Chapter 172: Chapter 172
Die sichere Wohnung roch nach abgestandener Luft und synthetischem Teppichboden. Drei Wochen. Die Zeit fraß sich durch Alex’ Tage wie eine langsame Säure. Morgens das bleiche Licht, das durch die Jalousien schlich. Abends die Deckenlampe, deren Summen lauter wurde als jeder Gedanke.
Vogel kam alle zwei, drei Tage. Seine Fragen wurden präziser, enger, drehten sich immer öfter um Alex’ eigene Vergangenheit, um Kontakte, um jede kleine Unstimmigkeit in seiner Aussage. „Wir müssen Sie wasserdicht machen,“ sagte er immer wieder, während er in seinem Kalender blätterte. Das Wort fühlte sich an wie eine Drohung.
Die eigentliche Bedrohung aber war die Leere dazwischen. Die Stille. In ihr gediehen die Erinnerungen. Sie kamen nicht als Bilder, sondern als Sinnesbruchstücke. Der scharfe Geruch von verfaultem Holz und Ammoniak. Das knirschende Gefühl von Leons Bartstoppeln gegen seinen Mund. Der brennende, reißende Schmerz, als er sich auf ihn herabließ, in dieser verlassenen Hofstube.
Das erste Mal geschah am Ende der ersten Woche. Alex lag steif auf dem Bett, die Hände hinter dem Kopf verschränkt, und starrte auf einen Riss in der Deckenfarbe. Sein Körper war eine einzige Ansammlung von Verspannungen, aber in seinem Schritt regte sich ein dumpfes, ignorantes Pochen. Er hasste es. Er hasste die biologische Gegenwehr seines eigenen Fleisches gegen die lähmende Angst. Doch seine Hand glitt wie von einem eigenen Willen gesteuert unter die elastische Bündchen seiner Jogginghose.
Er packte sich selbst, nicht sanft, sondern mit derselben verzweifelten Wut, die ihn im Wald getrieben hatte. Sein Schwanz war halb steif, empfindlich. Er rieb ihn hart zwischen Daumen und Handfläche, die Augen geschlossen. In der Dunkelheit hinter seinen Lidern sah er nicht Leon. Er spürte ihn. Die knochigen Hüften, die gegen ihn stießen. Die raue, schmutzige Hand, die seine Brustwarze gekniffen hatte. Das Knurren in seiner Kehle: Du siehst mich an.
Sein Atem ging schneller. Er stöhnte, ein einsames, erbärmliches Geräusch in der toten Stille der Wohnung. Sein Handgriff wurde fester, schneller. Es ging nicht um Lust. Es war ein Exorzismus. Ein Versuch, das Gefühl von etwas, von dieser rohen, lebendigen Verankerung, zurück ins Jetzt zu holen. Er stellte sich vor, es wäre Leons Hand, die ihn so rieb, brutal und zweckmäßig. Er kam mit einem heißen, schmerzhaften Ruck, das Sperma schoss über seine eigenen Finger und auf den flachen Bauch. Ein Moment völliger Leere, gefolgt von einer so intensiven Scham, dass er sich im Bett zusammenrollte.
Es half nichts. Es kehrte wieder.
Ein paar Tage später, unter der lauwarmen Dusche der engen Kabine. Das Wasser prasselte auf seinen Nacken. Er lehnte die Stirn gegen die kalten Kacheln, eine Hand an der Wand abgestützt, die andere arbeitete zwischen seinen Beinen. Diesmal waren die Bilder deutlicher. Der staubige Fußboden unter seinen Knien. Der Blick in Leons Augen, nicht sanft, sondern anerkennend. Gleichwertige Tiere. Er seifte sich ein, rutschte mit der Hand an seiner eigenen Länge auf und ab, presste die Fantasie fester. Er dachte an den Geruch von ihnen beiden, vermischt in der kalten Luft. An das Gefühl von Leons Zunge, die sich gewaltsam in seinen Mund schob. Sein Hieb wurde rasant, unkontrolliert. Er stieß seine Hüften gegen seine eigene Faust und stöhnte, das Wasser spülte das Ejakulat sofort die graue Abflussrinne hinunter, als hätte es nie existiert.
