Chapter 165: Chapter 165
Die Stille in der Bibliothek war dick, schwer von der brüchigen Übereinkunft und dem beißenden Geruch, der aus dem Badezimmer herüberwehte. Frommhold betrachtete die zerrissenen Passfragmente auf seinem Schreibtisch, dann den schwarzen Stick daneben. In seinen Augen lag keine Wut, nur eine tiefe, ermüdete Berechnung.
„Eine Pressekonferenz,“ wiederholte er, als probiere er den Geschmack der Worte. „Ich enthülle das gesamte Netzwerk, nenne Namen, übergebe die Beweise. Und was sichert mir dann zu, dass ihr nicht trotzdem weitere Kopien meiner... Demütigung verbreitet?“
„Nichts,“ sagte Alex einfach. Die Wunde an seiner Rippe pochte im Takt seines Herzschlags. „Aber wenn Sie es tun, sind Sie der Held, der das System reinigt. Ein betrogener Richter, selbst ein Opfer von Krauses Erpressung. Wenn Sie es nicht tun, sind Sie der Mann in Video zwölf. Wir haben nichts mehr zu verlieren, Herr Frommhold. Sie schon.“
Der Richter lächelte, ein dünnes, blutloses Zucken der Lippen. Er öffnete eine weitere Schublade, holte ein schmales, silbernes Smartphone hervor. „Es ist jetzt drei Uhr siebenundvierzig. Die Pressekonferenz kann um zehn Uhr hier im Hause stattfinden. Ich benötige Zeit, um bestimmte Parteien zu warnen, die... Abfangmaßnahmen ergreifen könnten.“
Leon lachte, ein kurzer, hohler Knall. „Sie meinen Ihre Panther-Kumpane. Geben Sie ihnen einen Kopfstart. Klassisch.“
„Ich gebe uns allen einen Kopfstart,“ korrigierte Frommhold sanft. „Wenn ich diese Geschichte erzähle, werden die Männer auf diesem Stick alles daransetzen, mich zum Schweigen zu bringen. Und Sie dazu. Wir haben bis zehn Uhr gemeinsames Interesse am Überleben.“ Er tippte etwas auf das Telefon. „Ich habe zwei Männer. Ehemalige Bundeswehr, diskret. Sie werden Sie bis zur Pressekonferenz an einen sicheren Ort bringen.“
„Wir bleiben bei dir,“ sagte Leon, seine Stimme ließ keinen Widerspruch zu.
„Unklug. Mein Haus wird überwacht werden. Sie waren schon hier. Der zerbrochene Terrassentür ist ein offenes Eingeständnis. Der sichere Ort ist ein unverknüpftes Apartment in Friedrichshain. Keine Verbindung zu mir.“
Alex und Leon wechselten einen Blick. Es war ein riskantes Angebot. Ein Käfig, aber ein schützender. Ihre Alternativen waren das stündliche Warten in der Stadt oder die Flucht, ohne Garantie, dass Frommhold sein Wort hielt.
„Die haben keine Handys, keine Waffen,“ sagte Leon. Es war keine Frage.
„Selbstverständlich nicht,“ nickte Frommhold.
Mit einem leisen Summen stellte sich der Elektromotor der Einfahrtstore in Bewegung. Ein schwarzer SUV mit getönten Scheiben glitt lautlos über den Kies und hielt vor der Terrasse. Zwei Männer stiegen aus, in dunklen Funktionsjacken, ihre Bewegungen wirtschaftlich und präzise. Sie sahen weder Alex noch Leon an, warteten nur.
„Bis zehn Uhr,“ sagte Frommhold. Er nahm den USB-Stick vom Tisch, steckte ihn in seine Jackentasche. Ein symbolischer Akt. Er hielt die physische Bürgschaft.
