Chapter 149: Chapter 149
Der braune Umschlag lag jetzt auf dem Kühlschrank. Ein Akt der Herausforderung. Jeden Morgen war er der erste Blickpunkt, wenn Alex nach Wasser suchte oder Leon sich die Milch für den Kaffee nahm. Ein ungeöffneter Sarg, in dem ihr vielleicht neuer Alltag lag.
Freitag war vergangen, ein bleierner, regnerischer Tag, an dem sie kaum aus den Betten gekommen waren. Samstag auch. Sonntagabend jetzt. Die Luft in Leons Zimmer war verbraucht, vom Rauch der letzten drei Tage getränkt. Asche bedeckte jeden flachen Gegenstand wie eine graue, giftige Flora.
„Donnerstag ist in vier Tagen“, sagte Leon. Er lag auf dem Bett, den Laptop auf dem Bauch. Das kalte Licht des Displays spiegelte sich in seinen Augen.
„Wir müssen früher anfangen zu suchen“, murmelte Alex von der Couch her. Er zerdrückte eine Kippe im vollen Aschenbecher. „Die Guten sind schnell weg. Oder sie lügen mit ihren Bildern.“
„Dann müssen wir bessere Fragen stellen.“
Sie öffneten die App. Das vertraute Gitter. Alex loggte sich ein. Sein Profilbild war jetzt das Foto seines Unterbauches, die Hand im Bund der Jogginghose. Es sagte alles und nichts. Er scrollte. Ein Profil nach dem anderen. Junge Gesichter, ältere Gesichter, verschwommene Körper.
Er klickte auf Tommi_19.
Alex_18: Hey. Was machst du so?
Die Antwort kam nach einer Minute.
Tommi_19: Chillen. Du?
Alex_18: Auch. Langeweile. Zeigst was von dir?
Tommi_19: Erst du. Ganzkörper.
Alex seufzte. Er stand auf, zog sein Shirt aus, machte ein schnelles Foto vor der schmuddeligen Tapete. Sein Körper, schlank, eine blaue Flecke von der letzten Woche an seiner Hüfte. Er schickte es.
Tommi_19: Geil. Hier.
Das Bild zeigte einen durchtrainierten Torso, die Hand im Schritt. Nur Stoff.
Alex_18: Mehr? So richtig was sehen?
Tommi_19: Du bist aber anspruchsvoll. Hier.
Ein zweites Bild: ein steifer, mittellanger Schwanz. Gut geformt. Kein Piercing. Alex fühlte nichts. Keine Enttäuschung, kein Interesse.
Alex_18: Süß. Bin aber beschäftigt. Ciao.
Er blockierte das Profil. „Verschwendete Zeit“, sagte er zu Leon.
Leon stieß die Luft aus. „Wir fragen zu zahm. Wir müssen… wir müssen den Arsch zeigen. Dann zeigen sie vielleicht mehr.“
„Was?“
„Wenn wir direkt das zeigen, was sie wollen, dann fühlen sie sich verpflichtet, auch ihr Bestes zu geben. So funktioniert das.“ Leons Stimme war sachlich, die eines Strategen.
Alex zögerte. Dann nickte er. Es hatte eine eigene Logik. Eine obszöne Logik. Er setzte sich wieder, sein Herz schlug ein bisschen schneller. Er suchte ein neues Profil. Ben_23.
Alex_18: Bock auf was Hartes? Ich zeig dir was ich hab.
Ohne auf eine Antwort zu warten, stand er auf, zog seine Hose und Boxershorts runter. Er drehte sich um, beugte sich leicht vor, spreizte seine Pobacken mit den Händen. Sein Loch, immer noch etwas gerötet von Donnerstag, sah ihm entgegen. Leon machte das Foto. Es war roh, unästhetisch, intim bis zum Widerstand. Alex schickte es.
Eine Ewigkeit verging. Dann blinkten die drei Punkte.
Ben_23: Fuck. Das ist ein enges Loch.
Alex_18: Willst du es füllen? Zeig mir womit.
Eine weitere Pause. Dann ein Bild. Ein kräftiger, dicker Schwans, von unten fotografiert. Die Eichel groß, prall. Aber glatt. Kein Metall.
Alex_18: Ist das alles? Hast du kein anderes? Von der Seite?
Ben_23: Alter, was bist du denn für ein Kommissar? Hier.
Ein zweites, von der Seite. Nichts.
Alex fühlte eine Wut in sich aufsteigen, heiß und sinnlos. Alex_18: Nicht mein Ding. Tschö.