Die dritte Woche. Nacht. Er saß auf dem abgewetzten Sessel, ein Buch lag ungelesen auf seinem Schoß. Die Unruhe war ein summandes Tier in seinen Eingeweiden. Wieder. Immer wieder. Es war der einzige Akt der Agentur, der ihm blieb. Er schlüpfte aus der Hose, ließ sie um die Knöchel hängen. Kaltluft strich über seine nackte Haut. Diesmal ließ er es langsam angehen. Er rieb mit den Fingerspitzen über die Spitze seines Schwanzes, schon hart und fordernd. Er zwang sich, jedes Detail heraufzubeschwören. Das Gewicht von Leon unter sich. Das knallharte Gefühl von dessen Schwanz, als er sich darauf niederließ. Der spezifische, beißende Schmerz der Penetration, der sich dann in etwas anderes verwandelte, in eine besitzergreifende, brutale Fülle. „Du fucking Arschloch,“ murmelte er in die stille Wohnung, eine Nachahmung von Leons heiserer Stimme. Seine Hand wurde zur Faust, er jackte sich ab, einen langen, langsamen, grausamen Rhythmus. Er kam mit einem unterdrückten Schrei, das Sperma spritzte über das billige Polster des Sessels. Er saß da, keuchend, besudelt, und hasste sich. Und wartete auf die nächste Runde dieser selbstauferlegten Folter.
Am einundzwanzigsten Tag klingelte das spezielle Handy. Es war nicht die übliche Zeit für Vogel.
Alex nahm ab, sagte nichts.
„Weber. Hier ist Vogel.“ Eine Pause. Leiser als sonst. „Sie haben ihn gefunden.“
Alex’ Hand verkrampfte sich um das Plastikgehäuse. Sein Herz setzte für zwei, drei Schläge aus.
„Lebend?“ Die Frage war kaum mehr als ein Hauch.
„Barely.“ Vogels Stimme war klinisch. „Eine Privatklinik nahe Görlitz. Unter falschem Namen. Schussverletzung Oberschenkel, schwerer Blutverlust, Infektion. Er liegt auf der Intensiv. Die Ärzte sagen, es ist fifty-fifty.“
Die Worte trafen Alex wie Schläge. Intensiv. Fifty-fifty. Nicht tot. Nicht frei. In einer Schwebe. Genau wie er selbst.
„Ich will ihn sehen.“
„Unmöglich.“ Die Antwort kam sofort, eisig. „Das wäre ein Sicherheitsrisiko ersten Grades. Frommholds Anwälte wachen über jede Bewegung in diesem Fall. Eine Verbindung zwischen Ihnen beiden, jetzt, würde die gesamte Zeugenaussage infrage stellen. Sie bleiben. Wo. Sie. Sind.“
Die Leitung wurde tot.
Alex ließ das Handy zu Boden fallen. Es klackerte auf den Teppich. Er stand auf, ging zum Fenster, starrte durch die Jalousien auf den anonymen Parkplatz. Eine wahnsinnige, ohnmächtige Wut stieg in ihm hoch. Leon kämpfte um jedes Atemzug irgendwo da draußen, und er war hier eingesperrt, ein Haustier der Staatsanwaltschaft. Nutzlich, aber lästig. Er sollte stillhalten. Er sollte wasserdicht sein.
Sein Blick fiel auf den Sessel, die dunklen, eingetrockneten Flecken auf dem Stoff von gestern, vorgestern. Eine neue, schmutzige Hitze wallte in ihm auf. Keine Sehnsucht. Pure Frustration. Animalisch. Unfilteriert.
Er riss sich das T-Shirt über den Kopf. Seine Jogginghose landete in einer Ecke. Nackt stand er im kalten Zimmer, seine Erregung war bereits steif und rebellisch. Diesmal war es keine Erinnerung. Es war ein Akt der Gewalt gegen die eigene Hilflosigkeit.
Er ging nicht zum Bett. Er blieb stehen, in der Mitte des Zimmers, die Beine breit, und packte seinen Schwanz mit einer so festen Hand, dass es schmerzte. Er stellte sich nicht vor, bei Leon zu sein. Er stellte sich vor, Leon hier zu haben. In dieser sterilen, toten Box. Ihn gegen die Wand zu drücken, ihm den Mund zu stopfen, ihm zu zeigen, was diese wartende Zeit aus ihm gemacht hatte. Ihn zu ficken. Hart. Rücksichtslos. Ihn zum Schreien zu bringen.
