Chapter 170: Chapter 170
Der Wald war eine Kathedrale aus Nässe und Schweigen. Das moosbedeckte Erdreich schluckte ihre Schritte, aber jedes Knacken eines abgebrochenen Zweigs hallte in ihren Ohren wie ein Pistolenschuss. Sie bewegten sich im Gänsemarsch, Leon vorne, sein Blick ständig in Bewegung, zwischen den Bäumen hindurch auf der Suche nach irgendeinem Zeichen menschlicher Präsenz. Alex folgte, die Schultern hochgezogen gegen die Kälte, die jetzt bis ins Mark drang. Ihre Kleider waren vom Seewasser und Schweiß steif, ein unangenehmes, kratzendes zweites Haut.
Nach vielleicht einer halben Stunde hob Leon eine Hand. Sie erstarrten. Zwischen den Stämmen hindurch, durch einen Schleier aus Nebel und herabhängenden Kiefernzweigen, erkannte Alex die Konturen eines Gebäudes. Nicht die imposante Villa, die sie erwartet hatten, sondern eine niedrige, lange Struktur aus dunklem Holz und Glas. Das Gästehaus am See.
Es wirkte verlassen. Die großen Fensterfronten waren dunkel, die Terrasse, die zum Wasser hinunterführte, war leer. Kein Rauch aus dem Kamin, kein Licht, kein Wachen.
„Zu einfach,“ murmelte Leon, mehr zu sich selbst. Sein Blick wanderte den Baumstamm hinauf, an dem sie lehnten. „Wir brauchen einen besseren Blick. Auf das Hauptgebäude.“
Er musterte die Kiefern mit der kalkulierenden Miene eines Kletterers. Eine etwa dreißig Meter entfernte, besonders hohe und dicht benadelte schien ihm zu gefallen. Ohne ein Wort schulterte er sein Bündel, trat an den Stamm und begann, sich mit bloßen Händen und Füßen hochzuarbeiten, geschickt wie ein Dieb, der er war. Alex blieb unten, Wache haltend, das Herz klopfend, und beobachtete, wie Leons Gestalt zwischen den Ästen verschwand.
Minuten verglichen, gefüllt nur mit dem Rauschen des Windes in den Wipfeln und dem ferne Krächzen einer Krähe. Dann kam ein leises, schnalzendes Geräusch von oben. Alex blickte hinauf. Leon hing wie ein großer, düsterer Vogel im Geäst und zeigte mit dem Arm in Richtung Nordosten, weg vom Seeufer.
„Es gibt einen alten Hochsitz,“ rief er gedämpft hinunter. „Hundert Meter den Hang hinauf. Verfallen. Von dort aus kann man alles sehen.“
Er ließ sich geschmeidig von Ast zu Ast wieder hinabfallen, landete mit einem gedämpften Aufprall auf dem weichen Waldboden. Sein Gesicht war angespannt, aber seine Augen blitzten vor fokussierter Energie. „Komm. Solange der Nebel noch steht.“
Der Hochsitz war ein verwittertes, windschiefes Ungetüm aus grauen Brettern, das an vier hohen Pfählen hing wie ein Raubvogelnest. Die Leiter fehlte mehrere Sprossen. Leon ging zuerst, seine nassen Stiefel suchten Halt auf den morschen Holzstufen. Alex folgte, jeder Schritt ließ das ganze Bauwerk schwanken und ächzen.
Oben bot sich ein schmaler, mit altem, verrottetem Laub bedeckter Holzrost. Genug Platz für zwei Männer, wenn sie sich duckten. Die Aussicht jedoch war es wert. Über den Kiefernwipfeln, die vor ihnen wie ein grünes Meer lagen, thronte die Villa Frommholds. Ein modernistischer Klotz aus Glas und hellem Stein, umgeben von makellos geschnittenen Rasenflächen und einer hohen Mauer. Selbst aus dieser Distanz wirkte sie unnatürlich sauber, wie ein abgeschottetes Organ in der verwilderten Lunge des Waldes.
