Chapter 144: Chapter 144
Die nächsten Tage vergingen in einem toxischen Nebel. Alex ging zu seinen Vorlesungen, saß wie ein Gespenst im Hörsaal und hörte kein Wort. Der Geruch von verbranntem Teppich hing immer noch in seiner Nase, auch wenn der Flecken vor seinem Bett jetzt von einem hässlichen, flachen Stück Sisal bedeckt war, das er im Baumarkt gekauft hatte. Der Schmerz war einer dumpfen, ständigen Empfindlichkeit gewichen, eine Erinnerung, die bei jeder Bewegung mitspielte.
Leon mied ihn. Sie begegneten sich in der Küche oder im Bad, ein kurzer, eisiger Blick, dann sah Leon weg. Kein Wort. Die Stille in der WG war dicker geworden, eine dritte, unangenehme Präsenz. Alex rauchte jetzt regelmäßig. Er stand auf dem kalten Balkon, so wie Leon es immer getan hatte, und ließ den bitteren Rauch seine Lungen füllen. Es beruhigte nichts, aber es gab seinen Händen etwas zu tun.
Sein Handy blieb stumm. Jonah und Tom riefen an, wie immer, am Mittwochabend. Alex ließ es klingeln, bis die Mailbox sich einschaltete. Ihre besorgte, warme Stimme zu hören, wäre wie Säure auf seine Haut gewesen. Er schickte eine SMS: Alles gut. Viel Lernstress. Melde mich am Wochenende. Eine glatte, feige Lüge.
Die Angst war zu einem stillen, nagenden Begleiter geworden. Jedes flaue Gefühl im Magen, jedes leichte Frösteln, war sofort ein Zeichen. Er googelte heimlich, mit zitternden Fingern, Symptome. Die Listen waren endlos und erschreckend. Die rationalisierende Stimme in seinem Kopf, die Leons Stimme ähnelte, sagte ihm, dass es wahrscheinlich nichts war. Die Angst schrie etwas anderes.
Am Freitagabend stand Leon plötzlich in seiner offenen Tür. Er lehnte am Rahmen, die Hände in den Taschen seiner schwarzen Jogginghose vergraben. Sein Gesicht war ausdruckslos.
„Du stirbst hier langsam vor dich hin“, sagte Leon, seine Stimme klang nicht unfreundlich, nur feststellend. „Das ist langweilig.“
Alex, der am Schreibtisch saß und eine Zigarette rauchte, hob den Blick nicht von seinem leeren Notizbuch. „Was willst du?“
„Rausgehen. Was normales. Kein Scheiß wie beim letzten Mal.“ Leon trat einen Schritt ein. „Einfach was trinken. Einfach gucken, was passiert. Ohne... Drama.“
Alex spürte, wie etwas in ihm nach dieser Aussicht lechzte. Nach einer Ablenkung von der Schleife aus Angst und Scham in seinem Kopf. Nach einer Chance, diese erstickende Stille zu durchbrechen. Er hasste sich ein wenig dafür, aber er nickte. „Wo?“
„Kein Club. Einfach eine Bar. Irgendwo, wo man reden kann.“
Die Bar war ein schummeriges, studentisches Loch in der Nähe der Uni. Holzvertäfelung, abgewetzte Sitze, der Geruch von altem Bier und Pommes. Alex bestellte ein Bier, dann noch eins. Leon tat es ihm gleich, trank aber langsamer, beobachtete die spärliche Kundschaft. Es waren ein paar Gruppen da, lachend, aber nichts Bedrohliches. Keine dunklen Ecken, kein dröhnender Bass.
„Also?“ fragte Leon nach der dritten Runde. Seine Augen waren auf Alex gerichtet, aber ohne die frühere herausfordernde Hitze. „Wie geht’s dir?“
Die direkte Frage überrumpelte Alex. Er zuckte mit den Schultern. „Scheiße.“
„Wegen...?“
„Alles.“ Alex starrte in sein Bierglas. „Wegen dem, was passiert ist. Wegen dem, was nicht passiert ist. Wegen der blöden Angst.“
Leon nickte langsam. „Ja. Das kenn ich.“ Er schwieg einen Moment. „Hör zu. Letztes Mal... das war nicht okay. Von mir aus nicht.“
Alex sah ihn überrascht an. Es klang nicht nach einer Entschuldigung. Es war eine nüchterne Feststellung.