„Siehst du, du verdammter Hurensohn?“ zischte er zwischen zusammengebissenen Zähnen. Seine Hand fegte seinen Schaft auf und ab, ein blurry schneller, hämmernder Rhythmus. „Das ist für dich. Das ist alles, was von uns übrig ist. Das hier.“
Seine Hüften stießen in die Luft, stumme, wütende Stöße in ein Nichts. Das Bild verdichtete sich: Leon, blass, an Infusionsschläuche gefesselt, und er, Alex, riss die Decke weg, zwängte sich zwischen diese schwachen Beine, drang ohne ein einziges Wort der Vorbereitung in ihn ein. Ein Bild der Dominanz. Der Kontrolle. Der Rache für die eigene Machtlosigkeit.
„Du gehörst mir,“ keuchte Alex, seine Stimme brach. „Du gehörst mir, du fucking Stück Scheiße. Ich gebe dich nicht frei.“
Der Orgasmus überrollte ihn mit der Wucht einer Explosion. Er kam mit einem heulenden Laut, der halb Weinen, halb Wutschrei war. Weiße Striemen schlugen über seine eigene Brust, auf den Teppich, tropften von seiner zitternden Faust. Er brach in die Knie, den Körper von krampfartigen Zuckungen geschüttelt, und stützte sich mit der sauberen Hand auf dem Boden ab.
Schwer atmend blieb er so hocken, bis die Zuckungen nachließen. Der Gestank von Sperma und Schweiß erfüllte die Luft. Er sah auf das Ergebnis seiner Wut hinab, auf die klebrigen Spritzer auf dem synthetischen Fasergewebe des Apartments, das ihm Schutz bieten sollte.
Draußen fuhr ein Auto vorbei. Irgendwo lachte jemand.
Leon kämpfte um sein Leben.
Und Alex rieb sich immer noch den Dreck aus der Seele, einen heißen Schuss nach dem anderen. Es war alles, was er hatte. Alles, was sie ihm ließen.
Es dauerte noch zwei volle Wochen, bis das spezielle Handy wieder vibrierte. Diesmal war es keine Stimme, sondern eine Textnachricht von einer unbekannten Nummer.
Unbekannt: Hier ist Vogel. Deutscher ist stabil. Wird heute entlassen. Er kommt in eine entsprechende Einrichtung. Zu Ihrem eigenen Schutz wird der direkte Kontakt untersagt. Eine eingeschränkte, überwachte Textkommunikation ist über diesen Kanal möglich. Alle Nachrichten werden protokolliert. Halten Sie die Gespräche sachlich.
Alex starrte auf die Worte. Eingeschränkte, überwachte Textkommunikation. Ein gnädiger, technokratischer Akt. Eine Gabe, die man einem verdienten Hund hinwirft. Seine Finger zitterten, als er antwortete.
Alex: Verstanden. Wann?
Minuten vergingen. Dann eine Rückmeldung, eine Chatgruppe wurde erstellt. Die Teilnehmer: Alex, eine Nummer unter dem Kontaktnamen „Kontakt D“, und ein Administrator mit dem Namen „SysOp“.
SysOp: Dieser Kanal dient der koordinierten Zeugenbefragung. Bleiben Sie beim Thema.
Dann, ein neuer Text von „Kontakt D“.
Kontakt D: Bin da. Scheißbett. Aber immerhin ein eigenes.
Das war alles. Es war er. Alex spürte diese vier Worte wie einen physischen Schlag in die Magengrube. Die rohe, unverblümte Vertrautheit. Er lehnte sich gegen die Kachelwand der Küche, atmete langsam aus. Was zum Teufel war „sachlich“? Nichts zwischen ihnen war jemals sachlich gewesen.
Alex: Besser als Intensiv.
Kontakt D: Alles ist besser als das. Du siehst aus wie Scheiße.
Alex blickte auf sein Spiegelbild im dunklen Fenster. Abgemagert. Hohle Augen. Wie wusste Leon das?
Alex: Du auch.
Kontakt D: Schick Bild. Beweise.
Das war eine Grenzüberschreitung. Das war nicht sachlich. Alex’ Herz hammerte gegen sein Brustbein. Er hob das Handy, machte ein schnelles, unscharfes Selbstporträt. Sein Gesicht, ernst, die schmuddelige Kapuze des Sweatshirts hochgezogen. Er schickte es.
