Cover of The Deepest Dive

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A story about two chubby boys (otters in gay terms) in their mid twenties (at least 2500 words) about how they meet and them having sex (being as detailed and explicit as possible)

Chapter 166: Chapter 166

Seine rechte Hand, die locker an seiner Seite hing, war jetzt um den Griff einer Pistole mit abgesägter Lafette gekrümmt, die mühelos in seiner Jacke verschwand.

„Zwei, drei Stunden sind nicht nichts,“ sagte Alex. Seine Stimme klang fremd, zu ruhig. „Wir nehmen sie.“

Leon warf ihm einen scharfen Blick zu, voll unglaubwürdigen Zorns, dann eine langsameres, verstehendes Nicken. Sie hatten keine Karten. Diese hier war die einzige, die sie noch spielen konnten: den Anschein der Kapitulation wahren, um einen einzigen, blinden Moment der Unaufmerksamkeit zu kaufen.

Sie hielten ihre Hände sichtbar, Handflächen nach vorne. Der Mann – er hatte keinen Namen, nur eine Funktion – winkte sie mit der Mündung der Pistole zurück Richtung Hofeingang. Sie gingen voran. Der dunkle Flur des Internet-Cafés lag vor ihnen, der Weg zum SUV, der irgendwo in der Seitenstraße wartete.

Als sie die Schwelle zum Flur überschritten, von der kühlen Morgendämmerung ins künstliche Blau der Neonröhren, geschah es. Leon, einen halben Schritt vor Alex, stolperte absichtlich schwer gegen einen abstellten Aschenbecher aus Blech. Der Lärm war schrill und metallisch, ein Zusammenschlagen von Behälter, aufgewirbeltem Zigarettenstummel und Linoleum.

Die Reflexe des Mannes waren militärisch. Sein Fokus richtete sich für eine Mikrosekunde auf die Quelle des Lärms, auf Leons stolpernde Silhouette.

Alex drehte sich nicht um. Er warf sich rückwärts, mit seinem ganzen nachlaufenden Gewicht, seine Schulter zielte auf die Mitte des Mannes. Es war kein Kampfmove, nur rohe Physik. Sie gingen zusammen zu Boden, ein Gewirr aus Gliedmaßen. Die Pistole löste sich mit einem harten Knacken aus der Hand des Mannes und rutschte über den schmutzigen Boden.

Der Mann, unten, aber nicht beatmet, brachte ein Knie mit brutaler Kraft in Alex‘ Seite. Der artikulierte Schmerz, direkt in die frische Wunde, war weiß und absolut. Alex‘ Welt schrumpfte auf diesen einen brennenden Punkt. Durch einen Schleier aus Tränen sah er, wie der Mann nach seinem Stiefel griff, wo der Griff eines Messers hervorschaukurde.

Dann war Leon da. Er hatte den Aschenbecher aufgeschnappt, den schweren, kantigen Blechzylinder. Er schlug nicht zu. Er drückte ihn von oben, mit seinem ganzen Gewicht, auf den Hals des Mannes und klemmte ihn gegen den Boden.

Der Mann zuckte, würgte. Seine Hand, die schon am Messergriff war, schlug wild um sich.

„Das Seil!“, keuchte Leon.

Alex verstand. Er rappelte sich hoch, jedes Atmen ein Messerstich. Die abgeschnittenen Stoffstreifen, mit denen sie das Stahlrohr befestigt hatten, waren noch grob verflochten. Er rutschte auf den Knien heran, schlang die grobe Kordel um die fuchtelnden Handgelenke des Mannes und zog sie mit letzter Kraft zusammen. Leon hielt den Druck auf den Hals, bis das Bewegen aufhörte, bis die fahrigen Schläge abflauten. Gemeinsam fummelten sie den zweiten Rest Stoff um seine Knöchel.

Er lag da, keuchend, seine Augen, zwei schmale, hasserfüllte Schlitze, hefteten sich auf sie. „Das... war dumm.“

„Zum Alternativprogramm gehört jetzt, dass du stumm bleibst,“ sagte Leon und grub den Blechzylinder nochmals in seinen Kehlkopf, bis der Mann würgte. Er durchsuchte ihm die Taschen. Eine zweite Pistole, ein Messer, ein Telefon, eine Brieftasche mit falschem Ausweis und einem schlichten Schlüsselbund mit zwei Schlüsseln. Einer davon, ein moderner Funkchip-Schlüssel, hatte das Logo von Mercedes.