Leon zog ein kleines Fernglas aus der Innentasche seiner Jacke – gestohlen, wie alles andere – und hielt es vorsichtig an die Augen. „Zwei Wagen auf der Auffahrt. Schwarze SUV. Bewegungsmelder entlang der Mauer. Ich sehe… eine Kamera am vorderen Tor. Eine weitere über der Haupttür.“ Er bewegte das Glas langsam. „Keine Wachen zu sehen. Aber das bedeutet nichts.“
Alex hockte sich neben ihn, rieb sich die Arme, um sich zu wärmen. Der Wind in dieser Höhe war schneidend. „Und jetzt? Wir warten bis nachts und gehen übers Wasser zum Gästehaus?“
„Das Gästehaus ist ein Ablenkungsmanöver. Zu offensichtlich. Die werden es bewachen.“ Leon senkte das Fernglas. Sein Profil gegen das graue Licht war scharf wie ein Beil. „Wir gehen durch den Wald. Direkt auf die Mauer zu. Da, wo das Unterholz am dichtesten ist. Da sind vielleicht keine Kameras.“
„Und dann? Klettern?“
Leon drehte den Kopf zu ihm. Ein müdes, hämisches Grinsen zuckte um seinen Mund. „Ja. Klettern. Oder buddeln. Oder beten.“ Er ließ das Fernglas sinken und lehnte sich gegen die wackelige Balkenbrüstung. Die Anspannung, die ihn die letzten Stunden aufrecht erhalten hatte, schien mit einem Mal aus ihm abzufließen. Er wirkte plötzlich bleich, ausgehöhlt. „Wir warten bis zum Abend. Bis es dunkel ist. Jetzt können wir nichts tun als zusehen.“
Die Aussicht auf weitere Stunden des Wartens, des regungslosen Ausharrens in der eisigen Kälte, ließ Alex innerlich zusammenzucken. Der Adrenalinrausch der Flucht über den See war verpufft, hatte nur diese klaffende Leere zurückgelassen, die mit jeder Minute größer wurde. Er schaute auf seine Hände. Die Knöchel waren aufgeschürft, die Nägel schwarz von Erde und Rost. Er roch sich selbst – den säuerlichen Geruch von Schweiß, der in der Wolle seiner Jacke eingeschlossen war, den modrigen Gestank der nassen Socken, eine dumpfe, tierische Note von Angst und Entbehrung. Neben ihm roch Leon nicht besser. Es war der Geruch ihrer Flucht, ihrer Verfolgung, ihres Überlebens.
Die Stille zwischen ihnen wurde wieder zu dieser drückenden, vibrierenden Substanz. Das Geschehene in der Jagdhütte lag wie eine ungesunde Schicht auf ihrer Haut, ein Schmerz, der nicht verging, sondern nur tiefer sickerte. Leon beobachtete die Villa weiterhin, aber seine Augen waren nicht mehr fokussiert. Sie waren weit entfernt, auf etwas Unfassbares gerichtet.
Plötzlich, ohne den Blick von der Villa abzuwenden, sagte er: „Deine Lippen sind blau.“
Alex sagte nichts. Er spürte es. Ein leichtes Zittern, das aus seinem Kern kam und nach außen bis zu seinen Fingern drang.
„Komm her,“ befahl Leon, seine Stimme war ein raues Geräusch im Wind.
Alex gehorchte, schob sich über den fauligen Holzrost, bis er neben Leon hockte, Schulter an Schulter gegen die Kälte. Leon legte nicht den Arm um ihn. Stattdessen drehte er sich zu ihm, sein Blick wanderte über Alex’ gefrorenes Gesicht, hinunter zu seinem zitternden Körper.
Dann, mit einer schroffen, fast ärgerlichen Bewegung, grub Leon seine Finger in Alex’ Haar, zog seinen Kopf nach hinten. Alex erstarrte. Er erwartete einen Kuss, eine Wiederholung der brutalen Gewalt aus der Nacht. Doch Leon tat nichts dergleichen. Er starrte nur auf Alex’ Gesicht, als suche er nach etwas, das er dort verloren hatte.
