und geschickt, ein langsamer, saugender Rhythmus, der Alex sofort hart werden ließ. Alex stöhnte auf, sein Kopf fiel zurück. Er sah, wie Leon und Finn sich küssten, während Finn weiter an ihm saugte, ein Bild perverser Doppeldeutigkeit, das ihm den Atem raubte.
Dann hörte Finn auf, stand auf. Sein Gesicht war gerötet. „Wer zuerst?“ fragte er, seine Stimme war heiser. Er griff nach einem Fläschchen Gleitgel auf dem Nachttisch.
Leon schubste Alex vor. „Er. Er ist der Jungfrau.“
Die Worte klatschten durch Alex‘ alkoholgetränkten Nebel. Jungfrau. Es war wahr. Und es würde jetzt enden. Ohne Schutz. Das Risiko gab dem Ganzen eine absurde, scharfe Würze. Er nickte, unfähig zu sprechen.
Finn lächelte, etwas Herausforderndes glitt über sein Gesicht. „Auf allen Vieren“, sagte er sanzt. Alex gehorchte. Das raue Baumwollbezug des Bettes kratzte an seinen Knien und Handflächen. Er hörte das Klicken der Gleitmittelflasche, spürte dann die kalte, feuchte Berührung von Finns Fingern an ihm, dorthin, wo noch niemand gewesen war.
„Entspann dich“, flüsterte Finn hinter ihm. Dann war da der Druck. Langsam, aber unerbittlich. Ein Brennen, ein gewaltsames Weiten, das den Atem in Alex‘ Lungen einfrieren ließ. Er biss die Zähne zusammen, krampfte die Fäuste ins Bettzeug. Finn hielt inne, ließ ihn sich gewöhnen. Dann begann er sich zu bewegen.
Es war keine Lust, die Alex überkam. Es war eine völlige Überwältigung, ein Gefühl der Invasion, das gleichzeitig schmerzhaft und fesselnd war. Der Rhythmus wurde schneller, der Schmerz wich einem dumpfen, tiefen Reiben, das eine seltsame, körperliche Befriedigung auslöste. Leon war vor ihm aufgetaucht, kniete sich hin, schob seinen harten Schwanz in Alex‘ Mund. Alex schloss die Augen, ließ sich füllen, vorn und hinten, ein Spielball ihrer Bewegung.
Der Geruch von Schweiß und Sex hing schwer in der Luft. Stöhnen und das feuchte, klatschende Geräusch von Haut auf Haut erfüllten den Raum. Finns Atem ging schneller, seine Griffe an Alex‘ Hüften wurden fester. „Ich komm gleich“, stieß er hervor, seine Bewegung wurden ruckartig, unkontrolliert. Alex spürte, wie sich etwas in ihm entlud, heiß und flüssig, eine fremde Substanz in seinem Inneren. Finn zog sich mit einem erstickten Laut zurück.
Ohne Pause nahm Leon seinen Platz ein. Er war weniger sanft, weniger erfahren. Sein Eindringen war ein kurzer, scharfer Stoß. Alex stöhnte um Leons Schwanz in seinem Mund. Leon hatte einen hektischen, jagenden Rhythmus, als wollte er etwas beweisen. Nach wenigen wilden Stößen kam er mit einem unterdrückten Fluch, seine Hände krallten sich in Alex‘ Haare, sein ganzer Körper zuckte. Dann zog auch er sich heraus.
Alex fiel auf die Seite, keuchend. Sein Mund war wund, sein Arsch brannte. Eine klebrige, fremde Feuchtigkeit lief an seinem Oberschenkel hinunter. Er sah zu, wie sich Leon und Finn, jetzt beide schweißbedeckt und leer, flüchtig auf den Mund küssten. Es wirkte wie eine formlose Geste, leer von Bedeutung.
„Scheiße“, murmelte Finn und stand wacklig auf. „Ich muss pinkeln.“
Als er im Bad verschwand, lehnte sich Leon neben Alex. „Na?“, flüsterte er, sein Atem roch nach Alkohol und Erschöpfung.