„Der Wagen,“ sagte Alex, atmete flach gegen den Schmerz.

Sie ließen ihn liegen, gefesselt und schweigend, im Flur. Sein Partner war irgendwo im Café. Sie hatten vielleicht eine Minute.

Sie stießen durch die Hintertür wieder hinaus in den Hof, sprinteten, so schnell Alex es zuließ, zur schmalen Pforte, die auf die Parallelstraße führte. Dort stand er, ein schwarzer GLE, mittlerweile im grauen Morgenlicht sichtbar. Leon drückte auf die Entriegelungstaste. Ein leises Piep. Sie stiegen ein, der Geruch von Leder und kalter Lüftung.

Leon ließ den Motor an, der Diesel vibrierte leise. Er legte den Rückwärtsgang ein, als aus dem Hof eine Gestalt stürzte – der zweite Mann. Sein Gesicht war eine Maske konzentrierter Wut. Er zog.

Das Schießen war kein lauter Knall, sondern ein gedämpftes, metallisches Pop mit Schalldämpfer. Die Kugel traf die Heckscheibe, ließ ein Spinnennetz aus Rissen entstehen, aber das Glas hielt, es war gepanzert.

Leon trat aufs Gas. Der Wagen schoss rückwärts über das Pflaster, schlingerte, dann warf er ihn in den ersten Gang, das Gummine. Die Reifen quietschten, als er um die Ecke brach. Zwei weitere Pops, ein metallisches Klagen an der hinteren Tür, dann waren sie hinter einer Häuserzeile verschwunden.

Sie fuhren zehn Minuten lang im Irrationalen, durch schlafende Nebenstraßen, bis sie unter einer autobahnähnlichen Brücke parkten, wo das konstante Dröhnen des Verkehrs alles andere übertönte.

Leon schaltete den Motor ab. Die Stille danach war ein physischer Druck. Alex lehnte den Kopf gegen das kalte Seitenfenster. Das Adrenalin wich jetzt, ließ ihn zittern. Die schmerzlindernde Wirkung des Schocks verflog, und das Brennen in seiner Seite wurde zu einem glühenden, pochenden Zentrum seines Seins.

„Wir können nicht zum Gericht,“ sagte Leon. Seine Hände umklammerten das Lenkrad, weiße Knöchel. „Das ist jetzt eine Falle. Die Pressekonferenz wird nicht stattfinden. Oder sie ist der Köder.“

Alex schloss die Augen. „Die Mails. Du musst die Mails checken. Ob sie angekommen sind.“

Leon zog das gestohlene Telefon heraus, startete einen simplen Browser. Die Internetverbindung war langsam unter der Brücke. Er loggte sich mit seinen gestohlenen Daten erneut in das dunkle Forum ein. Sein Postausgang.

Gesendet: 06:12 Uhr.

Status: Übermittelt.

Und darauf, eine Minute später, eine Rückmeldung. Keine Antwortmail. Ein internes Forums-Ping. „User ‘RoterHirsch‘ hat Ihre Nachricht abgerufen.“ Dann noch einer. „User ‘Pollux14‘ hat Ihre Nachricht abgerufen.“ Innerhalb der nächsten fünf Minuten folgten sieben weitere Benachrichtigungen. Die Jagdgesellschaft war wach. Sie hatten den Köder geschluckt.

„Sie haben es gesehen,“ sagte Leon. Sein Gesicht im bläulichen Licht des Displays war gespenstisch. „Die Panik ist im System.“

„Frommhold wird jetzt Anrufe bekommen. Wütende Anrufe.“ Alex öffnete die Augen. „Wir müssen ihn erreichen. Bevor er etwas Dummes tut. Bevor er uns zu einem noch ruhigeren Ort bringen lässt.“

„Wie? Wir können ihn nicht anrufen. Die Leute am Gericht, seine Sekretärin... alles kontrolliert.“