„Du siehst aus wie verdammtes Gesindel,“ murmelte Leon schließlich. Seine Hand glitt von Alex’ Haar, strich mit dem Daumen über seine geschwollenen Lippen. Die Berührung war überraschend sanft, fast zögerlich. „Wir riechen wie Gesindel.“
Er beugte sich vor. Nicht zu Alex’ Mund, sondern zu seiner Wange. Seine Lippen berührten die schmutzige, vom Wind ausgetrocknete Haut. Es war kein Kuss. Es war ein Einatmen. Ein langsames, tiefes Riechen an der hohlen Stelle unter Alex’ Augenknochen. Leon schloss die Augen, seine Nasenflügel bebten leicht. „Rauch,“ murmelte er gegen Alex’ Haut. „Und Schweiß. Und diese verdammte Gurke.“
Ein hysterisches Lachen schwappte in Alex’ Brust auf, kam aber nicht über seine Lippen. Stattdessen gab er nur ein ersticktes Geräusch von sich, eine Mischung aus Erschöpfung und etwas anderem, völlig Unerklärlichem.
Leon zog sich zurück, sein Blick war jetzt klar und entschieden. Seine Hand wanderte nach unten, knöpfte mit steifen Fingern Alex’ nasse, verschmutzte Hose auf. Die kalte Luft strömte sofort auf Alex’ Unterleib, ließ seine Haut sich zusammenziehen. Er zuckte zurück, aber Leons Griff auf seiner Hüfte war eisern.
„Still,“ befahl Leon, mehr ein Atemzug als ein Wort.
Er zog Alex’ Hose und Unterhose über die Hüften hinunter, bis seine halb steife, von Kälte geschrumpfte Männlichkeit freilag. Leon sah hinunter. Sein Ausdruck war klinisch, forschend, als untersuche er eine Wunde. Dann, ohne ein weiteres Wort, beugte er sich vor.
Sein Mund war heiß. Eine brutale, nass-feuchte Hitze, die auf Alex’ kaltes Fleisch traf und einen elektrischen Schock durch seinen Körper jagte. Leon nahm ihn nicht vollständig, nicht zärtlich. Seine Lippen schlossen sich nur um die Spitze, seine Zunge strich einmal, grob, über die empfindliche Stelle darunter. Der Geschmack, der Geruch von ihm selbst – salzig, säuerlich, ungewaschen – schoss Alex in den Sinn, und eine Welle unerträglicher Scham und Erregung überrollte ihn.
Leon zog sich zurück, spuckte aus, ein dünner Schwall, der auf das verrottete Holz zwischen ihnen traf. „Scheiße, du schmeckst abscheulich,“ knurrte er, seine Stimme war heiser.
Und dann machte er weiter. Nicht mit Lust oder Zärtlichkeit, sondern mit einer Art verzweifelter, wütender Hingabe. Er nahm mehr von Alex in den Mund, tief, bis der Widerstand in seinem Rachen zu spüren war. Seine Hände, rau und mit schmutzigen Nägeln, klammerten sich an Alex’ nackte Hüften, zogen ihn näher, zwangen ihn noch tiefer.
Alex stöhnte auf, ein langes, zitterndes Geräusch, das der Wind davontrug. Seine Hände griffen nach etwas Festem, fanden nur den morschen Holzpfosten des Hochsitzes. Die Empfindung war überwältigend, widerlich und erregend zugleich. Die Wärme von Leons Mund im Kontrast zur eisigen Luft, das harte, stumpfe Vordringen in seine Kehle, das feuchte, schmatzende Geräusch der Ein- und Ausfahrt – es war eine Befleckung. Eine absichtliche, gegenseitige Befleckung. Sie hatten keine Seife, kein Wasser, keine Würde. Nur dies. Nur den Beweis, dass ihre Körper noch funktionierten, noch etwas fühlten außer Kälte und Angst.