Alex konnte nicht antworten. Das Adrenalin und der Alkohol wichen schnell und ließen eine große, schwärzliche Leere zurück. Es war vollbracht. Er war es nicht mehr. Und es fühlte sich an wie nichts. Es fühlte sich schmutzig an, nicht aufregend, einfach nur schmutzig und leidenschaftslos. Er dachte an die Regel, die sie aufgestellt hatten. Keine Kondome. Die Konsequenzen davon, die Risiken, kamen jetzt wie eine kalte Welle auf ihn zu.
Finn kam zurück, begann sich hastig anzuziehen. „Muss früh raus“, sagte er, sein Blick traf keinen von ihnen direkt. Das Finale war vorbei, die Anonymität der Clubecke kehrte zurück. „War nice.“
Dann war er weg. Die Tür fiel leise ins Schloss.
Stille, gebrochen nur durch ihren eigenen schnellen Atem. Der Raum roch jetzt überdeutlich nach Sperma und Schweiß. Alex stand auf, seine Beine zitterten. Er humpelte ins winzige Bad, wusch sich grob mit kaltem Wasser und einer fremden Seife. Das Wasser lief rosa von ihm herab. Im Spiegel sah er sein Gesicht: bleich, mit blutleeren Lippen, die Augen weit und leer. Es war das Gesicht eines Fremden.
Als er zurückkam, hatte Leon sich ebenfalls notdürftig angezogen und stand am Fenster, eine neue Zigarette zwischen den Lippen. Er drehte sich um. „Also?“
„Ich muss kotzen“, sagte Alex flach. Nicht vor Ekel vor dem Akt, sondern vor der nichtigen Bedeutung dahinter. Vor seiner eigenen Dummheit.
Leon lachte kurz auf, ein hölzernes Geräusch. „Der erste Mal ist immer scheiße. Nächstes Mal wird’s besser.“
„Es gibt kein nächstes Mal“, sagte Alex. Die Worte kamen von ganz unten, aus einer neu entdeckten Tiefe in sich selbst. Er dachte an Jonah und Tom. Nicht an Enttäuschung, sondern an ihre banale, ordentliche Fürsorge. Sie hatten versucht, ihn vor genau diesem Gefühl zu beschützen: dieser eiskalten Leere nach der Erfüllung einer triebgesteuerten, dummen Fantasie.
Leon zuckte mit den Schultern, drehte sich zum Fenster zurück. „Deine Entscheidung.“
Der Weg zurück in die WG war eine stumme, peinigende Odyssee. Jeder Schritt schmerzte. In ihm war ein Jetzt-leer-Gefühl, eine Art Vakuum, wo die Aufregung und die Angst gewesen waren. Und eine klammheimliche, nüchterne Angst begann zu kriechen. Was, wenn etwas passiert war? Was, wenn dieser eine, dumme Abend alles ruiniert hatte?
In seinem Zimmer, allein, während Leon bereits in seinem eigenen verschwunden war, setzte sich Alex auf sein Bett. Der Geruch des Clubs, des fremden Jungen, hing noch an seiner Haut. Er nahm sein Handy. Die Uhrzeit zeigte halb drei. Es gab keine verpassten Anrufe. Keine Nachrichten von Jonah und Tom. Sie schliefen friedlich, ahnungslos, in einer Welt,
die er für ihn mit ihrer bedächtigen Liebe gebaut hatten. Die Stille in seinem Zimmer war nun eine feindselige Substanz, die sich in seine Ohren und unter seine Haut presste. Jeder Muskel schmerzte, ein tiefer, diffuser Schmerz, der von der Anspannung und der groben Behandlung herrührte.
Draußen im Flur hörte er Leons Tür aufgehen. Leichte Schritte auf dem Linoleum. Dann ein leises Klopfen an seiner Tür. Alex antwortete nicht. Die Tür schwang trotzdem auf. Leon stand im Rahmen, wieder nur in Boxershorts, eine neue Zigarette zwischen den Fingern. Sein schmaler Körper wirkte im Halbdunkel wie eine gespenstische Skizze.