Alex dachte an den Richter, an seinen müden, berechnenden Blick. An die Art, wie er den Stick in die Tasche gesteckt hatte. Nicht nur als Pfand. Als Werkzeug. „Er will überleben,“ sagte Alex langsam. „Das ist sein einziger Antrieb now. Wir haben ihm gesagt, wenn er der Held ist, der das System reinigt, überlebt er. Unsere Mail hat seine alten Freunde zu seinen Feinden gemacht. Seine einzige Chance, das zu überleben, ist es, wirklich zum Helden zu werden.“

„Also müssen wir ihm beweisen, dass wir noch leben. Und dass wir immer noch bereit sind, ihn als Held dastehen zu lassen. Aber nur, wenn er jetzt, in diesem Moment, für uns einspringt.“

„Wie?“

Leon sah aus dem Fenster zum tosenden Verkehr hoch. „Wir brauchen einen Verbündeten. Jemanden, den er nicht kontrolliert. Jemanden mit einer Stimme.“

Alex folgte seinem Blick, sah aber nichts. Dann kehrte seine Erinnerung zum ersten, gültigen Dokument zurück, das Frommhold auf dem Tisch gehabt hatte. Ein Pass. Ein Name. Eine Verbindung, die nicht auf den ersten Blick sichtbar war. „Die Journalistin. Die, die damals über den Korruptionsskandal im Bauamt berichtet hat. Sie hat Krauses Namen erwähnt, aber die Quelle war zu schwach. Sie wurde kaltgestellt. Sie... Sie hat versucht, mit mir zu sprechen. Vor Jahren.“

„Du kennst sie?“

„Ich weiß, wo sie arbeitet. Oder arbeitete.“ Ein Freies Radio, ein kleines, ständig kämpfendes Stadtmedium in einem Hinterhof in Neukölln. Ihr Name war Katta. Sie hatte ihm eine Karte dagelassen, nachdem das Verfahren wegen „mangelnden öffentlichen Interesses“ eingestellt worden war.

Leon grunzte. Er startete den Motor. „Dann fahren wir nach Neukölln. Das ist das Gegenteil von dem, wo sie uns suchen.“

Die Fahrt war eine Qual. Jeder Schlaglöser, jede Kurve schickte neue Blitze des Schmerzes durch Alex‘ Rumpf. Er war schweißgebadet, seine Zähne aufeinandergepresst. Die Mullbinden fühlten sich durchnässt und schwer an.

Es war kurz nach sieben, der Berufsverkehr begann zaghaft, als sie in die schmalen Straßen hinter dem Hermannplatz einbogen. Die Gegend war eine Mischung aus hipsterisierten Cafés und verfallenen Gewerbehöfen. Das Freie Radio „zwoFREI“ befand sich in einem Backsteinbau, der aussah, als hätte man eine alte Druckerei notdürftig in Büros verwandelt.

Leon parkte im Halteverbot zwei Straßen weiter. „Du bleibst hier.“

„Ich komme mit.“

„Du kannst kaum gehen. Du siehst aus wie ein Geist.“ Leon’ Ton war schroff, aber nicht unsanft. Er nahm das gestohlene Telefon. „Wie heißt sie?“

„Katta Meinhof. Kein Witz.“

Leon stieg aus und verschwand in Richtung des Gebäudes. Alex blieb allein im Auto zurück. Das Dröhnen war hier leiser. Das Warten war unerträglich. Jedes vorbeifahrende Auto, jeder Fußgänger, der einen Blick auf die zerbeulte, beschossene Heckscheibe warf, ließ sein Herz einen Schlag aussetzen.

Nach zwanzig endlosen Minuten kam Leon zurück. Er stieg ein, sagte nichts, startete den Motor.

„Und?“

„Sie ist nicht mehr da. Hat vor einem Jahr gekündigt. Freiberuflich jetzt. Schwer zu finden.“ Leon steuerte den Wagen aus der engen Straße. „Aber eine Kollegin war da, eine Praktikantin. Sie war... redselig. Für fünfzig Euro aus Frommholds Brieftasche. Sie hat eine Handynummer. Und eine Adresse. Ein Atelier in Lichtenberg.“

Es war jetzt sieben Uhr vierzig. Zwei Stunden und zwanzig Minuten bis zur angeblichen Pressekonferenz.