Leon bewegte seinen Kopf mit einem rhythmischen, mechanischen Stoß, wie ein Motor, der ohne Öl lief. Seine eigenen Hände krammten sich an seinem Hosenschlitz fest, öffneten ihn grob. Alex sah durch halb geschlossene Lider hinunter, sah Leons eigenen Schwanz, steif und rot vor Kälte und Reibung, in seiner Faust arbeiten. Das Bild war so explizit, so erniedrigend, dass es ihn noch tiefer in den Strudel der Erregung riss.
Sein Atem kam in stoßweisen, weißen Wolken aus seinem Mund. Die Kälte brannte auf seiner nackten Haut, aber tief in seinem Bauch brodelte ein schmutziges, intensives Feuer. Er war dem Höhepunkt nahe, ein hastiger, ungehaltener Aufstieg, der keine Gnade kannte. Seine Finger verkrampften sich im Holz, Splitter drangen in sein Fleisch.
„Leon, ich…“ keuchte er, eine Warnung, eine Bitte.
Leon hob den Blick. Seine Augen waren tränengefüllt vom Würgereiz, aber sein Blick war hart wie Stahl. Er nahm Alex noch tiefer, bis seine Nase in das schmutzige, verfilzte Haar an Alex’ Schambein drückte. Das war der Auslöser.
Alex kam mit einem unterdrückten Schrei, sein ganzer Körper krümmte sich wie unter einem Stromschlag. Es war keine Erlösung, sondern ein brutaler Ausbruch, ein gewaltsames Ausstoßen von allem, was sich angestaut hatte – Angst, Kälte, Verzweiflung. Er ergoss sich tief in Leons Schlund, spürte, wie dieser schluckte, würgte, dann wieder schluckte, mit einer trockenen, krampfhaften Bewegung.
Als es vorbei war, blieb Alex keuchend zurück, zitternd in der plötzlichen Leere. Leon zog sich zurück, sein Mund glänzte feucht, ein dünner Faden von Speichel und Samen verband seine Unterlippe mit Alex’ erschlaffendem Glied. Er spuckte erneut, gründlich, auf den Boden des Hochsitzes. Dann wischte er sich mit dem Ärmel seiner Jacke über das Gesicht, ein grobes, abschließendes Wegwischen.
Ohne ein Wort griff er in seinen eigenen Schoß, sein Gesicht eine einzige Grimasse konzentrierter Anstrengung. Es dauerte nur Sekunden. Ein paar harte, schnelle Stöße, dann ein ersticktes Knurren, als er sich in seiner eigenen schmutzigen Faust entlud, der Samen spritzte auf das verrottete Holz und vermischte sich mit dem alten Laub.
Dann herrschte Stille. Nur der Wind. Nur ihr keuchender Atem. Der Gestank von Sperma und Schweiß und nassem Holz hing schwer in der kalten Luft.
Leon richtete sich auf, schloss seinen Hosenschlitz mit zitternden Händen. Sein Gesicht war ausdruckslos, eine maske aus müdem Abscheu. „Zieh dich an,“ sagte er tonlos. „Bevor du erfrierst.“
Alex zog mit steifen Fingern seine Hose hoch. Der Stoff fühlte sich ekelhaft feucht und kalt an seinem verschmierten Bauch an. Er wollte etwas sagen. Danke? Entschuldigung? Ein Fluch? Die Worte waren verloren, erstickt unter der Wucht dessen, was gerade geschehen war – ein Akt der Hygiene gewesen, ein ritualisierter Ausbruch von Animalität.
Leon hatte das Fernglas wieder in der Hand, seine Augen waren schon zurück auf die Villa gerichtet, als ob nichts geschehen wäre. Als ob sie nicht
Leon hatte das Fernglas wieder in der Hand, seine Augen waren schon zurück auf die Villa gerichtet, als ob nichts geschehen wäre. Als ob sie nicht gerade, zitternd vor Kälte und Adrenalin, ihre Kehlen und Hände mit den abstoßenden Beweisen ihrer eigenen Existenz gefüllt hätten. Die Sonne wanderte hinter einer Wand aus Wolken, zog das letzte fahle Licht aus dem Wald und ließ die Konturen der Villa in einem bedrohlichen Dunkelgrau verschwimmen.