Er blockierte ihn. „Scheiße!“ Er schlug flach auf die Tischplatte. „Alle lügen. Oder sie haben es einfach nicht.“
„Dann müssen wir es direkter machen“, sagte Leon. Seine Augen glitzerten im Dunkeln. „Wir sagen, wir suchen was Bestimmtes. Wir sagen… wir sagen, wir stehen auf Metall.“
„Dann kommen die Frager. Die wollen wissen warum.“
„Dann lügen wir halt. Wir sagen, wir finden’s einfach geil. Punkt.“
Alex zündete sich eine neue Zigarette an, reichte Leon die Schachtel. Das gemeinsame Anzünden, das erste Ziehen, es war ein Ritual vor dem Ritual. Der Rauch beruhigte seine Nerven, vergiftete sie aber auch.
„Okay“, sagte Alex. „Versuch’s du.“
Leon wischte über den Trackpad, suchte sich ein Profil namens Jannis_20. Das Bild war dunkel, nur ein Kinn, eine kaputze.
Leon_18: Hey. Ich und mein Kollege suchen jemanden mit nem durchstochenen Schwanz. Prince Albert. Bock?
Sie starrten auf den Bildschirm. Die Sekunden tickten. Die drei Punkte erschienen, verschwanden wieder. Dann eine Antwort.
Jannis_20: Krass. Warum das denn?
Leon war vorbereitet. Leon_18: Finden’s einfach ultra geil. Macht’s irgendwie… härter. Fühlt sich besser an.
Jannis_20: Hab ich nicht. Tut mir leid. Viel Glück.
Leon lehnte sich zurück. „Immerhin hat er nicht direkt abgeblockt.“
„Aber er hat’s nicht“, sagte Alex. Die Hoffnung war ein müder Soldat in ihm.
Sie machten weiter. Profil um Profil. Ihre Nachrichten wurden immer direkter, ihre angebotenen Bilder immer expliziter. Sie schickten Fotos ihrer schlaffen Schwänze, ihrer ausgeleierten Löcher, immer mit der gleichen stumpfen Frage: Und du? Zeigst du was? Ganz nah?
Die Antworten waren meist Ablehnungen. Manchmal vulgäre Beleidigungen. Ein Typ schickte ein Foto von einem gewaltigen Toy, kein Piercing. Ein anderer schrieb sucht euch nen Schmied, ihr Opfer.
Die Frustration baute sich zu einer physischen Wucht in dem kleinen Raum auf. Der Donnerstag war nicht mehr ein Ziel, sondern eine Drohung. Wenn sie niemanden fanden, würde das Ritual brechen. Das konnte nicht passieren.
„Wir müssen das Angebot verbessern“, sagte Alex, seine Stimme heiser vom Rauchen. „Beide. Gleichzeitig. Ein Bild von uns beiden. In… in Position.“
Leon sah ihn an. Er verstand. Sie räumten das Bett frei. Leon legte sich auf den Rücken, zog die Knie an. Alex kniete sich zwischen Leons Beine, sein Rücken zur Kamera. Er beugte sich vor, spreizte mit beiden Händen seinen eigenen Arsch, sodass beide Löcher sichtbar waren – sein eigenes und, darunter, Leon’s, das aufnahmbereit in die Luft ragte. Es war eine widerliche, erniedrigende Komposition. Ein Angebot zweier leerer Körper.
Leon streckte den Arm aus, hielt das Handy, machte das Foto. Sie sahen es sich an. Es war perfekt deprimierend. Nackte, blasse Haut, rosa Öffnungen, der Blick der Kamera wie der eines Schlachters.
Alex lud es auf sein Profil hoch, das Hauptbild. Die Überschrift änderte er in: ZU ZWEIT. SUCHEN DAS BESONDERE.
Dann warteten sie.
Es dauerte weniger als fünf Minuten. Eine Nachricht. Von Ben_24. Kein Profilbild.
Ben_24: Das Bild. Ist das echt?
Alex_18: Ja. Du?
Ben_24: Was sucht ihr genau?
Leon_18: Einen mit PA. Nur das. Sonst nichts.
Eine lange Pause. Dann, endlich: Ben_24: Ich hab einen.
Ihre Herzen setzten für einen Schlag aus. Alex_18: Beweis.
Ein Bild kam. Es war unscharf, aus der Hand, schlecht beleuchtet. Aber es war unverkennbar. Ein steifer Schaft, und in der Mitte der Eichel, das pissloch, ein dunkler Fleck, ein kleines, rundes Loch. Ein Tunnel.