Eine Minute Stille. Dann eine Nachricht.
Kontakt D: Immer noch scheiße. Aber erkennbar. Mein Zug.
Ein Bild tauchte auf. Leon. Auf einem schmalen Bett sitzend, Rücken an eine weiße Wand gelehnt. Sein Gesicht war noch schmaler, knochiger, die Haut wachsartig. Aber die Augen. Die gleichen dunklen, aufgenommenen Bohrer. Er trug ein graues T-Shirt, die Hosenbeine hochgekrempelt. Und da, auf seinem rechten Oberschenkel, ein dicker, rosa und violett schimmernder Wulst von vernarbtem Gewebe, umgeben von den punktgenauen Einstichen chirurgischer Fäden. Die Schussverletzung. Er hatte es abfotografiert, wie man eine Trophäe zeigt.
Kontakt D: Souvenir. Juckt wie Hölle.
Die Unverschämtheit, die brutale Ehrlichkeit dieses Bildes raubte Alex den Atem. Es war medizinisch. Es war verletzlich. Es war zutiefst unanständig. Seine Hand flog zu seinem eigenen Oberschenkel, wo die Erinnerung an ihren Akt auf dem schmutzigen Boden ein phantomhaftes Pochen hinterließ.
Alex: Hässlich.
Kontakt D: Passt zu mir. Zeig mehr.
Alex: Von was?
Kontakt D: Von dir. Nicht dein Gesicht.
Die Anweisung war glasklar. Der SysOp sagte nichts. Vielleicht war dies Teil des Tests. Vielleicht war es eine Falle. Alex ging zum Sessel, setzte sich. Seine Finger fuhhr über den alten Fleck auf dem Stoff. Er zog sein Sweatshirt aus, ließ es zu Boden fallen. Sein T-Shirt folgte. Die kühle Luft ließ seine Haut sich zusammenziehen. Er richtete die Kamera nach unten, erfasste seinen nackten Oberkörper, die flachen Muskeln, die Rippen, die sich abzeichneten. Er schickte es.
Kontakt D: Besser. Mag deine Brustwarzen. Sahen im Wald hart aus.
Alex stöhnte leise auf. Die Direktheit traf ihn wie eine offene Handfläche. Seine Brustwarzen verkrampften sich tatsächlich, wurden zu harten Knospen unter seinem eigenen Blick.
Alex: Kalt hier.
Kontakt D: Heiz dich auf. Zeig mir, wie.
Das war der Punkt ohne Rückkehr. Der SysOp blieb stumm. Ein stummer Zeuge. Alex löste den Knoten seiner Jogginghose, schob sie über seine Hüften. Er war schon halb erigiert, nur von diesem austausch aus Bildern und knappen Befehlen. Er fotografierte seinen Schoß, den Ansatz seines Schwanzes, der aus dem Haaransatz ragte, aber zeigte nicht alles.
Kontakt D: Spiel nicht rum. Ganz.
Sein Atem ging stoßweise. Er umschloss seinen Schwanz mit der Hand, zog die Vorhaut langsam zurück, um die helle, empfindliche Spitze freizulegen. Er machte ein Bild. Es war unverhohlen, pornografisch. Sein dickes, volles Glied füllte den Bildschirm. Ein Tropfen klarer Flüssigkeit perlte aus der Öffnung. Er schickte es.
Die Antwort ließ nicht auf sich warten. Ein Foto von Leon. Er hatte sein T-Shirt ausgezogen. Seine Brust war haarig, die Schlüsselbeine stark hervortretend. Eine Hand lag flach auf seinem Bauch, die Finger spannten sich in Richtung der Waage seiner Boxershorts. Ein deutliches Wölbung darunter.
Kontakt D: Dein Zug. Nasser.
Alex biss sich auf die Lippe. Er spuckte in seine eigene Handfläche, ein vulgäres, nasses Geräusch, das in der stillen Wohnung widerhallte. Er rieb den Speichel über seine Länge, ließ sie glänzen im trüben Licht. Ein weiteres Bild. Dann eine Nachricht.
Alex: Dein Ernst. Zeig es.