„Alles klar bei dir?“ Leons Stimme war belegt, aber neutral. Es klang nicht nach echter Sorge, mehr nach einer Inventur.
„Nein“, sagte Alex, und das Wort war ein trockenes Blatt in seinem Mund. „Überhaupt nicht klar.“
Leon trat ein, ließ die Tür offen stehen. Der Geruch von kalter Asche und seinem Schweiß folgte ihm. „Wirst du‘s überleben. Ist nur das erste Mal. Passiert jedem.“
„Das war kein ,erste Mal‘.“ Alex hob den Kopf. Seine Augen brannten. „Das war… das war ein Fehler. Ein dreckiger, saudummer Fehler.“ Er starrte Leon an, suchte in diesem blassen Gesicht nach einem Funken von Verständnis, von Reue. Er fand nur müde Gleichgültigkeit.
„Ach komm.“ Leon zog an seiner Zigarette, die Glut erhellte seine Gesichtszüge kurz und ließ sie wieder in Schatten versinken. „Du hast deinen Arsch hochgekriegt, hast was erlebt. Mehr nicht. Und jetzt hör auf, rumzuheulen wie‘n kleines Mädchen.“
Die Worte trafen Alex wie eine offene Hand. Sie waren zu nah an der Wahrheit, die er selbst fürchtete. Dass es bedeutungslos gewesen war. Einfach nur Fleisch. Ein schaler Triumph. „Wir kannten ihn nicht. Wir haben nichts benutzt.“ Die Angst, die er bisher nur gefühlt hatte, formte sich jetzt zu Worten. „Was wenn… was wenn er was hatte? Was wenn ich jetzt was habe?“
Leon schnaubte einen Rauchring in die stickige Luft. „Was soll er schon haben? Sah doch gesund aus. Und selbst wenn.“ Er zuckte mit den Schultern. „Dann hat man‘s halt. Is‘ nicht mehr so das Drama heutzutage.“
Diese brutale, idiotische Nonchalance ließ Alex‘ Magen sich umdrehen. Er stand auf, die plötzliche Bewegung schickte einen stechenden Schmerz durch sein Kreuz. „Es ist ein Drama, du verdammter Idiot! Es ist mein Leben!“ Seine Stimme überschlug sich, schrill vor aufgestauter Panik. „Ich hab kein Bock auf irgendwelche Pillen, auf irgendwelche Ärzte, auf… auf irgendwas!“
Leon starrte ihn an, sein Gesicht erstarrte zur Maske. Die Gleichgültigkeit wich etwas Kälterem, Gefährlicherem. „Dann hättest du vorher nachdenken sollen, du Heuchler. Hast ja genickt, als ich‘s vorgeschlagen hab. Warst ganz wild drauf, endlich mal was Richtiges zu ficken.“ Er trat einen Schritt näher. Der Zigarettenrauch kitzelte in Alex‘ Nase. „Jetzt die große Moral kehren? Nachdem du dir den Schwanz von nem Fremden in den Arsch hast schieben lassen? Geh dich vergraben.“
Jede Silbe war ein Nadelstich. Alex fühlte sich entblößt, durchschaut, abscheulich. Tränen der Wut und Hilflosigkeit stiegen ihm heiß in die Augen. Er ballte die Fäuste. „Du hast mich da reinmanipuliert.“
„Ich hab dich nirgendwo reinmanipuliert!“ Leons Stimme war jetzt ein scharfer Flüster. „Du wolltest es. Du hast dich genau so dafür geil gefühlt wie ich. Dieses ganze ,ich-bin-verwirrt‘-Gejammer ist nur Show. In Wirklichkeit bist du genau so scharf auf den dreckigen, unkomplizierten Scheiß wie ich. Du willst nur nicht zugeben, dass du kein kleiner Prinz mehr bist, auf den Papa und Papa stolz sein können.“
Alex‘ Hand fuhr vor wie von selbst. Der Schlag traf Leon an der Schläfe, ein dumpfes, fleischiges Geräusch. Leon taumelte zurück gegen den Türrahmen, die Zigarette fiel zu Boden und versengte den Teppich mit einem zischenden Geräusch.