Leon_18: Mehr. Ganz nah dran.
Ein zweites Bild. Näher. Jetzt war der feine, silberne Ring zu erkennen, der durch den Tunnel führte.
Es war wie ein Sechser im Lotto. Eine reine, kühle Erleichterung überflutete Alex. Der Donnerstag war gerettet.
Alex_18: Wann kannst du? Adresse?
Die Verabredung wurde für Donnerstag, 22 Uhr, getroffen. Der übliche Tanz. Die üblichen Koordinaten. Als die Chatverbindung getrennt war, herrschte eine neue Stille im Zimmer. Sie hatten ihr Ziel erreicht. Es fühlte sich nach nichts an.
Alex griff zur Schachtel. Sie rauchten wieder, stumm. Der braune Umschlag auf dem Kühlschrank schien im Augenwinkel zu pulsieren.
„Wir könnten…“, begann Leon.
„Nein“, schnitt Alex ihm ab. „Nicht vor Donnerstag. Donnerstag ist sauber. Danach… danach sehen wir weiter.“
Donnerstag kam mit Nieselregen. Der Abend roch nach nassem Asphalt und den fettigen Dämpfen vom Dönerladen nebenan. Sie hatten das Zimmer aufgeräumt, insofern das möglich war. Die schmutzigen Laken waren in der Ecke zu einem Berg zusammengeworfen. Der Boden war gefegt. Es war die Höhle, bereit für das Ritual.
Gegen halb zehn rauchten sie die letzte Zigarette am offenen Fenster. Der kalte Nebel vermischte sich mit ihrem Rauch.
„Der von letzter Woche… Markus… der war gut“, sagte Leon leise.
„Dieser Ben wird jünger sein. Vielleicht unsicherer.“
„Egal. Hauptsache der Ring.“
Pünktlich um zehn klopfte es. Ein leichtes, fast schüchternes Klopfen.
Ben war tatsächlich jung, vielleicht wirklich 24. Er hatte hellbraune, lockige Haare und unsichere Augen. Er trug eine Jeansjacke und roch nach Aftershave und Angst. Nichts an ihm strahlte die bedrohliche Souveränität von Markus oder die kühle Professionalität von Finn aus. Er wirkte wie ein Junge, der sich verirrt hatte.
„Ich bin’s. Ben“, sagte er und blieb im Türrahmen stehen.
„Komm rein“, sagte Alex. Seine Stimme klang flacher als beabsichtigt.
Ben trat ein, sah sich scheu um. Sein Blick blieb an dem ungemachten Bett hängen, an den Aschenbechern, an der düsteren Atmosphäre des Raumes. „Ihr… ihr wollt zu zweit?“, fragte er.
„Ja“, sagte Leon. Er war bereits dabei, sein Shirt auszuziehen. Seine Rippen traten unter der blassen Haut hervor. „So wie auf dem Bild.“
Ben nickte, schluckte sichtbar. Dann begann auch er, sich auszuziehen. Seine Bewegungen waren zaghaft. Seine Kleidung fiel ordentlich über die Stuhllehne. Sein Körper war schlaksig, ein bisschen weich. Und dann sahen sie ihn. Sein Schwans, halb steif vor Nervosität, war schlank. Und genau dort, wo sie ihn suchten, steckte der Ring. Ein simpler, chirurgischer Stahlring, nicht silbern. Er sah fast medizinisch aus.
„Bist du… sicher?“, fragte Ben, während er dastand, sein Glied in der Hand, als schäme er sich dafür.
„Absolut“, zischte Alex. Er war bereits nackt. „Wer zuerst?“
„Ich“, sagte Leon. Er legte sich auf das Bett, auf den Rücken, zog die Knie wieder an die Brust. Diese Geste war zur Begrüßung geworden. Ben starrte auf das dargebotene Loch, seine Augen weit aufgerissen.
„Ich… ich brauch Gleitgel“, stotterte er.
Alex reichte ihm die Tube. Ben nahm sie mit zitternden Händen, gab sich selbst und dann Leon mit zu viel, kalter Creme. Seine Berührung war vorsichtig, fast ängstlich. Sein Finger, der in Leon eindrang, war kein Werkzeug der Vorbereitung, sondern eine zaghafte Erkundung.
„Einfach machen“, sagte Leon, seine Stimme war eindringlich und müde. „Einfach rein. Es passt schon.“
Ben nickte, atmete tief durch. Er positionierte sich, die Spitze seines Schwanzes mit dem kalten Ring berührte Leons Eingang. Dann drückte er. Langsam, unsicher.