Ein Video, nur sieben Sekunden lang. Leon’s Hand, die in den Bund seiner Boxershorts fuhr, seinen Schwanz herausholte. Er war lang, dünner als Alex’, mit auffälligen Adern. Er fuhr einmal, hart und schnell, von der Basis bis zur Spitze mit dem Daumen darüber. Dann stoppte das Video.
Alex’ Kopf fiel gegen die Sessellehne. Sein eigener Griff wurde fester, begann einen Rhythmus. Er tippte mit der anderen Hand.
Alex: Will das in mir. Wie im Hof.
Kontakt D: Erinnerst dich? Wie es weh tat?
Alex: Ja. Will es wieder. Tiefer.
Kontakt D: Dann mach dich fertig. Streck dich. Jetzt. Foto.
Alex gehorchte. Er ließ die Hand los, griff nach der Kante des Sessels und drehte sich um, beugte sich vor. Eine entwürdigende, fordernde Position. Er fotografierte sich selbst von hinten, die kurven, das dunkle Haar, die freiliegende, enge Öffnung dazwischen. Er schickte es, sein Gesicht brennend vor Scham und Erregung.
Kontakt D: Perfekt. So voll ich dich. Bis du heulst.
Die Worte trieben Alex über die Kante. Sein Atem kam in heißen, schnellen Stößen. Er umfasste wieder seinen Schwanz, die Fantasie war nicht länger ein Bild, sondern ein Gefühl. Der brutale, füllende Stoß. Der Schmerz, der in Wohlgefallen umschlug.
Alex: Ich komme. Für dich. Weil du lebst.
Kontakt D: Wichs. Lass mich sehen.
Alex vergaß den Raum, den SysOp, alles. Seine Hand wurde eine blasse Blitz, ein nasses, schmatzendes Geräusch erfüllte den Raum, synchron zu den Nachrichten, die auf seinem Bildschirm auftauchten. Parallele Bilder von Leon, dessen Hand eine rasende Pumpbewegung um seine eigene harte Länge ausführte.
Kontakt D: Ich spritze. Jetzt.
Das reichte. Mit einem erstickten, gutturalen Schrei kam Alex. Ströme von weißem Sperma schossen über seine Faust, spritzten auf den Teppich, tropften von den Sesselfedern. Er zitterte heftig, während sein Telefon weitervibrierte. Ein letztes Bild: Leons Bauch, bedeckt mit gleißenden, perlenden Streifen seines eigenen Samens.
Dann Stille. Nur das eigene keuchende Atmen.
Alex sank in den Sessel, geschafft, leer, für einen Moment ganz ruhig. Er starrte auf die verschmierten Bilder auf seinem Bildschirm, dieses digitale Zeugnis ihrer gemeinsamen, überwachten Verwahrlosung.
Zwei Häuserblocks entfernt, in einem Dienstzimmer der Staatsanwaltschaft, lehnte sich der junge Beamte Markus Behrens von seinem Monitor zurück. Seine Hand war noch in seiner geöffneten Hose vergraben. Ein feuchter Fleck breitete sich auf seiner Boxershorts aus.
Er hatte den gesamten Chatverlauf gespeichert, jedes Bild, jedes Video, wie vorgeschrieben. Seine Aufgabe war die Überwachung. Die Analyse möglicher Codewörter. Stattdessen hatte er stumm zugesehen, die Hand gleitend schneller, während die Sprache dreckiger, die Bilder expliziter wurden.
Er schloss langsam seinen Reißverschluss. Sein Atem beruhigte sich. Auf dem Bildschirm war der Chat nun inaktiv. Zwei kleine Profilbilder, stumm.
Seine Zunge fuhr über seine trockenen Lippen. Die Protokollierung war abgeschlossen. Eine spezielle Kategorie für den Ordner fiel ihm ein. Er speicherte die Dateien nicht unter „Zeugenkommunikation“, sondern unter einem neuen, privaten Ordner, den er „Beweismittel B“ nannte.
Dann, fast zärtlich, strich er mit der Maus über das gesendete Bild von Alex, gebeugt, fordernd. Ein leises, selbstzufriedenes Lächeln spielte um seinen Mund. Die Arbeit hatte ihre eigenen Belohnungen. Und niemand, absolut niemand, würde diese jemals zu Gesicht bekommen.