Ohne ein weiteres Wort gingen Alex und Leon hinaus in die kalte Nachtluft. Einer der Männer öffnete die hintere Tür des SUV. Der Innenraum roch nach Reinigungsmittel und kalten Ledersitzen. Die Tür schloss sich mit einem satten, dichten Klack. Die Scheiber verdunkelten sich noch weiter, bis sie nichts mehr von außen sehen konnten. Der Motor surrte an, und sie fuhren los.
Keiner sprach. Alex lehnte seinen Kopf gegen das kalte Glas, spürte das leise Vibrieren des Fahrzeugs. Die Anspannung in seinen Schultern wollte nicht weichen. Leon saß steif da, die Hände zu Fäusten geballt, sein Blick starrte auf den Rücken des Fahrers.
Die Fahrt dauerte etwa zwanzig Minuten, eine Serie von Kurven und Stopps. Der Wagen hielt, die Tür wurde von außen geöffnet. Sie standen in der Tiefgarage eines anonymen Plattenbaus, grelles Neonlicht ließ ihre Schatten scharf über den lackierten Beton fallen. Einer der Männer führte sie zu einem Aufzug, tippte einen Code ein. Sie fuhren hoch bis in den vierzehnten Stock.
Die Wohnung war, wie beschrieben, unverknüpft. Kahl. Ein offener Wohnbereich mit einem grauen Sofa, einer Küchenzeile, einer geschlossenen Tür, die vermutlich zum Schlafzimmer führte. Die Fenster gingen auf einen anderen Plattenbau und einen Streifen dunklen Himmel. Der Begleiter stellte eine Tüte mit Lebensmitteln auf den Küchentisch – Wasser, Brot, ein paar Dosen Thunfisch.
„Sie bleiben hier. Die Tür ist von außen gesichert. Um neun Uhr dreißig holen wir Sie ab,“ sagte der Mann. Seine Stimme war neutral, ein reines Funksignal. Er ging hinaus. Sie hörten das deutliche Klicken eines elektrischen Schlosses.
Leon war sofort in Bewegung. Er untersuchte die Wohnung. Keine Kameras. Keine offensichtlichen Mikrofone. Die Fenster waren nicht zu öffnen. Die Wohnung war ein schöneres Gefängnis als die JVA, aber ein Gefängnis.
„Glaubst du, er hält sich dran?“, fragte Alex. Er setzte sich auf die Armlehne des Sofas, eine plötzliche Welle von Erschöpfung drohte ihn zu überrollen.
„Es ist sein bester Zug,“ murmelte Leon, während er die Küchenschränke öffnete und schloss. Sie waren leer. „Er opfert die anderen, rettet sich selbst und wird als systemreinigender Märtyrer gefeiert. Er gewinnt. Wir?“ Er schlug einen Schrank zu. „Wir sind die Kronzeugen. Unberechenbar. Nach der Pressekonferenz sind wir für ihn ein größeres Risiko als vorher.“
Alex verstand. Die Erleichterung, die er für einen Moment gefühlt hatte, zerfiel zu Staub. „Dann bringt er uns um neun Uhr dreißig nicht zur Pressekonferenz. Sondern irgendwohin, wo uns keiner findet.“
Leon nickte, sein Gesicht war hart im fahlen Licht der Deckenleuchte. „Genau.“
Sie hatten vier Stunden.
Die Lähmung, die auf diese Erkenntnis folgte, war kurz. Eine giftige Müdigkeit durchtränkte Alex bis in die Knochen. Der Adrenalinrausch war endgültig verbraucht, zurück blieb nur der schmerzende Körper und der ekelhafte Geschmack der Aussichtslosigkeit. Er stand auf, humpelte zur Küchenzeile, nahm sich eine Flasche Wasser. Als er sich umdrehte, stand Leon direkt vor ihm.