„Gleich,“ sagte Leon, sein Atem bildete kleine weiße Wolken vor dem Glasobjektiv.
Alex sagte nichts. Der Geschmack von Schmutz und Verfall war noch immer metallisch auf seiner Zunge, nicht wörtlich, aber im Sinne einer Erinnerung, die jede Pore durchdrang. Die Feuchtigkeit an seinem Schritt kühlte schnell ab und wurde zu einem unangenehmen, klammen Gefühl. Er beobachtete Leon, wie dieser jeden Zentimeter der Mauer, jedes Dachfenster, jede Unregelmäßigkeit im Rasen sezierte. Diese fokussierte Professionalität nach dem, was eben passiert war, war beängstigend.
Die Dämmerung fiel schnell, ein purpurfarbener Strich am Horizont, der dann zu Tinte verdünnte.
„Jetzt,“ murmelte Leon und ließ das Fernglas sinken. Er warf Alex einen schnellen Blick zu, ein flüchtiges Abtasten seines Zustands. „Kannst du laufen?“
Alex nickte, rieb sich die erstarrten Oberschenkel. „Wohin?“
„Zum Gästehaus. Von der Seeseite. Es ist der einzige blinde Fleck.“ Leon begann, sich rückwärts die morsche Leiter hinunterzutasten, jeder Schritt ein leises Knarren im jetzt fast vollständigen Dunkel. „Wenn sie etwas hören, denken sie, es ist ein Tier. Oder der Wind.“
Der Abstieg war eine Qual. Alex’ Muskeln protestierten steif, jeder Bewegungsablauf fühlte sich rostig und ungenau an. Der Waldboden nahm sie wieder auf, eine dunkele, weiche Decke aus Nadeln. Leon bewegte sich lautlos, ein Schatten, der zwischen den Bäumen verschmolz. Alex folgte dem Geräusch seines Atems mehr als seiner Silhouette.
Es dauerte eine halbe Stunde, bis sie wieder das Ufer erreichten, weiter nördlich diesmal. Das Gästehaus lag etwa fünfzig Meter entfernt, ein dunkler Kubus gegen das leicht hellere Grau des Sees. Kein Licht. Das Rauschen des Wassers, das leise Klirren von Bootsleinen – das waren die einzigen Geräusche.
Sie blieben im Schilf stehen, beobachteten die Struktur für lange, gefrierende Minuten. Nichts bewegte sich.
„Zu ruhig,“ flüsterte Alex. Seine Zähne wollten klappern, er biss sie zusammen.
„Ja,“ gab Leon zurück. Er hob eine Hand, deutete auf die dem See zugewandte Seite. „Dort. Die große Glasfront. Eine Tür. Sie wird alarmgesichert sein. Aber vielleicht nicht vernetzt.“
„Wie willst du das wissen?“
„Weil Frommhold paranoid ist. Er will keine externen Firmen, die seine Systeme warten. Er will sein eigenes, kleines Königreich.“ Leon’s Stimme war ein flacher, sicherer Monolog im Dunkeln. „Das heißt Inkompetenz. Lücken.“
Sie krochen aus dem Schilf, über einen schmalen Kiesstreifen, blieben im tiefen Schatten der Gebäudeecke geduckt. Die Glastür war tatsächlich da, überspannt von einem hölzernen Vordach. Ein kleines, grünes Lämpchen an einem kleinen Kasten danach signalisierte einen aktiven Alarm.
Leon näherte sich, sein Atem stockte. Sein Blick scannte den Rahmen. Dann, fast ungläubig, griff er vorsichtig mit den Fingern nach der unteren Kante der Tür. Er drückte nach oben. Mit einem leisen, öligen Klicken gab die Tür nach, schwang einen Zentimeter nach innen auf.