„Ich war besoffen und angepisst“, fuhr Leon fort. „Und du... du bist einfach ein leichtes Ziel.“ Er zuckte mit den Schultern. „Trotzdem. Muss nicht wieder passieren.“
Ein seltsames Gefühl der Erleichterung breitete sich in Alex aus, sofort gefolgt von Misstrauen. „Warum sagst du das jetzt?“
„Weil ich keine Lust hab, mit einem wandelnden Nervenzusammenbruch zusammenzuwohnen.“ Leon nahm einen Schluck. „Und weil... ich vielleicht auch ein bisschen Scheiße gebaut hab.“
In diesem Moment bemerkte Alex die Gruppe, die den Tisch neben ihnen bezog. Drei Mädchen, ungefähr in ihrem Alter, und ein Junge. Sie waren laut, lachten, bestellten Cocktails. Eines der Mädchen fing seinen Blick ein. Sie hatte langes, dunkles Haar und trug ein enges, rotes Top. Sie lächelte. Ein offenes, neugieriges Lächeln.
Leon sah es ebenfalls. Sein Gesicht veränderte sich kaum, aber Alex spürte, wie die Stimmung sich verschob. Die düstere Introspektion war weg, ersetzt durch den alten, jagenden Instinkt.
„Siehst du?“ murmelte Leon, ohne die Lippen zu bewegen. „Einfach. Normal.“
Das Mädchen hieß Mara. Ihre Freundinnen hießen Lisa und Sophie, der Junge war Ben, Maras Mitbewohner. Sie studierten alle irgendwas mit Medien. Das Gespräch war einfach, ungezwungen. Alex stellte fest, dass er lachen konnte. Das Bier und die lockere Atmosphäre ließen die Starre in ihm schmelzen. Mara war witzig, direkt. Ihr Blick streifte ihn oft, bewundernd. Es war ein gutes Gefühl. Ein normales Gefühl.
Irgendwann waren sie zu siebt. Dann zu fünft, als Maras Freundinnen gingen. Dann zu dritt, als Ben sagte, er müsse früh raus. Es war nur noch Mara, Leon und Alex an dem kleinen, klebrigen Tisch.
„Und, was macht ihr zwei so?“, fragte Mara und stützte ihr Kinn in die Hand. Ihr Blick pendelte zwischen ihnen. „Ihr wohnt zusammen, oder?“
„Ja“, sagte Leon und sein Lächeln wurde einladender, vertraulicher. „Schon lange. Man gewöhnt sich an alles.“ Sein Fuß berührte Alex‘ unter dem Tisch. Kein Tritt. Ein sanfter Druck. Mitspielen.
Die Bier- und Cocktailgläser türmten sich. Alex‘ Kopf wurde leicht und warm. Die Angst war nur noch ein fernes Summen. Mara rutschte näher zu ihm, ihre Wärme war angenehm. Sie roch nach süßem Parfüm und einer Spur Zigarette.
„Eure WG ist in der Nähe?“, fragte sie irgendwann, und ihre Hand lag leicht auf Alex‘ Unterarm.
„Drei Minuten“, sagte Leon. Er stand auf. „Ich geh mal pissen. Bestell mir noch ein Bier, ja?“
Als Leon weg war, sah Mara Alex direkt an. „Dein Freund ist... intensiv.“
„Er ist nicht mein Freund“, sagte Alex zu schnell. „Nur mein Mitbewohner.“
„Ah.“ Ihr Lächeln wurde wissend. „Und was bist du?“
Die Frage hing in der Luft. Alex spürte den Alkohol, der ihm Mut einflößte. Mut oder Dummheit. Er beugte sich vor. „Was willst du, dass ich bin?“
Sie küssten sich, noch in der Bar. Ihr Mund war weich und schmeckte nach Zitrone und Wodka. Es war anders. Es fühlte sich einfacher an. Erlaubter.