Lichtenberg nahmen sie über die Stadtautobahn. Das Atelier lag in einem ehemaligen Fabrikgelände am Rande eines stillgelegten Güterbahnhofs. Eine große, verbeulte Stahltür mit einem Klingelschild „M – Atelier & Archiv“. Leon klingelte. Nichts. Er klingelte erneut, länger.

Schließlich knackte ein Sprechfunkgerät. Eine verschlafene, misstrauische Frauenstimme. „Ja?“

„Frau Meinhof? Katta Meinhof?“, sagte Leon ins Mikrofon an der Tür.

„Wer fragt?“

„Wir haben Informationen zu Richter Frommhold. Und zu einem gewissen Warnecke.“ Er benutzte Krauses echten Namen. Ein riskanter Zug.

Eine lange Pause. Dann ein surrendes Geräusch, und das schwere Tor schwang einen Spaltbreit auf. Im Spalt stand eine Frau, vielleicht Mitte vierzig, mit kurzen, grau meliertem Haar und einem abgewetzten Cordkittel. Sie hatte eine alte, aber stabile Kamera in der Hand, nicht wie eine Waffe, aber wie einen Schild. Ihr Blick war klar, wach und voller tiefer Vorsicht.

„Wer sind Sie?“, fragte sie, ihr Blick wanderte von Leon zu dem beschädigten Wagen, zu Alex‘ blassem Gesicht hinter der Scheibe.

„Wir sind das, was Frommhold um zehn Uhr ans Licht zerren wird,“ sagte Leon. „Wenn er am Leben bleibt. Und wenn wir am Leben bleiben.“

Ihr Blick verengte sich. Sie musterte Leon, dann nicht nichtetflix Schritt. „Kommen Sie rein. Aber langsam. Und der da?“ Sie deutete auf Alex.

„Er braucht etwas, das nicht verworfen ist.“

Sie zögerte, dann öffnete sie die Tür weiter. „Bringen Sie ihn. Schnell.“

Das Atelier war eine riesige, hohe Halle, vollgestellt mit Regalen voller Aktenordner, alten Computern, einer Couch und einem Werkbank voller ausgeschohlter Elektronik. Es kling nach isoliertem Wissen. Im Hintergrund surrten mehrere Festplatten.

Alex humpelte hinein, ließ sich auf die Couch fallen. Die Welt schwankte kurz.

Katta betrachtete sie. Sie sagte keinen, schloss das schwere Tor ab und sicherte es mit einem massiven Stahlriegel. Dann ging sie zu einem Kühlschrank, holte eine Flasche Wasser und ein Verbandspaket, professioneller als ihr eigenes. Sie kniete sich vor Alex.

„Ich erinnere mich an Sie,“ sagte sie, während sie die durchnässten, blutigen Mullbinden vorsichtig löste. „Alex. Der angebliche Einzeltäter. Mit dem angedeuteten Netzwerk, über das ich nicht berichten durfte.“ Sie sah die Wunde, die frisch gerissene Stichverletzung über der alten, gelben-braunen Prellung. Ihre Lippen wurden schmal. „Das sieht nach professionellem Ärgern aus.“

„Frommhold war Teil des Netzwerks,“ sagte Alex, die Worte kamen gepresst heraus, als sie Desinfektionsmittel auftrug. Es brannte, aber ihre Hände waren sicher. „Wir haben Beweise. Videos. Er sollte heute um zehn eine Pressekonferenz geben, um alles zu enthüllen. Jetzt wollen seine ehemaligen Komplizen ihn daran hindern. Und uns.“

Während sie eine saubere, dichte Bandage anlegte, ließ Leon die Geschichte erzählen. Gekürzt, abgehackt. Der USB-Stick. Frommholds Angebot. Die Gefangenschaft in Friedrichshain. Der Kampf. Die fingierte Mail.