Sein Blick war nicht mehr kalkulierend. Er war glasig, von einer Art innerem Fiebern. „Du hast vorhin gezögert,“ sagte Leon, seine Stimme ein leises, gefährliches Zischen. „Da bei ihm. Als er die Pässe zeigte. In deinen Augen war das: ‚Vielleicht.‘“
„Es war ein Ausweg,“ gab Alex zu, ohne den Blick abzuwenden. „Ein scheiß Ausweg, aber einer, bei dem wir atmen könnten.“
„Atmen?“ Ein kurzes, hässliches Auflachen. Leon trat einen Schritt näher, drängte Alex gegen die kühle Metallkante der Arbeitsplatte. „Du willst atmen? Nach all dem? Ich will ihn verbrennen. Ich will sie alle verbrennen.“ Seine Hand schnellte vor, griff Alex zwischen die Beine, durch den Stoff der Jeans, ein brutaler, fordernder Griff. „Das hier brennt noch, oder? Das ist das Einzige, was nicht angeschnallt ist von seinem Deal.“
Alex stieß die Luft aus. Es war kein Schmerz, sondern eine unmittelbare, demütigende Erregung, die ihn traf wie ein Stromschlag. Sein Körper reagierte sofort, schändlich vertraut. „Leon...“
„Nein. Kein Reden.“ Leon knöpfte Alex‘ Hose auf, riss den Reißverschluss herunter. Seine Hände waren kalt und rau. Er drehte Alex herum, bog ihn mit einer brutalen Bewegung über die Küchenplatte. Das kalte Linoleum drückte sich gegen Alex‘ Bauch. „Du denkst an Flucht. An Argentinien. Ich denk an das Video, wo er seine Schlipse in deinen Arsch gesteckt hat, nachdem die anderen mit dir fertig waren.“
Die Worte waren Schläge. Alex schloss die Augen. Die Bilder flackerten auf, unscharf und doch vernichtend. Er hatte es verdrängt, diesen Teil. Krauses feixes, amüsiertes Lachen. Das Gefühl von starrem Seide, gewaltsam...
Leon spuckte in seine Hand, kein Vorlauf, keine Geduld. Er schmierte es grob über Alex‘ Eingang, dann den Druck seines eigenen, bereits harten Schwanzes. Es war trocken, eiskalt und dann brennend. Er drang mit einem einzigen, rücksichtslosen Stoß ein.
Alex schrie auf, seine Fäuste ballten sich auf der Plastikoberfläche. Der Riss war tiefer dieses Mal, ein bösartiges Brennen, das Hellhörigkeit in seinen ganzen Unterleib sandte. Leon war unbarmherzig. Er zog fast ganz heraus und rammte sich wieder hinein, ein mechanischer, zerstörerischer Rhythmus, der die Küchenzeile zum Wackeln brachte.
„Das... ist... kein... Ausweg,“ stieß Leon zu jedem Stoß hervor, sein Atem heiß gegen Alex‘ Nacken. „Das ist was übrig bleibt. Nur das. Nichts sonst. Verstehst du das?“
Jeder Stoß war eine Grenzüberschreitung. Keine Lust, nur Besitzergreifung und Bestrafung. Alex‘ Körper klammerte sich schmerzhaft um ihn, jedes erneute Eindringen fühlte sich an wie das Aufreißen einer frischen Wunde. Und doch, im Zentrum dieses Schmerzes, sammelte sich eine perverse, unabweisbare Hitze. Sein eigenes Glied war steif, gequetscht gegen die Unterseite der Arbeitsplatte, und mit jedem brutalen Stoß rieb es sich dort, ein trocken brennender Gegenpunkt zum inferno in seinem Inneren.
Leon‘s Hand fuhr vor, umgriff Alex‘ Schwanz, sein Griff war hart, fast gewalttätig. Er wichste ihn im gleichen rücksichtslosen Takt, Synkope zum fick.