Leon kam zurück, sah sie, grinste. „Na also.“ Er warf ein paar Scheine auf den Tisch. „Lass uns woanders hingehen. Hier wird’s langweilig.“
Der Weg zur WG war ein verwackelter, lachender Trip. Mara hing an Alex‘ Arm. Leon ging voraus, pfiff vor sich hin. In der WG war es still und dunkel. Leon schaltete das Licht in seinem Zimmer an. Es war genauso karg wie immer: ein schmutziges Bett, ein Stuhl, überall Kleider. Er drehte sich zu ihnen um.
„Also? Wer macht den Anfang?“
Mara lachte, ein klingelndes, betrunkenes Lachen. „Ihr seid wild. Okay. Ich bin dabei.“ Sie sah Alex an. „Du zuerst.“
Der Alkohol pumpte durch Alex‘ Adern, ein betäubender Strom, der Bedenken und Erinnerungen wegspülte. Es war wie im Club, nur vertrauter. Er küsste Mara wieder, drückte sie gegen die Wand neben Leons Tür. Ihre Hände gruben sich in sein Haar. Er hörte, wie Leon hinter ihnen die Tür schloss.
Es ging schnell, hektisch, gierig. Kleider flogen. Maras Körper war voller, weicher als alles, was Alex je berührt hatte. Ihre Brüste, ihre Hüften. Sie stöhnte in seinen Mund, als er sie an ihrer Jeans knabberte. Leon beobachtete von der Bettkante aus, rauchte eine Zigarette, seine Augen waren schmale Schlitze.
„Aufs Bett“, keuchte Mara und schob Alex von sich. Sie ging rückwärts, ließ sich fallen, ihre dunklen Haare breiteten sich auf Leons schmutzigem Kissen aus. Sie zog Alex zu sich herab.
Alex war so hart, dass es schmerzte. Die Bilder von der letzten Nacht, von Leons Gewalt, vermischten sich mit der weichen Wärme unter ihm. Es machte ihn noch wilder. Er schob ihre Unterwäsche beiseite, seine Finger fuhren über sie hinweg, fühlten, wie feucht sie bereits war. Kein Gedanke an Kondome. Die Regel stand. Ungeschützt. Er stieß sich in sie.
Mara stieß einen lauten, langgezogenen Seufzer aus. „Oh ja. Genau so.“ Ihre Beine schlangen sich um seine Hüften, zogen ihn tiefer in sie hinein.
Es war ein anderes Gefühl. Eng, heiß, aber ohne den schneidenden Schmerz. Ein gleitendes, feudelndes Vergnügen. Alex begann zu stößen, ein ungleichmäßiger Rhythmus, getrieben von Alkohol und einer verzweifelten Suche nach diesem einfachen, körperlichen Vergessen. Der Geruch von Maras Parfüm, Schweiß und Sex stieg ihm in die Nase.
Leon stand auf. Er zog seine Hose aus, stand da, sein Schwanz war steif. Mara öffnete die Augen, sah ihn über Alex‘ Schulter hinweg an. Sie lächelte verschwommen, streckte eine Hand aus. Leon trat näher, schob seinen Schwanz in ihre offene Hand, dann an ihre Lippen. Sie öffnete den Mund, nahm ihn auf.
Alex sah es, fühlte es. Der Anblick, wie Leon in ihrem Mund verschwand, während er selbst in ihr steckte, zündete etwas Primitives, Besitzergreifendes in ihm. Er stieß härter zu. Mara stöhnte um Leons Schwanz herum.
Leon zog sich nach einer Weile zurück, sein Gesicht war verzerrt vor Lust. „Wechsel“, knurrte er.
Alex verstand. Er zog sich aus Mara heraus, rollte zur Seite. Sein Schwanz glänzte feucht im Halbdunkel. Ohne ein Wort legte sich Leon auf Mara, positionierte sich und drang mit einem glatten, festen Stoß in sie ein. Mara schrie kurz auf, ein Geräusch der puren, überraschten Lust.