Katta hörte zu, ohne zu unterbrechen. Als er fertig war, stand sie auf, wusch ihre Hände an einem kleinen Spülbecken. Ihr Rücken war zu ihnen gewandt. „Warum kommen Sie zu mir?“

„Wir brauchen jemanden mit einer lauten Stimme. Jemanden, den er nicht abschütteln kann,“ sagte Leon. „Rufen Sie ihn an. Sagen Sie ihm, Sie haben uns. Sagen Sie ihm, dass Sie alles live streamen werden, ab neun Uhr dreißig, von einem sicheren Ort aus. Dass jede Abweichung von seinem Geständnis, jede Verspätung, jede Andeutung, dass es uns nicht gibt oder dass wir durch einfühlige Schurken ersetzt wurden, Online geht. Zuwenigstens das Rohmaterial.“

Sie drehte sich um. Ihre Augen waren hell. „Sie wollen, dass ich Frommhold unter Druck setze, damit er mit seinem Geständnis durchzieht, indem ich mich selbst zum Ziel mache.“

„Ja.“

Ein kurzes, trockenes Lachen. „Das war immer der Plan, oder? Mich online zu bringen. Mich zur Zielscheibe zu machen für deren Zorn.“

„Es ist der einzige Plan, der uns alle rettet,“ sagte Alex auf der Couch. „Uns, Sie... sogar ihn. Als Held.“

Katta ging

Als Held.“

Katta ging nicht gleich auf das Wort ein. Stattdessen studierte sie Alex’ Gesicht, als lese sie in einem beschädigten Buch. Ihr Blick war analytisch, nicht mitleidig. Die Luft im Atelier roch nach Staub, kalter Elektronik und dem scharfen Putzmittel auf ihren Händen.

„Sie sperren die Geschichte nicht ein,“ sagte sie schließlich. Ihre Stimme war sachlich. „Sie bieten sie an. Als Transaktion. Meine Sicherheit für Ihre.“

„Es ist kein Angebot,“ korrigierte Leon. Seine Stimme war rau von der Anstrengung und der unterdrückten Angst. „Es ist eine Tatsachenfeststellung. Wenn wir heute Morgen unter einem Brückenpfeiler enden, verschwindet auch Ihre Chance, das Ding zu knacken, das Ihre Karriere zerbrochen hat. Für immer.“

Katta strich sich mit dem Handrücken über die Stirn. Sie ging zu einem Arbeitstisch, auf dem drei Bildschirme flimmerten. Einer zealte den Live-Ticker einer Nachrichtenagentur. „Frommhold hat noch nichts angekündigt. Keine Pressekonferenz, keine Stellungnahme. Das ist schlecht. Es bedeutet, er legt sich noch immer nicht fest.“

„Es bedeutet, er wägt ab,“ sagte Alex. Er setzte sich mühsam auf, stützte sich auf die Ellbogen. Der Verband straffte sich schmerzhaft um seinen Torso. „Seine alten Freunde haben ihn angerufen. Er versucht, den Schaden zu begrenzen. Vielleicht bietet er ihnen an, nur uns auszuliefern, die Beweise zu behalten.“

„Dann müssen wir sein Kalkül sprengen.“ Katta drehte sich vom Bildschirm weg. Ihre Entschlossenheit war jetzt eine physikalische Präsenz im Raum. „Ich rufe ihn nicht an. Das gibt ihm Raum zum Manövrieren. Wir machen es öffentlich. Jetzt sofort.“

Sie griff nach einer kleinen HD-Webcam und schloss sie blitzschnell an einen ihrer Rechner an. Mit wenigen Klicks war sie auf der Livestream-Plattform eines alternativen Mediennetzwerks eingeloggt. Der Streamtitel blieb vorerst leer.

„Was tun Sie?“ Leon trat näher, sein Instinkt sagte ihm, dass jede plötzliche Bewegung gefährlich war.

„Ich starte einen unangekündigten Livestream. Thema: ‚Zeugenaussage zum Justizskandal – Live und ungeschnitten‘.“ Sie richtete die Kamera auf die Couch, auf Alex‘ gezeichnetes, blutiges Gesicht und seinen verbundenen Oberkörper. „Das ist Ihr Beweis. Das ist Ihre Glaubwürdigkeit. Keiner kann das inszenieren.“

Alex fühlte einen kalten Schauer. Es war der absolut logische nächste Schritt, und er hasste ihn. Er wollte verstecken, nicht ausstellen. Aber Verstecken hatte sie hierher gebracht, an den Rand der Auslöschung.

„Und dann?“ Seine Stimme war ein Flüstern.