Für einen Herzschlag herrschte absolute Stille. Leon richtete sich langsam auf. Im schwachen Licht von Alex‘ Nachttischlampe sah er den roten Abdruck von Alex‘ Fingern auf seiner Wange. In seinen Augen funkelte etwas Archaisches, Raubtierhaftes.
Dann grinste er. Ein blutleeres, furchterregendes Grinsen. „Gut“, sagte er leise. „Jetzt wird‘s interessant.“
Er stürzte sich auf Alex. Sie prallten gegen den Schreibtisch, Bücher und Papiere flogen krachend zu Boden. Leon war leichter, aber schneller und wütend. Seine Faust landete in Alex‘ Seite, ein explosiver Stich, der die Luft aus Alex‘ Lungen presste. Sie landeten auf dem Boden, ein wirrer Knäuel aus knöchrigen Gliedmaßen und keuchendem Atem.
Leon saß plötzlich auf Alex‘ Brust, seine Knie drückten Alex‘ Arme auf den schäbigen Teppich. Sein Gesicht, nur Zentimeter entfernt, war verzerrt vor einer ekstatischen Wut. „Du willst Kampf? Hier ist dein Kampf.“
Er beugte sich hinab und küsste Alex. Es war kein Kuss, es war ein Angriff, eine Behauptung. Seine Zunge drang gewaltsam in Alex‘ Mund ein, schmeckte nach Blut und Asche und der Bitterkeit ihres Streits. Alex wand sich, versuchte ihn abzuschütteln, aber die Last auf seiner Brust war erdrückend. Ein Teil von ihm, tief unten, wo die Scham und die Erregung unlöslich verschmolzen waren, reagierte. Sein Schwanz, verdammt noch mal, reagierte trotz der Schmerzen, trotz des Hasses, er regte sich hart und schmerzhaft in seiner Jeans.
Leon spürte es. Er brach den Kuss ab, sein Blick wanderte nach unten, dann zurück zu Alex‘ Gesicht. Das Grinsen wurde breiter, triumphierender. „Siehst du?“, zischte er. „Siehst du, du verlogenes Stück Scheiße? Das willst du. Genau das.“
Mit einer heftigen Bewegung riss er Alex‘ Jeans und Boxershorts nach unten. Die kalte Luft trafe seinen nackten, halb erigierten Schwanz. Leon sprang auf, entledigte sich seiner eigenen Boxershorts. Sein Schwanz war steif, eine dünne, aggressive Linie gegen seinen blassen Bauch.
„Nein“, keuchte Alex und versuchte, sich aufzurichten. Seine Seite schmerzte wahnsinnig.
„Doch“, korrigierte Leon ihn. Er stieß Alex mit dem Fuß zurück auf den Boden, drehte ihn grob um, so dass sein Gesicht in den verschmorten Teppich gedrückt wurde. Die verkohlten Fasern rochen beißend. Alex spürte Leons Knie, die sich zwischen seine Beine schoben, fühlte die brutale, ungeschmierte Spitze von Leons Schwanz gegen ihn pressen.
„Nicht… nicht ohne…“, stammelte Alex, Panik durchtrankte jedes Wort.
„Ohne was?“ Leon‘s Stimme war ein heiseres Flüstern an seinem Ohr. „Ohne Gefühl? Ohne Liebe?“ Ein hohles, bösartiges Lachen. „Darum geht‘s doch nie, Alex. Es geht nur um das hier.“
Und dann drang er ein. Es war kein langsames Vordringen wie bei Finn. Es war ein gewaltsamer Ruck, ein Zerreißen, das Alex einen scharfen, tierischen Schrei entlockte. Der Schmerz war weiß und absolut. Er krallte seine Finger in den Teppich, Tränen schossen ihm aus den Augen, vermischt mit dem Staub und der Asche.