„So gehört sich’s,“ keuchte Leon, seine Stimme von Anstrengung und etwas anderem, Gebrochenem, zerrissen. „Kein Gedanke. Kein Plan. Nur das. Nur noch das. Komm schon, du Hure. Zeig mir, dass du kaputt bist. Dass da nichts mehr ist, was er retten könnte.“
Die Demütigung war vollständig. Die Erniedrigung. Sie flutete Alex, spülte jeden Rest von Widerstand weg, jeden Gedanken an Pässe oder Flucht. Er war nur noch dieser Körper, dieser Schmerz, diese erschütternde, fast ätzende Reibung. Sein Atem ging in schnellen, flachen Stößen.
Der Orgasmus baute sich nicht auf. Er explodierte aus dem Nichts, getrieben von reinem neuroschemischen Overload. Ein heiserer Schrei riss sich aus Alex‘ Kehle, als er kam, zuckend, Ströme von Sperma spritzten über Leon Hand und auf den Boden unter der Arbeitsplatte. Die heftigen Kontraktionen in seinem Inneren zogen Leon über die Kante.
Mit einem erstickten, animalischen Heulen kam Leon in ihm, ein langer, pulsierender Schwall, der sich in die bereits verwüstete Passage ergoss. Er blieb stecken, sein ganzer Körper zitterte in der Nachglut, sein Gewicht lastete voll auf Alex.
Schweigen. Nur ihr keuchender Atem und das leise Tropfen des Wasserhahns.
Leon löste sich aus ihm, ein schmerzhaftes, nasses Abtrennen. Alex blieb über der Platte liegen, unfähig, sich zu bewegen. Die Scham kam erst jetzt, heiß und überwältigend.
Sie zogen sich an, ohne sich anzusehen. Die Uhr an der Mikrowelle zeigte 5:17 Uhr.
Leon ging zum Fenster, starrte in das schwarze Rechteck der Nacht. „Sie werden kommen, bevor es hell wird. Nicht um uns abzuholen. Um uns zu entsorgen.“
Alex richtete sich auf, wischte sich mit dem Hemdärmel über den Mund. Der Geschmack von Blut und Schweiss war immer noch da. „Dann müssen wir vorher raus.“
„Die Tür ist elektronisch. Kein Schloss zum Picken. Das Fenster geht nicht auf. Wir sind im vierzehnten Stock.“
Alex‘ Blick wanderte durch die karge Wohnung, blieb an der geschlossenen Tür zum Schlafzimmer hängen. Er ging hinüber, öffnete sie. Ein schmales Bett, ein Schrank. Und ein kleiner, abgetrennter Balkon, nur einen Quadratmeter groß, mit einem verwitterten Plastikstuhl.
Das Fenster zum Balkon war aus einfachem Kippflügelglas, mit einem simplen Drehverschluss. Alex drehte den Hebel. Mit einem leisen Quietschen ließ es sich nach innen öffnen. Kalte, beißende Luft wehte herein.
Sie traten auf den Balkon. Der Wind pfiff schrill in den Fugen zwischen den Platten. Unter ihnen der schwindelerregende Abgrund der Gebäudefront, durchsetzt mit den gelben Punkten anderer Fenster. Rechts und links ragten die flankierenden Wohnblöcke wie gigantische Grabsteine auf.
Aber direkt gegenüber, in etwa fünf Metern Entfernung, war der andere Wohnblock. Und zwischen den Blöcken spannten sich die schweren, schwarzen Kabel des Aufzugs-Schachts und mehrere breite Bündel von Versorgungsleitungen, verpackt in stahlummantelte Rohre.
Leon folgte seinem Blick. „Du bist verrückt.“
„Du hast einen besseren Plan?“, fragte Alex, seine Stimme vom Wind weggerissen.
Sie holten den Plastikstuhl. Alex schwang ihn gegen die Balkonbrüstung. Das billige Plastik barst nach dem dritten Schlag, ließ ein armdickes, gebogenes Stahlrohr frei – die innere Verstärkung. Es war etwa einen Meter lang, stumpf an den Enden, aber schwer.