Er stand auf, seine Knie fühlten sich weich an. Die scharfe Befriedigung wich einem fahlen Nachgeschmack aus Schweiß und Schuld. Auf dem Bildschirm seines speziellen Handys blieb das letzte Foto sichtbar: eine verwackelte Nahaufnahme von seinem eigenen Sperma auf dem abgewetzten Teppich. Kantschig und weiß gegen das billige graue Flor. Das Gespräch war abgerissen, nachdem Beide gekommen waren. Kein "Bis später". Kein "Passt auf dich auf". Nur die elektronische Leere.
Eine Woche verging, dann zwei, ohne weitere Nachricht vom Kontakt D. Die täglichen Vernehmungen mit Vogel nahmen eine andere, bedrohlichere Qualität an. Er fragte nicht mehr nach den Dokumenten, nicht mehr nach Frommhold oder Katta. Die Fragen kreisten jetzt ausschließlich um Leon.
"Wie genau hat er Ihre Kooperation erzwungen? Beschreiben Sie die physische Gewalt."
"Er hat keine Gewalt angewendet.Nicht gegen mich."
"Sie waren in seiner Gewalt. Sie sind geläufig. Er hat Sie benutzt."
"Dafür habe ich ihn kontaktiert. Ich habe ihn gesucht." Alex starrte auf den Tisch zwischen ihnen. Die Lüge war dünn und durchsichtig.
Vogel ließ ein Blatt Papier über den Tisch gleiten. Es war eine digitale Abzug aus der Chat-Überwachung. Das Foto von ihm, gebeugt über den Sessel. Die saubere, offensichtliche Position. Der fetzen Text daneben: Will das in mir. Wie im Hof.
Alex’ Magen krampfte sich zusammen. Die Hitze des Augenblicks war zu eisiger Ernüchterung gefroren.
"Das sind keine Koordinationsgespräche, Herr Weber. Das ist ein fortgesetztes intimes Verhältnis zu einer Person, die unter schwerem Verdacht steht. Das zerstört Ihre Glaubwürdigkeit. Was sollen Geschworene davon halten?"
"Es hat nichts mit dem Fall zu tun."
"Es hat alles mit dem Fall zu tun!" Vogel schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. "Sie schicken ihm Nacktbilder, während wir versuchen, Ihre Zeugenidentität zu schützen. Während er möglicherweise in fünfzehn andere kriminelle Unternehmungen verwickelt ist. Sie sind blind."
Vogel sammelte seine Unterlagen. "Die Kommunikation ist ab sofort eingestellt. Sie bekommen keinerlei Updates mehr über Deutscher. Ihre Aussage wird neu bewertet. Sie bleiben hier, bis wir entscheiden, ob wir überhaupt noch einen Zeugen haben, oder nur einen Komplizen."
Die Tür schloss sich hinter ihm. Die endgültige Stille, die folgte, war schwerer als alles zuvor.
Diesmal war kein verstecktes Handy da. Kein anonymer Kanal. Er war wirklich allein. Alex ging zum Fenster. Draußen war ein grauer Nachmittag, Regen peitschte gegen die Scheiben. Er dachte an das blühende Narbe auf Leons Oberschenkel. Fifty-fifty. Was, wenn diese verdammten, törichten Fotos die einzige Verbindung gewesen waren, die Leon am Leben gehalten hatte? Was, wenn das Abschalten des Kanals bedeutete, Vogel und seine Leute könnten mit Leon machen, was sie wollten?
Eine brutale, verzweifelte Wut wallte in ihm auf. Sie hatte Katta gefickt und weggeschmissen. Sie hatten Leon fast totgeblutet. Und jetzt fickten sie sein Gedächtnis, seine Glaubwürdigkeit, sein einziges Anker am Leben. Diese sauberen Männer in ihren Dienstzimmern, die ihre Akten und geheimen Fotoalben anlegten.
Die Wohnung fühlte sich an wie eine feuchte, luftleere Box. Er brauchte Geräusche, die nicht die seiner eigenen Gedanken waren. Er durchsuchte die Schränke, fand einen kleinen, verstaubten Radio-Wecker. Er schaltete ihn ein. Knacken. Dann, schwach, drang eine Moderation durch das Rauschen.