„Sie ist nicht verriegelt,“ hauchte er. Sein Blick traf Alex’ im Dunkeln, spiegelte sein eigenes Erstaunen wider. „Verdammte Arroganz.“
Ein flüchtiger, triumphaler Funke zuckte zwischen ihnen auf. Dann erstarb er. Wenn die Tür nicht verriegelt war, war sie eine Falle. Oder schlimmer: jemand war bereits hier. Leon zog die schwere Küchenzange aus seiner Jacke, ein erbärmliches Werkzeug gegen alles, was da drin auf sie warten mochte. Er nickte Alex zu.
Mit einem einzigen, flüssigen Ruck schob Leon die Tür weiter auf, genug, um sich hindurchzuquetschen. Die Dunkelheit im Inneren war absolut, dick wie Samt. Der Raum roch nach teurem Holz, nach chemisch reinem Baumwollstoff und einer untergründigen Note von Schimmel, wie in einem lange geschlossenen Raum.
Sie blieben reglos stehen, lauschten. Das Ticken einer Klimaanlage irgendwo. Das Summen des Kühlschranks. Keine Schritte. Kein Atmen außer ihrem eigenen.
Leon tastete sich vorwärts, seine ausgestreckte Hand traf auf die kühle, polierte Kante eines Granittisches. Alex folgte, seine Augen gewöhnten sich langsam. Große Umrisse von Möbeln wurden sichtbar: ein riesiges Sofa, Sessel, ein Kamin. Eine komplett ausgestattete Küchenzeile. Alles makellos, unberührt, tot.
„Such nach einem Safe,“ flüsterte Leon. „Nach einem Schreibtisch. Irgendetwas, das nicht wie Dekoration aussieht.“
Sie trennten sich, schlichen durch die offene Wohnfläche. Alex fand hinter einer halboffenen Tür ein Schlafzimmer mit riesigem Bett. Alles war perfekt gemacht, die Decken militärisch straff gezogen. Er tastete die Nachttische ab, fand nur teure Bücher über Yacht-Design. Keine Schubladen.
Leon war im Wohnbereich geblieben. Alex hörte ein leises Schaben, dann ein gedämpftes Fluchen. Er kam zurück. Leon kniete vor dem Kamin, seine Finger tasteten die Steine der Umrandung ab.
„Hier,“ murmelte Leon. Ein einzelner Stein, etwa in Augenhöhe, bewegte sich leicht unter seinem Druck. Er drückte fester, schob. Mit einem sanften, mechanischen Zischen schwang ein ganzer Teil der Kaminverkleidung nach innen, etwa einen halben Meter breit und hoch. Dahinter lag ein dunkler Hohlraum, kein Safe, sondern ein kleines Versteck.
Leon griff hinein, zog einen schlichten, grauen Aktenordner heraus. Und eine kleine, schwarze Digitalkamera. Sein Atem ging kurz und scharf. Er klappte den Ordner auf, blätterte mit zitternden Fingern unter dem schwachen Licht der Standby-LED der Stereoanlage. Alex beugte sich vor, sah flüchtig Diagramme, Baupläne, offizielle Stempel.
„Das ist es,“ sagte Leon, seine Stimme brach vor Erleichterung und etwas anderem – blankem Schrecken. „Die Grundstückskäufe. Die Bestechungsnachweise für die Baugenehmigungen. Das Protokoll der Anfrage an die…“ Er hielt inne, blätterte weiter. „Hier. Das Gutachten über die Bodenverseuchung. Das, das sie unterdrückt haben.“
Er schaltete die Kamera ein. Der kleine Bildschirm erwachte in bläulichem Licht. Er drückte die Wiedergabe-Taste. Das Video war wackelig, dunkel. Es zeigte eine Baustelle bei Nacht, Männer, die Fässer in eine tiefe Grube rollten. Die Daten im Display zeigten einen Zeitpunkt vor drei Jahren. Ein Gesicht trat ins Bild, angestrahlt von der Taschenlampe des Filmers. Fett, selbstzufrieden. Frommhold.