Leon riss die dünne Matratze vom Bett, zerrte sie auf den Balkon. Mit dem Messer, das sie noch von früher hatten – das Buttermesser war längst weg –, schnitten sie grobe Streifen aus dem Stoff. Sie verflochten sie zu einem primitiven, kurzen Seil.
Sie banden das Stahlrohr mit dem Stoffseil an Leons rechten Unterarm, kreuz und quer, bis es ein Teil seiner Hand zu sein schien. Ein improvisierter Kletterhaken.
Ohne weitere Absprache war Leon oben auf der schmalen Balkonbrüstung. Der Wind packte seine Jacke, blähte sie auf wie einen Schlag. Er bückte sich leicht, die Augen auf das stahlummantelte Kabelbündel gegenüber fixiert, das in der Dunkelheit wie eine dicke, reglose Schlange hing.
Er sprang.
Nicht nach oben, sondern nach vorne, in einem flachen, trächtigen Bogen. Sein Körper schlug gegen die Rohre, die Arme umklammerten das Bündel instinktiv. Das Metall schepperte. Für einen schrecklichen Moment pendelte er frei über dem Atem saugenden Abgrund, die Beine ruderten in der Leere.
Dann fand sein mit dem Rohr bewehrter Arm Halt. Die stumpfe Spitze grub sich hinter eine Halterung, einen metallenen Bügel, der die Leitungen an der Hauswand befestigte. Leon hing nun, eine bizarre menschliche Fledermaus, an der Seite des Kabelbündels.
Er atmete einmal tief durch, dann begann er sich vorwärts zu bewegen, Hand über Hand, die Beine um die Rohre geschlungen. Es war langsam, mühsam, jeder Zentimeter ein Kampf gegen die Höhe und den peitschenden Wind.
Alex wartete, bis Leon die Mitte der Spa
Es war langsam, mühsam, jeder Zentimeter ein Kampf gegen die Höhe und den peitschenden Wind. Alex wartete, bis Leon die Mitte der Spanne zwischen den Blöcken erreicht hatte, sein Körper ein dunkler Klumpen gegen die Gitterwerke der Rohre. Dann, mit einem Blick zurück, zerrte Alex die zerschlissene Matratze vollständig auf den Balkon und kletterte selbst auf die Brüstung.
Der Abgrund unten sog an ihm. Der Wind riss an seiner Kleidung, ließ das offene Hemd flattern wie eine weiße Fahne. Er konzentrierte sich nur auf das Kabelbündel, auf Leons sich vorarbeitende Silhouette. Er holte tief Luft und sprang.
Der Aufprall raubte ihm die Luft. Sein Brustkorb schlug gegen das stählerne Rohr, ein blendender Blitz schoss von seiner angerissenen Rippe durch seinen ganzen Körper. Seine Hände krallten sich um eiskaltes Metall. Er rutschte sofort ab, fing sich erst in der Taille, wo seine Jeans über das Rohr rutschte. Er hing einen Moment nur mit den Armen, die bereits zu zittern begannen.
„Beweg dich, verdammt!“, hörte er Leon von vorne rauspressen.
Alex biss die Zähne zusammen und zog sich hoch. Jede Bewegung war Feuer. Er schlang die Beine um das Bündel und kroch voran, eine humpelnde, schmerzverzerrte Krabbe. Unter ihm tat sich das Nichts auf, ein schwarzer Schlund, gesprenkelt mit den trügen Lichtern parkender Autos weit unten. Das Kabel sang ein tiefes, vibrierendes Lied im Wind.
Er fühlte, wie etwas an seiner Seite warm und feucht wurde. Die Wunde hatte sich wieder geöffnet. Sein Blick suchte Leon, der jetzt das Ende der Rohrleitung erreicht hatte, wo sie in einer technischen Betonnische an der Fassade des anderen Gebäudes mündete. Leon schwang sich mit einer letzten, heftigen Anstrengung vom Bündel in die Nische hinein, verschwand im Schatten.