Eine lokale Nachrichtensendung. Meldungen über Verkehr. Und dann, klar und kühl:
"...und in der laufenden Affäre um den Frommhold-Konzern und die umstrittenen Grundstücksgeschäfte am Schweriner See gibt es eine neue Wendung. Aus Kreisen der Staatsanwaltschaft Dresden verlautet, dass ein zentraler Zeuge schwer belastet ist. Es gebe Beweise für eine intime und möglicherweise kooperative Beziehung zwischen dem Zeugen und einem der Hauptverdächtigen, dem bekannten Aktivisten Leon Deutscher. Die Verlässlichkeit der Aussagen wird neu bewertet. Man prüfe, ob der Zeuge nicht selbst tief in die kriminellen Machenschaften..."
Alex schaltete das Radio ab. Die Stille danach war ohrenbetäubend. Sie hatten es durchgestochen. Sie machten ihn öffentlich zur Zielscheibe. Jeder, der Frommhold einen Gefallen tun wollte, wusste jetzt, wo er steckte. Und jeder, der vielleicht noch auf seiner Seite stand, sah ihn jetzt als lügenden Komplizen.
Er packte den Wecker und schleuderte ihn gegen die Wand. Plastik splitterte, ein trauriges, kleines Geräusch.
Seine Atem ging flach und schnell. Panik, diese alte Bekannte, umklammerte seine Kehle. Aber darunter brodelte etwas anderes. Etwas Kaltes. Absolutes. Sie hatten ihm alles genommen.Die Geschichte. Seine Rolle darin. Die Person, die sie daran band.
Dann blieb ihm nur noch eins.
Er ging ins Badezimmer. Der Spiegel zeigte ihm das blasse, hohläugige Gesicht eines Verräters. Er zog sein Shirt aus. Dann die Hose. Nackt stand er da, und sein Blick war nicht voller Lust oder Wut, sondern von einer analytischen Kälte.
Sein Schwanz hing schlaff zwischen seinen Beinen. Ein nutzloses Stück Fleisch, das nur noch für schmutzige Fotos und einsame Verschmutzungen gut war. Er betrachtete ihn, wie ein Chirurg eine Problemstelle betrachten mag.
Er holte die Einmalrasierer aus dem Schrank. Billige, orange Plastikdinger. Er drehte den Wasserhahn auf, ließ kaltes Wasser über sein linkes Handgelenk laufen. Die Haut war dünn, bläuliche Adern schimmerten durch.
Mit ruhiger, fast roboterhafter Präzision drückte er die Klinge gegen die Haut, direkt über den pulsierenden Adern. Nicht einmal tief. Nur ein Test. Ein dünner roter Strich erschien. Ein brennender Schnitt. Ein Bluttropfen perle hervor, vermischte sich mit dem Wasser, färbte es rosa, bevor er im Abfluss verschwand.
Der Schmerz war sauber. Scharf.Real.
Er atmete tief durch. Dies war keine Lösung. Dies war eine Kapitulation. Und wenn er kapitulierte, gewannen sie. Frommhold.Vogel. Der stille Mann, der ihre Fotos betrachtet hatte, während er sich in seine Hose spritzte.
Er ließ die Rasierklinge in den Müll fallen. Das Bluten stoppte von selbst. Er wusch das Blut ab, drückte ein Stück Toilettenpapier auf den Schnitt.
Er ging zurück in das Wohnzimmer, zu dem verdreckten Sessel. Er setzte sich, die nackte Haut an den groben Stoff gepresst. Seine Gedanken rasten, aber sie fanden keinen Halt mehr. Alle Türen waren zu. Alle Fenster vergittert.
Da vibrierte plötzlich, tief in der Tasche seiner weggeworfenen Jogginghose, das spezielle Handy.
Er starrte darauf. Es konnte nur Vogel sein. Mit einer neuen Anordnung. Mit einer endgültigen Verdammung.
Er zog es heraus. Der Bildschirm war hell. Eine einzige Nachricht, von einer unbekannten Nummer. Nicht von Kontakt D. Nicht von SysOp.
Unbekannt: Bist du allein?Zimmer sicher?
Alex’ Herz schlug gegen seine Rippen. Das war nicht das Protokoll.
Alex: Wer ist das?
Unbekannt: Felix. Wir haben vor Wochen gesprochen. Über den See.
Kattas Kontakt. Der Hacker. Die Verbindung zur Welt draußen, die Leon angerufen hatte, in jener verfaulten Hofstube.
Alex: Wie haben Sie diese Nummer?