„Dann zwingen wir ihn, Stellung zu beziehen. Sobald der Stream live ist, schieße ich die Links an jeden Redakteur, jede Nachrichtenredaktion, die ich kenne. Das geht viral, bevor sein Pressesprecher Kaffee holen kann.“ Sie musterte ihn. „Können Sie sprechen? Können Sie zwei Sätze sagen, die nicht nach Schreibtisch klingen?“

Alex schloss die Augen. Der Gedanke an die Kamera, an die unzähligen unsichtbaren Augen, ließ ihm übel werden. Dann sah er Krauses Gesicht vor sich, das feixe, selbstgefällige Lachen, als er den Seidenschal herausholte. Die Wut kam zurück, eine schärfere, klarere Wut als alles zuvor.

„Ja,“ sagte er und öffnete die Augen. „Ich kann sprechen.“

Leon stand reglos da. Seine Muskeln waren angespannt wie Stahlseile. „Die werden den Stream orten. Sie werden hier sein, in vielleicht dreißig Minuten.“

„Ich weiß,“ sagte Katta. Sie tippte den Streamtitel ein: ZEUGENSCHUTZ VERSAGT – LEBENDE BEWEISE FÜR DAS FROMMHOLD-NETZWERK. „Deshalb bleiben Sie nicht hier. Sobald ich den Startknopf drücke und Alex angefangen hat, gehen Sie. Durch die Hintertür. Da steht ein Lieferwagen. Der Schlüssel steckt.“

„Und Sie?“ Alex sah sie an.

„Ich bleibe. Ich moderiere. Ich zeige die Beweise auf dem Stick. Die Dateiliste, die ersten zehn Sekunden von Video eins.“ Ihr Lächeln war schmal und heldenhaft traurig. „Mein Atelier brennt sowieso nächsten Monat. Der Eigentümer will Lofts. Ich bleibe, bis sie durch die Vordertür kommen. Das gibt Ihnen Zeit.“

„Das ist Selbstmord,“ fauchte Leon.

„Das ist Journalismus,“ korrigierte sie. Ihre Finger schwebten über der Tastatur. „Sie haben fünf Sekunden, um sich zu entscheiden.“

Ihr Blick traf sich mit Alex’. In ihren Augen lag keine Bitte um Erlaubnis. Nur die reine, glühende Gewissheit, dass dies der einzige Weg war. Er nickte, kaum merkbar.

„Dann los,“ sagte Katta.

Sie drückte die Taste. Ein leises Summen ging durch die Webcam, ein rotes Lämpchen leuchtete auf. Auf ihrem Monitor erschien das Live-Bild: Alex, zusammengesackt, verwundet, realistischer als jede Inszenierung. In der Ecke des Bildschirms begann die Zuschauerzahl zu klettern. 12… 47… 103…

„Mein Name ist Alex Bauer,“ begann er. Seine Stimme war rau und gebrochen, aber sie trug. „Vor sechs Jahren wurde ich wegen eines Mordes verurteilt, den ich nicht begann haben. Mein ehemaliger Arbeitgeber, Arno Krause, alias Warnecke, und mehrere hochrangige Justizbeamte, darunter Richter Stefan Frommhold, haben mich dazu erpresst, das Geständnis abzulegen. Sie filmten es. Ich besitze die Videos.“

Er hielt inne, holte keuchend Luft. Der Schmerz verschaffte seinen Worten eine unangenehme Echtheit. „Heute um zehn Uhr sollte Frommhold diese Wahrheit enthüllen. Jetzt werden wir gejagt. Dies ist mein Zeugnis. Es ist alles wahr.“

Katta schaltete sich ein. Ihre Stimme war ruhig und kontrolliert im Hintergrund. „Ich zeige Ihnen jetzt einen Beweis für die Existenz dieses Materials.“ Sie hielt den USB-Stick in die Kamera, steckte ihn ein, öffnete den Ordner. Die Dateiliste erschien, die nummerierten Video-Dateien, die Thumbnails deutlich genug.

Die Zuschauerzahl sprang auf über 2000. Die Chat-Funktion explodierte.

Leon packte Alex am Arm. „Jetzt. Wir gehen jetzt.“

Sie richteten sich auf. Alex stützte sich auf Leon. Sein Blick traf noch einmal Kattas. Sie nickte ihm kurz zu, dann konzentrierte sie sich wieder auf den Stream, begann von den langjährigen Ermittlungen zu erzählen, die immer wieder erstickt wurden.