Die letzten Meter zu dieser Niese waren die Hölle. Alex‘ Arme waren bleiern, jedes Vorwärtsziehen ein Akt purer Willenskraft. Als er das Ende erreichte, sah er den dunklen Schlitz in der Wand, vielleicht einen halben Meter hoch und breit. Innen wartete Leon, eine Hand ausgestreckt.
„Komm schon.“
Alex ließ sich fallen, nicht sprang. Er landete auf dem rauen Betonboden der Nische, rollte zur Seite und preßte das Gesicht gegen den kalten Staub, um nicht aufzuschreien. Der Schmerz in seiner Seite war nun ein konstantes, pochendes Brennen. Leon zerrte ihn von der Kante weg, tiefer in den engen, uteralen Raum hinter den Versorgungsleitungen. Es roch nach Taubenkot, Rost und trockenem Mörtel.
Sie blieben liegen, keuchend. Durch die Öffnung sahen sie zurück zu ihrer Gefängniswohnung. Das Licht brannte noch. Nichts bewegte sich.
„Die werden bald kommen,“ flüsterte Leon. Seine Stimme war rau von der Anstrengung.
Sie befanden sich in einem technischen Zwischengeschoss. Zwei rostige Stahltüren führten von hier weg, eine beschriftet mit „TREPPE C“, die andere mit „INSTALLATIONSZUGANG – ZUTRITT VERBOTEN“. Leon trat gegen die letztere. Sie gab knarrend nach und öffnete sich auf einen dunklen, engen Schacht, in dem eine greifbare, feuchtwarme Luft hing, die nach schimmeligem Styropor und überhitztem Metall roch.
„Hier lang.“
Sie stiegen eine schmale, steile Metallleiter hinab, zwei, drei, vier Stockwerke, bis Leon auf Höhe eines weiteren Zugangs stoppte. Er drückte die Klappe auf. Dahinter lag ein fensterloser Flur mit schlecht verlegtem Teppichboden und schwach illuminierten Notausgangsschildern. Das leise Summen der Zentralbelüftung erfüllte die Luft.
Sie waren im anderen Wohnblock. Irgendwo in seinem Inneren.
Ein leises Klicken, ein Summen, dann eine mechanische Frauenstimme von weit oben. „Aufzug fährt.“ Das Geräusch einer sich öffnenden Aufzugtür, gedämpft durch Beton und Stahl. Dann Schritte.
Leon zog Alex von der Leiter in den Flur. „Da.“
Er deutete auf eine Tür mit der Aufschrift „HAUSWART – KEIN ZUTRITT“. Das Schloss war alt, ein einfacher Zylinder. Leon zog das verdrehte Stahlrohr noch immer von seinem Arm. Er orientierte es neu, steckte das flachere Ende zwischen Tür und Rahmen, direkt neben das Schloss, und drückte mit seinem ganzen Körpergewicht.
Das Holz splitterte mit einem lauten, trockenen Knacken. Die Tür sprang auf. Der kleine Raum war vollgestellt mit Putzeimern, Ersatzlampen und einem alten Rollwagen mit Werkzeug. Eine einzige gelbe Glühbirne hing von der Decke.
Leon schloss die kaputte Tür so gut es ging hinter ihnen. Die Schritte im Flur kamen näher, zwei Paare, gemessen. Sie erstarrten. Die Schritte passierten ihre Tür, ohne innezuhalten, und entfernten sich wieder.
„Sie sind in unserem Block,“ murmelte Alex. „Sie checken die Wohnung.“
„Haben aber nicht mit unserem Umzug gerechnet.“ Leon wühlte in den Regalen, fand eine verstaubte Plastikbox mit Erste-Hilfe-Material. Alte Mullbinden, eine halb leere Flasche Wunddesinfektionsmittel. „Zieh das Hemd aus.“
Alex lehnte sich gegen den Regal. Sein Unterhemd war auf der rechten Seite dunkel getränkt. Leon goß das Desinfektionsmittel ohne Vorwarnung direkt in die gerissene Stichwunde.