Leon atmete scharf aus. Der Schmerz war da, der vertraute, brennende Riss, gefolgt von dem spezifischen, scheuernden Gefühl des Metalltunnels, der sich durch seine engste Öffnung zwängte. Es war nicht die brutale Effizienz von Markus, sondern ein zögerndes, fast quälendes Vordringen. Ben stieß nicht, er kroch hinein.
Als er vollständig in Leon war, blieb er einen Moment reglos, sein Gesicht eine Maske aus Konzentration und Unbehagen. „Okay?“, flüsterte er.
„Fick mich einfach“, sagte Leon durch zusammengebissene Zähne.
Ben begann sich zu bewegen. Sein Rhythmus war ungleichmäßig, schwach. Jeder Stoß war flach, jedes Herausziehen ein zögerliches Gleiten. Der Ring war ständig spürbar, ein reizendes, fremdes Element in jeder Bewegung, aber die Kraft fehlte, um den Schmerz in jene reine, weiße Linie zu verwandeln, die sie suchten. Leon stöhnte, aber es waren Stöhnen der Frustration. Er grub seine Fersen in die Matratze, versuchte, Ben’s mickrige Stöße zu vertiefen, indem er seinen Arsch ihm entgegenstemmte.
„Härter“, keuchte Leon. „So hast du keinen Arsch gefickt.“
Ben, erschrocken von der Direktheit, versuchte, härter zu zustoßen. Es war ein unkoordinierter Ruck. Der Ring schrammte brutal über einen empfindlichen Punkt. Leon zuckte zusammen, sein Körper verkrampfte sich.
„Scheiße, tut das weh?“, rief Ben und hielt sofort inne.
„Ja! Aber das ist der Punkt, du Idiot! Weiter!“
Verwirrt, aber angestachelt, nahm Ben den Rhythmus wieder auf. Jetzt mit mehr Kraft, aber immer noch unbeholfen. Das Klatschen seiner Hüften auf Leons Fleisch war ein leises, trauriges Geräusch. Alex beobachtete von der Seite, seine eigene Erregung eine abwesende Sache. Sein Schwanz war schlaff. Er wartete nur auf seinen Teil.
Leon’s Gesicht verzog sich. Es war nicht das Gesicht der schmerzhaften Ek
e. Es war pure Anstrengung. Er versuchte, etwas aus diesem mittelmäßigen, zitternden Fick herauszupressen, eine Seele aus einem leeren Körper. Ben stöhnte jetzt, ein hohes, gequältes Stöhnen, das mehr nach Überforderung klang als nach Lust. Seine Stöße wurden schneller, unkontrollierter.
"Komme gleich", japste Ben, seine Augen aufgerissen vor Panik.
"Tu's nicht in mir", fauchte Leon und drückte ihn mit einer plötzlichen, brutalen Bewegung von sich weg. Bens Schwanz glitt schmatzend heraus, halb steif, der Ring glänzte feucht im Lampenlicht. Sein Samen spritzte in weißen, zitternden Fäden über Leons Oberschenkel und die schon fleckige Bettdecke.
Ben blieb keuchend knien, sein Körper zitterte. Schweigen breitete sich aus, dick und beschämend. Alex sah ihn an, diese verkümmerte Erfüllung ihres Rituals, und eine kochende Wut stieg in ihm hoch. Das war nichts. Das war Beleidigung.
"Du bist dran", sagte Leon zu Alex, seine Stimme tonlos. Er wischte sich mit der Handfläche über den Bauch, schmierte das Sperma zu einem glänzenden Film.
Ben sah verängstigt zu Alex auf. "Ich... ich brauch 'ne Minute."
"Du brauchst gar nichts", sagte Alex. Seine Wut fand einen klaren, kalten Ton."Steh auf. Dreh dich um. Beug dich über den Tisch."
"Was?"
"Du hast deinen Teil bekommen. Jetzt kriegst du meinen." Alex trat vor, packte Ben an der Schulter. Seine Berührung war nicht sanft. Ben, überrumpelt und erschöpft, gehorchte. Er rappelte sich hoch, humpelte zum Schreibtisch, beugte sich über die Stapel von Büchern und Papieren. Seine nackte, schmächtige Rücksehte war Alex ausgeliefert.
Alex griff nach der Tube Gleitgel. Er beschmierte sich selbst, grob, viel zu viel. Dann trat er hinter Ben. Er spuckte in seine Hand, rieb den Speichel und das Gel über Bens enges, unbelecktes Loch. Ben zuckte zusammen.