Alex lag neben ihnen, atmete keuchend. Seine Hand wanderte zu seinem eigenen Schwanz, begann ihn zu streicheln, während er zusah, wie Leon seinen eigenen, schnelleren, erfahreneren Rhythmus fand. Maras Nägel gruben sich in Leons schmale Schultern.
„Scheiße, ja“, keuchte Leon. „So ist’s richtig.“
Dann zog Leon sich abrupt heraus. „Dein Zug.“ Er schob Alex grob zurück zu Mara. Alex stürzte sich wieder auf sie. Die Übergänge wurden fließend, chaotisch. Mal war Alex in ihr, mal Leon, mal leckte Mara an Alex, während Leon von hinten nahm. Die Luft wurde dick und unerträglich heiß. Schweiß rann in Strömen. Flüche und schmutzige Aufforderungen schwirrten durch den Raum.
Irgendwann lag Mara auf dem Bauch, Alex kniete dahinter. Er drang wieder in sie ein, fühlte, wie ihr ganzer Körper unter ihm zuckte. Leon kniete vor ihr, sein Schwanz glitt in ihren Mund. Sie war in der Mitte eingekeilt, ein williges, stöhnendes Bindeglied zwischen ihnen.
Alex‘ Orgasmus baute sich an, eine gewaltige, unausweichliche Welle. Er hielt Maras Hüften fest, sein Tempo wurde hektisch, animalisch. „Ich komm… ich komm gleich“, stieß er hervor, eine Warnung, die keine war. Eine Bestätigung.
„Ja“, zischte Leon, dessen Bewegungen ebenfalls ruckartig wurden. „Komm in die Schlampe. Mach sie schön dreckig.“
Das war der Auslöser. Mit einem erstickten Schrei kam Alex, seine Hände krallten sich in ihr Fleisch, als er sich tief in sie entlud, ein langer, zuckender Strom, der in ihrem Inneren pulsierte. Sekunden später folgte Leon mit einem dumpfen Grunzen in ihren Mund.
Dann Stille, gebrochen nur durch keuchenden Atem. Alex rollte kraftlos zur Seite, sein Schwanz lag schlaff und klebrig auf seinem Bauch. Leon ließ sich neben Mara auf die Matratze fallen. Mara lag still da, atmete schwer. Eine perlende Flüssigkeit lief aus ihr heraus auf das Laken.
Niemand sprach. Die Ekstase verflüchtigte sich so schnell, wie sie gekommen war, und ließ die nackte, physische Realität zurück. Den Gestank. Die Kleckse. Ihre drei nackten, erschöpften Körper in der Unordnung.
Mara setzte sich als erste auf. Sie lächelte müde, suchte nach ihren Klamotten. „Mann, das war heftig“, sagte sie leise. Es klang nicht begeistert, nur anerkennend, wie nach einem anstrengenden Workout.
Sie zog sich an, flüchtig, ohne sich zu waschen.
Sie zog sich an, flüchtig, ohne sich zu waschen. „Ich muss morgen früh raus“, murmelte sie, schon mit der Hand auf der Türklinke. Ein letztes, ermüdetes Lächeln warf sie ihnen zu, dann war sie weg. Das Einschnappen des Schlosses klang ungeheuer laut in dem zugemüllten, nach Sperma und Schweiß stinkenden Raum.
Alex lag auf dem Rücken und starrte an die dunkle Decke. Der Alkohol, der ihn mutig und hart gemacht hatte, zog sich jetzt zurück und hinterließ eine verwüstete Landschaft in seinem Schädel. Ein hämmernder Druck setzte hinter seinen Augenbrauen ein. Die Ekstaze war eine Lüge gewesen. Was blieb, war die feuchte Kühle der verdunstenden Säfte auf seiner Haut und im Laken unter ihm. Und diese andere, tiefer sitzende Übelkeit, die nichts mit Rum oder Wodka zu tun hatte.