Das Brennen war so intensiv, dass Alex black-outer für einen Sekundenbruchteil. Er biss auf seine eigene Faust, um den Schrei zu ersticken. Tränen schossen ihm in die Augen. Leon häufte zwei Kompressen auf die Wunde, wickelte die Mullbinden mehrmals um seinen Torso und knotete sie fest.
„Das hält. Keine Zeit für mehr.“
Sie wagten zehn Minuten später den Ausbruch aus dem Hauswartraum. Der Flur war leer. Sie fanden eine Tür zum Treppenhaus, stiegen hinab, nicht hinauf. Im Erdgeschoss mündete es in eine große, sterile Eingangshalle mit schwarzem Granit und einer schlafenden Rezeption. Ein Nachtportier saß hinter dem Tresen, den Kopf in einen Comicroman vergraben.
Sie schlüpften geradeaus durch die automatischen Schiebetüren hinaus in die kalte Morgendämmerung. Die Luft roch nach nassem Asphalt und dem frühen Dunst einer erwachenden Großstadt. Es war noch nicht sechs Uhr.
„Frommholds Pressekonferenz ist in vier Stunden,“ sagte Alex. Sein Atem bildete kleine Wolken. „Er wird alles daransetzen, dass wir die nicht erreichen.“
„Dann müssen wir ihm einen Grund geben, sie trotzdem abzuhalten,“ sagte Leon. Er blickte sich um, orientierte sich. Sie standen in Friedrichshain, die Oberbaumbrücke war nicht weit. „Wir brauchen einen Computer. Irgendwo, wo niemand nach uns sucht.“
Alex erinnerte sich. „Die Schlosserei. Deine alte. Ist die noch…?“
„Abgerissen. Vor zwei Jahren.“ Leon dachte nach, sein Gesicht ein hartes Relief im fahlen Licht. Sein Blick fiel auf ein beleuchtetes Schild eine Straße weiter: ein 24-Stunden-Internet-Café, das halb Verkaufsstelle für Wettkarten, halb düstere LAN-Party-Höhle war. Das neonfarbene Logo blinkte spröde.
„Das geht.“
Der Raum drinnen war in blaues LED-Licht getaucht und roch nach Schweiß, günstigem Deodorant und dem süßlichen Rauch elektrisch erhitztem Tabaks. Drei Teenager hingen schlaftrunken vor leuchtenden Monitoren, völlig in ihre Spiele versunken. Der Besitzer, ein müder Mann mit grauem Zopf, musterte sie kurz, registrierte ihre abgerissene Kleidung, das blanke Elend in ihren Gesichtern, und zuckte mit den Schultern. Cash business. Keine Fragen.
Sie bezahlten für eine Stunde an einem PC in der hintersten, dunkelsten Ecke. Leon steckte eine anonyme Prepaid-SIM in ein altes Modem. Als der Browser hochfuhr, tippte er eine Adresse ein, eine dunkle Web-URL, die nur aus Ziffern und Buchstaben bestand. Ein Forum. Jahre zuvor, als sie frisch aus der JVA gekommen waren, hatte Krause sie gezwungen, hier zu lurken, um Kontakte zu „pflegen“. Sie hatten beide eigene Zugänge.
Leon loggte sich ein. Sein Postfach war voller alter, verwaister Nachrichten. Er begann eine neue.
„An wen?“, fragte Alex und beugte sich näher zum Bildschirm. Der bläuliche Schein wusch alle Farbe aus ihren Gesichtern.