Dann ein Ruckeln. Ein Schrei. Das Bild kippte, zeigte den Himmel, dann den schlammigen Boden. Das letzte Geräusch war ein dumpfer Schlag. Dann schwarze Leere.
Kattas Kamera.
Alex fühlte, wie ihm der Magen umkehrte. Die Beweise. Sie waren wirklich hier. In ihren verdreckten, stinkenden Händen. Dieser Ordner, dieses Video, das war der Grund, warum Katta sterben musste. Das war die Wahrheit, die schwer und giftig in Leons Händen lag.
In diesem Moment ging das Licht an.
Ein gleißendes, blendendes Deckenlicht, das den Raum in schonungslose Helligkeit tauchte. Beide Männer zuckten zusammen, warfen die Arme vor die Augen.
„Das darf doch nicht wahr sein,“ sagte eine Stimme aus der Küchenzeile. Kein lauter Befehl, nur ein resigniertes, fast gelangweiltes Kopfschütteln.
Ein Mann lehnte am Kühlschrank, eine schlanke, graue Gestalt in einer teuren, aber unauffälligen Strickjacke. In seiner Hand hielt er keine Waffe. Es war schlimmer. Es war ein Tablet-Computer. Sein Daumen ruhte auf dem Bildschirm.
„Herr Frommhold hat gesagt, ich soll nach dem Rechten sehen, wenn der Alarm im Gästehaus ausfällt. Dachte, es sei eine Maus.“ Der Mann seufzte. Sein Gesicht war lang, mit den präzisen Zügen eines Buchhalters. „Aber Diebe? Mit einer… Küchenzange?“ Er betrachtete Leon mit einer Art akademischem Interesse. „Wie armselig.“
Leon sprang auf, den Ordner wie einen Schild vor sich haltend. Alex sah seinen Blick zum Fluchtweg schweifen, zur Glastür.
„Vergessen Sie es,“ sagte der Mann und tippte auf sein Tablet. Draußen, mit einem sanften Summen, rollten automatisch Aluminiumpaneele vor die gesamte Glasfront, versiegelten den Raum mit einem finalen Klick. Gleichzeitig ertönte ein leises, pulsierendes Summen aus versteckten Lautsprechern. „Die Luftzirkulation ist jetzt deaktiviert. In etwa zwanzig Minuten wird der Sauerstoff in diesem Raum auf ein Niveau gesunken sein, das… unangenehm ist. Dann kommen die Kollegen und räumen auf.“
Der Mann schob sich vom Kühlschrank ab, sein Tablet unterm Arm. „Sie können die Beweise behalten. Macht es einfacher für uns, alles an einem Ort zu verbrennen.“ Er ging zur Haupteingangstür, eine massive Holzkonstruktion auf der anderen Seite des Raumes. „Es war mir kein Vergnügen.“
Die Tür öffnete sich, schloss sich hinter ihm. Ein elektrisches Surren verriet das Verriegeln.
Sie waren eingesperrt. In einer hermetisch abgeriegelten, teuren Box.
Leon stürzte zur Haupttür, rüttelte an dem Griff. Kein Nachgeben. Er hob die Zange, schlug gegen das Holz. Es gab nur ein unbedeutendes Kratzen. Das Material war massiv, wahrscheinlich mit Stahl verstärkt. Er drehte sich um, sein Blick irrte wild durch den Raum, zu den vernagelten Fenstern, zur Klimadecke.
„Luftschächte,“ keuchte Alex, sein Herz hämmerte gegen seinen Brustkorb. „In der Küche. Über dem Herd.“
Sie rannten zur Kücheninsel. Ein standardmäßiger Dunstabzug mit Metallgitter. Leon riss einen Barhocker heran, stellte sich drauf und stemmte seine Finger in das Gitter. Seine Adern traten hervor vor Anstrengung. Das Gitter bog sich, gab mit einem kreischenden Metallgeräusch nach. Dahinter ein dunkler Schacht, etwa vierzig mal sechzig Zentimeter. Gerade groß genug.