Felix: Ich habe alle Nummern. Das ist mein Job. Die offizielle Leitung ist tot. Vogel hat sie gekappt. Sie isolieren dich, um deine Aussage zu brechen. Sie bereiten die Pressemeldung vor, dich als Lügner darzustellen. Sie machen Leon zum Mastermind und dich zu seinem Hampelmann.
Alex’ Finger flogen über die Tastatur.
Alex: Was soll ich tun? Sie lassen mich nicht raus.
Felix: Du musst nichts tun. Du musst nur da sein. Und stillhalten.
Alex: Was bedeutet das?
Eine Minute verging. Dann eine neue Nachricht, kein Text. Eine Audio-Datei. Alex drückte sie ab, hielt das Handy ans Ohr.
Zuerst nur Rauschen. Dann Stimmen. Zwei Männer. Er erkannte eine sofort: Vogel. Sein ton war ungeduldig, arrogant.
Vogel (auf der Aufnahme): "...die Sache mit dem Chat war ein Glücksfall. Der Junge ist emotional instabil, anfällig. Die Verbindung zu Deutscher ist unser Hebel. Wir können ihn in jede Richtung drehen."
Eine zweite, tiefere Stimme, unbekannt. "Und Deutscher selbst?"
Vogel: "Schwer verletzt, aber wiederbelebt. Ein unbequemer Zeuge. Sein Aktivisten-Hintergrund, seine Vorstrafen… wir können eine Deutung konstruieren, in der er die Weber ausgenutzt hat.Erpressung. Psychische Manipulation. Das entlastet Frommhold erheblich und gibt uns kontrollierte Schuldige."
Unbekannte Stimme: "Und die Videoaufnahme der Ermordung?"
Vogel (seufzt): "Eine bedauerliche Tat eines einzigen, übereifrigen Security-Mitarbeiters. Bereits gefeuert. Frommhold bedauert zutiefst und kooperiert vollumfänglich. Das ist die Linie. Dafür brauchen wir den Zeugen Weber weich. Und den Zeugen Deutscher... still."
Das Gespräch endete mit dem Geräusch von Stühlen, die zurückgeschoben wurden.
Alex ließ das Handy sinken. Das kalte, absichtliche Gefühl in seinem Bauch war jetzt reines Eis. Sie hatten nie vorgehabt, die Wahrheit ans Licht zu bringen. Sie wollten sie nur formen. Verpacken. Ein angenehmes, geräuschloses Ende herbeiführen. Und Leon war zu "still".
Die Audio-Datei war weg, von Felix sicherlich gelöscht. Aber die Worte brannten sich in Alex’ Schädel ein.
Er schrieb eine Nachricht.
Alex: Leon ist in Gefahr. Sie wollen ihn zum Schweigen bringen.
Felix: Ja.
Alex: Wo?
Felix: Das kann ich dir nicht sagen. Noch nicht. Es würde dich nur zu unvorsichtigen Handlungen treiben. Bleib ruhig. Wir arbeiten an einer Alternative. Du bekommst ein Zeichen. Dann musst du bereit sein, alles zu tun. Verstehst du? Alles.
Alex verstand. Es war keine Frage mehr des Wartens. Es war eine Frage der Vorbereitung. Auf einen Kampf, der in einem anderen Safe House, in einem Krankenzimmer, stattfand, das vielleicht gar kein Krankenzimmer war.
Er stand auf, ging zum Fenster. Der Regen hatte nachgelassen. Die nasse Straße glänzte schwarz unter einer Straßenlaterne. Irgendwo da draußen kämpfte Leon um mehr als nur sein Leben. Er kämpfte gegen eine stille, administrative Liquidation.
Und Alex, hier in seinem nackten, schmutzigen Zimmer, musste bereit sein. Nicht als Zeuge. Nicht als Opfer. Sondern als das, was sie aus ihm gemacht hatten: ein Komplize. Der Komplize, der wusste, wo die Leichen begraben lagen. Und der bereit war, sie wieder auszugraben.
Sein Blick fiel auf die Rasierklinge im Müll. Ein nutzloses Werkzeug für das, was kommen würde. Er würde schärfere Klingen brauchen. Und einen kälteren Verstand.
Er holte tief Luft. Die Verzweiflung war weg. Sie war einer klaren, leeren Bereitschaft gewichen.
Bereit sein, hatte Felix geschrieben. Alles tun.
Er war es.