Die Hintertür des Ateliers führte in einen engen, überdachten Innenhof, zugestellt mit verrottenden Paletten. Dort stand ein alter, weißer Mercedes Sprinter, hustend und verbeult. Leon schob Alex auf den Beifahrersitz, rannte um die Front, sprang ins Cockpit.

Der Diesel sprang an, ein hässliches, rasselndes Geräusch. Leon wühlte den Gang hinein und sie rumpelten aus dem Hof auf eine schmale Industrierückstraße.

„Sie ist verloren,“ sagte Alex, als sie auf eine größere Straße einbogen. Die Absurdität ihrer eigenen Flucht, während sie jemand anderen zurückließen, umgebrachte sich wie Gift in ihm.

„Wir sind alle verloren,“ sagte Leon. Er fuhr rasant, aber nicht hektisch. Seine Augen flogen zwischen Rückspiegel, Seitenspiegel und Straße. „Sie hat uns vielleicht dreißig Minuten gekauft. Wir müssen einen Ort finden, von dem aus wir den Stream sehen können. Wir müssen wissen, wann er abbricht.“

Sie fuhren Richtung Osten, heraus aus dem dichten Stadtgebiet, hinein in die Mischzone aus Supermärkten, Autohäusern und Brachland. Leon entdeckte einen verlassenen Imbiss-Stand an einer vielbefahrenen Kreuzung, zugemauert mit Betonplatten. Er bog auf den leeren, mit Schutt übersäten Parkplatz.

„Hier.“

Sie parkten hinter dem Stand. Von hier aus hatten sie Sicht auf alle Zufahrtsstraßen. Leon zog das gestohlene Telefon hervor, lud mühsam die Livestream-Seite. Das Bild war ruckelig, aber es lief. Katta zeigte gerade ein vergilbtes Dokument in die Kamera, einen alten Polizeibericht mit Frommholds damaliger Unterschrift als ermittelnder Staatsanwalt.

Die Zuschauerzahl stand bei 55.000.

„Scheiße,“ murmelte Leon. „Das ist bereits zu groß, um es zu ignorieren.“

Alex konnte nicht wegsehen. Auf dem kleinen Bildschirm war Katta eine Insel der erschreckenden Ruhe. Ihre Stimme erklärte Zusammenhänge, verband Namen, während im Chat Wahnsinn herrschte. Dann, plötzlich, sah sie über die Kamera hinweg. Irgendwo im Atelier knallte etwas. Eine Tür? Die Haustür?

Ihre Augen weiteten sich einen Bruchteil. Sie schaute direkt in die Linse.

„Sie sind da. Merken Sie sich die Namen. Frommhold. Krause. Vogler. Meiner.“

Ein weiterer Knall, diesmal lauter, Holz, das splitterte.

„Verschwinden Sie. Jetzt.“

Die Faust, die ins Bild kam, war gloveless und bedeckt mit schlechten Tätowierungen. Der Schlag traf Katta seitlich am Kopf. Die Kamera kippte, stürzte, zeigte im Fallen ihre eigenen stiefelbedeckten Füße, die auf sie zukamen. Ein lauter, elektronischer Quietscher, dann ein dumpfer Aufprall. Das Bild wurde schwarz. Der Stream brach ab.

LAST SIGNAL: 08:19 Uhr.

Die Stille im Lieferwagen war dick und brutal. Alex starrte auf das schwarze Rechteck des Telefonbildschirms. Die Nummer, die nun angezeigt wurde, war „Stream beendet“. Seine eigene Atmung kam ihm laut und tierisch vor.

Leon sagte gar nichts. Seine Hände lagen fest auf dem Lenkrad. Er drückte den Zündschlüssel um, der Motor verstummte. Die plötzliche Stille draußen – nur der ferne Verkehr – war schlimmer als jeder Lärm.

„Fünfzig Minuten,“ sagte Alex. Die Worte fühlten sich wie Glassplitter auf seiner Zunge an. „Bis zur Pressekonferenz.“

Leon drehte den Kopf. Sein Profil war gegen das graue Licht des Parkplatzes geschnitten. Alle Spannung, alle Wut schien aus ihm gewichen zu sein. Was übrig blieb, war eine seltsame, ruhende Leere.