Leon rührte sich neben ihm. Alex hörte das Knistern der Streichholzserie, roch dann den bitteren Aufzug frischen Rauches. Leon hielt ihm die brennende Zigarette hin, ohne ein Wort. Alex setzte sich mit Mühe auf, nahm sie entgegen. Der erste Zug traf seinen leeren Magen wie ein Faustschlag. Er würgte, schluckte die aufsteigende Galle hinunter.
„Donnerstags“, sagte Leon plötzlich, seine Stimme war vom vielen Rauchen und den Stöhnen heiser. Er blies einen Rauchring gegen die graue Morgenbeleuchtung, die durch das vernachlässigte Fenster drang. „Das war okay. Können wir so machen.“
Alex sah ihn an. Leons Profil war scharf wie aus Pergament geschnitten in dem fahlen Licht. Kein Blick der Kameradschaft, kein Funken von Zuneigung. Es war ein geschäftliches Angebot. „Was genau?“, krächzte Alex. Seine eigene Stimme fremd.
„Das.“ Leon winkte mit der Hand über das schmutzige Bett. „Donnerstags ausgehen. Was trinken. Gucken, was sich findet. Hier herkommen. Es machen.“ Er nahm einen tiefen Zug. „Ohne das ganze davor und danach. Ohne Gefühlsduselei. Einfach… ein Termin.“
Ein Termin. Wie der Besuch beim Zahnarzt. Etwas, das man ertrug, um einer schlechteren Konsequenz zu entgehen. Alex verstand die unausgesprochene Konsequenz: die Alternative war, allein in diesem Sumpf aus Angst zu versinken, mit niemandem außer sich selbst konfrontiert. Leon bot einen Ablenkungsplan an. Einen zerstörerischen, aber einen Plan.
„Warum Donnerstag?“, fragte Alex und drückte die Zigarette gegen den Aschenbecher auf dem Boden, eine wulstige, verkrustete Cola-Dose.
Leon zuckte mit den Schultern. „Mitte der Woche. Keiner hat was vor. Und bis Wochenende ist alles wieder… verheilt.“ Sein Blick streifte Alex, und für einen Sekundenbruchteil lag etwas darin, das fast wie Einsicht aussah. Es verschwand sofort wieder. „Einverstanden?“
Die Drohung des alleinigen Donnerstagabends, starr vor Angst vor dem Telefon, das nicht klingeln würde, war überwältigend. Alex nickte. „Einverstanden.“
Es wurde ein Ritual. Der darauffolgende Donnerstag kam, und Alex trank schon in der WG drei große Bier, bevor sie überhaupt gingen. Der Alkohol verwandelte die zitternde Nervosität in ein taubes, brausendes Rauschen in seinen Ohren. Sie gingen in dieselbe Bar. Sie setzten sich nicht hin. Sie standen an der Theke, zwei schmale, schweigsame Gestalten in schwarzer Kleidung, und scannten das Terrain.
Diese Nacht war ein Junge namens Tim, einsam und betrunken an einem Tisch mit leeren Glasern. Leon sprach ihn an. Tim war breiter gebaut als sie, mit unsicheren Händen und traurigen Augen. Er kam mit. Der Weg zurück war still. In Leons Zimmer angekommen, war Alex‘ Betrunkenheit eine schwere, träge Last. Er sah zu, wie Leon Tim küsste, wie er ihm die Jeaks öffnete. Es war Alex, den Tim dann zuerst ansah, als wollte er eine Erlaubnis einholen.
„Mach schon“, griff Leon dazwischen, seine Hand lag auf Alex‘ Nacken, ein drückender, lenkender Griff. „Termin, vergiss nicht.“
Alex kniete sich vor Tim, der auf der Bettkante saß. Der Geschmack war fremd, salzig, das Gewicht auf seiner Zunge ungewohnt. Er konzentrierte sich auf das mechanische Auf und Ab, auf den dumpfen Würgereiz, den der Alkohol betäubte. Leon beobachtete, rauchend, dann schob er Alex beiseite. „Mein Zug.“
Es war roh, funktional. Tim stöhnte, sein Kopf schlug gegen die Wand. Alex, auf dem Boden sitzend, beobachtete die Szene wie durch eine milchige Scheibe. Sein eigener Schwanz war halb steif, eine physiologische Reaktion ohne jede echte Lust. Als Leon kam, mit einem erstickten Fluch, und sich zurückzog, war es Alex, den Tim ansah, feuchtigkeitsglänzend und verwundbar.