Leon hielt inne, atmete schwer in seinen Nacken. „Fühlt sich das nach einem Fehler an?“ Seine Hände gruben sich in Alex‘ Hüften, die Fingernägel hinterließen halbmondförmige Abdrücke. Dann begann er, sich zu bewegen. Jeder Stoß war eine Grenzüberschreitung, eine Bestätigung von Leons Worten. Es war roh, es war schmerzhaft, es war Erniedrigung in ihrer reinsten Form.
Und doch, in den tiefsten, verrotteten Winkeln von Alex‘ Gehirn, gab es einen Funken, der zu dieser Gewalt passte. Ein perverser Funken der Wahrheit. Er hatte zugeschlagen. Jetzt wurde ihm zurückgeschlagen. Es war ekstatisch fair. Sein Gesicht war in den dreckigen Teppich gedrückt, sein Körper wurde verwendet, sein Schmerz war eine Währung. Er stöhnte, ein gebrochenes, würgendes Geräusch.
Leon‘s Tempo wurde hektischer, unkontrollierter. Seine Stöße verloren jeden Rhythmus, wurden zu einem staccatoartigen Hämmern. „Du… bist… genauso… verdorben… wie… ich…“, keuchte er zu jedem Stoß. Sein ganzes Gewicht lastete auf Alex, drückte ihn in den Boden.
Mit einem finalen, erstickten Schrei kam Leon, sein Körper verkrampfte sich wie im epileptischen Anfall. Alex spürte die warme Flut in seinem Inneren, ein weiteres fremdes Element, das sich ihm einverleibte. Dann kollabierte Leon auf ihm, sein schweißnasser Rücken auf Alex‘ Haut.
Sie lagen so, atemlos, verknotet in Hass und einer seltsamen, zerstörerischen Intimität. Der Geruch von Sex und verbranntem Teppich war erdrückend. Alex‘ Gesicht war nass von Speichel, Tränen und Schmutz. Schließlich rollte Leon von ihm herunter, sein Atem ging pfeifend.
Keiner sagte etwas. Die Realität sickerte in den Raum zurück, kalt und unnachgiebig. Alex zog langsam seine Kleider hoch. Jede Bewegung schmerzte, körperlich und anders. Er hatte gedacht, die Leere nach Finn wäre das Schlimmste. Dies war schlimmer. Dies war eine aktive Verwüstung.
Leon stand auf, sein schlackernder Schwanz glänzte feucht im Dämmerlicht. Er sah auf Alex herab, der sich immer noch am Boden zusammenrollte. „Werd‘s überleben“, murmelte er, aber die Bissigkeit war aus seiner Stimme gewichen. Er klang nur noch müde und leer. Er verließ das Zimmer, ohne sich umzusehen, und ließ die Tür offen stehen.
Alex blieb liegen, bis das kalte Grauen des Morgens durch das Fenster kroch. Er dachte an die Tabletten, die man täglich nehmen musste. An die Blicke der Ärzte. An die unmögliche Aufgabe, Jonah und Tom das zu erklären. Die Angst war jetzt kein nebulöses Gefühl mehr. Sie hatte Zähne und Klauen. Sie fraß sich langsam durch ihn hindurch.
Seine Hand tastete nach der weggeworfenen Schachtel auf seinem Nachttisch. Mit zitternden Fingern zündete er sich eine von Leons Zigaretten an. Der erste Zug ließ ihn husten, der zweite brannte ihn beruhigend sauber. Er starrte auf das glimmende Ende, auf den sich kräuselnden Rauch, der sich mit dem schwachen Morgenlicht vermischte.
Draußen im Flur hörte er Leons Tür knallen. Dann Stille. Alex blieb allein zurück mit dem Geschmack von Asche und der unausweichlichen Gewissheit, dass nichts mehr so sein würde wie vorher.