„Es gibt keine Pressekonferenz,“ sagte Leon. Seine Stimme klang beinahe sanft. „Das wissen wir jetzt. Auch Frommhold weiß es.“ Er ließ den Kopf gegen die gefederte Kopfstütze sinken. Sein Blick war nach innen gerichtet. „Sie haben Katta. Sie werden ihr den Stick abgenommen haben. Sie wissen, dass wir Kopien haben könnten, aber das ist jetzt ihr geringstes Problem. Ihr Hauptproblem ist der öffentliche Aufschrei, der in…“ Er checkte die Uhr, „…in genau fünfzig Minuten zu Frommholds offizieller Erklärung fällig wird. Zu der er jetzt nicht erscheinen kann. Kein Held. Nur ein gejagtes Tier.“

Ein Vogel landete auf einer der Betonplatten vor ihnen, pickte an einem unsichtbaren Krümel. Das normale, gleichgültige Leben draußen war ein unerträglicher Kontrast.

„Was machen wir?“ Alex’ Frage war klein, fast kindlich.

Leon wandte ihm langsam das Gesicht zu. Es war nicht Zuneigung, was in seinen Augen brannte, sondern eine erschöpfte, obsessive Vertrautheit. Sie hatten nur noch sich. Alles andere war weg oder zerstört oder tot.

„Wir tun das Einzige, was noch möglich ist,“ sagte Leon. Er niegte langsam. „Wir müssen beweisen, dass wir tot sind.“

Alex verstand sofort. Your Schatten sein. Vor ihnen liegen lassen. Nur so konnten sie den Boden unter Frommholds Füßen wegbrennen. Wenn die Zeugen verschwanden, blieb nur noch die Geschichte, die Katta gerade in die Welt gesetzt hatte – und Frommholds Schweigen als Schuldeingeständnis.

Leon öffnete die Tür und stieg aus. Er ging zur Rückseite des Sprinters, öffnete die beiden Türen. Der Laderaum war leer, rostiger Boden. Sie wühlten in ihren Taschen. Ihre Geldbörsen, die gefälschten Pässe, alles, was sie bei sich trugen. Leon legte es alles in die Mitte des Bodens.

„Die Jacken auch,“ sagte er.

Sie zogen ihre dreckigen, blutverschmierten Jacken aus und legten sie dazu. Leon holte aus einem versteckten Fach im Fußraum des Cockpits den kanister mit Reservebenzin, den er früher, in einer anderen Leben, immer mitführte. Er goss das Benzin über den kleinen Haufen ihrer Identitäten im Laderaum. Der süßliche, beißende Geruch erfüllte sofort die Luft.

„Die Kugel in der Heckscheibe,“ sagte Leon und deutete auf den SUV dort draußen. „Wenn sie hierher kommen – und sie werden hierher kommen, um jeden Hafen, jedes öffentliche Gebäude zu suchen – müssen sie etwas finden, das nach einem Ende aussieht.“

Alex humpelte auf die andere Seite des Parkplatzes, zum Rand einer kleinen Böschung, die zu einem Entwässerungsgraben führte. Irgendwo im nassen Schlamm und Laub dort würden sie verschwinden. Für immer.

Leon zündete ein Streichholz an. Die kleine Flamme tanzte in seiner Hand. Sie sah aus wie das Gegenteil von Hoffnung. Er blickte Alex an und for einen langen Augenblick sahen sie sich einfach nur. Alles, was dauerhaft zwischen ihnen war, aller Schmerz und alle perverse Nähe, verdichtete sich in diesem Blick. Es war ein Abschied von dem, was sie gewesen waren.

Er warf das Streichholz.

Das Benzin zischte nicht, es explodierte mit einem dumpfen, saugenden WUMP, und eine Hitzewelle schlug Alex ins Gesicht. Flammen schlugen aus den offenen Türen des Sprinters, fraßen gierig die Stoffe, das Plastik, die Papiere. Schwarzer, übelriechender Rauch stieg in den trüben Vormittagshimmel.

Ohne ein weiteres Wort drehten sie sich um und rannten zum Graben. Der Schlamm war eiskalt und saugte an ihren Schuhen. Sie ließen sich fallen, krochen unter die überhängenden, kahlen Büsche, bis nichts mehr von ihnen zu sehen war.

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