„An alle.“ Leons Finger flogen über die Tastatur. „An die Mailingliste, die Krause für seine ‚Kunden‘ pflegte. Ich kenne sie noch. Jeder, der in den Videos vorkommt, wird sie abonniert haben. Ein Rundbrief für exklusive Einladungen.“
Er tippte die Betreffzeile:
“Frommhold: Vollgeständnis & Sofort-Übergabe aller Beweise um 10:00 – ÖFFENTLICHE PRESSKONFERENZ.“
In den Text kopierte er nichts. Er verlinkte auf nichts. Die reine, blanke Behauptung war die Waffe. Er verschickte die Mail an die dreißig Adressen auf der Liste.
„Wenn die das sehen, geraten sie in Panik,“ flüsterte Alex. „Sie werden denken, Frommhold hat sie komplett verraten, um sich selbst zu retten. Dass er nicht nur seine eigene Beteiligung gesteht, sondern alle Beweise übergibt.“
„Genau. Sie werden sich bei ihm melden. Sie werden drohen. Sie werden versuchen, die Konferenz zu verhindern.“ Ein kaltes, müdes Lächeln glitt über Leons Lippen. „Und Frommhold wird keinen Schimmer haben, warum. Er wird nur wissen, dass seine Panther plötzlich alle Zähne zeigen. Er wird sich bedroht fühlen. Vielleicht bedroht genug, um doch zu spielen, wie wir es wollen, nur um uns als Zeugen am Leben zu halten für den Fall, dass seine alten Freunde ihn eliminieren.“
Es war ein giftiger, verzweifelter Plan, der auf reinem Psychospiel basierte. Alex fühlte, wie die Müdigkeit ihn fast überwältigte. Die Stunde im Café war vorbei. Sie mussten sich bewegen, einen Ort finden, um die letzten Stunden bis zehn Uhr zu überbrücken.
Sie verließen das Café durch einen hinteren Ausgang, der in einen schmalen Hof führte. Müllcontainer, der beißende Geruch von verwesendem Biomüll. Graues Licht kroch jetzt über die Dächer.
Der Hof war eine Sackgasse. Und am anderen Ende, lehnend gegen die backsteinerne Wand, stand einer der Männer aus dem SUV. Seine Funktionsjacke war offen. Er kaute gelangweilt auf einem Zahnstocher. Er musterte sie wie ein Entomologe zwei seltene Käfer.
„Der andere sucht drin,“ sagte der Mann. Seine Stimme war genauso neutral wie zuvor, aber seine Augen waren wach, sehr wach. „Ihr seid schwerer zu töten als erwartet. Respekt.“
Leon trat automatisch vor Alex. Das Stahlrohr lag noch auf einem Müllcontainer, unerreichbar.
„Frommhold hat den Plan geändert?“, fragte Leon. Seine Stimme war erstaunlich ruhig.
Der Mann zuckte mit den Schultern. „Unser Auftrag war: Bewachung und punktgenaue Übergabe um 09:30. Die Übergabe ist an jemand anderen. Nicht an den Richter.“ Er spuckte den Zahnstocher aus. „Versteht mich nicht falsch. Das hier ist nur Arbeit. Aber ihr macht mir meinen Tag kompliziert.“
„Wir zahlen mehr,“ sagte Alex, der Instinkt schneller als der Verstand.
Der Mann lachte leise, ein schnaubendes Geräusch. „Mit was? Der Gagenvorschuss von Frommhold lag bei zwanzig pro Kopf. Ihr habt nicht mal saubere Socken.“
„Ihr werdet uns nicht in dieser Hinterhofscheiße erschießen,“ sagte Leon. „Zu laut. Zu unsauber. Ihr nehmt uns mit. Das gab euch Zeit, den anderen Ort vorzubereiten. Den ruhigen Ort.“
Der Mann nickte fast anerkennend. „Richtig. Also macht’s einfach. Hände wo ich sie sehen kann. Wir gehen zurück zum Wagen. Ihr bekommt noch zwei, drei Stunden Luft. Ein kleiner Trost.“
Er kam langsam auf sie zu, keine Eile in seinen Bewegungen. Seine rechte Hand, die locker an seiner Seite hing, war