"Entspann dich", zischte Alex. Es war eine böse Parodie von Finns sachlichem Kommando. Dann drückte er ohne Vorbereitung hinein. Sein Schwanz, nicht annähernd so dick wie der von Markus, aber wütend steif, brach durch den Widerstand. Ben schrie auf, ein kurzer, scharfer Schrei, der im muffigen Raum erstickte.
Alex fickte ihn. Es war kein Rhythmus, es war Bestrafung. Kurze, harte Stöße, die den zitternden Körper des Jungen über den Tisch jagten. Die Papiere knitterten, ein Stapel Bücher fiel klatschend zu Boden. Alex packte Ben an den Hüftknochen, seine Finger gruben sich in das weiche Fleisch. Jeder Stoß war ein Ausdruck der Verachtung – für Bens Schwäche, für die Erniedrigung des Abends, für die ganze, verdammte Leere, die kein Ring der Welt füllen konnte.
"Das ist es, was du wolltest, oder?", keuchte Alex, während er ihn rammte. "Ein enges Loch. Hier hast du's.Nimm es."
Ben weinte jetzt, stumme, schluchzende Töne, sein Gesicht in den Unterlagen vergraben. Sein Körper nahm die Invasion widerstandslos hin. Alex spürte keine Lust, nur einen brennenden Trieb, etwas zu zerstören. Er stieß zu, wieder und wieder, bis sein eigenes Kommen sich wie ein mechanischer Notausgang anfühlte, eine Explosion ohne Licht. Er zog sich sofort zurück, ließ Ben über den Tisch geklappt zurück, wo er schluchzend zusammensackte.
Der Raum roch jetzt nach Schweiß, Sperma und Tränen. Leon war vom Bett aufgestanden, rauchte schon wieder. Sein Blick war blank. Alex zog seine Boxershorts hoch, seine Hände zitterten leicht. Das Adrenalin verrauchte und ließ nur Bitterkeit zurück.
Ben raffte sich auf, seine Bewegungen waren steif, verletzt. Er wischte sich mit seiner eigenen Jeansjacke grob ab, zog sich mit abgewandtem Gesicht an. Er sagte kein Wort. Als er gegangen war, schloss das schwere Schloss mit einem endgültigen Klicken.
"Das war Scheiße", sagte Leon ins Schweigen hinein.
"Alles ist Scheiße", gab Alex zurück. Er hob die umgefallenen Bücher auf, ein sinnloses Aufräumen. Sein Blick fiel auf den braunen Umschlag auf dem Kühlschrank. Die Barriere war gefallen. Donnerstag war vorbei. Es gab keinen Grund mehr zu warten.
"Hol ihn runter", sagte Alex.
Leon holte ihn. Er stellte ihn auf den wackeligen Couchtisch. Sie saßen nebeneinander, rauchten noch eine Zigarette, als wäre es eine letzte Mahlzeit. Dann, ohne ein Wort, riss Leon den Umschlag am Ende auf. Er zog ein einziges, gefaltetes Blatt Papier heraus. Seine Augen scannten den Text. Seine Gesichtszüge entspannten sich nicht, sie froren einfach ein.
Er reichte Alex das Blatt. Alex las.
HIV-Screening: Negativ.
Chlamydien, Gonorrhoe, Syphilis: Negativ.
Ein Flut blanker, antiklimaktischer Erleichterung wusch über ihn, so heftig, dass ihm übel wurde. Es war kein Freudenausbruch. Es war die plötzliche Entfernung einer Wand, gegen die sie monatelang gelehnt hatten. Dahinter war nichts.Kein Grund. Keine Rechtfertigung.
"Negativ", sagte Leon. Das Wort hing im Raum. Ein Nicht-Ding.
"Negativ", wiederholte Alex. Er ließ das Blatt auf den Tisch fallen. Die Bedeutung sickerte langsam ein und zersetzte sich sofort. Sie waren gesund. Die Zerstörung war willentlich gewesen. Die Rituale waren reine Wahl.
Was jetzt?
Die Frage war gefährlicher als jeder Umschlag.
Der Sommer verging in einer stickigen Dämmerung. Die Vorlesungen wurden eingestellt, die Stadt leer. Sie blieben in der WG, zwei Geister in einem Backsteingefängnis. Ihre Donnerstage gingen weiter, aber die Suche wurde verzweifelter, die Sex-Akte brutaler. Sie wurden wählerischer und gleichzeitig verzweifelter, eine toxische Mischung. Sie fanden einen Typen mit einem Apadravya, einen mit einem Ampallang. Der Schmerz war anders, schärfer, punktueller. Es war nicht das, was sie suchten. Sie suchten etwas, das es nicht gab.