„Du zuerst,“ schnaufte Leon und sprang herunter. „Hoch und nach links. Es muss irgendwo einen Außenabgang geben.“
Alex wollte protestieren, dass Leon den Ordner hatte, dass er wichtiger war, aber die erstickende Enge des Raumes ließ ihm keine Zeit für Diskussionen. Er kletterte auf den Hocker, packte den rauen Metallrand des Schachtes und zog sich hoch. Seine Schultern klemmten sich ein, dann rutschte er in die Dunkelheit. Der Schacht war staubig, ölig, die scharfen Kanten der Bleche schnitten in seine Arme. Er kroch blind vorwärts, den leisen Luftzug im Gesicht.
Hinter sich hörte er Leon’s Stöhnen, das Kratzen seiner Stiefel auf Metall, als er ihm folgte.
Der Schacht machte eine Biegung. Absolute Finsternis. Alex kroch weiter, sein Atem donnerte in der engen Röhre. Panik, dick und geschmacklos, stieg in seiner Kehle hoch. Dann, plötzlich, fiel ein schwacher, kalter Luftstrom auf sein Gesicht. Von vorne. Vor ihm erkannte er einen schwachen, sternenförmigen Lichtschein – ein verschraubtes Gitter, das nach außen führte.
„Ich sehe das Ende!“ rief er zurück, seine Stimme hallte blechern.
„Dann beweg deinen Arsch!“ rief Leon keuchend von hinten.
Alex erreichte das Gitter. Es war von außen mit vier Schrauben befestigt. Er knallte mit der flachen Hand dagegen. Es gab nicht nach. Keine Zange. Nichts.
„Zur Seite!“ Leon’s Stimme war direkt hinter ihm, voller rücksichtsloser Dringlichkeit. Alex presste sich so weit es ging an die Schachtwand. Leon’s Hand grub sich an seiner Hüfte vorbei, tastete das Gitter ab. Dann zog er seine Hand zurück, und Alex hörte ein klickendes Geräusch, gefolgt von einem leisen, schnellen Surren.
Das kleine, tragbare Funkgerät, das sie aus dem Wald jagdhaus mitgenommen hatten. Leon hielt es gegen den Schraubenkopf und drückte einen Knopf. Ein winziger Funke sprühte in der Dunkelheit auf. Ein Entstörwerkzeug, modifiziert, ein schwacher Lötkolben.
Leon arbeitete hastig, schmolz das Plastik der Schraubenköpfe, bis es weich wurde. Dann drückte er mit dem Daumen dagegen, formte es um, verstopfte den Schlitz. Eine Notlösung. Er wechselte zur nächsten Schraube. Seine Atemzüge waren hechelnde Stöße in der Enge.
Die Zeit war ein sich zusammenziehendes Band um Alex’ Brust. Der Sauerstoff wurde schon knapp, sein Kopf fühlte sich schwummrig an. Draußen. Sie musste einfach nur draußen sein.
Mit einem letzten, brutalen Stoß von Leon’s Schulter gegen das Gitter, nach der vierten Schraube, gab das Blechgitter nach und kippte nach außen in die Nacht. Kalte, lebensspendende Luft strömte herein. Alex schob sich nach vorn, zwängte seine Schultern durch die Öffnung und fiel etwa zwei Meter tief in einen feuchten Rhododendronbusch.
Er lag da, keuchte, sog gierig die frische Luft ein. Sekunden später landete Leon neben ihm, schwerer, weniger elegant, den zusammengerollten Aktenordner an seine Brust gepresst wie ein Kind. Die Kamera steckte in seiner Jackentasche. Er blieb einen Moment auf dem Rücken liegen, starrte zu dem schwarzen Rechteck des Luftschachts hoch, aus dem sie gekrochen waren.
Dann stand er auf, bürst