„Du auch“, sagte Tim, und seine Stimme war flehend.
Also nahm Alex ihn, von hinten, über die Kante des ungemachten Bettes gebeugt. Seine Bewegungen waren rhythmisch, leer. Er schloss die Augen. In seinem Kopf waren es nicht Tims Stöhner, sondern die gedämpften Stimmen von Jonah und Tom aus dem Wohnzimmer, der Geruch von deren Abendessen. Ein schmerzhafter Stich von Sehnsucht durchbohrte die Alkoholhülle. Er stieß härter zu, um ihn zu ersticken.
Als er kam, war es eine blasse, fast schmerzhafte Entleerung. Tim verließ kurz darauf das Zimmer, hastig, die Scham bereits in seine Schritte gelegt. Die Tür fiel ins Schloss. Die Stille war jetzt vertraut.
Leon reichte Alex eine Zigarette. Sie rauchten schweigend, das gemeinsame Gift zog in ihre Lungen, ein Band aus vergiftetem Rauch. Der Alkohol kippte jetzt vollends in den Kater. Alex‘ Kopf pochte. Sein Magen krampfte sich zusammen. Die Übelkeit war eine lebendige, kriechende Sache in ihm.
„Sieben Wochen“, murmelte Leon plötzlich ins Halbdunkel. „Dann kann man sicher sein. Hab’s gegoogelt.“
Alex erstarrte. Die Zigarette brannte vergessen zwischen seinen Fingern. Sie hatten nie darüber gesprochen. Nicht seit jener Nacht. Die Angst, die er jeden Tag in einem kleinen, verschlossenen Kästchen in seiner Brust verwahrte, brach mit einem Mal hervor und füllte den Raum.
„Was?“, brachte Alex hervor.
„Bis man sicher sein kann. Dass man nichts… eingefangen hat.“ Leon sagte es ohne Gefühl, als läse er eine Gebrauchsanweisung vor. „Also müssen wir bis dahin durchhalten. Der Donnerstags-Termin. Hält uns bei Laune.“
Alex verstand. Es war keine Beruhigung. Es war ein Todesurteil auf Bewährung. Sieben Wochen in dieser Schleife. Sieben Wochen des Betrinkens und des Benutzens und des Benutztwerdens. Ein Countdown, in dem jeder Donnerstag ein Beweis war, dass sie noch nicht sicher waren, dass die Gefahr noch in ihnen schlummern könnte. Der „Termin“ war kein Vergnügen mehr. Er war ein groteskes Ritual der Ablenkung von der Möglichkeit ihres eigenen Zerfalls.
Er stand auf, seine Beine zitterten. Die Welt schwankte. Er humpelte zum Badezimmer, fiel vor die Toilette, und erbrach sich heftig, das Bier, der Schnaps, die bittere Galle seiner Angst. Er würgte und spuckte, Tränen standen ihm in den Augen von der Anstrengung. Als er sich aufrichtete, sah er sein Gesicht im Spiegel: blass, mit roten Augen, die Haut fahl unter der schlechten Beleuchtung. Das Gesicht eines Jungen, der langsam verschwand.
Als er zurück in Leons Zimmer trat, war Leon schon eingeschlafen, nackt und verdreckt, eine letzte Zigarette zwischen den losen Fingern. Alex zog sich an. Er ging in sein eigenes Zimmer. Auf seinem Handy blinzelte eine Benachrichtigung. Eine Nachricht von Jonah: Alles okay bei dir? Wir vermissen dich. Ruf uns an.
Er löschte sie, ohne sie zu öffnen. Das Summen in seinen Ohren war das Summen des Wartens. Noch sechs Donnerstage.