An einem schwülen Augustabend, nachdem ein besonders roher Dreier mit einem dominanten, älteren Mann sie beide blutig und wortlos zurückgelassen hatte, saßen sie auf dem Balkon. Die Stadt dampfte unter ihnen. Leon zog an seiner Zigarette, sein Arm berührte Alex’ Arm. Die Berührung war nicht zufällig. Sie hatte sich in den letzten Wochen gehäuft. Ein Drücken der Schultern auf der Couch. Ein Bein, das das andere im Schlaf berührte.
"Was machen wir eigentlich?", fragte Leon. Seine Stimme war rissig vom Rauchen, von den Stöhnen.
"Was meinst du?"
"Das. Alles. Wir ficken uns kaputt für nichts. Wir sind gesund. Wir könnten… einfach weggehen. Irgendwas anderes machen."
"Was anderes?", Alex lachte kurz und hohl. "Was sollten wir anderes machen? Paartanz?"
"Zusammen sein", sagte Leon. Er sagte es leise, direkt in die schwüle Nacht hinein. Nicht als romantisches Angebot, sondern als nüchterne, neue Strategie. "Wir sind schon alles füreinander. Haben alles gesehen. Wissen alles. Vielleicht… vielleicht ist das das Ding. Vielleicht müssen wir nur aufhören, es durch andere zu suchen."
Alex drehte den Kopf. Leon sah ihn an. In seinen Augen war nicht die leere Empfängnis vom Donnerstag, sondern eine andere Art von Leere. Eine ausgeräumte, fertige Leere, die bereit war, neu gefüllt zu werden. Nicht mit Schmerz, sondern mit etwas, das sie noch nicht kannten. Etwas Langweiliges. Etwas Normales.
"Boyfriends", sagte Alex. Das englische Wort klang fremd in seinem Mund, unreif. Aber es traf genau das, was Leon vorschlug. Eine neue Kategorie. Ein Container für das, was sie bereits waren.
"Ja", sagte Leon. "Einfach so. Ohne den ganzen Grindr-Scheiß. Nur wir. Probieren’s aus."
Sie probierten es aus. Es war seltsam. Sie zogen zusammen in Alex’ Zimmer, weil es größer war. Sie räumten die schmutzigen Laken endgültig weg. Sie kauften neue. Sie gingen einkaufen, zusammen, wie ein Paar. Sie bestellten manchmal nur eine Pizza und aßen sie schweigend vor dem Fernseher, ihre Knöchel berührten sich auf der Couch. Die Donnerstage hörten nicht sofort auf, aber sie wurden seltener, mechanischer. Die Lust daran erlosch. Die Suche nach dem Ring blieb, aber sie fühlte sich jetzt an wie eine lästige Pflicht, ein Tick, von dem sie nicht loskamen.
Eines Tages, im beginnenden Herbst ihres zweiten Semesters, nach einer besonders belanglosen Vorlesung über Verwaltungsrecht, ging Leon alleine in die Stadt. Er kam am späten Nachmittag zurück, sein Gesicht war blass, aber entschlossen.
"Wo warst du?", fragte Alex, der über seinen Büchern saß.
"Beim Piercer. In der Kortumstraße."
Alex setzte sich langsam auf. Er sagte nichts.
Leon zog seine Hose und Boxershorts herunter. Dort, in der steifen Morgenlatte, die er hatte, glänzte es frisch und metallisch. Ein einfacher, gerader Barbell aus Titan, der von oben durch die Eichel direkt durch das pissloch führte. Ein Prince Albert.Sauber. Präzise. Perfekt.
"Für uns", sagte Leon. Seine Stimme war ruhig. "Jetzt müssen wir nicht mehr suchen. Er ist hier."
Alex stand auf, trat näher. Er berührte den Stab nicht, sah nur zu. Ein kalter, metallischer Knotenpunkt all ihrer Suche, jetzt in Leons Fleisch eingepflanzt. Ihr Eigentum. Ihr Grund. Das Territorium war endgültig abgesteckt. Sie waren darin. Sie waren es.
Er beugte sich vor und küsste Leon. Es war ihr erster Kuss. Er schmeckte nach Zigaretten und dem leisen, eisernen Geschmack von Blut und Neuem.